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Pressemitteilungen des DIW Berlin zum SOEP 2009

Vermögen in Deutschland: Renten- und Pensionsansprüche dämpfen Ungleichverteilung, aber hohe Konzentration bleibt bestehen

Pressemitteilung vom 18.01.2010

Die privaten Vermögen in Deutschland sind höchst ungleich verteilt, und die Ungleichverteilung hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. In der Debatte hierüber blieben die Anwartschaften auf Renten und Pensionen allerdings bislang außen vor - es fehlten verlässliche Daten. Jetzt haben Wissenschaftler des DIW Berlin in einer von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Studie erstmals errechnet, wie sich die Vermögensverteilung ändert, wenn man Pensionsansprüche und Rentenanwartschaften mit einbezieht. Das Ergebnis: Die individuellen Alterssicherungsvermögen dämpfen die Ungleichverteilung, das Ausmaß der Vermögenskonzentration bleibt aber weiterhin hoch.

Die vom DIW Berlin jetzt erstmals vorgenommene erweiterte Vermögensmessung zeigt: Die Ungleichheit ist geringer als bei herkömmlichen Analysen, die sich allein auf Geld- und Sachvermögen beziehen. Der dämpfende Effekt des Alterssicherungsvermögens hat mehrere Gründe: So besitzt zwar mehr als ein Viertel der Bevölkerung gar keine Geldvermögen, Immobilien und Betriebsvermögen oder ist sogar verschuldet. Allerdings erwerben praktisch alle Erwachsenen Ansprüche an die diversen Alterssicherungssysteme. Gleichzeitig sind die Rentenansprüche in der Gesetzlichen Rentenversicherung (GRV) aufgrund der Beitragsbemessungsgrenze gedeckelt - selbst mit einem Spitzeneinkommen kann man hier nur Rentenansprüche bis zu einer gewissen Höhe erwerben.

„Die Konzentration der jetzt erstmals um Renten- und Pensionsanwartschaften erweiterten Vermögen bleibt aber sehr hoch und die dämpfende Wirkung des Alterssicherungsvermögens wird künftig wohl an Bedeutung verlieren," sagt Joachim Frick, zusammen mit Markus Grabka einer der beiden Autoren der DIW-Studie. „Gleich mehrere Faktoren schlagen hier zu Buche: Sinkende Versorgungsniveaus in Folge der Reformen der Alterssicherungssysteme, zunehmende, oft durch Arbeitslosigkeit bedingte Lücken im Erwerbsverlauf - mit dem
Risiko zunehmender Altersarmut."

Nach neuen Berechnungen auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) beliefen sich die individuellen Renten- und Pensionsanwartschaften in Deutschland für 2007 insgesamt auf rund 4,6 Billionen Euro. Im Durchschnitt entspricht dies 67.000 Euro je Erwachsenem. Zusammen mit dem individuellen Geld- und Sachvermögen von durchschnittlich 88.000 Euro ergibt sich dadurch ein erweitertes Gesamtvermögen von im Schnitt mehr als 150.000 Euro pro Person.

Mehr Altersarmut in Ostdeutschland

Beunruhigt sind die DIW-Experten mit Blick auf die zukünftige Entwicklung der Vermögen. „Zusätzliche private Vorsorge wird nach den Reformen bei der Alterssicherung unbestritten immer wichtiger", betont Markus Grabka. Schon heute sei zu beobachten, dass die Vermögendsten besonders stark private Altersvorsorge betreiben, dass aber die private Vorsorge am unteren Ende der Einkommens- und Vermögensskala besonders schwach ausgeprägt ist. Geringverdiener dürften künftig bei der Vermögensbildung also noch stärker zurückfallen als heute.

Problematisch sei außerdem, dass Langzeitarbeitslose so gut wie kein Alterssicherungsvermögen aufbauen. „Man muss deshalb davon ausgehen, dass die Vermögensungleichheit auch bei der Alterssicherung zunimmt und wir auf mehr Altersarmut zusteuern", so das Fazit von Markus Grabka. „Dies gilt besonders für Ostdeutschland, denn hier haben wir ohnehin eine geringere Vermögensbildung als im Westen und deutlich mehr Langzeitarbeitslose."

Große Unterschiede nach beruflicher Stellung: Beamte vorn

Die jetzt vom DIW veröffentlichte Gesamtschau der Vermögenssituation erlaubt auch einen Vergleich nach beruflicher beziehungsweise sozialer Stellung. Nicht nur die Struktur der Altersversorgung auf Basis privater, betrieblicher und gesetzlicher Vorsorgetätigkeit unterscheidet sich stark für Angestellte, Beamte und Selbständige, auch die Vermögenslage dieser Gruppen gestaltet sich sehr unterschiedlich: Überdurchschnittlich gut schneiden bei einer solchen Gesamtschau Beamte und Pensionäre ab. „Ihnen kommt zugute, dass sie keine eigenen Beiträge für die Altersvorsorge leisten müssen. Sie unterliegen auch keinem Arbeitslosigkeitsrisiko und haben deshalb im Allgemeinen ununterbrochene Erwerbsverläufe," betont Joachim Frick. Außerdem ist das allgemeine Versorgungsniveau bei Pensionären deutlich höher als bei abhängig Beschäftigten in der GRV.

Unter Berücksichtigung der Alterssicherungsvermögen relativiert sich auch die dominierende Stellung der Selbständigen in der Netto-Geld- und Sachvermögenshierarchie. So weisen Pensionäre im Durchschnitt ein erweitertes Nettovermögen (inklusive Pensionsanwartschaften) in Höhe von mehr als 500.000 Euro auf und damit mehr als beispielsweise Selbständige mit einem Betrieb mit bis zu neun Mitarbeitern. Bezieher einer Gesetzlichen Rente erreichen dagegen nicht einmal die Hälfte dieses Wertes.

„Angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Gesetzlichen Rentenversicherung erscheinen die Beitragsfreiheit zur Alterssicherung von Beamten während der Erwerbszeit und das überdurchschnittliche Versorgungsniveau im Pensionsalter zumindest diskussionsbedürftig", so die Bewertung von Joachim Frick.

 

Hintergrund 1: Rentenanwartschaft und Pensionsanspruch - echtes oder fiktives Vermögen?

Untersuchungen zur Vermögensverteilung hatten bisher einen zentralen Schwachpunkt: Sie blendeten aufgrund fehlender Daten aus, welche Vermögensansprüche gegenüber Alterssicherungssystemen etwa in Form von Rentenanwartschaften oder Pensionsansprüchen bestehen. Gerade im Falle von Selbständigen kann dies zu einer anderen Interpretation der Ergebnisse führen, denn: Selbständige müssen nicht in die Gesetzliche Rentenversicherung einzahlen. Sie betreiben in der Regel selbst Vorsorge für das Alter - in Form von Immobilien, privaten Versicherungen oder dem Betriebsvermögen.

Auch wenn also die neuen SOEP-Daten inklusive des Alterssicherungsvermögens nun ein umfassenderes Bild der Vermögensverteilung liefern und gesetzlich Rentenversicherte und Beamte damit im Schnitt „vermögender" werden, so ist Vermögen doch nicht gleich Vermögen. Mit anderen Worten: Was unterscheidet einen Angestellten mit einem Geld- und Sachvermögen von 100.000 Euro und einem zusätzlichen Vermögen aus Rentenanwartschaften in Höhe von 100.000 Euro von einem Selbständigen ohne Rentenansprüche, aber mit einem Geld- und Sachvermögen von 200.000 Euro?

Der Unterschied hat mit dem weitgehend fiktiven Charakter des Alterssicherungsvermögens zu tun. So kann man Alterssicherungsvermögen nicht beleihen und kann es sich auch nicht vorzeitig auszahlen lassen. Außerdem hat es keinen festgelegten, privatwirtschaftlich gesicherten Wert, weil in der gesetzlichen Rentenversicherung nur Entgeltpunkte gesammelt werden und der Rentenwert von der Politik neu festgelegt werden kann. Das heißt, es gibt durchaus verschiedene Argumente, warum diese Versorgungsansprüche nur eingeschränkten Vermögenscharakter haben.

 

Hintergrund 2: So haben die DIW-Wissenschaftler gerechnet

Die Berechnungen des DIW Berlin stützen sich auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) von 2007. Das SOEP ist eine am DIW Berlin angesiedelte Wiederholungsbefragung von mehr als 12.000 Haushalten zu sozialen und wirtschaftlichen Lebensverhältnissen. Da Jahr für Jahr die gleichen Menschen befragt werden, eignen sich die Daten sehr gut, um gesellschaftliche Trends und Entwicklungen zu verfolgen.

Für die hier veröffentlichte Untersuchung der Vermögensverteilung wurden neben dem Geld- und Sachvermögen erstmals in Deutschland auch die individuellen Alterssicherungsvermögen berücksichtigt. Konkret handelt es sich dabei um Anwartschaften an die gesetzliche Rentenversicherung und an die Beamtenversorgung. Ansprüche an berufsständische Versorgungssysteme, an die Alterssicherungskassen der Landwirte und an Betriebsrenten konnten nur zum Teil erfasst werden.

 

Hintergrund 3: So sieht die Vermögensverteilung ohne Alterssicherungsvermögen aus

Betrachtet man ausschließlich das Geld- und Sachvermögen ohne Renten- und Pensionsansprüche, gibt es deutlich größere Unterschiede bei der Vermögensverteilung. Und die Ungleichheit der Vermögensverteilung in Deutschland ist zwischen 2002 und 2007 weiter gestiegen. Dabei haben sich auch die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland weiter vergrößert. Während in Westdeutschland die Nettovermögen seit 2002 um gut elf Prozent anstiegen, sind sie in Ostdeutschland um knapp zehn Prozent gesunken. Neben der hohen Arbeitslosenquote ist auch der Preisverfall selbstgenutzter Immobilien in Ostdeutschland für diese Entwicklung verantwortlich.

Mit Blick auf die künftige Alterssicherung besorgniserregend ist auch eine weitere Entwicklung: So ist für die mittleren Altersgruppen von 36 bis 65 Jahren, in denen „normalerweise" eher Vermögen aufgebaut wird, in Ostdeutschland ein Vermögensrückgang zu konstatieren. Dieser beläuft sich je nach Altersgruppe auf 7 000 bis 14 000 Euro, was einem Verlust von 10 bis 17 Prozent entspricht.

Die untere Hälfte der Bevölkerung tritt beim Vermögen auf der Stelle

Insgesamt verfügten die privaten Haushalte in Deutschland 2007 über ein Netto-Geld- und Sachvermögen von gut sechs Billionen Euro. Rechnerisch entspricht dies rund 88.000 Euro pro Erwachsenem. Im Gegensatz zum Durchschnittsvermögen liegt jedoch der Median des Nettovermögens bei nur etwa 15.000 Euro. Der Median ist der Wert, der die reichere Hälfte der Bevölkerung von der ärmeren trennt. Mehr als ein Viertel aller Erwachsenen (27 Prozent) verfügten über kein persönliches Vermögen oder waren sogar verschuldet, während das reichste Zehntel der Bevölkerung über ein Netto-Geld- und Sachvermögen von mindestens 222.000 Euro verfügte. Die Vermögensentwicklung zeigt auch, dass die politischen Bemühungen um eine verstärkte private Altersvorsorge zumindest bei einem Teil der Bevölkerung Wirkung zeigen. So hat sich der Wert des in privaten Versicherungen angelegten Vermögens zwischen 2002 und 2007 um rund 18 Prozent vergrößert. Diese Entwicklung kann unter anderem durch die Reformen zur Förderung der privaten Altersvorsorge (Riester- oder Rürup-Rente) erklärt werden. Auch die Sparquote ist zwischen 2002 und 2007 deutlich von 9,9 Prozent auf 10,8 Prozent gestiegen.

Alterssicherungsvermögen dämpft Ungleichheit, aber große Vermögenskonzentration bleibt bestehen. Von Joachim R. Frick und Markus M. Grabka. In: Wochenbericht 03/2010

Links

Wochenbericht 03/2010 | PDF, 341.13 KB
Interview/O-Ton | MP3, 5.62 MB

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Weitere Infos im Wochenbericht 4/2009:
Wochenbericht 04/2009 | PDF, 430.76 KB
Pressemitteilung vom 21.01.2009


Neu berechnet: Niedrigere Preise in Ostdeutschland verkleinern die Einkommenslücke zwischen Ost und West

Pressemitteilung vom 18.12.2009

Das Einkommensgefälle zwischen Ost- und Westdeutschland ist zwar deutlich geringer als bisher berechnet werden konnte, aber immer noch beachtlich groß. Der Grund für die Neuberechnung sind erstmals seit dem Jahr 1999 wieder vorliegende statistische Zahlen über die Preise, die in Ost- und Westdeutschland gezahlt werden müssen. Im Schnitt können ostdeutsche Haushalte mit dem gleichen Geld zum Teil deutlich mehr kaufen, als das in Hochpreisregionen in Westdeutschland der Fall ist. Dies ist das zentrale Ergebnis einer vom DIW Berlin veröffentlichten Studie. Sie beruht auf Daten des vom DIW Berlin in Zusammenarbeit mit Infratest Sozialforschung erhobenen Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) und des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung.

Die jetzt vom DIW Berlin veröffentlichten Zahlen erlauben einen neuen Blick auf die unterschiedlichen Lebensverhältnisse in Ost und West. Der zentrale Befund: Die deutlichen Einkommensunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland bleiben zwar bestehen. Aber sie relativieren sich zumindest ein Stück weit, wenn man berechnet, wie viel man vom gleichen Einkommen in einzelnen Regionen kaufen kann. „2.000 Euro Einkommen im günstigsten Landkreis Tirschenreuth erlauben einen anderen Lebensstandard als in München," erläutert Jan Goebel.

In Zahlen ausgedrückt: Die jährlichen Haushaltseinkommen in Ostdeutschland waren 2008 um 3.500 Euro oder 16 Prozent niedriger als im Westen. Bisher war man davon ausgegangen, dass diese Einkommenslücke bei rund 4500 Euro liegt. Der Abstand zwischen Ost und West ist damit also um rund ein Viertel geringer als nach bisherigen Berechnungen. Das durchschnittliche bedarfsgewichtete Einkommen des Vorjahres lag 2008 in Westdeutschland ohne die Berücksichtigung regionaler Preisdifferenzen bei rund 21 500 Euro, der entsprechende Wert für Ostdeutschland betrug knapp 17 000 Euro. Nach Berücksichtigung der regionalen Unterschiede im Preisniveau sinkt das Durchschnittseinkommen für den Westen leicht auf 21 250 Euro. Für ostdeutsche Haushalte steigt das Einkommen dagegen im Schnitt rein rechnerisch um 800 Euro pro Jahr.

Die neuen Zahlen zeigen auch, dass beim Risiko in (relative) Einkommensarmut zu fallen die West-Ost-Kluft noch stärker schrumpft: In Westdeutschland steigt das Armutsrisiko um einen Prozentpunkt, während es im Osten um 2 Prozentpunkte sinkt. Trotz einer Verringerung des Abstandes um etwa ein Drittel, bleibt eine deutliche Differenz aber auch hier bestehen: Anhand der neuen Informationen über die regionalen Kaufkraftunterschiede ergibt sich für Ostdeutschland für das Jahr 2008 eine Armutsrisikoquote von 17,5 Prozent, für den Westen sind es 13,4 Prozent.

Hintergrund: Ein teurer Warenkorb senkt den Wert des Einkommens

Wie viel kostet ein typischer Warenkorb? Neue Berechnungen des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) erlauben einen differenzierten Blick auf die 393 deutschen Landkreise (siehe Link/Ranking-Tabelle: „Alle 393 Regionen auf einen Blick"). Man sieht: Das Preisniveau schwankt erheblich. Nimmt man das im deutschen Durchschnitt liegende Preisniveau Bonn als Ausgangspunkt und setzt einen Wert von 100 als Maßstab, dann markieren München und der bayerische Landkreis Tirschenreuth die Extremwerte bei den Lebenshaltungskosten. So würde der 100-Euro-Warenkorb in Tirschenreuth nur 83,40 Euro kosten, in München dagegen müsste man 114,40 Euro dafür bezahlen. Übertragen aufs Einkommen bedeutet das: Wer von Tirschenreuth nach Bayern zieht, müsste sein Einkommen theoretisch um 37 Prozent steigern, um seinen bisherigen Lebensstandard auch nur zu halten.

So viel kann man von 100 Euro kaufen: Alle 393 Städte und Kreise im Vergleich: Drei der fünf preiswertesten Regionen liegen im Westen

Das regionale Preisniveau in Deutschland schwankt erheblich von Stadt zu Stadt und von Kreis zu Kreis. Da das Statistische Bundesamt seit 2000 keine Unterschiede in regionalen Preissteigerungsraten mehr ausweist, hat das Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) jetzt eine neuartige Berechnung für die Preisniveaus in Landkreisen und kreisfreien Städten vorgelegt. Die fünf teuersten Regionen liegen ausnahmslos im Westen: München, München Land, Frankfurt am Main, Starnberg der Hochtaunuskreis, Stuttgart, Fürstenfeldbruck, Heidelberg, der Main-Taunus-Kreis sowie der Kreis Ebersberg. Die zehn preiswertesten Regionen sind Stendal, Höxter und der Mittlere Erzgebirgskreis, die Prignitz und das Vogtland, Görlitz und Greiz in Sachsen, Regen, Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen sowie Tirschenreuth in Bayern. Bemerkenswert: Immerhin vier dieser Kreise liegen im Westen. „Angesichts dessen helfen undifferenzierte Ost-West-Vergleiche bei den Einkommen nicht wirklich weiter", sagte Jan Goebel, einer der an der DIW-Studie beteiligten Experten.

Hintergrund: Bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen

Um Einkommen sinnvoll miteinander vergleichen zu können, berechnen Ökonomen und Sozialwissenschaftler das so genannte „bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen". Sie berücksichtigen dabei beispielsweise die Tatsache, dass Singles anders als Familien mit Kindern ihr Einkommen zwar mit niemandem teilen müssen - dafür aber ihre Kosten für Wohnung, Heizung oder Versicherungen auch nicht auf mehrere Köpfe verteilen können. Die Bedarfsgewichtung berücksichtigt außerdem die Tatsache, dass Kinder in der Regel mit weniger Einkommen auskommen als Erwachsene. Eine Alleinerziehende mit 1500 Euro Einkommen hat damit bedarfsgewichtet ein höheres Einkommen als ein Rentnerehepaar mit dem gleichen Betrag.
Links

Preisunterschiede mildern Einkommensgefälle zwischen West und Ost. Von Jan Goebel, Joachim R. Frick und Markus M .Grabka
In: Wochenbericht 51-52/2009 | PDF, 0.53 MB

Regionaler Preisindex: Alle 393 Regionen auf einen Blick | PDF, 82.69 KB


Geldanlage: Frauen sind vorsichtiger als Männer - weil sie weniger Vermögen haben

Pressemitteilung vom 25.11.2009

DIW-Studie: „Spezielle Finanzprodukte für Frauen sinnlos"

Frauen sind bei der Geldanlage weniger risikofreudig als Männer, das ist ein gängiges Klischee. Eine aktuelle Studie des DIW Berlin zeigt jetzt aber: Der Grund dafür ist nicht, dass Frauen grundsätzlich vorsichtiger sind. Vielmehr haben Frauen oft weniger Einkommen und Vermögen. „Bei gleichen finanziellen Grundvoraussetzungen zeigen Männer und Frauen die gleiche Neigung zu riskanten Anlageprodukten", sagt Nataliya Barasinska, Mit-Autorin der Studie.

Für die Studie wurde das Anlageverhalten rund 8.000 privater Haushalte untersucht. Etwa die Hälfte davon hatte einen weiblichen Haushaltsvorstand. Die Daten stammen aus dem am DIW Berlin angesiedelten Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), der umfassendsten sozialwissenschaftlichen Befragung in Deutschland.

Die Untersuchungsergebnisse bestätigen auf den ersten Blick das Klischee risikoscheuer Frauen: Während rund 45 Prozent der Männer auch riskante Anlagen wie Aktien oder Unternehmensanleihen in ihrem Portfolio hatten, waren es bei den Frauen nur 38 Prozent. Zudem schätzen sich die befragten Frauen auch selbst als weniger risikofreudig ein. „Diese Daten sind aber erst dann wirklich aussagekräftig, wenn man noch andere Faktoren mit untersucht", sagt Nataliya Barasinska. Wichtig seien vor allem das Einkommen und das Geldvermögen.

Wer weniger Geld hat, der muss es anders anlegen
Bei den untersuchten Haushalten gab es bei Vermögen und Nettoeinkommen deutliche Unterschiede zwischen Frauen und Männern - durchschnittlich verdienen Frauen 10.000 Euro weniger als Männer, beim Vermögen ist der Unterschied mit durchschnittlich 20.000 Euro sogar noch deutlich höher. Und diese Unterschiede haben massive Auswirkungen auf das Anlageverhalten: Denn oft sind gerade riskantere Anlagemöglichkeiten erst dann sinnvoll, wenn ein gewisser Kapitalbetrag eingesetzt wird - das liegt etwa an hohen Gebühren zur Depotführung und am hohen Nominalwert vieler Wertpapiere.

„Finanzprodukte speziell für Frauen sind sinnlos"
Die untersuchten Daten zeigen also deutlich, dass das Geschlecht beim Anlegeverhalten keine Rolle spielt - wenn das Vermögen steigt, dann steigt sowohl bei Männern als auch bei Frauen der Hang zum Risiko. Trotzdem bieten viele Banken spezielle Finanzprodukte für Frauen an. Nataliya Barasinska hält das für sinnlos: „Natürlich wollen Finanzinstitute ihre Kunden auf originelle und individuelle Weise ansprechen", sagt sie. „Angesichts unserer Untersuchungsergebnisse wäre es aber viel besser, unterschiedliche Produkte für unterschiedliche Vermögenslagen anzubieten."

Stichwort SOEP
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine seit 25 Jahren laufende Langzeitbefragung von mehr als 10.000 deutschen Haushalten. Das am DIW Berlin angesiedelte SOEP gibt Auskunft über Faktoren wie Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Weil jedes Jahr die gleichen Personen befragt werden, können langfristige soziale und gesellschaftliche Trends besonders gut verfolgt werden. 2004 wurden die Teilnehmer der Umfrage auch zu Ihrer Risikobereitschaft bei Geldanlagen beurteilt, die Ergebnisse dieser Studie basieren auf den dabei erhobenen Daten.
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Geldanlage: Frauen sind vorsichtiger als Männer - weil sie weniger Vermögen haben. Von Oleg Badunenko, Nataliya Barasinska und Dorothea Schäfer. In: Wochenbericht 48/2009 | PDF, 297.69 KB | PDF, 297.69 KB

O-Ton von Nataliya Barasinska: Finanzprodukte, die nur nach dem Geschlecht der Kunden unterscheiden, bieten Anlegern keine Vorteile (.mp3) | MP3, 4.38 MB | MP3, 4.38 MB

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Parteien brauchen erleichterte Einbürgerung nicht zu fürchten: Menschen mit Migrationshintergrund unterstützen die großen Volksparteien

Pressemitteilung vom 19.11.2009

Es wären nur marginale Veränderungen in der deutschen Parteienlandschaft zu erwarten, wenn Migranten, die schon länger in Deutschland leben, und deren Nachkommen das Wahlrecht hätten. Das ist das zentrale Ergebnis einer Studie der DIW-Experten Martin Kroh und Ingrid Tucci, in der sie die langfristigen Parteibindungen der in Deutschland lebenden Migranten und Migrantinnen untersucht haben. Etwa 80 Prozent der Personen mit Migrationshintergrund, die eine Parteibindung angeben, sind Anhänger der großen Volksparteien SPD und CDU/CSU. Kleine Parteien finden hingegen nur wenig Unterstützung.

Überdurchschnittlich starke Parteibindung bei Migranten...

Die Studie zeigt, dass rund zehn Jahre nach seiner Zuwanderung etwa jeder zweite Migrant eine Parteineigung entwickelt hat. Während die Menschen aus den ehemaligen Anwerbeländern Türkei, Jugoslawien, Spanien, Italien, Griechenland und Portugal mit einer langfristigen Parteibindung im Durchschnitt der Jahre 2000 bis 2008 zu 65 Prozent die SPD unterstützen, favorisieren 65 Prozent der (Spät-)Aussiedlerinnen und Aussiedler die CDU/CSU. Diese Bindungen in den beiden großen Zuwanderergruppen der Bundesrepublik sind über Jahrzehnte und Generationen hinweg stabil. Ähnlich hohe Anteile an Anhängern finden die beiden Volksparteien bei Personen ohne Migrationshintergrund lediglich in ihren Kernmilieus. „Eine solch starke Bindung lässt sich nicht alleine durch Bildung und sozialen Status erklären", sagt Ingrid Tucci, wissenschaftliche Mitarbeiterin am DIW Berlin und Expertin zu Fragen der Migration und Integration. „Das zeigt, dass der jeweilige Migrationshintergrund einen entscheidenden Einfluss auf die Parteibindung hat".

...aber kein Wahlrecht für viele von ihnen

In Deutschland leben laut Mikrozensus 2007 mehr als 15 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund, knapp 5,6 Millionen von ihnen sind wahlberechtigt. Seit der im Jahr 2001 in Kraft getretenen Reform des Staatsbürgerschaftsrechts werden jährlich etwas mehr als 100 000 Personen eingebürgert. Nach wie vor bleibt eine große Zahl von Menschen mit Migrationshintergrund von der Möglichkeit einer demokratischen Beteiligung ausgeschlossen, obwohl sie seit Jahrzehnten in Deutschland leben oder sogar hier geboren sind. „Ein Recht auf demokratische Beteiligung fördert das Zugehörigkeitsgefühl und damit auch die Integration. Unserer Ansicht nach wäre eine Erleichterung der Einbürgerung ein wichtiges Signal." erklärt Ingrid Tucci,

Stichwort SOEP:

Das SOEP ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung von Deutschen, Ausländern und Zuwanderern in den alten und neuen Bundesländern, die bereits seit 26 Jahren im Auftrag des DIW Berlin läuft. Im Jahr 2008 wurden über 20 000 Personen in rund 11 000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Das SOEP ist als wissenschaftliche Serviceeinrichtung der Leibnizgemeinschaft am DIW Berlin angesiedelt. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, Gesundheit oder Einstellungen. Die SOEP-Daten werden Forscherinnen und Forschern im In- und Ausland für wissenschaftliche Analysen zur Verfügung gestellt.

Parteibindung von Migranten: Parteien brauchen erleichterte Einbürgerung nicht zu fürchten. Von Martin Kroh und Ingrid Tucci. In: Wochenbericht 47/2009

Links:
Wochenbericht 47/2009 | PDF, 473.8 KB  | PDF, 473.8 KB

 


Wissenschaftsrat würdigt Sozio-oekonomisches Panel

Pressemitteilung vom 17.11.2009

Der Wissenschaftsrat hat das Sozio-oekonomische Panel als eine der wichtigsten Forschungsinfrastrukturen im Bereich der Sozial-, Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaften gewürdigt. Die positive Empfehlung ist das Ergebnis einer gründlichen Evaluation des am DIW Berlin angesiedelten Panels durch den Rat. DIW-Präsident Prof. Dr. Klaus F. Zimmermann äußerte sich erfreut über die Auszeichnung: "Politikberatung braucht eine fundierte empirische Basis - deswegen ist das SOEP für unsere Arbeit am DIW Berlin von herausragender Bedeutung. Vom Bericht der Gutachter und durch die wissenschaftspolitische Empfehlung des Wissenschaftsrates fühlen wir uns bestätigt. Das SOEP ist eine weltweit führende Datenquelle, die zu Recht ausgebaut werden soll. Und zwar im Interesse einer besseren Politikberatung wie im Interesse der Grundlagenforschung."

Das SOEP ist eine seit 1984 laufende wiederholte Befragung von inzwischen etwa 20.000 Erwachsenen, die in über 10.000 Haushalten mit etwa 5.000 Kindern leben. Da immer wieder Informationen über dieselben Personen statistisch erhoben werden, stellt eine solche „Panel"-Erhebung etwas Besonderes dar. Im Lauf der Jahre sind bereits über 5000 Veröffentlichungen auf Basis dieser Daten erschienen. Und es werden immer mehr, da die SOEP-Daten wissenschaftlich umso ertragreicher werden, je mehr Beobachtungsjahre vorliegen. Um die Aussagekraft der Daten weiter zu erhöhen soll die Zahl der befragten Haushalte von aktuell gut 10.000 auf bis zu 25.000 Haushalte ausgebaut werden. Diese Pläne werden in der Empfehlung des Wissenschaftsrats audrücklich unterstützt.

Das SOEP ist, wie der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Peter Strohschneider, bei der Präsentation des Evaluationsergebnisses anmerkte, so etwas wie ein Teleskop für die Sozial-, Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaften. Es ist Teil der „Forschungsinfrastruktur" in Deutschland, Europa und der Welt. Führende Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit der SOEP-Gruppe am DIW Berlin zusammenarbeiten, zeigen sich mit dem Ergebnis der Evaluation sehr zufrieden.

Heike Solga, Professorin für Soziologie an der FU Berlin und Direktorin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB): „Für die Sozial- und Bildungsforschung in Berlin und auch in der gesamten Leibniz-Gemeinschaft ist das SOEP eine äußerst wichtige Datengrundlage. Es ist sehr erfreulich, dass der Wissenschaftsrat innovative neue Erhebungsmethoden im SOEP unterstützt. Zum Beispiel die Erhebung kognitiver Leistungen von Befragten ist für die Bildungsforschung wichtig. Es gab bislang bereits eine sehr gute Zusammenarbeit der Berliner Universitätssoziologie und des WZB mit der SOEP-Gruppe im DIW Berlin. Diese Zusammenarbeit werden wir mit dem Rückenwind des Wissenschaftsrates weiter ausbauen."

Ulman Lindenberger, Professor für Psychologie und Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin: „Die Empfehlungen des Wissenschaftsrats zum SOEP sind ein Glücksfall für die Forschung in Deutschland. Mit der Umsetzung dieser Empfehlungen wird das SOEP für die Lebensspannen-Psychologie noch wichtiger werden. Die Empfehlungen erleichtern den weiteren Ausbau der erfolgreichen Zusammenarbeit zwischen der SOEP-Gruppe am DIW Berlin und dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung. Die sehr gute Bewertung des SOEP durch den Wissenschaftsrat unterstreicht das Potential für interdisziplinäre Zusammenarbeit und innovative Forschung am Standort Berlin."

Armin Falk, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Bonn und Leibniz-Preisträger der Deutschen Forschungsgemeinschaft: "Das SOEP wurde in den letzten Jahren für die verhaltenswissenschaftliche Volkswirtschaftslehre ("behavioral economics") immer wichtiger. Als Kooperationspartner der SOEP-Gruppe in Berlin freue ich mich sehr, dass der Wissenschaftsrat einen weiteren Ausbau von innovativen Datenerhebungen mit dem SOEP unterstützt. Wir haben in Bonn schon jede Menge Ideen, die wir einbringen werden."

Thomas Bauer, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Ruhr-Universität Bochum und Mitglied des Vorstands des RWI Essen: „Die Bedeutung des SOEP für die empirische wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Forschung sowie die evidenzbasierte Politikberatung kann nicht häufig genug betont werden. Die Verfügbarkeit dieses Datensatzes für die internationale Wissenschaft hat erheblich zum Erkenntnisfortschritt beispielsweise zur Integration von Minderheiten, der Funktionsweise des Arbeitsmarktes, und der Wirksamkeit insbesondere arbeitsmarkt-, familien- und bildungspolitischer Maßnahmen beigetragen. Trotz dieser bereits herausragenden Bedeutung des SOEP sind weitere Investitionen sehr wünschenswert, insbesondere eine weitere Vergrößerung der Stichprobe. Damit könnten noch bestehende Lücken in unserem Wissen zu den Auswirkungen wirtschaftspolitischer Maßnahmen zum Beispiel für Minderheiten oder auf die Einkommensverteilung geschlossen werden und somit zu einer weiteren Verbesserung der Wirtschafts- und Sozialpolitik beitragen. Ein Beispiel dafür ist die immer wieder aufkeimende Diskussion um Armut und Reichtum in Deutschland. Hierzu liegen bislang keine im Detail verlässlichen Daten vor. Durch eine Ausweitung des SOEP könnte diese Lücke geschlossen werden."

Michaela Riediger, Leiterin der Selbständigen Nachwuchsgruppe „Affekt im Lebensverlauf" am MPI für Bildungsforschung, Berlin: „Die Unterstützung innovativer Erhebungsmethoden durch den Wissenschaftsrat ist für das SOEP sehr wichtig. Viele wissenschaftliche Fragestellungen lassen sich nur begrenzt durch Befragungen untersuchen. Sie erfordern den Einsatz alternativer Methoden, die dem neuesten Stand von Technik und Wissenschaft entsprechen. Berlins Forschungslandschaft bietet ein großartiges Umfeld für die methodische Erweiterung des SOEP. Ich selbst habe bereits Erfahrungen mit einer an das SOEP angelehnten Studie gemacht, in der Mobiltelefone für Erhebungen in alltäglichen Lebenskontexten eingesetzt wurden. Unter anderem konnten so kognitive Leistungen im Alltag gemessen werden."
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Weitere Informationen auf den SOEP-Serviceseiten

 


SOEP-Ausgabe der Zeitschrift für Soziologie

Pressemitteilung vom 22.10.2009 

Die renommierte „Zeitschrift für Soziologie" hat ihre aktuelle Ausgabe dem Sozio-oekonomischen Panel gewidmet:

25 Jahre Sozio-oekonomisches Panel - Ein Infrastrukturprojekt der empirischen Sozial- und Wirtschaftsforschung.

Anerkannte Wissenschaftler verschiedener Universitäten und Forschungseinrichtungen beschäftigen sich mit folgenden Themen: Migration und Integration, Familiengründung und Arbeitslosigkeit, Mittelschicht und Abstiegsangst, Bildungsungleichheit und blockierte Lernpotenziale.

"Die Themenvielfalt unterstreicht den Wert, den das SOEP als wichtiges Infrastrukturprojekt für die Forschung im Laufe der Jahre gewinnen konnte." Jürgen Schupp, Professor für Soziologie an der Freien Universität Berlin und Surveymanager des SOEP. Die Beiträge wurden - wie bei wissenschaftlichen Qualitätszeitschriften üblich - vor der Veröffentlichung von Gutachtern geprüft.

Zeitschrift für Soziologie, Jahrgang 38, Heft 5, Oktober 2009 / Volume 38, Number 5, October 2009

Links:
Zum Inhaltsverzeichnis der Zeitschrift für Soziologie


Trend zur Privatschule geht an bildungsfernen Elternhäusern vorbei

Pressemitteilung vom 16.09.2009

Immer mehr Schüler besuchen eine Privatschule - unter den Gymnasiasten bereits jeder neunte. Ob Eltern ihre Kinder auf die Privatschule schicken ist aber weniger eine Einkommens- als eine Bildungsfrage: Wie eine aktuelle SOEP-Studie zeigt, besuchen Schüler, deren Eltern Abitur gemacht haben, wesentlich häufiger eine Privatschule als Schüler aus bildungsferneren Elternhäusern. „Eine problematische Entwicklung, die die Bildungspolitik fordert", sagte DIW-Bildungsökonomin C. Katharina Spieß. „Sowohl öffentliche Schulen als auch private Schulen müssen für alle Schüler attraktiv sein und über ihre jeweiligen Angebote sollten Elternhäuser aller Bildungsschichten informiert sein."

Anteil der Privatschüler in den letzten 20 Jahren gestiegen / Insbesondere Gymnasiasten besuchen Privatschulen
Seit Mitte der 80er Jahre gibt es in Deutschland sowohl mehr Privatschulen als auch Privatschüler. Nach den Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für 2007 lag der Anteil der Privatschüler knapp unter 8 Prozent. In Westdeutschland ist von 1987 bis 2007 ein Anstieg um fast 21 Prozent zu beobachten, in den neuen Ländern hat sich der Anteil seit 1997 mehr als verdreifacht. „In Ostdeutschland gab es nach der Wiedervereinigung kaum Privatschulen. Daher hat der Anteil dort erst in den letzten Jahren deutlich zugenommen", sagte Henning Lohmann, Co-Autor der Studie. Die amtliche Statistik schlüsselt zudem auf, dass vor allem Gymnasiasten Privatschulen besuchen - mittlerweile schon jeder neunte Gymnasiast. Bei den Grund-, Haupt- und Realschülern sind es deutlich weniger.

Eindeutiger Trend: Kinder aus gebildeten Elternhäusern gehen eher in Privatschulen
Auch über die Eltern gibt die SOEP-Studie Auskunft: Schüler, von denen mindestens ein Elternteil Abitur hat, sind häufiger auf Privatschulen vertreten (12 Prozent) als Schüler, deren Eltern nur einen mittleren Schulabschluss aufweisen (5 Prozent). Dies spiegelt sich auch in der Zusammensetzung der Schülerschaft an Privatschulen wider: Mit 59 Prozent hat die große Mehrheit mindestens einen Elternteil mit Abitur - obwohl diese Gruppe insgesamt nur gut ein Drittel der Schülerbevölkerung darstellt. „Der Anteil von Privatschülern gemessen an allen Schülern, deren Eltern ein Abitur haben, ist in den letzten zehn Jahren um 77 Prozent gestiegen", sagte C. Katharina Spieß. „Bei Kindern, deren Eltern niedrigere Bildungsabschlüsse aufweisen, konnten wir dagegen keinen so eindeutigen Anstieg des Besuchs von Privatschulen feststellen", so die Bildungsökonomin des DIW Berlin.

Einkommen fällt weniger stark ins Gewicht
Auch das Einkommen der Eltern fällt ins Gewicht - allerdings weniger stark als ihr Bildungsgrad: Kinder aus wohlhabenden Haushalten gehen häufiger auf Privatschulen, als Kinder aus weniger betuchten Haushalten. „Grundsätzlich sind Kinder aus sozio-ökonomisch besser gestellten Haushalten eher Privatschüler", so Henning Lohmann. „In Deutschland hängt die Schulwahl aber weniger vom Einkommen als von der Bildung der Eltern und deren beruflicher Stellung ab."

Bildungspolitik ist gefordert um Negativauslese zu verhindern
„Wir haben dadurch eine zunehmende Negativauslese in unserem Schulsystem, die so nicht gewollt ist", sagte C. Katharina Spieß. Das gesetzliche „Sonderungsverbot", das Privatschulen untersagt, einzelne Schülergruppen zu bevorzugen, könne dies offensichtlich allein nicht unterbinden. „Um zu verhindern, dass immer mehr Kinder aus bildungsnahen Haushalten in Privatschulen abwandern, müssen öffentliche Schulen wieder attraktiver werden." Zudem seien auch die Privatschulen gefordert, Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern stärker über ihr Angebot zu informieren.

Stichwort SOEP:
Das am DIW Berlin angesiedelte Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist seit 25 Jahren laufende Wiederholungsbefragung. Jedes Jahr werden mit Hilfe von von TNS Infratest Sozialforschung rund 11 000 Haushalte in Deutschland befragt. Die Daten des SOEP geben Auskunft zu Fragen über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden, können langfristige gesellschaftliche Trends besonders gut verfolgt werden.

Die amtlichen Statistik belegt, dass sowohl der Anteil von Privatschulen als auch von Privatschülern in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Dies bestätigen auch die SOEP-Daten. Darüber kann mit dem SOEP umfassend analysiert werden, welche Schüler Privatschulen besuchen, in welcher sozio-ökonomischen Situation sich deren Eltern befinden, und welche Trends hinsichtlich der Schülerschaft bestehen.

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Wochenbericht 38/2009  | PDF, 246.85 KB

 

 


Auswanderung in Deutschland

Pressemitteilung vom 23.09.2009

Die Auswanderungsrate in Deutschland liegt seit mehr als 20 Jahren bei etwa 0,8 Prozent. Eine aktuelle Untersuchung der Langzeitstudie SOEP am DIW Berlin gibt jetzt erstmals Auskunft darüber, wie sich die Gruppe der Auswanderer zusammensetzt. Dabei zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen Deutschen und Migranten: Während unter den Deutschen vor allem junge und ungebundene Akademiker das Land verlassen, handelt es sich bei den Migranten oft eher um Ältere, die in ihre Heimat zurückkehren.

Wer populäre Fernsehsendungen wie „Mein neues Leben" und „Goodbye Deutschland" verfolgt, der könnte auf die Idee kommen, dass Auswanderung aus Deutschland seit einigen Jahren im Trend liegt. Sämtliche Statistiken zur Auswanderung aus Deutschland zeigen aber eine seit Jahrzehnten stabile Auswanderungsrate. „Der vermeintliche Trend zur Auswanderung ist vor allem Medienhysterie", sagt Marcel Erlinghagen, Autor einer aktuellen SOEP-Studie zum Thema Auswanderung in Deutschland. Die Studie untersucht erstens, welche Bevölkerungsgruppen genau auswandern, und zweitens auch, wie es den Auswanderern in ihrer neuen Heimat geht.

Deutsche Auswanderer: Jung, weiblich, kinderlos
Grundsätzlich gilt: Je jünger jemand ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass er auswandert. Gleichzeitig zeigt sich auch, dass Auswanderer etwas häufiger weiblich sind und meist einen Hochschulabschluss haben und kinderlos sind. Der Grund dafür liegt für Marcel Erlinghagen auf der Hand: „Auswanderung ist auch heute noch immer eine riskante Entscheidung. Wer ungebunden ist und eine gute Ausbildung hat, tut sich damit leichter als jemand, der seine ganze Familie mit in dieses Abenteuer nehmen muss." Und in den bevorzugten Auswanderungsländern - der Schweiz, Österreich und den USA - hätten es Akademiker wesentlich leichter als andere, einen neuen Job zu finden.

Vielfältige Gründe für die Auswanderung
Die Analyse der Auswanderer lässt auch Rückschlüsse auf die Gründe der Auswanderungsentscheidung zu. Dabei zeigt sich vor allem eins: „Es gibt meistens nicht den einen Grund zur Auswanderung. Wer eine solch folgenschwere Entscheidung fällt, hat dafür meist mehrere, zusammenhängende Gründe.", so Marcel Erlinghagen. Diese Gründe sind meistens sowohl privater als auch beruflicher Natur - auffällig ist aber, dass die Zufriedenheit mit der eigenen wirtschaftlichen Lage meist keine Rolle spielt.

Auswanderung bei Migranten: Ein völlig anderes Bild
In der SOEP-Studie wird zwischen Deutschen einerseits und Migranten und Deutschen mit Migrationshintergrund andererseits unterschieden. Mit gutem Grund, denn in dieser Gruppe zeigt sich ein völlig anderes Bild der Auswanderer: Hier sind die Auswanderer deutlich älter, oft Rentner und oft arbeitslos. „Wir verlieren hier vor allem diejenigen, die überhaupt nicht oder nicht mehr in den Arbeitsmarkt integriert sind", sagt Marcel Erlinghagen. „Dazu kommt dann noch die große Gruppe von Auswanderern, die mit dem Eintritt in den Ruhestand weiterwandern oder in ihre Heimat zurückkehren." Und: Je länger jemand in Deutschland lebt, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass er auswandert. Marcel Erlinghagen sagt: „Wenn jemand länger als 20 Jahre in Deutschland lebt, können wir eigentlich gar keine Unterschiede mehr zum Auswanderungsverhalten von Deutschen feststellen."

Auswanderung als Erfolgsgeschichte?
Im Rahmen des Pilotprojekts „Leben außerhalb Deutschlands" hat das SOEP auch erstmals untersucht, wie es Auswanderern in ihrer neuen Heimat geht. „Die meisten Befragten sagen ganz klar, dass sich ihre Lebenszufriedenheit deutlich verbessert hat und dass sie ihre Entscheidung zur Auswanderung nicht bereuen", sagt Marcel Erlinghagen, weist dabei aber auch auf die geringe Anzahl von Befragten hin: „Wir haben nur etwa 50 Prozent der verschickten Fragebögen zurückbekommen. Das lässt natürlich vermuten, dass eher diejenigen geantwortet haben, deren Auswanderung erfolgreich war." Umso mehr sei deshalb das Sechstel zu beachten, dass seine Auswanderung bereut.

Stichwort SOEP
Das am DIW Berlin angesiedelte Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine seit 25 Jahren laufende Wiederholungsbefragung. Jedes Jahr werden mit Hilfe von von TNS Infratest Sozialforschung rund 11 000 Haushalte in Deutschland befragt. Die Daten des SOEP geben Auskunft zu Fragen über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden, wird in den Daten auch festgehalten, welche Teilnehmer ins Ausland verzogen sind. Diese Teilnehmer wurden für die vorliegende Studie untersucht und im Rahmen des Pilotprojekts „Leben außerhalb Deutschlands" befragt.

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Deutschland ein Auswanderungsland? In: Wochenbericht 39/2009 | PDF, 168.48 KB

 

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Sorgenfreier Reichtum: Jenseits von Konjunktur und Krise lebt nur ein Prozent der Bevölkerung

Pressemitteilung vom 26.08.2009 

Das „Schickedanz-Syndrom": Immer mehr Reiche mit materiellen Sorgen

In Deutschland ist nur eine sehr kleine Gruppe von etwa einem Prozent der Bevölkerung „sorgenfrei reich". Diese Menschen verdienen dauerhaft mindestens das Doppelte des nationalen Durchschnitteinkommens, sie haben ein sechs- bis siebenfach höheres Vermögen und sagen selbst, frei von wirtschaftlichen Sorgen zu sein. Die „sorgenfreien Reichen" sind zumeist ältere Paare, die ohne Kinder im westdeutschen Eigenheim leben - von den Erwerbstätigen unter ihnen arbeiten 53 Prozent als Beamte oder im öffentlichen Dienst. Das ist das Ergebnis einer neuen DIW-Studie zum Reichtum in Deutschland. „Insgesamt nimmt der gesellschaftliche Stress in Deutschland zu", sagte der Autor der DIW-Studie, Olaf Groh-Samberg. „Obwohl es mehr Reiche als vor zehn Jahren gibt, sind immer weniger Personen frei von Sorgen um ihre finanzielle Lage."

In Deutschland gilt als reich, wer mehr als das Doppelte des mittleren Nettoeinkommens verdient - 2008 lag dies bei 2600 Euro. Demnach sind rund sieben Prozent der Bevölkerung reich. Vor zehn Jahren waren dies erst fünf Prozent. „Diese Reichtumsschwelle ist aber willkürlich gewählt. Das Einkommen kann zeitweise schwanken und die tatsächliche finanzielle Lage deutlich anders aussehen als das verfügbare Einkommen", so Olaf Groh-Samberg. In seiner Studie hat der Sozialforscher daher den Reichtum mit den Sorgen über die persönliche wirtschaftliche Lage verknüpft. „Wahrer Reichtum ist mehr als die Summe von Einkommen und Vermögen: Wer wirklich reich ist, sollte auch frei von materiellen Sorgen sein." In seiner Studie gilt sein Augenmerk somit den Reichen, die dauerhaft viel verdienen und keinen Stress bei dem Gedanken verspüren, sich und ihre Familie durch die eigene Arbeit am Leben erhalten zu müssen - eben den sorgenfrei Reichen.

Dauerhaft sorgenfrei und dauerhaft einkommensreich: eine sehr kleine Gruppe

Die Studie basiert auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) - einer seit 25 Jahren laufenden Widerholungsbefragung von mehr als 20.000 Menschen. Danach macht die Gruppe der dauerhaft sorgenfreien und einkommensreichen Personen in Deutschland einen kleinen Anteil von etwa einem Prozent aus. „Obwohl die Zahl der Reichen in Deutschland in den letzten zehn Jahren gestiegen ist, hat der Anteil der Personen, die dauerhaft frei von materiellen Sorgen leben, abgenommen", so der Sozialwissenschaftler. „Der sorgenfreie Reichtum bewegt sich offenbar jenseits der turbulenten Welt unmittelbarer Markteinflüsse und stellt ein sehr seltenes und konjunkturunabhängiges Phänomen dar."

Das „Schickedanz-Syndrom": Immer mehr Reiche mit materiellen Sorgen

Der Anteil der Sorgenfreien, die unter der Reichtumsschwelle liegen, geht dagegen deutlich zurück. Selbst Personen, die dauerhaft über der Schwelle liegen, äußern zunehmend materielle Sorgen. „Die Ergebnisse spiegeln die steigende Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt und in jüngerer Zeit auch auf dem Kapitalmarkt sowie gegenüber der sozialstaatlichen Absicherung wider", sagte Groh-Samberg. Hinter der Zunahme des Reichtums in Deutschland verbirgt damit eine Zunahme von Reichen, die sich dennoch materielle Sorgen machen. „Die Sorgen der Reichen erzeugen jedoch keinen sozialpolitischen Handlungsbedarf", so der Soziologe.

Sorgenlos Reiche: Vermögende ältere Paare aus Westdeutschland

Wer lebt im „sorgenlosen Reichtum"? Nach der DIW-Studie sind dies vor allem ältere Personen aus den alten Bundesländern. Meist wohnen sie zu zweit ohne Kinder im Eigenheim, sind hoch gebildet und häufig noch berufstätig. „Dass es sich bei den sorglos Reichen tatsächlich um eine ökonomische Elite handelt, sieht man auch anhand der Analyse des Vermögensbesitzes", so der Autor der Studie. Nach Angaben des SOEP aus dem Jahr 2002 verfügen die Hochgebildeten der sorgenfrei Reichen über die mit Abstand größten Vermögensreserven. Der Median lag in dieser Gruppe bei fast 400.000 Euro. Selbst unter den 10 Prozent mit den geringsten Vermögen innerhalb dieser Gruppe besitzt der Reichste noch fast 100.000 Euro - deutlich mehr als der gesamtdeutsche Mittelwert von 60.000 Euro.

Vor allem höhere Beamte sind materiell gut gestellt

Von den aktuell Berufstätigen der „sorgenlos Reichen" sind 53 Prozent beamtet oder sie arbeiten im öffentlichen Dienst - meist in leitenden, hoch qualifizierten Berufen. „Es handelt sich also um eine sozio-ökonomisch hoch privilegierte Gruppe, die sich von den besorgten Reichen vor allem durch ihre bevorzugte berufliche Stellung unterscheidet", sagte Olaf Groh-Samberg. Zwar würden auch die besorgten Reichen über eine hohe Bildung und großes Eigentum verfügen, unter ihnen seien jedoch nur 6 Prozent Beamte, 26 Prozent im öffentlichen Dienst beschäftigt und es gebe deutlich mehr Selbständige sowie Personen in mittleren Angestelltenberufen. „Dass bei Personen, die nicht beamtet sind, auch unter den Reichen die finanziellen Sorgen zunehmen, spiegelt die allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit", so der Sozialwissenschaftler. Demgegenüber sei die kleine Gruppe der sorglosen Reichen für die Schwankungen der Konjunktur kaum anfällig. „Sie wird aller Voraussicht nach auch die aktuelle Krise im Großen und Ganzen ‚unbesorgt' überstehen - nicht zuletzt dank der Privilegien, die der Beamtenstatus ihnen verleiht."


Sorgenfreier Reichtum: Jenseits von Konjunktur und Krise lebt nur ein Prozent der Bevölkerung. Von Olaf Groh-Samberg. In: Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 35/2009 | PDF, 301.86 KB

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Trotz guter Noten: Gymnasiasten auf der Hauptschule

Nachricht vom 26.08.2009

Zusammenfassung
Trotz guter Noten landen viele Schüler nicht auf dem Gymnasium- und bleiben damit unter ihren Fähigkeiten. Dieses Risiko ist bei Kindern aus einem nichtakademischen Haushalt zweieinhalbmal so hoch wie für Kinder aus Akademikerfamilien. Das haben die Bildungsforscher Heike Solga und Johannes Uhlig vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) gemeinsam mit Jürgen Schupp vom DIW Berlin herausgefunden.

Die Wissenschaftler belegen: Viele Schüler, die gute Noten haben, verzichten auf den Wechsel zur Realschule oder auf das Gymnasium - wenn sie aus Familien ohne akademischen Bildungshintergrund kommen. Insgesamt besuchen 17 Prozent der rund 900 repräsentativ ausgewählten Schüler einen Schultyp unterhalb ihres Leistungsniveaus. Für manche Hauptschüler wäre sogar der Besuch eines Gymnasiums möglich gewesen.

„Es ist ernüchternd wie stark der Zusammenhang zwischen Bildungschancen und sozialer Herkunft in Deutschland ist," kommentiert DIW-Forscher Jürgen Schupp das Ergebnis. „Von Chancengleichheit für alle Kinder sind wir weit entfernt."

In der Studie geht es um den Zusammenhang von sozialer Herkunft und dem Phänomen des „Underachievement". Der Begriff bedeutet, dass Schülerinnen und Schüler einen Schultyp besuchen, der unterhalb ihres individuellen kognitiven Lernpotenzials liegt. Nicht Leistungsunterschiede, sondern Unterschiede bei Bildungsentscheidungen bewirken, dass Kinder aus nichtakademischen Familien eher die Haupt- oder Realschule besuchen statt des Gymnasiums. Die Folgen sind fatal: Diese Schüler können ihr Lernpotenzial nicht in Bildungserfolge umsetzen. Ihre Motivation wird nur unzureichend gefördert, eine Bildungskarriere im Keim erstickt. Chancen für eine spätere qualifizierte Ausbildung oder ein Studium werden auf diese Weise früh verbaut.

Für die Studie wurden Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) ausgewertet.

Johannes Uhlig, Heike Solga und Jürgen Schupp (2009): Ungleiche Bildungschancen: Welche Rolle spielen Underachievement und Persönlichkeitsstruktur? WZB Discussion Paper SP I 2009-503 (erscheint im Oktober als Aufsatz in der "Zeitschrift für Soziologie")

 

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Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bröckelt das Vertrauen

Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes bröckelt das Vertrauen. Vertrauen in Deutschland stabil – Wer wenig verdient, ist misstrauischer.

Pressemitteilung vom 19.08.2009

Zusammenfassung
Das gegenseitige Vertrauen der Menschen in Deutschland ist stabil. Jeder zweite Befragte gibt hohes oder mittleres Vertrauen an. Die größte Gefahr für Vertrauen bildet Arbeitslosigkeit. Das sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Studie des DIW Berlin. Die Studie basiert auf den Daten des Sozio-oekonomischen Panel (SOEP), einer jährlichen Wiederholungsbefragung von rund 11.000 Haushalten.

Vertrauen ist ein sozialer Rohstoff, ein Kitt, der die Menschen einer Gesellschaft zusammenhält und ihnen ermöglicht, ohne zusätzliche Kontrolle sozial und wirtschaftlich miteinander zu kooperieren. Dem Grad des Vertrauens innerhalb eines Landes werden daher auch positive Effekte auf seine wirtschaftliche Entwicklung zugeschrieben. Eine Gesellschaft, in der Vertrauen schwindet, hat also auch ein ökonomisches Problem. „In Deutschland gibt es keine Anzeichen für einen Vertrauensschwund", sagte DIW-Sozialforscher Jürgen Schupp. Mit seinem Kollegen Niels Michalski hat er die Stabilität des Vertrauens zwischen 2003 und 2008 untersucht.

Vertrauen in fremde Personen seit Jahren stabil

Auch das Sozio-oekonomische Panel (SOEP), eine am DIW Berlin angesiedelte, jährliche Wiederholungsbefragung von rund 11 000 Haushalten, beschäftigt sich mit dem Thema Vertrauen. In einer neuen Studie haben die DIW-Sozialforscher Jürgen Schupp und Niels Michalski jetzt die Stabilität des Vertrauens zwischen 2003 und 2008 untersucht. „"Die Daten haben sich in den letzten fünf Jahren kaum verändert. Das Vertrauen in Deutschland ist stabil", sagte Jürgen Schupp. Demnach haben rund 14 Prozent der Deutschen hohes Vertrauen in ihre Mitmenschen, knapp die Hälfte mittleres und etwa 40 Prozent eher geringes Vertrauen.

Hochgebildete Vielverdiener vertrauen am meisten

Die SOEP-Ergebnisse zeigen, dass das Bildungsniveau und die Einkommenssituation das Vertrauen beeinflussen. „Menschen mit höherer Bildung vertrauen ihren Mitmenschen stärker als Menschen mit niedrigem Bildungsstand", so Niels Michalski. So liegt der Anteil der Akademiker mit hohem Vertrauen mit 25 Prozent fast doppelt so hoch wie bei Personen mit Berufsausbildung. Ähnliche Unterschiede zeigen sich bei den Löhnen: 2008 gab die Hälfte aller Personen mit den niedrigsten 20 Prozent aller Einkommen nur geringes Vertrauen an, lediglich 10 Prozent hohes Vertrauen. Bei den Vielverdienern gaben doppelt so viele hohes Vertrauen an.

Arbeitslose misstrauen, Akademiker und Selbständige haben hohes Vertrauen

Noch stärker als niedriges Einkommen beeinträchtigt Arbeitslosigkeit das Vertrauen. 2008 haben 53 Prozent der Arbeitslosen geringes Vertrauen in ihre Mitmenschen. Personen, die länger als ein Jahr ohne Job sind, geben dabei einen zusätzlichen Vertrauensverlust an. „Diese Gruppe kann erst dann wieder signifikant Vertrauen aufbauen, wenn sie eine Beschäftigung findet", sagte Jürgen Schupp. Unter den Erwerbstätigen liegt der Anteil der gering Vertrauenden lediglich bei 38 Prozent.

Überdurchschnittlich hoch ist das Vertrauen der Selbständigen. 22 Prozent von ihnen haben hohes Vertrauen. „Ein plausibles Ergebnis, wenn man bedenkt, dass Selbständige permanent mit fremden Personen konfrontiert sind, denen sie vertrauen müssen, wenn sie Geschäfte mit ihnen machen wollen", so Schupp.

Persönlichkeitsmerkmale und soziales Engagement sind ausschlaggebend

Neben den sozio-demografischen Merkmalen untersuchten die Wissenschaftler auch den Einfluss von Persönlichkeitsmerkmalen auf das Vertrauen. „Offene Menschen, die ein besonderes Interesse an neuen Erfahrungen und Erlebnissen haben, aber auch Personen mit ausgeprägtem Altruismus und Mitgefühl vertrauen ihren Mitmenschen stärker als etwa gewissenhafte Personen", sagte DIW-Sozialforscher Niels Michalski. Auch eine hohe Risikobereitschaft gehe mit höherem Vertrauen einher. Die SOEP-Analyse zeigt, dass Vertrauen eine relativ stabile Persönlichkeitseigenschaft ist. Sie kann aber auch gesellschaftlich beeinflusst und hergestellt werden. „Personen, die sich ehrenamtlich oder politisch engagieren, vertrauen in höherem Ausmaß. Auch häufige Kirchgänge oder große Freundeskreise führen zu wachsendem Vertrauen."


Stichwort SOEP
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, die bereits seit 25 Jahren läuft. Im Auftrag des DIW Berlin werden jedes Jahr in Deutschland über 20.000 Personen aus rund 11.000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Die Daten geben Auskunft zu Fragen über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Weil jedes Jahr die gleichen Personen befragt werden, können langfristige soziale und gesellschaftliche Trends besonders gut verfolgt werden. Das Thema Vertrauen wurde in die SOEP-Studie erstmals im Jahr 2003 eingeführt. Dabei wurden Fragen zum Grad des Vertrauens und der Häufigkeit von Aktivitäten, die Vertrauen voraussetzen, gestellt.

Sozialer Rohstoff: „Den meisten Menschen kann man vertrauen". Von Niels Michalski und Jürgen Schupp. In: Wochenbericht des DIW Berlin 34/2009 | PDF, 228.51 KB

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Zahl der Riester-Renten steigt sprunghaft

Besonders beliebt bei Frauen und Ostdeutschen, aber Geringverdiener halten sich noch zurück

Pressemitteilung vom 05.08.2009

Zusammenfassung
Die staatlich geförderte Riester-Rente hat sich in den letzten Jahren dynamisch entwickelt. Riester-Verträge haben vor allem in Ostdeutschland stark zugenommen und werden zunehmend von Frauen in Anspruch genommen. Dies zeigt eine aktuelle Studie des DIW Berlin auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Am häufigsten verfügen 24- bis 44-Jährige über diese Form der Alterssicherung. „Das Ziel, insbesondere Geringverdiener beim Aufbau einer zusätzlichen Altersvorsorge zu unterstützen, wurde allerdings bisher nicht erreicht", sagte DIW-Experte Johannes Geyer. „Dieser Personenkreis macht nicht häufiger von der Riester-Rente Gebrauch als Personen mit höherem Einkommen."  Details
Die Bundesregierung hat mit der Rentenreform 2001 die staatliche Förderung der freiwilligen zusätzlichen kapitalgedeckten Altersvorsorge eingeführt. Über die Riester-Rente werden zertifizierte private Altersvorsorgeprodukte durch Zulagen und Steuerersparnisse gefördert. Dadurch sollen für Versicherte finanzielle Anreize gesetzt werden, um die sinkenden gesetzlichen Renten durch eine private Rentenvorsorge auszugleichen. Die Einführung der Riester-Rente war auch mit dem Ziel verbunden, insbesondere Geringverdiener, Frauen, Förderberechtigte in den neuen Ländern und Familien beim Aufbau einer zusätzlichen Altersvorsorge finanziell zu unterstützen.

Mit einem Anteil von mehr als einem Drittel waren Riester-Verträge im Jahr 2007 bei den ostdeutschen Frauen im Alter zwischen 35 und 44 Jahren am stärksten verbreitet. Bei den Männern in Westdeutschland der gleichen Altergruppe besaß nur etwa jeder Fünfte einen Riester-Vertrag. Obwohl sich der Anteil der Geringverdiener an den Riester-Geförderten in den Jahren 2004 bis 20007 fast verdreifacht hat, war er im Vergleich der Einkommensgruppen immer noch am geringsten. Dies deutet darauf hin, dass die spezielle Förderung der untersten Einkommensgruppen noch nicht richtig gegriffen hat.

Stichwort SOEP
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine seit 25 Jahren laufende Langzeitbefragung von mehr als 10.000 deutschen Haushalten. Das am DIW Berlin angesiedelte SOEP gibt Auskunft über Faktoren wie Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Weil jedes Jahr die gleichen Personen befragt werden, können langfristige soziale und gesellschaftliche Trends besonders gut verfolgt werden.

Zahl der Riester-Renten steigt sprunghaft: aber Geringverdiener halten sich noch zurück. Von Johannes Geyer und Viktor Steiner. In: Wochenbericht des DIW Berlin 32/2009 | PDF, 349.9 KB

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Männer wünschen sich kürzere Arbeitszeiten

Männer wünschen sich kürzere Arbeitszeiten. Wunsch und Wirklichkeit von Frauen und Männern klaffen auseinander

Pressemitteilung vom 17.06.2009

Zusammenfassung
Bei den Arbeitszeiten klafft in Deutschland eine deutliche Lücke zwischen Wunsch und Wirklichkeit: Vollzeitbeschäftigte Männer wünschen sich kürzere Arbeitszeiten - pro Woche möchten sie mindestens vier Stunden weniger im Büro verbringen. Ausweiten möchten ihre Wochenarbeitszeit Besonders unzufrieden mit ihren Arbeitszeiten sind vor allem ostdeutsche Frauen, die teilzeitbeschäftigt sind: Sie streben mit großer Mehrheit eine Vollzeittätigkeit an. Zwischen 1993 und 2007 haben sich die durchschnittlichen Arbeitszeiten von Frauen und Männern in West- und Ostdeutschland zwar angenähert, mit den Wünschen der Beschäftigten stimmen sie allerdings noch nicht überein. Dies sind zentrale Ergebnisse einer jetzt vom DIW Berlin veröffentlichten Untersuchung auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP).

Text
Vollzeitbeschäftigte Männer wüschen sich kürzere Arbeitszeiten Die durchschnittliche Arbeitszeit vollzeitbeschäftigter Männer lag 2007 bei rund 43 Wochenstunden - tatsächlich wünschten sie sich aber eine mindestens vier Stunden kürzere Arbeitszeit. Bei Frauen hat die Erwerbstätigkeit seit den frühen 90ern zwar stark zugenommen. Mit ihren durchschnittlichen Arbeitszeiten bleiben Frauen allerdings noch immer deutlich hinter den Männern zurück - und hinter dem, was sie eigentlich möchten. Im Osten nichts Neues: Teilzeitbeschäftigte Frauen wollen mehr arbeiten Frauen auf dem ostdeutschen Arbeitsmarkt sind besonders ambitioniert. Eine deutliche Mehrheit (60 Prozent) von Ihnen wünscht sich eine Berufstätigkeit in Vollzeit oder auf sehr hohem Teilzeitniveau. Nur rund die Hälfte derer, die sich die 40-Stundenwoche wünscht, kann dieses Anliegen auch realisieren. Diese Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit zieht sich durch die letzten zehn Jahre und gibt einen deutlichen Hinweis auf eine starke Unzufriedenheit der ostdeutschen Frauen mit dem ausgeübten Teilzeitjob. Auch in Westdeutschland wünschen sich weibliche Vollzeitkräfte eine deutlich höhere Wochenarbeitszeit: 2007 lag ihre Präferenz bei 36,8 Wochenstunden (plus 2,4 Stunden im Vergleich zu 1993). Abbau von Überstunden könnte die Wünsche beider Geschlechter annähern Arbeitszeiten von mehr als 40 Wochenstunden sind sowohl bei Männern als auch bei Frauen unbeliebt. Im Jahr 2007 war gut die Hälfte der Männer mehr als 40 Wochenstunden tätig - obwohl nur knapp ein Fünftel dies wünschte. Bei den Frauen waren die Unterschiede weniger gravierend, aber ebenfalls vorhanden. Wie ließen sich nun gewünschte und tatsächliche Arbeitszeiten besser in Einklang bringen? „Ein Weg wären weniger Überstunden", sagte die DIW-Arbeitsmarktexpertin PD Dr. Elke Holst. „Häufig wird wesentlich mehr gearbeitet als vertraglich vereinbart. Wunsch und Wirklichkeit von Erwerbstätigen könnten näher zusammenrücken, wenn die vereinbarten Stunden eingehalten würden."

Stichwort SOEP
Das SOEP ist eine seit 25 Jahren laufende repräsentative Wiederholungsbefragung. Im Auftrag des DIW Berlin werden jedes Jahr Personen aus über 10.000 Haushalten in Deutschland von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Das SOEP ist am DIW Berlin angesiedelt und gibt Auskunft über Faktoren wie Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Weil jedes Jahr die gleichen Personen befragt werden, können langfristige soziale und gesellschaftliche Trends besonders gut verfolgt werden. Die SOEP-Daten werden Forscherinnen und Forschern im In- und Ausland für wissenschaftliche Analysen zur Verfügung gestellt.

Vollzeitbeschäftigte wollen kürzere, Teilzeitbeschäftigte längere Arbeitszeiten. Von Elke Holst. In: Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 25/2009 | PDF, 0.53 MB

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Frauenberufe bieten schlechtere Aufstiegschancen

Pressemitteilung vom 04.06.2009 

Zusammenfassung
Der Anteil von Frauen in Führungspositionen in der Privatwirtschaft sank im Jahr 2007 auf das Niveau von vor fünf Jahren und ist mit nur 27 Prozent weiterhin unterdurchschnittlich. Die Daten des Sozio-oekonomischen Panels zeigen, dass weibliche Führungskräfte in hoch qualifizierten Fachpositionen und im unteren Management noch vergleichsweise häufig vertreten sind. Im Mittel- und Top- Management hingegen dominieren männliche Führungskräfte. Dabei mangelt es den Frauen nicht an Qualifikationen - diesbezüglich weisen die Geschlechter kaum Unterschiede auf. Ein wichtiger Grund für die schlechteren Karrierechancen ist die Berufswahl. Frauen wählen mehrheitlich typische „Frauenberufe", die generell weniger Aufstiegschancen eröffnen. Und selbst in diesen Berufen sind es dann eher Männer, die die wenigen Karrierechancen nutzen. Das sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Studie des DIW Berlin.

Text
„Wir müssen uns fragen, warum das so ist. Und hier zeigt sich leider, dass die Gründung einer Familie für Frauen nach wie vor ein großes Karriererisiko darstellt", so DIW-Expertin Elke Holst. „Es ist nach wie vor so, dass Frauen den größten Teil der Familienarbeit übernehmen. Deshalb wählen sie auch häufig Berufe, die sich mit den Anforderungen des Familienlebens vereinbaren lassen, und das sind in der Regel typische Frauenberufe."

Während sich die Gründung einer Familie auf die Karrierechancen der Männer positiv auswirkt, sind beruflich erfolgreiche Frauen häufig nicht verheiratet. Vor allem jene, die bei der Familie zurückstecken, schaffen den beruflichen Aufstieg. Im Jahr 2007 waren mehr als die Hälfte der weiblichen Führungskräfte unverheiratet, fast zwei Drittel lebten ohne Kinder im Haushalt. „Für Frauen ist es auch in der Wirtschaftskrise besonders wichtig, dem Arbeitsmarkt verbunden zu bleiben - und nicht etwa aus falscher Rücksichtnahme den Rückzug in die Familie anzutreten" warnt Elke Holst.

Berufswahl wichtig für Karrierechancen von Frauen und Männern. Von Anne Busch und Elke Holst. In: Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 23/2009 | PDF, 261.61 KB

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Mütter in der „Teilzeitfalle“ - Vollzeit erwerbstätige Mütter sind mit ihrem Leben zufriedener

Pressemitteilung vom: 25.05.2009 

Zusammenfassung
Mütter mit Kindern unter 14 Jahren sind mit ihrem Leben zufriedener, wenn sie Vollzeit arbeiten. Im Vergleich dazu sind Mütter, die wegen der Familie gar nicht arbeiten können oder nur einen Teilzeitjob haben, mit ihrer Lebenssituation deutlich weniger zufrieden. Zu diesem Ergebnis kommt Eva M. Berger, Stipendiatin am DIW Berlin, in ihrer aktuellen Studie.

Text
„Teilzeitarbeit gilt in Deutschland als goldener Standard für Frauen mit Kindern, weil sich so Familie und Beruf - zumindest theoretisch - besser miteinander vereinbaren lassen. Aber ist es das, was Mütter wirklich wollen und was sie zufrieden macht?" Eva M. Berger hat sich diese Frage gestellt und erstmals untersucht, wie es Müttern geht, die aufgrund der familiären Situation nicht erwerbstätig sind oder nur einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen. In Deutschland ist ein großer Teil der Mütter mit Kindern unter 14 Jahren entweder gar nicht oder Teilzeit erwerbstätig. Die Mehrheit dieser Nichterwerbstätigen kann trotz Erwerbswunsch aus familiären Gründen keine Erwerbsarbeit aufnehmen. Hier zeigt sich, dass Mütter mit Teilzeitbeschäftigung zwar zufriedener sind, als jene, die nicht erwerbstätig sind. Aber es zeigt sich auch, dass es den Müttern, denen es gelingt Vollzeit erwerbstätig zu sein, am besten geht. Offenbar kann auch für Frauen mit Kindern der Zeitvorteil einer Teilzeitbeschäftigung die Nachteile nicht aufwiegen. Hier sind neben der schlechteren Bezahlung vor allem die inhaltlich weniger interessante Arbeit sowie die verringerten Aufstiegschancen zu nennen. Für Eva Berger ist hier die Politik gefragt: „Eine wichtige Maßnahme wäre das Betreuungsangebot für Vorschulkinder und auch für Schulkinder weiter auszubauen. Hier kommt es allerdings nicht nur auf Quantität sondern auch auf Qualität an. Die Angebote müssen von den Eltern ja auch angenommen werden. Insgesamt würde auch eine gleichmäßigere Verteilung der Familienarbeit auf Frauen und Männer Müttern erleichtern ihrer Berufstätigkeit nachzugehen." „Maternal Employment and Happiness: The Effect of Non-Participation and Part-Time Employment on Mothers' Life Satisfaction" (SOEPpaper 178) Die Analysen basieren auf den Daten des Sozio-oekonomischen Panels.

Stichwort SOEP
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, die bereits seit 25 Jahren läuft. Im Auftrag des DIW Berlin werden jedes Jahr in Deutschland über 20 000 Personen in rund 11 000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Das SOEP ist als wissenschaftliche Serviceeinrichtung der Leibnizgemeinschaft am DIW Berlin angesiedelt. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Die SOEP-Daten werden Forscherinnen und Forschern im In- und Ausland für wissenschaftliche Analysen zur Verfügung gestellt.

Eva M. Berger (2009): Maternal Employment and Happiness: The Effect of Non-Participation and Part-Time Employment on Mothers’ Life Satisfaction. SOEPpaper 178 | PDF, 281.28 KB

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Langzeitkranke verlieren durch die Kürzung des Krankengelds fünf Milliarden Euro

Pressemitteilung vom 13.05.2009

Zusammenfassung
Infolge der Kürzung des Krankengeldes sind seit 1997 rund fünf Milliarden Euro zugunsten der übrigen Versicherten umverteilt worden. Die Maßnahme trug dazu bei, die Beitragssätze in der Gesetzlichen Krankenkasse stabil zu halten, änderte aber nichts am Verhalten der Langzeitkranken. Die sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Studie des DIW Berlin auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). "Jedem Langzeitkranken stehen seither während der Krankheitsphase im Durchschnitt rund 250 Euro weniger zur Verfügung als zuvor", sagte DIW-Experte Nicolas Ziebarth. "Der Rückgang der Fälle von Langzeitkrankheit ist jedoch definitiv nicht auf die Krankengeldkürzung zurückzuführen".

Text
1997 hatte die Bundesregierung beschlossen, das Krankengeld von 80 Prozent auf 70 Prozent des Bruttolohns zu kürzen. Durch diese Maßnahme sollten die Ausgaben der Krankenkassen reduziert und die Beitragssätze stabilisiert werden. Die Krankenkassen haben seither rund fünf Milliarden Euro eingespart. Der Effekt auf den Beitragssatz blieb mit zuletzt 0,04 Prozentpunkten trotzdem eher marginal. „Krebspatienten feiern nicht krank" Eine Langzeiterkrankung dauert im Durchschnitt vier Monate. Daran hat sich auch nach der Krankengeld-Reform nichts geändert. "Krebspatienten feiern nicht krank!" betont Nicolas Ziebarth. „Unsere Daten zeigen, dass die finanziellen Einschränkungen nicht dazu geführt haben, dass die Betroffenen ihre Arbeit schneller wieder aufnehmen. Das zeigt uns: Unter den Langzeitkranken gibt es kaum Fälle von "Blaumachen" oder „Krankfeiern." Zahl der Langzeiterkrankten stark rückläufig Die Zahl der Langzeiterkrankten ist in der Zeit von 1993 bis 2006 von 2,3 Millionen auf 1, 4 Millionen deutlich zurück gegangen. „Dieser Trend setzte bereits vor der Kürzung des Krankengelds ein und ist auch nicht darauf zurückzuführen." erklärt Ziebarth. „Die Gründe für den Rückgang von Langzeiterkrankungen sind vielfältig: Durch den Strukturwandel ist der Anteil an körperlich stark belastender Arbeit insgesamt zurückgegangen. Verbesserter Arbeitschutz und betriebliche Wiedereingliederungsmaßnahmen haben diesen Trend ebenfalls unterstützt." Weitere Kürzungen des Krankengeld kann Ziebarth nicht empfehlen: „Es ist wissenschaftlich schwer zu sagen, ob 70 oder 80 Prozent optimal sind. Ein Krankengeldniveau von 100 Prozent würde aber sicher schwere Fehlanreize zur Folge haben. Das würde dazu führen, dass viele Arbeitnehmer aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Zudem sollte das Krankengeld nicht allzu stark vom Niveau anderer Sozialleistungen wie dem Arbeitslosengeld I abweichen. In der Summe kann man sagen, dass das derzeitige Niveau angebracht ist."

Stichwort SOEP
Das SOEP ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, die bereits seit 25 Jahren läuft. Im Auftrag des DIW Berlin werden jedes Jahr in Deutschland über 20 000 Personen in rund 11 000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Das SOEP ist als wissenschaftliche Serviceeinrichtung der Leibnizgemeinschaft am DIW Berlin angesiedelt. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft zu Fragen über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Die SOEP-Daten werden Forscherinnen und Forschern im In- und Ausland für wissenschaftliche Analysen zur Verfügung gestellt.

Langzeitkranke verlieren durch die Kürzung des Krankengelds fünf Milliarden Euro. Von Nicolas R. Ziebarth. In: Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 20/2009 | PDF, 288.18 KB

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Neuer Führungskräfte-Monitor: Kaum Verbesserung der Situation von Frauen seit 2001

Freiwillige Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Privatwirtschaft bleibt hinter Erwartung zurück

Zusammenfassung
Seit 2001 gibt es beim Anteil der Frauen in Führungspositionen kaum Fortschritte. In den Top-Positionen der deutschen Wirtschaft sind Männer nahezu unter sich. Die Monatsverdienste der Frauen liegen bei den vollzeitbeschäftigten Führungskräften rund ein Viertel unter dem der Männer. Auch die Sondervergütungen fallen für Frauen geringer aus. "Es gibt positive Ansätze, aber keine Trendwende" sagte DIW-Expertin Elke Holst heute bei der Vorstellung des Führungskräftemonitors, den das DIW Berlin im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend erstellt hat. Holst forderte einen verbindlichen Fahrplan für einen höheren Frauenanteil mit klar zugeordneten Verantwortlichkeiten und Sanktionsmechanismen. Die Studie basiert auf dem Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) und Sondererhebungen.

Text
Eine Ursache für die schlechten Karrierechancen von Frauen ist die Trennung des Arbeitsmarktes in „Frauen"- und „Männerberufe", die sich bis in die Führungspositionen auswirkt. Bildung und Berufserfahrung sowie die Persönlichkeitseigenschaften spielen hingegen kaum eine Rolle für die unterschiedlichen Karrierechancen von Männern und Frauen. Ein besonders hohes Karriererisiko für die Frauen stellt die Familienbildung dar - mit langfristigen Folgen, denn ein verpasster Karriereeinstieg kann später nur schwer korrigiert werden. "Politik und Unternehmen müssen Anreize setzen, damit Frauen nicht nur in typischen Frauenberufen und Männer nicht nur in Männerberufen landen ", sagte Elke Holst. Schließlich sei diese Trennung auch mitverantwortlich für die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen. Das Versprechen der Privatwirtschaft zur Verbesserung der Chancengleichheit von Frauen und Männern aus dem Jahr 2001 wartet bei den Führungspositionen damit noch auf seine Einlösung.

Stichwort SOEP
Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist eine seit 25 Jahren laufende Langzeitbefragung von mehr als 10.000 Haushalten in Deutschland. Das am DIW Berlin angesiedelte SOEP gibt Auskunft über Themen wie Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Weil jedes Jahr die gleichen Haushalte und Personen befragt werden, können langfristige soziale und gesellschaftliche Trends besonders gut verfolgt werden.

FAKTEN UND HINTERGRUNDINFORMATIONEN

2001: Bundesregierung will mehr Frauen in Führungspositionen

Im Jahr 2001 wurde die „Vereinbarung zwischen der Bundesregierung und den Spitzenverbänden der deutschen Wirtschaft zur Förderung der Chancengleichheit von Frauen und Männern in der Privatwirtschaft" geschlossen. Neben der verbesserten Vereinbarkeit von Familie und Beruf, besseren Ausbildungschancen für Frauen und Mädchen und der Verringerung der Lohnlücke ist auch die Erhöhung des Anteils von Frauen in Führungspositionen ein ausdrückliches Ziel dieser Vereinbarung.

Unter Führungskräften werden hier Angestellte in der Privatwirtschaft verstanden, die umfassende Führungsaufgaben wahrnehmen (Direktor/-innen, Geschäftsführer/-innen, Vorstände) oder sonstige Leitungsfunktionen oder hochqualifizierte Tätigkeiten ausüben - etwa als Abteilungsleiter/-innen, wissenschaftliche Angestellte oder Ingenieur/-innen. Wenn im Folgenden also von „Führungskräften" gesprochen wird, umfasst dieser Begriff auch hochqualifizierte Fachkräfte.

Positive Tendenzen, aber keine Trendwende

Von den im Jahr 2006 etwa 5,9 Millionen Führungskräften in Deutschland (einschließlich Angestellter im öffentlichen Dienst und höherer Beamter/-innen) sind knapp 4 Millionen in der Privatwirtschaft tätig. Davon sind 31 Prozent Frauen. Gegenüber 2001 bedeutet dies einen Anstieg um 5 Prozentpunkte. Allerdings ist diese Entwicklung nicht statistisch signifikant. Das heißt, der Anstieg kann nicht als Trendwende gewertet werden, 2007 geht der Frauenanteil sogar wieder zurück. .

Je höher die Funktion in einem Unternehmen, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese von einer Frau ausgeübt wird. Da sich in der SOEP-Stichprobe kaum Frauen mit umfassenden Führungsaufgaben in der Privatwirtschaft befinden, konnte die Repräsentanz von Frauen in Spitzenpositionen der Wirtschaft nur im Rahmen einer Sondererhebung aller Vorstands- und Aufsichtsratmitglieder bei den umsatzstärksten 200 Unternehmen außerhalb des Finanzsektors, den 100 größten Banken sowie bei den 65 nach den Beitragseinnahmen größten Versicherungen ermittelt werden.

Hier zeigt sich, dass in den Schaltzentralen der deutschen Wirtschaft nahezu ausschließlich Männer sitzen. Frauen stellen kaum zwei Prozent der Vorstände. Dies gilt auch für den Finanzsektor, in dem mehr als die Hälfte aller Beschäftigten Frauen sind. In den Aufsichtsräten liegt der Frauenanteil zwar etwas höher. Allerdings sind dies zu rund zwei Dritteln im Rahmen der Mitbestimmung von den Gewerkschaften entsandte Vertreterinnen.

Im europäischen Vergleich liegt Deutschland nur im Mittelfeld

Im Vergleich der größten börsennotierten Unternehmen in 32 ausgewählten europäischen Ländern nimmt Deutschland mit 11 Prozent Frauen in den höchsten Entscheidungsgremien einen Platz im Mittelfeld ein, liegt aber unter dem Durchschnitt der EU-27.

Familienbildungsphase ist mit hohen Karriererisiken für Frauen verbunden

Erstmals wurden in Längsschnittanalysen auf Basis des SOEP Muster in den Führungskarrieren von Frauen und Männern untersucht. Es zeigte sich, dass Männer und Frauen sehr unterschiedliche Führungsverläufe haben: Frauen besetzen Führungspositionen im Durchschnitt kürzer und wechseln häufiger in und aus einer Führungsposition als Männer. Ab einem Alter, in der gewöhnlich die Familienbildung erfolgt (also im Alter zwischen 25 und 35), haben Frauen deutlich höhere Risiken aus der Führungsposition auszuscheiden als Männer. Männer der gleichen Altersgruppe haben hingegen - bei geringerer weiblicher Konkurrenz - bessere Chancen, eine Führungsposition einzunehmen. Hier kommt der Einfluss der traditionellen Arbeitsteilung im Haushalt zum Tragen, die zeitliche Einschränkungen und damit berufliche Nachteile vor allem für Frauen mit sich bringt.

Die Ehe ist für Männer ein wichtiger positiver Faktor für den Einstieg in eine Führungsposition. Offenbar können erfolgreiche Männer von der traditionellen Aufgabenteilung im Haushalt profitieren. Für Frauen erweist sich dagegen eine hohe berufliche Stellung des Partners als Nachteil beim Einstieg in eine Führungsposition. Das Risiko, aus einer Führungsposition auszuscheiden, ist aber für diese Frauen deutlich geringer als für jene, die nicht mit einem Partner in einer Führungsposition zusammenleben. Partnerschaften, in denen beide Partner eine Karriere verfolgen, funktionieren offenbar recht gut.

Selbst Frauen in Führungspositionen verdienen weniger als Männer

Frauen sind nicht nur weniger häufig unter den Führungskräften vertreten, auch ihr Verdienst ist geringer als der der Männer. Der Verdienstunterschied lag 2006 in der Privatwirtschaft unter den Vollzeiterwerbstätigen bei 23 Prozent (Abnahme gegenüber 2001 statistisch nicht signifikant).

Die Höhe des Verdienstes hängt bekanntlich vor allem von Ausbildung und Berufserfahrung ab. In Führungspositionen stehen Frauen den Männern hier nicht nach. Die Analyse verdeutlicht, dass der „gender pay gap" - also die Verdienstlücke zwischen Männern und Frauen - vor allem daraus resultiert, dass Frauen und Männer jeweils in unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen und Berufsfeldern dominieren und unterschiedliche hierarchische Ebenen einnehmen (geschlechtsspezifische Segregation des Arbeitsmarktes). Auch Frauen in Führungspositionen sind häufiger als Männer in Berufen tätig, die stark von ihrem Geschlecht dominiert sind. Von Frauen dominierte Berufe werden im Durchschnitt schlechter bezahlt als Berufe, in denen vorwiegend Männer tätig sind. Arbeiten Männer in geschlechts-atypischen Berufen, erzielen sie dennoch einen höheren Verdienst als Frauen in diesen Berufen. Hinzu kommt, dass Frauen überdurchschnittlich häufig in kleineren Betrieben beschäftigt sind und Männer hingegen häufiger in den mit besseren Verdienstschancen verbundenen Großbetrieben arbeiten. Zudem erreichen Frauen weniger häufig als Männer Top-Positionen mit Spitzenverdiensten. Schließlich schneiden Frauen auch bei den zusätzlich zum Verdienst erhaltenen monetären (Gewinnbeteiligungen, Prämien) und nicht monetären Sondervergütungen (Dienstwagen, Diensthandy) der Führungskräfte schlechter ab.

Unter den Vollzeiterwerbstätigen erreichen verheiratete Frauen im Durchschnitt einen höheren Verdienst als nicht verheiratete. Das mag zunächst überraschen. Das Ergebnis zeigt aber, dass es sich bei diesen Frauen offenbar um hoch motivierte, stark leistungsorientierte Beschäftigte handelt, die weitgehend eine Regelung für die Haus- und Familienarbeit gefunden haben.

Frauen und Männer in Führungspositionen sind gleich gut ausgebildet

Eine gute Ausbildung ist in Führungspositionen von herausragender Bedeutung. Diesbezüglich sind zwischen Frauen und Männern kaum noch Unterschiede feststellbar: Etwa jeweils 60 Prozent verfügen über einen Hochschulabschluss. Die Unterschiede in der Berufserfahrung sind gering und weitgehend altersbedingt: Die Frauen haben zwar durchschnittlich vier Jahre weniger Berufserfahrung, sind aber auch mit durchschnittlich 40 Jahren vier Jahre jünger als Männer in Führungspositionen.

Männer länger im selben Betrieb

Da in Deutschland Führungskräfte häufig aus dem Bestand der Beschäftigten rekrutiert werden, ist die Betriebszugehörigkeitsdauer von großer Bedeutung. Insgesamt sind unter den Führungskräften Frauen im Durchschnitt etwa zwei Jahre weniger als Männer im selben Betrieb tätig; sie weisen besonders häufig eine Betriebszugehörigkeit von zwei bis vier Jahren auf. Männer arbeiten hingegen wesentlich häufiger als Frauen 15 und mehr Jahre im selben Betrieb. Frauen wechseln offenbar häufiger als Männer ihre Stelle und scheinen erst durch einen Stellenwechsel überhaupt in eine Führungsposition aufzusteigen.

Ausbildung wichtiger als Persönlichkeitseigenschaften

Führungskräfte unterscheiden sich in ihren Persönlichkeitsmerkmalen deutlich von den übrigen Angestellten. Frauen in Führungspositionen unterscheiden sich dabei deutlicher von ihren Geschlechtsgenossinnen, die keine Führungskräfte sind, als dies bei Männern der Fall ist.

Allerdings zeigen weitergehende Analysen, dass die untersuchten Persönlichkeitsmerkmale im Vergleich zu den objektiven Indikatoren, wie zum Beispiel Ausbildungsdauer oder Anzahl geleisteter Überstunden, eher von geringerer Bedeutung sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Persönlichkeitsmerkmale gar keine Rolle für die Karrierechancen spielen. Schließlich spiegeln sich in einigen der objektiven Indikatoren - wie etwa die Höhe des Bildungsabschlusses - letztlich auch Persönlichkeitsmerkmale wider.

Führungspositionen sind mit sehr langen Wochenarbeitszeiten verbunden

Gegenwärtig müssen sich Frauen in Führungspositionen den Anforderungen männlich geprägter Lebenswelten meist stark anpassen, um Karriere zu machen. Diese setzen lange Arbeitszeiten voraus, die sich mit Haus- und Familienarbeit kaum in Einklang bringen lassen. Vollzeiterwerbstätige Frauen in Führungspositionen sind mit durchschnittlich 45 Wochenstunden nur etwa zwei Stunden kürzer erwerbstätig als ihre männlichen Kollegen. Die große Bedeutung längerer Arbeitszeiten für die Karrierechancen von Frauen wird auch im internationalen Vergleich sichtbar, der einen Zusammenhang zwischen dem Anteil von Frauen in Führungspositionen und dem Frauenanteil an der Gesamtarbeitszeit in einem Land erkennen lässt. Teilzeitarbeit stellt in Führungsetagen eine Ausnahme dar und erweist sich als Hemmschuh für die berufliche Karriere.

An Werktagen bleibt kaum Zeit für Familie und Hausarbeit

Die alltägliche Zeitnot von Führungskräften wird besonders deutlich an der Tatsache, dass werktags drei von zehn Männern und knapp ein Fünftel der Frauen keinerlei Zeit mit ihren Kindern verbringen. Haus- und Familienarbeiten werden werktags nur in vergleichsweise geringem Umfang ausgeübt; der Schwerpunkt dieser Tätigkeiten liegt auf dem Wochenende. Unterschiede in der Zeitverwendung zwischen Frauen und Männern treten besonders deutlich bei Verheirateten und Personen mit Kindern zutage. Insgesamt leisten Frauen auch unter den Führungskräften deutlich mehr Familien- und Hausarbeit als Männer. Männer dominieren bei Reparatur- und Gartenarbeiten, die jedoch nur in geringerem Umfang durchgeführt werden.

Familienbildung gar nicht oder spät - typisch westdeutsch?

Die mit Hausarbeit und Familie verbundene höhere zeitliche Belastung ist sicherlich mitentscheidend für die Tatsache, dass Frauen in Führungspositionen vergleichsweise seltener verheiratet sind und häufiger ohne Kinder im Haushalt leben als Männer in Führungspositionen. Ein solches Muster ist vor allem in Westdeutschland zu beobachten. Während hier fast 70 Prozent der Frauen in Führungspositionen des Jahres 2006 ohne Kinder (bis 16 Jahre) im Haushalt lebten, traf dies noch nicht einmal für ein Fünftel der Frauen in Ostdeutschland zu.
In Westdeutschland wurden Frauen in Führungspositionen später Mütter als in Ostdeutschland. Knapp die Hälfte hatte mit 30 Jahren oder später ihr erstes Kind zur Welt gebracht - also nachdem die beruflichen Weichen gewöhnlich gestellt sind. In Ostdeutschland bekamen fast alle Frauen in Führungspositionen des Jahres 2006 ihr erstes Kind vor dem 30. Lebensjahr, und zwar im Durchschnitt mit 24 Jahren - also nur ein Jahr später als im Durchschnitt der anderen angestellten Frauen in Ostdeutschland. In Westdeutschland liegen die Vergleichswerte bei 28 und 26 Jahren. Offenbar wirken in Ostdeutschland auch heute noch die für die DDR-typischen Familienbildungsmuster nach.

Drei Punkte zur Verbesserung der Chancengleichheit von Führungskräften in der Privatwirtschaft 2001

Mehr Chancengleichheit von Frauen und Männern auch in Führungsetagen - das ist nach wie vor das zwischen Politik und Wirtschaft fest vereinbarte politische Ziel. Um dieses Ziel zu erreichen, setzt DIW-Expertin Elke Holst vor allem auf drei Schritte:

- Einen verbindlichen Fahrplan mit festen Zielgrößen, klar zugeordneten Verantwortlichkeiten und Sanktionsmechanismen.

- Mehr Transparenz bei der Entlohnung und der Besetzung von Führungsposten. Verstärkte Anreize zur Verminderung der Segregation am Arbeitmarkt zum Beispiel durch früh ansetzende Karriereprogramme.

- Eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch in Führungspositionen. Die unterschiedlichen Lebenswirklichkeiten von Frauen und Männern sollten auch in Führungspositionen bei der betrieblichen Organisation berücksichtigt werden; zum Beispiel könnten Betriebe gezielt fördern, dass Besprechungen nicht ausufern und in der Kernarbeitszeit stattfinden.

Führungskräfte-Monitor 2001-2006

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Frauen putzen mehr und verdienen weniger

Frauen verdienen weniger als Männer.  

Zusammenfassung
Seit Jahren liegt das Einkommen von Frauen durchschnittlich um ein Fünftel unter dem der Männer. Üblicherweise wird diese Lohnkluft mit unterschiedlicher Qualifikation, Berufswahl und Berufserfahrung von Frauen und Männern sowie einer häufigeren Diskriminierung von Frauen durch den Arbeitgeber erklärt. Eine neue Studie des DIW Berlin zeigt jetzt, dass offenbar noch ein weiterer Faktor bei den Einkommensunterschieden eine Rolle spielt: das Ausmaß der Hausarbeit. Männer arbeiten nach wie vor weniger im Haushalt als Frauen - vollbeschäftigte Männer in Paarhaushalten etwa eine Stunde pro Werktag. „Außerdem landet häufig der Teil der Hausarbeit, der am wenigsten Flexibilität für den Job erlaubt, bei Frauen", so die Autorin und DIW-Arbeitsmarktexpertin Silke Anger. „Hausarbeit beansprucht Zeit und Energie, die Frauen sonst in ihren Beruf investieren könnten." Tatsächlich verdienen vollberufstätige Frauen ohne Hausarbeit rund ein Viertel mehr als Frauen mit täglich zwei Arbeitsstunden im Haushalt.


Arbeitsteilung im Haushalt folgt noch immer traditionellen Rollen

Trotz eines Anstiegs der Erwerbsbeteiligung und Wochenarbeitszeit von Frauen hat sich an der Aufteilung der häuslichen Tätigkeiten insgesamt zwischen Frauen und Männern bislang wenig geändert. Selbst vollbeschäftigte Frauen verwenden noch immer deutlich mehr Zeit auf die häusliche Arbeit. „Unter den Vollbeschäftigten haben Männer noch einen Rückstand von etwa einer halben Stunde pro Werktag", so Ko-Autorin Anita Kottwitz. Besonders deutlich seien die Abweichungen, wenn man nur Paare mit gemeinsamem Haushalt betrachte: „Hier beteiligen sich Männer deutlich weniger an der Hausarbeit als allein lebende Männer. Bei Frauen ist es genau umgekehrt."

Diese Unterschiede deuten auf eine nach wie vor bestehende Spezialisierung von Paaren innerhalb eines Haushalts hin: Vollzeitbeschäftigte Männer nehmen mit täglich neun Stunden Erwerbsarbeit die Rolle des Hauptverdieners ein - und mähen am Wochenende den Rasen. Vollzeitbeschäftigte Frauen, die mit ihrem Partner zusammenleben, arbeiten im Schnitt eine halbe Stunde weniger am Arbeitsplatz, dafür übernehmen sie im Haushalt häufiger Wischmopp und Kochlöffel - Tätigkeiten, die sich nicht auf das Wochenende verschieben lassen. Diese Tendenz ist selbst in Haushalten erkennbar, in denen beide Partner vollerwerbstätig sind.

Durch ihre Verantwortung für zeitlich unflexible Haushaltsaktivitäten wie Kochen oder Kinderbetreuung stehen viele Frauen dem Arbeitsmarkt nicht in gleichem Maß zur Verfügung wie Erwerbstätige ohne oder mit flexibleren häuslichen Pflichten. Einkommen und Karriere müssen zurückstehen, wenn die Flexibilität für berufliche Termine oder Überstunden aufgrund der häuslichen Tätigkeit fehlt. Oft ist auch bereits die Arbeitsplatzwahl durch die Verpflichtungen im Haushalt eingeschränkt.

Qualifikation schützt vor der Hausarbeitsfalle

Die Arbeitsteilung im Haushalt hängt stark von den Einkommenssaussichten beider Partner ab. Finanziell lohnt es sich für ein Paar, wenn sich der Partner mit dem schlechteren Verdienst stärker auf die unbezahlte häusliche Tätigkeiten konzentriert. Verdienen beide Partner etwa gleich viel, können sich allerdings beide in gleichem Maß an der Hausarbeit beteiligen, ohne dass dadurch das Haushaltseinkommen sinkt.

Langfristig könnte eine stärkere Gleichberechtigung bei der Hausarbeit große Effekte haben: Eine geringere Belastung im Haushalt könnte Frauen ermutigen, stärker in ihre Karriere zu investieren und eine größere Nähe zum Arbeitsmarkt aufzubauen. Dadurch kann sich die Lohnkluft zwischen den Geschlechtern verringern. Bedingung für Umverteilung ist allerdings, dass Frauen mindestens ebenso qualifiziert sind wie ihre Partner. „Unsere Daten zeigen, dass es wichtig ist, Frauen bei der Erlangung von Qualifikationen zu unterstützen", so die Autorinnen Silke Anger und Anita Kottwitz. Gleichzeitig appellierten sie an Unternehmen und Politik, Frauen den Zugang zu besser bezahlten Tätigkeiten und Führungspositionen zu ermöglichen und Diskriminierung entgegenzuwirken.


Stichwort SOEP

Diese Studie wurde auf Basis von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) erstellt. Das SOEP ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, die bereits seit 25 Jahren läuft. Im Auftrag des DIW Berlin werden jedes Jahr in Deutschland mehr als 20 000 Personen in rund 11 000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung zu soziodemografischen und -ökonomischen Faktoren befragt. Als wissenschaftliche Serviceeinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft ist das SOEP am DIW Berlin angesiedelt. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft über Einkommen und Vermögen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Die SOEP-Daten werden Forscherinnen und Forschern im In- und Ausland für wissenschaftliche Analysen zur Verfügung gestellt.

Mehr Hausarbeit, weniger Verdienst. Von Silke Anger und Anita Kottwitz. In: Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 6/2009 | PDF, 201.48 KB  

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Vermögensungleichheit nimmt zu

Mittlere Jahrgänge im Osten verlieren Vermögen: DIW Berlin befürchtet Altersarmut für Arbeitslose und Ostdeutsche
Pressemitteilung vom 21.01.2009

Zusammenfassung
Die Ungleichheit der Vermögensverteilung in Deutschland ist zwischen 2002 und 2007 stark gestiegen. Dies belegt eine aktuelle Studie des DIW Berlin im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Dabei haben sich auch die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland weiter vergrößert. Besonders besorgniserregend ist der Rückgang des Vermögens der mittleren Altersgruppen in Ostdeutschland. "Wenn die Politik nicht gegensteuert, wird die Altersarmut in Ostdeutschland in Zukunft deutlich zunehmen", befürchten die DIW-Wissenschaftler Joachim Frick und Markus Grabka. Wegen der höheren Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland waren dort mehr Menschen im Zuge der Hartz-Reformen gezwungen, ihr Vermögen aufzuzehren, bevor sie staatliche Hilfe in Anspruch nehmen konnten. 

Details
Während in Westdeutschland die Nettovermögen seit 2002 um gut elf Prozent anstiegen, sind sie in Ostdeutschland um knapp zehn Prozent gesunken. Berücksichtigt man die Inflation, ist der Wert der privaten Vermögen im Osten sogar um 17 Prozent gesunken. Neben der hohen Arbeitslosenquote ist auch der Preisverfall selbstgenutzter Immobilien in Ostdeutschland für diese Entwicklung verantwortlich. Deren durchschnittlicher Wert ist in Westdeutschland im Untersuchungszeitraum um rund 6.000 Euro auf 154.000 Euro gestiegen, in Ostdeutschland hingegen um rund 7.000 Euro auf 80.000 Euro gesunken. Selbstgenutzte Immobilien sind nach wie vor die wichtigste Anlageform in Deutschland.

Mit Blick auf die künftige Alterssicherung besorgniserregend ist auch eine weitere Entwicklung: So ist für die mittleren Altersgruppen von 36 bis 65 Jahren in Ostdeutschland ein deutlicher Vermögensrückgang zu konstatieren. Dieser beläuft sich je nach Altersgruppe auf 7 000 bis 14 000 Euro, was einem Rückgang von 10 bis 17 Prozent entspricht.

Im Westen ist dieser Anteil hingegen seit 2002 rückläufig. Unterschiede zeigen sich auch in der Vermögensstruktur zwischen Ost- und Westdeutschland: Ostdeutsche besitzen deutlich seltener Immobilien und sind häufiger verschuldet - allerdings nicht so hoch wie die Schuldner im Westen.

Die untere Hälfte der Bevölkerung tritt beim Vermögen auf der Stelle

Insgesamt verfügten die privaten Haushalte in Deutschland 2007 über ein Nettovermögen von gut sechs Billionen Euro. Rechnerisch entspricht dies rund 88.000 Euro pro Erwachsenem. Seit der letzten Untersuchung im Jahr 2002 ist dieser Wert inflationsbereinigt um gut zehn Prozent gestiegen. Dies ist vor allem auf die Zunahme des Geldvermögens sowie der Vermögen aus privaten Versicherungen zurückzuführen. Im Gegensatz zum steigenden Durchschnittsvermögen liegt jedoch der Median des Nettovermögens weiterhin bei nur etwa 15.000 Euro. Der Median ist der Wert, der die reichere Hälfte der Bevölkerung von der Ärmeren trennt. Dies bedeutet, dass die Vermögenszuwächse desto höher ausfielen, je größer das vorhandene Vermögen bereits vorher war.

Jeder Vierte hat gar kein Vermögen oder ist verschuldet

Mehr als ein Viertel aller Erwachsenen (27 Prozent) verfügten über kein persönliches Vermögen oder waren sogar verschuldet, während das reichste Zehntel der Bevölkerung über ein Netto-Gesamtvermögen von mindestens 222 000 Euro verfügte.

Die Vermögensentwicklung zeigt auch, dass die politischen Bemühungen um eine verstärkte private Altersvorsorge zumindest bei einem Teil der Bevölkerung Wirkung zeigt. So hat sich der Wert des in Kapitalversicherungen angelegten Vermögens zwischen 2002 und 2007 um rund 18 Prozent vergrößert. Diese Entwicklung kann unter anderem durch die Reformen zur Förderung der privaten Altersvorsorge (Riester- oder Rürup-Rente) erklärt werden. Auch die Sparquote ist zwischen 2002 und 2007 deutlich von 9,9 Prozent auf 10,8 Prozent gestiegen.

"Die Erbschaftsteuerreform wird zu einer weiteren Vermögenskonzentration führen. Es sollte aber das Prinzip der Chancengleichheit gestärkt werden, denn nicht nur die Bildungschancen sondern auch die Höhe der erwarteten Erbschaften werden maßgeblich von der sozialen Herkunft bestimmt", empfehlen Frick und Grabka. "Ein neuerliches Überdenken dieser Reform wäre deshalb geboten".

Stichwort SOEP
Die auf Basis des Sozio-oekonomischen Panels erstellte Studie ist die umfassendste Untersuchung der privaten Vermögensverhältnisse in Deutschland. Das Sozio-oekonomische Panel SOEP ist eine repräsentative Wiederholungsbefragung, die bereits seit 25 Jahren läuft. Im Auftrag des DIW Berlin werden jedes Jahr in Deutschland mehr als 20 000 Personen in rund 11 000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Das SOEP ist als wissenschaftliche Serviceeinrichtung der Leibniz-Gemeinschaft am DIW Berlin angesiedelt. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft über Einkommen und Vermögen, Erwerbstätigkeit, Bildung oder Gesundheit. Die SOEP-Daten werden Forscherinnen und Forschern im In- und Ausland für wissenschaftliche Analysen zur Verfügung gestellt.

Gestiegene Vermögensungleichheit in Deutschland. Von Joachim Frick und Markus Grabka. In: Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 4/2009 | PDF, 269.73 KB  

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Arbeitslosigkeit kann das Kinderkriegen fördern

Pressemitteilung vom 19.01.2009

Zusammenfassung
Bei Frauen mit niedrigem Bildungsniveau fördert Arbeitslosigkeit die erste Mutterschaft. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des DIW Berlin, die der Frage nachgeht, wie sich Arbeitslosigkeit auf Familiengründungen auswirkt. „Joblosigkeit geht einher mit drohenden finanziellen Engpässen, die eine Familiengründung auf eine unsichere Basis stellen. Das schreckt Frauen je nach Bildungsgrad in unterschiedlichem Maße vom Kinderkriegen ab", so DIW-Familienexperte Christian Schmitt, der in seiner Studie die Effekte bei Männern und Frauen aus unterschiedlichen europäischen Wohlfahrtsstaaten untersucht hat


Berufliche Unsicherheit hemmt die Vaterschaft


Erwerbslose Männer schreckten demnach in allen betrachteten Ländern - neben Deutschland, wurden Frankreich, Großbritannien und Finnland betrachtet - vor einer Vaterschaft zurück. Schmitt führt dies auf die Befürchtung zurück, die künftige Familie nicht ausreichend finanziell unterstützen zu können. Dagegen könne Arbeitslosigkeit bei Frauen das Kinderkriegen sogar begünstigen - vor allem bei Frauen mit niedrigem bis mittleren Bildungsniveau, bei denen die Arbeitslosigkeit bereits länger andauere und die Aussichten auf einen schnellen Wiedereinstieg in den Arbeitsmarkt düster seien.

Bei arbeitslosen Frauen entscheidet der Bildungsgrad über das Kinderkriegen

Bei besser ausgebildeten Frauen sei es dagegen eher unwahrscheinlich, dass sie, wenn sie in die Arbeitslosigkeit gerieten, ein Kind bekämen. Sie würden sich eher auf eine schnelle Rückkehr ins Berufsleben konzentrieren. „Ein Kind kann zu einem solchen Zeitpunkt den endgültigen Ausstieg aus dem Arbeitsmarkt bedeuteten und damit sowohl die eigenen Investitionen in die Ausbildung entwerten als auch die Karrierechancen blockieren", so Schmitt. „Zudem schreckt viele gut ausgebildete Frauen die Vorstellung ab, sich in die finanzielle und soziale Abhängigkeit vom Partner begeben zu müssen." Dies gelte vor allem für Frankreich, wo Frauen eine besonders enge Bindung zum Arbeitsmarkt aufweisen würden.

In Deutschland lassen sich Beruf und Familie vergleichsweise schlecht vereinbaren

Besonders ausgeprägt sei die Wahrscheinlichkeit, im Falle von Arbeitslosigkeit ein Kind zu bekommen, in Ländern, in denen Kinderbetreuung und Familie noch stärker als weibliche Pflichten angesehen würden, wie in Deutschland oder Großbritannien. Anders als in Frankreich oder Finnland sei hier die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau noch deutlich von einem traditionellen Rollenverständnis geprägt. „Deutschland und Großbritannien fördern zwar weibliche Karrierechancen mit Frauenquoten und anderen Maßnahmen. Gleichzeitig bleiben die traditionellen Geschlechterrollen aber kulturell und politisch tief verankert", so Schmitt. Dies spiegele sich etwa in dem unzureichenden britischen Mutterschutz wider, in Deutschland in der Vorstellung mütterlicher Betreuungspflichten und dem lückenhaften Angebot an öffentlicher Kinderbetreuung. Ein Kind bedeute damit besonders für Frauen große Verzichte, die durch den Wunsch nach finanzieller Unabhängigkeit noch gesteigert würden.

Vor diesem Hintergrund tendierten deutsche und britische Frauen mit niedrigen Bildungsabschlüssen und langen Phasen ohne Job - Faktoren, die die Rückkehr in den Arbeitsmarkt ohnehin erschweren - besonders dazu, ein Kind zu bekommen. Auch Frauen, die bereits auf die finanzielle Unterstützung eines Partners angewiesen seien, seien im Falle der Arbeitslosigkeit eher bereit für Kinder. Mit steigendem Ausbildungs- und Gehaltsniveau sinke jedoch bei erwerbslosen Frauen die Wahrscheinlichkeit einer ersten Mutterschaft.

Christian Schmitt (2008): Gender-Specific Effects of Unemployment on Family Formation: A Cross-National Perspective. DIW Diskussionspapier Nr. 841 | PDF, 0.63 MB  

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