Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 04.11.2010

20 Jahre Wiedervereinigung: Wie weit Ost- und Westdeutschland zusammengerückt sind

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DIW Berlin: „Die Lebenszufriedenheit in Deutschland ist immer weniger eine Ost-West-Frage, sondern eine, die von der einzelnen Region abhängt.“

Ist inzwischen zusammengewachsen, was zusammengehört? Diese Vision Willy Brandts von November 1989 haben Wissenschaftler des DIW Berlin auf Basis einer einmaligen Langzeitbefragung von mehr als 20.000 Menschen in Ost- und Westdeutschland geprüft. Sie legen damit die bisher umfassendste Bilanz der Lebensbedingungen in Ost und West vor. Die Ergebnisse zeigen ein komplexes Bild: Nach der Vereinigung waren in vielen Bereichen schnelle Fortschritte zu beobachten – die Lebensbedingungen haben sich in Ost und West schnell aufeinander zubewegt. Doch schon seit Mitte der 90er Jahre fächerte sich dieser  Prozess auf: Die Einkommensunterschiede zwischen Ost und West sind beispielsweise zuletzt sogar wieder gestiegen. Gleichzeitig äußern die im vereinigten Deutschland aufgewachsenen jüngeren Ostdeutschen eine ähnliche Lebenszufriedenheit wie die im Westen. Unterschiede bleiben dennoch bestehen – „sie hängen aber immer weniger von Ost und West ab sondern von den konkreten Lebensumständen in der Region“, so DIW-Experte Peter Krause.

 

Ungleichheiten auf dem Arbeitsmarkt haben sich verringert

Ein zentrales politisches Ziel der Wiedervereinigung war die Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West. Entscheidend dafür ist die Einbindung der ostdeutschen Bevölkerung in einen westlich geprägten Arbeitsmarkt. Wichtigster Ost-West-Unterschied: Traditionell gab es in Ostdeutschland eine viel höhere Erwerbsbeteiligung von Frauen als in Westdeutschland. „Was bemerkenswert ist: Hier hat sich der Westen eher an den Osten angeglichen. Der Anteil der erwerbstätigen westdeutschen Frauen hat sich an die ostdeutsche Quote angenähert“, sagt Jan Goebel, Co-Autor der Studie. „Aus der insgesamt höheren Arbeitslosigkeit im Osten ergibt sich aber immer noch eine höhere Erwerbsorientierung der Frauen in Ostdeutschland.“

Formen des Zusammenlebens haben sich gewandelt

„Die Formen des Zusammenlebens sind in Ost- und Westdeutschland in den letzten Jahren ähnlicher geworden“, sagt Peter Krause, Mit-Herausgeber der großen Ost-West-Studie und Wissenschaftler im Bereich Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) im DIW Berlin. „Der Osten war dabei aber viel stärkeren Veränderungen ausgesetzt.“ In beiden Teilen Deutschlands etwa ist der Anteil der Alleinerziehenden-Haushalte gestiegen. Gleichzeitig gebe es weniger klassische Zwei-Eltern-Familien und mehr kinderlose Paar- oder Single-Haushalte – bei den jüngeren und mittleren Jahrgängen hat sich deren Zahl insbesondere in Ostdeutschland stark erhöht. Hier sei auch der Anteil der Familienhaushalte mit mehr als einem Kind rückläufig. „In der DDR hatten der Berufseinstieg und die Familiengründung sehr viel früher stattgefunden. Insbesondere der Rückgang der Kinderzahl ist eine gravierende Konsequenz der hohen Arbeitslosigkeit und Zukunftsunsicherheit, die mit dem Vereinigungsprozess einhergingen“, so Krause.

Einkommensabstand zwischen Ost und West vergrößert sich wieder

Ein Ost-West-Vergleich der Entwicklung und Verteilung der Einkommen zeigt: Ostdeutschland hat sich vor allem bei kleinen und mittleren Einkommen seit Mitte der 90er Jahre rasch an das Westniveau angenähert. Seit 2005 haben die unteren Einkommensgruppen allerdings wieder relativ verloren – der Abstand zu den unteren West-Einkommen ist wieder gestiegen. Die höheren Einkommensgruppen in Ostdeutschland konnten dagegen im Schnitt ihre relative Position zum Westen aufrechterhalten – allerdings gibt es im Osten prozentual viel weniger Haushalte mit hohen Einkommen.

In West wie Ost zeigt sich dagegen, dass sich gerade die Berufseinsteiger immer schlechteren Einkommensbedingungen gegenübersehen. Deren mittlere Einkommen liegen in beiden Landesteilen inzwischen deutlich unterhalb der anderen Altersgruppen. „Dies kann nicht mehr darauf zurückgeführt werden, dass Menschen früher aus dem Elternhaus ausziehen oder längere Ausbildungszeiten haben“, sagt Jan Goebel. „Der Rückgang an Normalarbeitsverhältnissen trifft besonders die Generation der Berufseinsteiger.“ Für die Menschen in Ostdeutschland fällt dieser Prozess insofern gravierender aus, als diese häufiger über niedrigere Einkommen verfügen.

Zufriedenheit mit dem Einkommen hängt vom Alter ab
Die niedrigen Einkommen spiegeln sich auch in der Zufriedenheit mit dem Einkommen wider. So zeigen sich gerade Jugendliche und junge Erwachsene unter 30 Jahren unzufrieden mit ihrem Einkommen. Die Bewertungen der mittleren Altersgruppen reflektieren die jeweilige wirtschaftliche Lage: „Besonders in Ostdeutschland driftet seit der Vereinigung die Zufriedenheit mit dem Einkommen zwischen Jüngeren und Älteren auseinander. Immer mehr der 45- bis 59-Jährigen erleben Phasen der Arbeitslosigkeit, bevor sie in den Ruhestand gehen. Das spielt dabei sicher eine Rolle“, so DIW-Experte Jan Goebel. Dagegen bewerten insbesondere die Senioren ihre Einkommen überdurchschnittlich positiv. „Die ostdeutschen Senioren von heute haben ihre langen Erwerbszeiten aus DDR-Zeiten angerechnet bekommen und zeigen sich mit ihren Einkommen genauso zufrieden wie die Senioren in Westdeutschland.“

Lebenszufriedenheit: Bei Jüngeren kaum mehr pauschale Ost-West-Unterschiede

Die Zufriedenheit mit den Einkommen wirkt sich auch auf die allgemeine Lebenszufriedenheit aus. „Hier gingen die Werte in Ostdeutschland in den 90er Jahren deutlich nach oben, aber es blieb immer eine deutliche Lücke zum Westniveau“, sagt Peter Krause. „Die Ursachen gehen über die insgesamt niedrigeren Einkommen in Ostdeutschland hinaus. Eine Rolle spielt dabei sicher auch die verbreitete Wahrnehmung, Ostdeutsche würden an den gesellschaftlichen Rand des wiedervereinigten Deutschlands gedrängt“, sagt der Politikwissenschaftler Martin Kroh, Co-Autor der Studie und Professor an der Humboldt–Universität zu Berlin. Am unzufriedensten seien Menschen zur Zeit ihres aktiven Erwerbslebens – im Osten noch stärker als im Westen. Im Zuge der Wirtschaftskrise habe sich die Zufriedenheit der Bevölkerung im Erwerbsalter in beiden Landesteilen erneut stark gesenkt.

Bei den Jüngeren steht die unterschiedlich hohe Zufriedenheit zwischen Ost und West eindeutig in Beziehung zu Einkommen, Arbeitslosigkeit und Haushaltskonstellationen – und hängt kaum mehr mit pauschalen Ost-West-Unterschieden zusammen. „Wir gehen davon aus, dass die Benachteiligung – und damit auch die Zufriedenheit – zunehmend lokal und regional konzentriert sein wird“, so Peter Krause.

Stichwort SOEP

Die Untersuchung basiert auf den Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), einer seit 1984 laufenden Langzeitbefragung in Deutschland. Das SOEP ist als multidisziplinäre Einrichtung der „Forschungsinfrastruktur“ am DIW Berlin angesiedelt und gibt Auskunft über Faktoren wie Persönlichkeitsmerkmale, Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Im Auftrag des SOEP werden jährlich mehr als 20.000 Personen in rund 10.000 Haushalten von TNS Infratest Sozialforschung befragt. Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden, können nicht nur langfristige gesellschaftliche Trends sondern auch die gruppenspezifische Entwicklung von Lebensläufen besonders gut analysiert werden.

 

Leben in Ost- und Westdeutschland:
Eine sozialwissenschaftliche Bilanz der deutschen Einheit 1990-2010
Peter Krause und Ilona Ostner (Hrsg.)
Campus Verlag, 796 Seiten mit zahlreichen Grafiken und Tabellen
ISBN: 3593393336

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Ausgewählte Ergebnisse im Überblick

20 Jahre Wiedervereinigung: Wie weit Ost- und Westdeutschland zusammengerückt sind. Von Peter Krause, Jan Goebel, Martin Kroh und Gert G. Wagner. In: Wochenbericht des DIW Berlin 44/2010, S. 2-12. | PDF, 0.84 MB

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)

Das DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) ist seit 1925 eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland. Es erforscht wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Zusammenhänge in gesellschaftlich relevanten Themenfeldern und berät auf dieser Grundlage Politik und Gesellschaft. Das Institut ist national und international vernetzt, stellt weltweit genutzte Forschungsinfrastruktur bereit und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs. Das DIW Berlin ist unabhängig und wird als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert.

Sozio-ökonomisches Panel (SOEP)

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Das SOEP im DIW Berlin wird als Teil der Forschungsinfrastruktur in Deutschland unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und den Ländern gefördert. Für das SOEP werden seit 1984 jedes Jahr vom Umfrageinstitut Kantar Public (zuvor TNS Infratest Sozialforschung) in mehreren tausend Haushalten statistische Daten erhoben. Zurzeit sind es etwa 30.000 Personen in etwa 15.000 Haushalten. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden, können nicht nur langfristige gesellschaftliche Trends, sondern auch die gruppenspezifische Entwicklung von Lebensläufen besonders gut analysiert werden.

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