30 Wellen SOEP (2013)

Das SOEP feiert in diesem Jahr seine 30. Befragungswelle - im Februar 1984 klingelten zum ersten Mal Interviewerinnen und Interviewer an den Türen der Befragten des Sozio-oekonomischen Panel. Im gleichen Jahr begann das SOEP-Team am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung mit der Aufbereitung, Prüfung und Analyse der anonymisierten Umfragedaten.
Welche Ereignisse haben seither das Leben der Menschen in Deutschland geprägt? Was haben die SOEP-Forscherinnen und -Forscher über unsere Gesellschaft im Wandel herausgefunden?

Was bisher geschah, veröffentlichen wir nach und nach in unserer Chronik zu 30 Jahren SOEP - ab heute jede Woche eine Folge.


2013

Welche Ereignisse haben das Leben der Menschen in den vergangenen 30 Jahren geprägt? Was haben die SOEP-Forscherinnen und -Forscher über unsere Gesellschaft im Wandel herausgefunden? Was bisher geschah, haben wir die letzten 30 Wochen in unserer Chronik zu 30 Jahren SOEP erzählt, jede Woche eine Folge.


Vor 30 Jahren klingelten zum ersten Mal Interviewerinnen und Interviewer von TNS Infratest an den Türen der Befragten des Sozio-oekonomischen Panel. Um Antworten gebeten wurden damals 5.921 Haushalte, in denen 12.245 persönlich befragte Erwachsene und 3.928 Kinder lebten. 2013 werden etwa 30.000 Menschen befragt, die in rund 15.000 Haushalten leben. Mit dabei sind in diesem Jahr 2.500 Haushalte von Menschen mit Migrationshintergrund, die in einem gemeinsamen Projekt des SOEP und des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) an der Studie teilnehmen (Pressemitteilung). Das SOEP hat sich zur größten und am längsten laufenden multi-disziplinären Langzeitstudie in Deutschland gemausert.

Was noch passieren wird, erfahren Sie weiterhin auf Facebook.


2012


Anfang des Jahres starben 32 Menschen, nachdem das italienische Kreuzfahrtschiff Costa Concordia vor der Insel Giglio havarierte. Die Finanzkrise trieb im Laufe des Jahres Menschen in mehreren europäischen Ländern auf die Straße, die gegen die Krisenpolitik der eigenen Regierungen protestierten. Der deutsche Bundespräsident Christian Wulff sah sich gezwungen von seinem Amt zurückzutreten. Neuer Bundespräsident wurde Joachim Gauck, der Ende März als elfter Bundespräsident der Bundesrepublik Deutschland vereidigt wurde.

Foto: Rvongher: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Collision_of_Costa_Concordia_11.jpg

Das SOEP veranstaltete Ende Juni seine 10. SOEP-Nutzerkonferenz in Berlin, auf der mehr als 80 SOEP-basierte Forschungsergebnisse von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der ganzen Welt präsentiert wurden. Zentrales Thema der Konferenz war die Verteilung gesellschaftlicher Ressourcen: „Egal ob es um den Zugang zu Arbeit, Bildung und Vermögen geht oder um die persönliche Zufriedenheit – die Chancen in unserer Gesellschaft sind zunehmend ungleich verteilt“, sagte SOEP-Leiter Jürgen Schupp (D-Radio-Artikel; Homepage der Konferenz).

SOEP Team
Foto: Stephan Röhl


Dass auch die Chancen auf ein langes Leben ungleich verteilt sind, zeigt der im September veröffentlichte Wochenbericht einer Forschergruppe um den Stellvertretenden SOEP-Leiter, Martin Kroh. Demnach leben Männer aus ärmeren Haushalten und mit unsicherem Einkommen fünf Jahre kürzer als Besserverdiener. Bei Frauen beträgt die Differenz immerhin dreieinhalb Jahre (DIW-Pressemitteilung), (Zeit-Artikel).

Ende des Jahres gab die Leibniz-Gemeinschaft das positive Ergebnis der Evaluation des DIW Berlin bekannt. Die „forschungsbasierte Infrastruktureinrichtung SOEP“ wurde mit der Note „exzellent“ bewertet.

Im Dezember waren Vertreter des SOEP gemeinsam mit einer Mitarbeiterin von TNS Infratest Sozialforschung zu Gast im Schloss Bellevue, wo Bundespräsident Joachim Gauck das Engagement der Teilnehmerinnen und Teilnehmer der SOEP-Studie würdigte (DIW-Pressemitteilung).

Von links: Joachim Gauck, Prof. Dr. Jürgen Schupp, Christina Lendt, Dr. Ingrid Tucci
Foto: Stephan Röhl


2011


In rasendem Tempo verjagten arabische Revolutionäre im Frühling 2011 ihre totalitären Regierungschefs: Im Januar musste Tunesiens Ben Ali gehen, wenige Wochen darauf Husni Mubarak in Ägypten und im August stürzte Libyens Tyrann Gaddafi (Spiegel-Artikel). Das Tohoku-Erdbeben und der folgende Tsunami führten im März im japanischen Kernkraftwerk Fukushima zu einer folgenschweren Unfallserie in mehreren Reaktorblöcken. Zwei Anschläge in Norwegen, bei denen 80 Menschen umgebracht wurden, überschatteten den Sommer. Drei Ereignisse, die Menschen weltweit berührten und erschütterten.

Foto: Digital Globe: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Fukushima_I_by_Digital_Globe_B.jpg


Doch auch ganz persönliche Lebensereignisse prägen das Leben der Menschen. Inwiefern sie das tun, dem gehen seit etwa 2006 SOEP-Forscher zunehmend aus psychologischer Perspektive nach. So zeigt etwa die 2011 im Journal of Personality and Social Psychology veröffentlichte Studie der Psychologin Jule Specht von der Freien Universität Berlin, dass sich einschneidende Erlebnisse deutlich auf die Persönlichkeit auswirken (Specht, J., Egloff, B., & Schmukle, S. C. “Stability and change of personality across the life course: The impact of age and major life events on mean-level and rank-order stability of the Big Five.“ Journal of Personality and Social Psychology, Vol 101(4), October 2011, pp. 862-882). Junge Erwachsene werden zum Beispiel gewissenhafter, wenn sie ihre erste Arbeitsstelle antreten. Wenn Menschen in Rente gehen, lässt diese Gewissenhaftigkeit wieder nach. Nach der Heirat sinkt bei den meisten Menschen die Offenheit für Erfahrungen. Kommt es allerdings zu einer Trennung, werden zumindest die Männer wieder offener (Pressemitteilung des DIW Berlin), (D-Radio-Artikel).

Ein wichtiges Ereignis für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des SOEP war die personelle Neustrukturierung zu Beginn des Jahres: Der SOEP-Leiter Gert G. Wagner wurde am 11. Februar vom Kuratorium des DIW Berlin für knapp zwei Jahre zum Vorsitzenden des Vorstands berufen. Die Interimsleitung des SOEP übernahmen für diese Zeit seine bisherigen Stellvertreter Joachim R. Frick und Jürgen Schupp (DIW-Nachricht vom 11.02.2011).

 
Der Kuratoriumsvorsitzende des DIW Berlin stellt den gerade frisch berufenen Vorstand der Öffentlichkeit vor.
Foto: Christine Kurka
Jürgen Schupp und Gert G. Wagner
Foto: Stephan Röhl

Zu den traurigsten Ereignissen in der SOEP-Geschichte zählte der 16.12.2011. An diesem Tag verstarb Joachim Frick im Alter von 49 Jahren nach einer Krebserkrankung. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des SOEP verloren in ihm einen warmherzigen und verlässlichen Freund, einen geschätzten, engagierten und hochproduktiven Kollegen und einen international vernetzten Pionier der komparativen Panelanalyse (DIW-Nachricht vom 19.12.2011).


2010


Im Februar riskierte Margot Käßmann, die damals erste weibliche Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, alkoholisiert eine kurze Fahrt nach Hause und überfuhr dabei eine rote Ampel. Sie verlor deshalb nicht nur ihren Führerschein, sondern trat auch von ihrem Amt zurück. Als im April der Vulkan Eyjafjallajökull in Island ausbrach und eine riesige Aschewolke in die Luft schleuderte, vermied man jedes Risiko und verhängte ein Flugverbot. Im Dezember stürzte Samuel Koch beim Versuch in der Sendung „Wetten dass…?“ über ein fahrendes Auto zu springen so schwer, dass er seither gelähmt ist. Sein Unfall führte zu einer breiten Diskussion darüber, wie viel Risiko eingegangen werden darf, um Einschaltquoten zu erhöhen.

Foto: Árni Friðriksson: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eyjafjallajokull-April-17.JPG


Die Risikoneigung der Menschen in Deutschland wird im SOEP seit 2004 erhoben: Auf einer Skala von Null (= gar nicht risikobereit) bis Zehn (= sehr risikobereit) schätzen die Befragten den Grad ihrer Risikobereitschaft selbst ein. Unter anderem zeigen die SOEP-Daten: Männer wagen mehr als Frauen. Große Menschen sind risikofreudiger als kleine. Wer Eltern mit Abitur hat, geht eher Risiken ein als andere. Und: Wer mehr wagt, ist in seinem Leben zufriedener. Das sind die zentralen Ergebnisse einer 2011 im „Journal of the European Economic Association“ veröffentlichten Studie, die eine Forschergruppe um die beiden SOEP-Leiter Gert G. Wagner und Jürgen Schupp zusammen mit experimentellen Ökonomen erstellt haben (Pressemitteilung des DIW Berlin).

Copyright: DIW Berlin

Dass Bundestagsabgeordnete risikofreudiger sind als die Bürger in Deutschland, zeigt eine weitere SOEP-Studie zum Thema, die 2013 veröffentlicht wurde (Pressemitteilung des DIW Berlin). Insgesamt sind bisher etwa 30 Studien auf Basis der im SOEP erhobenen Risikoeinstellungen erschienen.

Copyright: DIW Berlin

Im Juni 2010 nahmen das SOEP und TNS Infratest erstmals an der langen Nacht der Wissenschaften in Berlin teil und präsentierten den Besuchern unter anderen den Greifkrafttest: Dabei messen die Interviewerinnen und Interviewer der SOEP-Befragung die Greifkraft der Hände, um verlässliche Aussagen über den tatsächlichen Gesundheitszustand der Befragten zu treffen (Bericht über die 'Lange Nacht' im SOEP).

Copyright: DIW Berlin

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2009 - 2000


2009

Müllbeseitigung, Sicherheitsfimen, Pflegedienste: Für mehr als drei Millionen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus insgesamt sechs Branchen im Niedriglohnsektor hat die Änderung des Entsendegesetzes die gesetzliche Grundlage für die Einführung von Mindestlöhnen geschaffen. Im Februar 2009 hatte der Bundesrat entsprechende Regeln des Bundestags auf den Weg gebracht (Spiegel-Artikel).

Lichtblick (Copyright)  Pflege F rsorge


Bis heute gibt es in Deutschland keinen flächendeckenden Mindestlohn, aber zahlreiche Modellrechnungen über dessen Auswirkungen. Mit einer Simulationsstudie auf Basis der SOEP-Daten errechnete zum Beispiel der DIW-Ökonom Kai-Uwe Müller 2009, wie groß mögliche Beschäftigungsverluste aufgrund eines allgemeinen Mindestlohns ausfallen könnten. Ergebnis: Ein flächendeckender Mindestlohn von 7,50 Euro hätte eher moderate Arbeitsplatzverluste zur Folge; rund 290 000 Arbeitsplätze würden verloren gehen (Wochenbericht 26/2009).

Im Herbst würdigte der Wissenschaftsrat das SOEP als eine der wichtigsten Forschungsinfrastrukturen im Bereich der Sozial-, Wirtschafts- und Verhaltenswissenschaften (Pressemitteilung des DIW Berlin). Die positive Empfehlung war das Ergebnis der zweiten Evaluation des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP). Professor Peter Strohschneider, damals Vorsitzender des Wissenschaftsrates: „Die Daten des SOEP ermöglichen eine beeindruckende Bandbreite empirischer Forschung und tragen damit auf herausragende Weise zu einem besseren Verständnis des Lebens der Menschen in unserer Gesellschaft über den gesamten Lebensverlauf hinweg bei" (mehr Informationen).

2008

Am 15. September 2008 schwappte mit der Lehman-Pleite die Bankenkrise in die deutsche Volkswirtschaft. An diesem Tag musste die viertgrößte US-Investmentbank Lehman Brothers Konkurs anmelden, nachdem die damalige amerikanische Regierung eine Rettungsaktion abgelehnt hatte. Der Zusammenbruch der Bank führte zu einer Beschleunigung der Finanzmarktkrise und versetzte die Märkte rund um den Erdball in einen Schockzustand (Hintergrundinformationen).

Die SOEP-Forscher reagierten schnell und nahmen im folgenden Jahr eine neue Frage in ihre „Sorgenbatterie“ auf: „Wie sehr sorgen Sie sich um die Stabilität der Finanzmärkte?“ Das Ergebnis der Befragung: 49 Prozent der Bürger fürchteten sich vor instabilen Märkten. In Westdeutschland war diese Sorge größer als in Ostdeutschland und bei Abiturienten größer als bei Menschen mit einer geringeren Bildung.
2011 fürchteten sich nur noch 30 Prozent der Bürger vor instabilen Märkten. „Man darf nicht vergessen, dass die breite Bevölkerung sich seit einigen Jahren an die Krise gewöhnt hat, und auch die hohe Erwartung an stabile Finanzmärkte gesunken ist“, sagte SOEP-Leiter Jürgen Schupp gegenüber der ZEIT.

Für das SOEP war 2008 ein höchst erfreuliches Jahr. Anfang des Jahres ging die 25. Befragungswelle ins Feld (mehr Informationen), Anlass für eine Informationsbroschüre des BMBF.

 
Im April wurde die Forschungsleistung der Abteilung SOEP im Rahmen des 'Forschungsrating Soziologie' des Wissenschaftsrates mit „exzellent“ bewertet. Damit gehört das SOEP zur Spitzengruppe der drei besten soziologischen Forschungseinrichtungen in Deutschland (Pressemitteilung). Im Dezember erschien die fünftausendste Publikation auf Basis von SOEP-Daten (Pressemitteilung). Gefeiert wurde ein Vierteljahrhundert SOEP auf einer Veranstaltung im ehemaligen Postfuhramt in Berlin im Juli, auf der ein mit Vertreterinnen und Vertretern aus Wissenschaft und Politik hochkarätig besetztes Podium über ‚Leben in Deutschland‘ diskutierte.

 


2007

In der Nacht zum 05. März tauchte eine totale Mondfinsternis den Erdtrabanten in ein orangefarbenes bis rötliches Licht – ein Schauspiel, das in mehreren europäischen Ländern zu beobachten war. Vom 6. bis zum 8. Juni berieten auf dem G8-Gipfel in Heiligendamm die Staats- und Regierungschefs der sieben führenden Industriestaaten und Russlands über eine globale Klimaschutzstrategie und Hilfsmaßnahmen für Afrika. Am 1. September trat in ganz Deutschland das Rauchverbot in Behörden, öffentlichen Verkehrsmitteln und Bahnhöfen in Kraft (Focus-Artikel).

Foto: Knuwu: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Eclipse070304.JPG


Hat das Rauchverbot zu einer messbaren Veränderung im Verhalten der Menschen in Deutschland geführt? Dass vor allem junge Großstädter seither weniger rauchen, zeigt eine Studie, die die SOEP-Ökonomen Silke Anger und Thomas Siedler zusammen mit einem Kollegen aus dem RWI 2011 im Journal of Health Economics veröffentlichten. Ergebnis: 2006 waren etwa 40 Prozent der jungen Erwachsenen Raucher. Seit Einführung des Rauchverbots war diese Zahl um drei Prozentpunkte gesunken. In der Gesamtbevölkerung konnten die Forscherinnen und Forscher hingegen keinen generellen Rückgang des Nikotinkonsums feststellen. (Anger, Silke, Michael Kvasnicka und Thomas Siedler (2011). One Last Puff? Public Smoking Bans and Smoking Behavior. Journal of Health Economics 30(3): 591-601; Vorveröffentlichung als SOEPpaper 289 | PDF, 495.49 KB ).

Foto: GeorgHH: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/43/Rauchfreier_Bahnhof_004.jpg?uselang=de

Das Rauchverhalten der Menschen in Deutschland kann mit SOEP-Daten aus ganz unterschiedlichen Perspektiven analysiert werden. Zum Beispiel belegt eine 2010 im DIW-Wochenbericht veröffentlichte Studie, dass Scheidungskinder früher und öfter als Gleichaltrige aus klassischen Familienverhältnissen zur Zigarette greifen. „Insbesondere die Scheidung der Eltern während der Kindheit erhöht das Rauchrisiko“, sagt Thomas Siedler, einer der Autoren. (Francesconi, Marco, Stephen P. Jenkins, Quirin Schimeta und Thomas Siedler (2010). Scheidungskinder rauchen mehr. Wochenbericht des DIW Berlin 77 (34): 2-7)

 

Der SOEP-Forscher Jan Marcus konnte in einer 2012 als SOEPpaper veröffentlichten Studie zeigen, dass der Verlust des Arbeitsplatzes oft dazu führt, dass Menschen mit dem Rauchen beginnen und an Gewicht zulegen. (Marcus, Jan (2012). Does job loss make you smoke and gain weight? SOEPpapers 432 | PDF, 454.96 KB ). Die Arbeit wird in Kürze auch in überarbeiteter Form in der Zeitschrift Economica veröffentlicht werden.


2006

Viele werdende Mütter und Väter hofften Ende 2006, dass sich ihr Kind bis zur Geburt noch ein paar Tage Zeit lassen würde. Denn 2006 wurde das Elterngeld beschlossen, das am 1. Januar 2007 in Kraft trat und das das zuvor gewährte Erziehungsgeld ersetzte. Mütter und Väter, die in Elternzeit gehen, bekommen seither im ersten Lebensjahr des Kindes vom Staat in der Regel 67 Prozent ihres letzten Nettoeinkommens (ZEIT-Artikel).

Was hat das Elterngeld arbeitsmarkt- und familienpolitisch gebracht? Die DIW-Forscherinnen C. Katharina Spieß und Katharina Wrohlich schätzten 2006 auf der Basis von SOEP-Daten, dass das Elterngeld Mütter mit kleinen Kindern zu einem früheren Wiedereinstieg in den Beruf ermutigen würde. Dieser Effekt könnte allerdings noch höher sein, wenn das Betreuungsangebot für Kinder unter drei Jahren, vor allem in den westdeutschen Bundesländern, verbessert würde, betonten die Wissenschaftlerinnen. (Spieß, C. Katharina und Katharina Wrohlich (2006). Elterngeld: Kürzere Erwerbspausen von Müttern erwartet. Wochenbericht des DIW Berlin 73 (48): 689-693 | PDF, 272.19 KB und eine Pressemitteilung dazu).

Father with children visiting the natureBy Hillebrand Steve, U.S. Fish and Wildlife Service [Public domain], via Wikimedia Commons

Dass die Forscherinnen mit ihrer damaligen Prognose richtig lagen, zeigt ein jüngerer DIW-Wochenbericht, der 2012 erschien. Demnach war zwar die Erwerbstätigkeit von Müttern mit Kindern im ersten Lebensjahr zurückgegangen. Mütter mit Kindern im zweiten Lebensjahr hatten jedoch in Folge der Einführung des Elterngeldes eine höhere Wahrscheinlichkeit, in den Beruf zurückzukehren. Das galt vor allem für Mütter mit niedrigen Einkommen und für Mütter in Ostdeutschland. (Geyer, Johannes, Peter Haan, C. Katharina Spieß und Katharina Wrohlich (2012). Elterngeld führt im zweiten Jahr nach Geburt zu höherer Erwerbsbeteiligung von Müttern. Wochenbericht des DIW Berlin 79 (9): 3-10 | PDF, 236.23 KB ).

2005

Im Jahr 2005 wurde Angela Merkel zur ersten Bundeskanzlerin und die Menschen in Deutschland wurden Papst. „Wir sind Papst!“ titelte die Bild-Zeitung am 20. April 2005, einen Tag nachdem Joseph Kardinal Ratzinger zum Oberhaupt der katholischen Kirche gewählt worden war. Benedikt XVI. war der erste deutsche Papst seit Hadrian IV. (1522 bis 1523). Bei der Abschlussmesse des Kölner Weltjugendtages im August jubelten ihm rund eine Million Pilger zu (Spiegel-Fotostrecke).

Angela Merkel (2008)
 
Benedikt.XVI.Petersplatz.GuterHirte
 Foto: א (Aleph) http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Angela_Merkel_(2008).jpg   Foto: Rvin88; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Benedikt.XVI.Petersplatz.GuterHirte.jpg

Wie es die Menschen in Deutschland mit der Kirche halten, ergründen SOEP-Forscherinnen und -Forscher seit Beginn der Studie. So fand etwa Richard Traunmüller von der Universität Konstanz heraus, dass regelmäßige Gottesdienstbesucher einen größeren Freundeskreis haben und mehr Kontakte zu ihren Nachbarn pflegen als nicht religiöse Menschen (Pressemitteilung; Vorveröffentlichung als SOEPpaper 144 | PDF, 1.36 MB ).

Eine Studie des Chemnitzer Soziologen Daniel Lois zeigt: Im Laufe ihres Lebens werden die Deutschen immer religiöser. „Mit zunehmendem Alter besuchen vor allem die Westdeutschen immer häufiger einen Gottesdienst“, sagt Lois. Die Zahl der Gottesdienstbesuche nimmt vor allem nach der Heirat und nach der Einschulung der Kinder zu. Die religiösen Gewohnheiten der Ostdeutschen ändern sich durch familiäre Ereignisse dagegen nicht (Pressemitteilung).

Der australische Glücksforscher Bruce Headey fand mit SOEP-Kolleginnen und -Kollegen heraus, dass religiöse Praxis mit einer höheren Lebenszufriedenheit einhergeht (Headey, Bruce, Jürgen Schupp, Ingrid Tucci & Gert G. Wagner (2010): Authentic Happiness Theory Supported by Impact of Religion on Life Satisfaction: A Longitudinal Analysis with Data for Germany. The Journal of Positive Psychology, 5 (1), 73-82; Vorveröffentlichung als SOEPpaper 151 | PDF, 299.45 KB ).


2004

2004 fanden in den neuen Bundesländern wieder Montagsdemonstrationen statt – gegen den Sozialabbau, vor allem gegen die Einführung von Hartz IV. Wie sehr die Reform der Sozialsysteme die Menschen bewegte, zeigte auch die Entscheidung der Gesellschaft für deutsche Sprache, die „Hartz IV“ zum Wort des Jahres kürte.


Foto: Björn Láczay: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/1/1a/Anti-Hartz-Demo.jpg

Im Mai verabschiedete sich Bundespräsident Johannes Rau mit einer Rede zum „Vertrauen in Deutschland" von der politischen Bühne. „Noch nie hatten so wenig Menschen in Deutschland Vertrauen in die Politik einer Regierung", sagt er. „Und noch nie haben gleichzeitig so wenige geglaubt, die Opposition könnte es besser" (Spiegel-Artikel). 

Bundespräsident Rau war 2003 im DIW Berlin und hat sich dort u.a. über das SOEP informieren lassen. Copyright: DIW Berlin

Eine im DIW-Wochenbericht veröffentlichte Sondererhebung des SOEP zeigte, dass es in Deutschland damals durchaus Anzeichen für eine Vertrauenskrise gab. Demnach war das Vertrauen in die Politik weitgehend verloren gegangen, und auch den großen Wirtschaftsunternehmen und den Gewerkschaften wurde nur noch wenig Vertrauen entgegengebracht. Familie und Freunden vertrauten hingegen mehr als 90 Prozent der Befragten. (Schupp, Jürgen und Gert G. Wagner (2004). Vertrauen in Deutschland: Großes Misstrauen gegenüber Institutionen. Wochenbericht des DIW Berlin 71(21): 311-313 (Pressemitteilung).

2004 war auch das Jahr, in dem das SOEP erstmals den SOEPmonitor zur Verfügung stellte. Die wichtigste Funktion des Monitors ist es, den SOEP-NutzerInnen einen "Benchmark" für ihre eigenen Studien zu liefern, d.h. das SOEP bietet ihnen mit seinen "Eckzahlen" Anhaltspunkte für die Beurteilung der eigenen Berechnungen (SOEPmonitor-Seite).


2003

„Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen." Mit diesen Worten rief der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder in seiner Regierungserklärung am 14. März 2003 die Agenda 2010 ins Leben, die bis dahin größte Arbeitsmarktreform in der Geschichte der Bundesrepublik. Die Sozialsysteme sollten saniert, die Lohnnebenkosten auf unter 40 Prozent gesenkt und der Arbeitsmarkt flexibler gestaltet werden – unter anderem durch eine Deregulierung der Zeitarbeit (DW-Artikel und ARD-Artikel).

Bis heute ist die gewerbliche Zeitarbeit umstritten, unter anderem weil Zeitarbeiterinnen und -arbeiter weniger verdienen als andere Angestellte. Im DIW-Wochenbericht 46/2003 schätzten die beiden Ökonomen Axel Werwatz und Michael Kvasnicka auf Basis der SOEP-Daten erstmals methodisch fundiert den Lohnabschlag bei Zeitarbeitnehmern. Das Ergebnis: Zeitarbeiterinnen und -arbeiter müssen tatsächlich einen signifikanten Lohnabschlag hinnehmen. Der ist allerdings bis zu fünfzig Prozent geringer, als bislang angenommen. (Kvasnicka, Michael und Werwatz, Axel (2003). Arbeitsbedingungen und Perspektiven von Zeitarbeitern. Wochenbericht des DIW Berlin 70(46): 717-725 | PDF, 0.72 MB ). Für ihre Studie wurden die Wissenschaftler mit dem Preis für den besten Wochenbericht des DIW Berlin geehrt.

Das SOEP hatte 2003 einiges zu feiern: Unter dem Titel "Past Achievements and Future Prospects of Household Panel Studies from Interdisciplinary and Cross-national Perspectives" fand an historischem Ort im Rathaus Schöneberg in Berlin aus Anlass der 20. Befragungswelle die SOEP Anniversary Conference statt.

SOEP-Direktor Gert G. Wagner begrüßte den zur Zeit des Mauerfalls Regierenden Bürgermeister von Berlin, Walter Momper. An der Rezeption für die Konferenz lagen die 'Jubiläums'-T-Shirts bereit.

Darüber hinaus wurde das SOEP 2003 als Einrichtung, die in erheblichem Umfang wissenschaftliche Infrastrukturaufgaben wahrnimmt, aufgrund einer Empfehlung des Wissenschaftsrats als „selbständige Abteilung“ innerhalb des DIW Berlin verankert. Seither wird das SOEP gemeinsam durch Bund und Länder im Rahmen der Leibniz Gemeinschaft gefördert. Das bisher im Rahmen der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Projekt SOEP hat sich zur forschungsbasierten Infrastruktureinrichtung entwickelt.

2002

In der Neujahrsnacht 2002 spuckten die Geldautomaten erstmals die neuen Scheine aus: Für mehr als 300 Millionen Menschen wurde der Euro zum Zahlungsmittel. Als Buchgeld war die neue Währung bereits 1999 eingeführt worden. In Deutschland, wo er die stabile D-Mark ablöste, war der Euro zunächst als „Teuro“ verschrien (Spiegel-Artikel).

Im 30. DIW-Wochenbericht des Jahres untersuchten die SOEP-Forscher Bettina Isengard und Thorsten Schneider die Einstellung der Menschen in Deutschland zur neuen Währung. Die SOEP-Daten zeigten: Etwa die Hälfte (56 %) der Befragten machten sich damals Sorgen im Zusammenhang mit der Einführung der neuen Währung. Andererseits glauben 70 % der Menschen in Deutschland, dass der Euro die Einheit Europas fördern würde. Die Menschen versprachen sich also eher einen politischen als einen wirtschaftlichen Nutzen von der neuen Währung (Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 30/2002 | PDF, 220.66 KB ).

Dass die neue Währung selbst einmal zum Sorgenkind werden würde, konnte damals kaum jemand ahnen – das sollte sich 2009 ändern, als die globale Bankenkrise zu einer hohen Verschuldung der Staaten in der Euro-Zone führte.

Das SOEP feierte 2002 seine 5. SOEP-Nutzerkonferenz in den Räumen der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften.

Homepage der Konferenz


2001

Der 11. September 2001 veränderte die Welt: Islamistische Attentäter steuerten zwei entführte Flugzeuge in die Türme des World Trade Center. In Echtzeit verfolgten Fernsehzuschauer weltweit den Einsturz der Gebäude. Eine dritte Maschine flog ins Pentagon, eine vierte stürzte ab. Die Anschläge kosteten etwa 3000 Menschen das Leben (Spiegel-Artikel).

FEMA - 3889 - Photograph by Andrea Booher taken on 09-13-2001 in New York

Foto: Andrea Booher: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/45/FEMA_-_3889_-_Photograph_by_Andrea_Booher_taken_on_09-13-2001_in_New_York.jpg

Was bedeutete 9/11 für das Leben der Menschen in Deutschland? Eine Studie der Ökonomin Simone Schüller vom Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA) belegt, dass die Anschläge vom 11. September die Einstellung der Deutschen zum Thema „Einwanderung“ verändert haben. Die Menschen in Deutschland machten sich infolge der Attentate größere Sorgen über die Einwanderung als zuvor und zeigten sich gleichzeitig weniger besorgt, wenn es um Ausländerfeindlichkeit ging. Das war besonders bei weniger gebildeten Menschen der Fall (SOEPpapers 534 | PDF, 345.35 KB ).

Eine Studie der damaligen DIW-Mitarbeiterin Cathérine Müller, die 2008 im DIW-Wochenbericht erschien, belegt: Sieben Jahre nach den Anschlägen vom 11. September sorgten sich die Menschen hierzulande mehr um den globalen Terrorismus als um ihre persönliche wirtschaftliche Lage. Besonders besorgt waren Frauen und ältere sowie weniger gebildete Menschen (Studie von Müller | PDF, 165.69 KB und Artikel zur Sorge um Terrorismus (Augsburger Allgemeine)).

2000

Die Apokalyptiker hatten sich getäuscht: Zur Jahrtausendwende ging die Welt nicht unter, selbst die von Fachleuten befürchteten weltweiten Computerzusammenbrüche blieben aus (Spiegel-Artikel und Cartoon). Im Juni eröffnete Bundespräsident Johannes Rau in Hannover mit der EXPO 2000 die erste Weltausstellung auf deutschem Boden, unter dem Motto "Mensch, Natur und Technik - Eine neue Welt entsteht“.

Auch für das SOEP brachte das Jahr 2000 gute Nachrichten: Die Zahl der befragten Haushalte wurde um etwa 6000 erweitert, also fast verdoppelt. So konnten die SOEP-Forscherinnen und -Forscher im folgenden Jahr, also 2001, die Angaben von etwa 13.000 Haushalten für Ihre Auswertungen nutzen. Möglich wurde dieser Aufwuchs durch die vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) geförderte so genannte Innovations-Stichprobe F. Diese wurde gezogen, um auf Basis einer großen Fallzahl bessere Analysen kleiner Teilgruppen der Bevölkerung zu ermöglichen (alte Archivseite).


Im Juli fand die 4. Internationale SOEP- Konferenz im Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) statt. Erstmals wurden hier die Preise für die besten Publikationen auf Basis des SOEP verliehen (Best Publication Prize). Gewinner des Ersten Preises für die Beste Publikation waren David M. Blau und Regina T. Riphahn, die untersucht hatten, wie Ehepaare ihren Renteneintritt koordinieren. Ergebnis: Ehemänner bleiben länger erwerbstätig, wenn ihre Partnerinnen noch arbeiten, und Ehefrauen hören eher auf zu arbeiten, wenn der Partner bereits im Ruhestand ist. (David M. Blau, University of North Carolina und Regina T. Riphahn, Ludwig-Maximilians-Universität München: "Labor force transitions of older married couples in Germany" (Download: IZA DP No. 5, 1999 erschienen in Labour Economics). 

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1999 - 1990


1999

Mit breiter Mehrheit verabschiedete der Deutsche Bundestag im Mai 1999 das neue Staatsbürgerschaftsrecht. Seit der Gesetzesreform erhalten in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern bei der Geburt die doppelte Staatsbürgerschaft. Sie müssen sich dennoch bis zum 23. Lebensjahr entweder für den deutschen Pass oder die Staatsangehörigkeit von Vater oder Mutter entscheiden (Spiegel-Artikel).


Wer darf Deutscher werden und wer nicht? Wie sich die Einstellung der Deutschen zu Zuwanderung und Einbürgerung seit 1999 entwickelt hat, zeigt eine 2009 im DIW-Wochenbericht veröffentlichte Studie, die die SOEP-Migrationsexpertin Ingrid Tucci zusammen mit Claudia Diehl von der Universität Göttingen erstellt hat. Demnach waren 1999 mehr als ein Drittel aller Bundesbürger ohne Migrationshintergrund sehr besorgt wegen des Themas Zuwanderung. Zehn Jahre später lag der Anteil nur noch bei einem Viertel (Interview mit Ingrid Tucci).

Die Studie zeigte auch: Immer mehr Bundesbürger ohne Migrationshintergrund („Deutsche“) sind der Meinung, dass vor allem das Verhalten für die Einbürgerung ausschlaggebend sein sollte. Hingegen halten weniger Deutsche die „ethnisch deutsche Abstammung“ für das entscheidende Kriterium (DIW-Wochenbericht "Fremdenfeindlichkeit und Einstellungen zur Einbürgerung" | PDF, 287.58 KB ).

Für Ihre Studie hatten die Forscherinnen SOEP-Daten und Daten der Allgemeinen Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS) ausgewertet (alte Archivseite).


1998

Etwa 40.000 Menschen in bis zu 200 deutschen Städten gingen im Februar 1998 auf die Straße, um gegen die hohe Arbeitslosigkeit zu demonstrieren. Anlass war die Veröffentlichung der Arbeitsmarktzahlen im Januar des Jahres: Demnach lag die Arbeitslosenquote bei 12,6 Prozent.
Video-Beitrag im ZDF, Panorama: Erster Aktionstag der Arbeitslosen in Deutschland

Was bedeutet Arbeitslosigkeit für den Einzelnen? In einer 1998 veröffentlichten SOEP-Studie konnten die Ökonomen Liliane Winkelmann und Rainer Winkelmann zeigen, dass ein Jobverlust unglücklich macht und dass sich diese Unzufriedenheit bei weitem nicht durch den Verlust des Einkommens erklären lässt. Die Studie zählt zu den am häufigsten zitierten SOEP-Studien.
Winkelmann, Liliana und Rainer Winkelmann (1998): Why are the unemployed so unhappy? Evidence from panel data. Economica, 65 (257): 1-15.

Um Arbeitslosen eine Alternative zur bezahlten Arbeit zu ermöglichen, propagierte unter anderem der Soziologe Ulrich Beck als führendes Mitglied der von den Ministerpräsidenten Bayerns und Sachsens initiierten Kommission für Zukunftsfragen die ehrenamtliche Bürgerarbeit (Spiegel-Artikel). Eine im DIW-Wochenbericht veröffentlichte SOEP-Studie zeigte jedoch: Unter den Freiwilligen in Deutschland fanden sich vor allem Männer und Frauen, die sich zusätzlich zu ihrer Berufstätigkeit ehrenamtlich engagierten. Menschen ohne Job arbeiteten vergleichsweise selten ehrenamtlich. Das Fazit der Autoren: Bürgerarbeit ist kein sinnvoller Weg zur Reduzierung von Arbeitslosigkeit. Denn warum sollte der Staat das Ehrenamt denjenigen andienen, die es nicht wollen? Und warum sollte öffentlicher Bedarf an Infrastrukturleistungen und sozialen Diensten durch "Bürgerarbeit" gedeckt werden? (Schwarze, Johannes; Gert G. Wagner; Marcel Erlinghagen und Karin Rinne (1998): Bürgerarbeit - Kein sinnvoller Weg zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit. Wochenbericht des DIW Berlin, 65 (4): 82-85; alte Archivseite)


1997

Es war ein Jahrhundertereignis, als der Komet Hale-Bopp wie ein strahlendes Schweif-Ei durch den Osterhimmel zog. Menschen auf der ganzen Welt bewegte auch der Tod von Prinzessin Diana, die im August bei einem Autounfall ums Leben kam. In Deutschland sorgte unter anderem die Debatte um die Sozialversicherungspflicht für 610-Mark-Jobs für erhitzte Gemüter.

Foto: Philipp Salzgeber, 1997; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Comet-Hale-Bopp-29-03-1997.jpeg Foto: Georges Biard, 1987; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Princess_Diana_Cannes.jpg

Die Mini-Jobs waren 1997 in der amtlichen Statistik noch kaum erfasst. Das SOEP lieferte der Öffentlichkeit aktuelle Daten zu diesem arbeitsmarkt- und sozialpolitisch kontrovers diskutierten Thema. In einem DIW-Wochenbericht wagten Jürgen Schupp, Johannes Schwarze und Gert G. Wagner die mutige Prognose, dass die Zahl der Beschäftigten in Deutschland um 2 Millionen unterschätzt sei. (Erwerbsstatistik unterschätzt Beschäftigung um 2 Millionen Personen . Jürgen Schupp, Johannes Schwarze, Gert G. Wagner, Wochenbericht des DIW Berlin, 34 / 1997, S. 689-696;  alte Archivseite). Wenig später korrigierte die amtliche Statistik ihre offizielle Beschäftigtenzahl entsprechend.
In einem weiteren DIW-Wochenbericht veröffentlichten Volker Meinhardt, Jürgen Schupp, Johannes Schwarze und Gert G. Wagner eine Studie zum Thema „Einführung der Sozialversicherungspflicht für 610-Mark-Jobs und Abschaffung der Pauschalbesteuerung" (alte Archivseite). Das Ergebnis: Die Einführung von Sozialbeiträgen auf 610-Mark-Jobs wäre nur dann sinnvoll, wenn gleichzeitig die von Arbeitgebern gezahlte Pauschalsteuer abgeschafft würde. So könnte die den Arbeitgebern entstehenden zusätzlichen Kosten ausgeglichen werden, erklärten die SOEP-Forscher.

Den Daten-Nutzerinnen und -Nutzern des SOEP präsentierte die SOEP-Gruppe im 38. Newsletter das Erstlingswerk der SOEP-Devotionalien-Box: Die SOEP-Uhr im klassischen CD-Stil, das passende Accessoire für „kreatives und erfolgreiches Arbeiten (nicht nur) mit den SOEP-Daten.


1996

1996 erblickte das Bergschaf „Dolly" als erstes geklontes Säugetier das Licht der Welt. Deutschland wurde zum dritten Mal Fußball-Europameister – geführt vom früheren DDR-Nationalspieler Matthias Sammer (Video: Interview Sammer).
Dank der Aufhebung des Sonntagbackverbots konnten die Menschen in Deutschland erstmals auch am Sonntag frische Brötchen kaufen.

Foto: Tim Vickers: Dolly the Sheep at the National Museum of Scotland, Edinburgh. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dollyscotland_%28crop%29.jpg

Das SOEP stellte 1996 seinen Datennutzerinnen und -nutzern erstmals regionale Indikatoren zur Verfügung (Raum- und Regionaldaten im Forschungsdatenzentrum des SOEP). Heute ist es möglich, dem SOEP regionale Indikatoren auf der Ebene der Bundesländer, der Raumordnungsregionen, der Kreise und der Postleitzahlen zuzuspielen. Durch die Verknüpfung von SOEP-Daten mit Daten des Umweltbundesamts fand z.B. Bildungsökonomin Katharina Spieß heraus, dass eine verstärkte Kohlenmonoxid-Belastung sowie erhöhte Ozon-Werte Kindern bereits im Mutterleib schaden können (Focus-Artikel mit Bezug zur Studie von Spieß). Die Ökonomen Conrad Burchardi und Tarek Hassan stellten fest, dass nach der Wende die Wirtschaftskraft in Regionen gestiegen ist, in denen vor der Wende besonders viele Westdeutsche mit Ost-Kontakten gelebt hatten.
Pressemitteilung: Westdeutsche profitierten nach der Wende von Ost-Kontakten

Im Jahr 1996 erschien auch Band 7 der SOEP-Buchreihe „Sozio-ökonomische Daten und Analysen für die Bundesrepublik Deutschland“, ein Reader zum Thema „Lebenslagen im Wandel: Sozialberichterstattung im Längsschnitt“. Er wurde von Wolfgang Zapf, einem der beiden Gründerväter des SOEP und Begründer der deutschen Sozialindikatorenforschung sowie Jürgen Schupp und Roland Habich herausgegeben. In 17 Beiträgen verbanden die Forscher stärker als bisher üblich Dauerbeobachtungen und theoriegeleitete Analysen und machten die SOEP-Daten weiteren deutschsprachigen Forschern bekannt.
Zapf, Wolfgang; Schupp, Jürgen und Habich, Roland (1996): Lebenslagen im Wandel: Sozialberichterstattung im Längsschnitt, Frankfurt/M. - New York: Campus.


1995

1995 gab es mehr als drei Millionen Internet-Rechner weltweit. Die Zahl der kommerziellen Nutzer lag seit dem Vorjahr über der der wissenschaftlichen Nutzer. In einem Workshop am CERN in der Schweiz, der Geburtsstätte des WWW, erlernten 250 Journalisten aus ganz Europa eine innovative Recherchetechnik: das "Surfen im Netz". In den USA eröffnete Ebay, das bis heute weltweit größte Internetauktionshaus. Hierzulande gründeten die Brüder Michael und Matthias Greve unter der Adresse http://web.de das erste deutsche Internet-Verzeichnis. Bereits zum Start waren 2.500 Internetseiten gelistet, die nach Stichwörtern, Namen oder Rubriken durchsucht werden konnten.

Das SOEP stellte seit Anfang des Jahres auch den Newsletter für seine Datennutzerinnen und -nutzer aus aller Welt online. Im Newsletter 27 vom Januar 1995 wurde ausführlich der Umgang mit der neuartigen Informations- und Interaktionsplattform des SOEP erläutert: "Auf der DIW-Homepage im WWW existiert ein so genannter Link zum SOEP", heißt es darin. "Dort werden diverse allgemeine Informationen zum Projekt, Publikationsübersichten und die Liste der DatennutzerInnen sowie die aktuelle Ausgabe der SOEP-Newsletter bereitgehalten. Außerdem werden NutzerInnen direkt zu den relevanten E-Mail-Adressen in der Projektgruppe ‚geführt‘." Als Ansprechpartner für eventuelle Fragen oder Anregungen zu dieser SOEP-Neuentwicklung stellte sich der damalige Survey- und Informationsmanager Jürgen Schupp zur Verfügung, damals erreichbar unter der E-Mail-Adresse: DIW238PS@DB0DIW11.DIW-BERLIN.DE.

Auszug aus dem SOEP Survey Paper 130.

Der SOEPnewsletter informiert seit 1985 viermal jährlich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die mit SOEP-Daten arbeiten – u.a. über Veranstaltungen, neue Veröffentlichungen von SOEP-ForscherInnen, Weiterbildungen sowie Neuerungen bei der Datenweitergabe.
Aktuelle Informationen zum SOEP-Newsletter finden sich hier.
Die alten Versionen können als SOEP Survey Papers betrachtet werden.


1994

Computer standen noch nicht auf jedem Schreibtisch, wie es sich die Microsoft-Gründer Bill Gates und Paul Allen erträumt hatten, aber es wurden immer mehr. Die technischen Grundlagen, sie untereinander zu vernetzen, waren gelegt, das World Wide Web erfunden, die ersten Browser und Suchmaschinen entwickelt. 1994 startete „Spiegel online“, der japanische Premierminister und das britische Unterhaus gingen online und auch das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) präsentierte sich erstmals im World Wide Web. Geschichte des Internets (WDR-Beitrag)


1994 war auch das Jahr, in dem das SOEP erstmals durch den Wissenschaftsrat evaluiert wurde. Dabei ging es um die weitere Förderung des SOEP, nachdem die Finanzierung im Rahmen des Sonderforschungsbereichs 3 ausgelaufen war. In ihrer Stellungnahme betonten die Gutachter, dass sich das SOEP zu einem zentralen Instrument sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Forschung im In- und Ausland entwickelt hätte. Die SOEP-Daten wären hervorragendes empirisches Material zur Durchführung von Längsschnittuntersuchungen und zur Beantwortung wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Fragen. Zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrats zählte: Die SOEP-Gruppe sollte weiter gefördert und als selbständige Abteilung innerhalb des DIW institutionell abgesichert werden. Darüber hinaus sollte das Panel künftig gemeinsam durch Bund und Länder als Service-Einrichtung der Blauen Liste gefördert werden. Aus den Einrichtungen der Blauen Liste ging drei Jahre später die Leibniz-Gemeinschaft (WGL) hervor, zu der das SOEP bis heute gehört.
Begutachtung der Serviceeinrichtung des SOEP durch den Wissenschaftsrat
Informationen zur Leibniz-Gemeinschaft


1993

1993 brachte eine Reihe von Neuerungen für das Leben im mittlerweile vereinten Deutschland: Die 5-stelligen Postleitzahlen wurden eingeführt. Ein kleiner ehemaliger DDR-Betrieb produzierte mit Hilfe von Greenpeace den ersten FCKW-freien Kühlschrank der Welt. (Bericht auf Spiegel Online)
Und Heide Simonis wurde zur Ministerpräsidentin von Schleswig Holstein gewählt - sie war damit die erste Frau, die als Ministerpräsidentin an der Spitze eines Bundeslandes stand. (Bericht auf Spiegel Online).

Das Sozio-oekonomische Panel feierte 1993 seine 10. Befragungswelle und veranstaltete aus diesem Anlass die erste internationale SOEP User Conference. Am 7. und 8. Juni präsentierten im alten Gebäude der "Akademie der Wissenschaften" am Gendarmenmarkt in Berlin 30 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der ganzen Welt ihre Forschungsergebnisse auf der Grundlage von SOEP-Daten. Viele dieser Studien waren international vergleichend angelegt und basierten auf dem neu geschaffenen Cross-National Equivalent File (CNEF), das seinerzeit von Prof. Richard Burkhauser initiiert wurde. Zu den Vortragenden der ersten Konferenz gehörte auch der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler Alan Krueger von der Princeton University, der zusammen mit Jörn-Steffen Pischke mit den SOEP-Daten über die ost- und westdeutschen Arbeitsmärkte vor und nach der Wiedervereinigung geforscht hat. Später zählte Krueger zu den Beratern der US-Präsidenten Bill Clinton und Barack Obama. Außerdem präsentierte der heutige Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) Christoph M. Schmidt eine SOEP-basierte Analyse zur Rückwanderung von Migranten in Deutschland.

Seit ihrer Premiere findet die SOEP-Nutzerkonferenz alle zwei Jahre statt. Insgesamt wurden bei den bislang zehn SOEP-Konferenzen knapp 600 Studien präsentiert. Zehn Konferenzbände sind daraus entstanden, die in zwei verschiedenen Fachzeitschriften veröffentlicht wurden: zuerst in den DIW-Vierteljahrsheften zur Wirtschaftsforschung und dann im Journal of Applied Social Sciences (in Deutschland besser bekannt unter seinem Traditionstitel „Schmollers Jahrbuch").


1992

Am 1. Januar 1992, um Mitternacht, gingen die neu gegründeten öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten in den neuen Bundesländern auf Sendung. Die Zeit des DDR-Fernsehens war damit vorbei. Die neuen Sender übernahmen einen Teil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Deutschen Fernsehfunks (DFF), einige bekannte Sendungen und Gesichter. Zum Beispiel gehört das legendäre DFF-Fernsehballett, das einzige Fernsehballett Europas, heute zum MDR, der in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sendet.

MDR-Video zum Ende des DDR-Fernsehens

Obwohl offiziell nicht erlaubt, schalteten schon zu DDR-Zeiten viele Ostdeutsche lieber die West-Programme ein als die heimischen Sender. Für 15 Prozent der DDR-Bürger, die im Nordosten um Greifswald und im Südosten der DDR im ehemaligen Bezirk Dresden lebten, war das jedoch aus geografischen und topologischen Gründen nicht möglich. Wie haben Ost- und Westfernsehen die persönlichen Einstellungen der Ostdeutschen geprägt?
Um das herauszufinden analysierte die SOEP-Forscherin Tanja Hennighausen vom ZEW und der Universität Mannheim DDR-Umfragedaten aus den späten 1980er Jahren sowie SOEP-Daten der 1990er Jahre. Ihre Studie zeigt, dass Ostdeutsche mit Zugang zu Westfernsehen eher die Einschätzung vertreten, dass Anstrengung anstelle von Glück entscheidend für den Erfolg im Leben ist. Dieser Effekt zeigt sich auch noch zehn Jahre nach der Wiedervereinigung. Der in der Studie vermutete Grund: Westliche Seifenopern und Filme prägen und bestätigen häufiger das Bild, dass Anstrengung und Erfolg zusammenhängen und beeinflussen auf diese Weise die Einstellung der Zuschauer.
Tanja Hennighausen: Exposure to Television and Individual Beliefs: Evidence from a Natural Experiment, SOEPpaper 535 | PDF, 513.11 KB .


1991

1991 begann im ehemaligen Jugoslawien eine Serie von Kriegen. Im Juni erklärten Slowenien und Kroatien ihre Unabhängigkeit, im November Mazedonien. Unter der Führung von Veljko Kadijević und Blagoje Adžić versuchte die Jugoslawische Volksarmee die Unabhängigkeitsbestrebungen in Slowenien und Kroatien militärisch niederzuwerfen – ohne Erfolg. 1992 weitete sich der Krieg auf Bosnien und Herzegowina aus. Der Flüchtlingsstrom aus Jugoslawien war in vielen Ländern Europas und vor allem auch in Deutschland kaum zu bewältigen: 14 744 Menschen stellten bundesweit allein im Oktober 1991 einen Asylantrag, im gesamten Vorjahr waren es nur gut 22 000 gewesen. Spiegel-Artikel zu Flüchtlingen aus Jugoslawien

Foto: Mikhail Evstafiev: http://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/6/61/Evstafiev-bosnia-travnik-girl-doll-refugee.jpg

Die Zahl der Flüchtlinge aus dem ehemaligen Jugoslawien machte sich damals auch in der Entwicklung des (Ex-)Jugoslawien-Samples des SOEP bemerkbar. So wuchs erstmals die Nettofallzahl der SOEP-Ausländer-Stichprobe im Vergleich zum Vorjahr.
SOEP 1991 - Methodenbericht zum Befragungsjahr 1991 (Welle 8 – West) des Sozio-oekonomischen Panels

Seit Beginn der Studie werden für das SOEP in der sog. Stichprobe B Haushalte befragt, deren Vorstand aus der Türkei, Italien, Spanien, Griechenland oder dem ehemaligen Jugoslawien stammt. Heute ist das SOEP die größte Wiederholungsbefragung von Ausländern in der Bundesrepublik Deutschland. SOEP-Forscherinnen und -Forscher haben unter anderem gezeigt, dass Zuwanderer/innen in Deutschland aus wirtschaftlichen und sozialen Gründen häufig räumlich isoliert leben. Sie haben herausgefunden, dass Migrantinnen und Migranten relativ schnell eine Bindung an deutsche Parteien entwickeln. Und sie haben belegt, dass das deutsche Bildungssystem die Potenziale der Kinder von Menschen mit Migrationserfahrung eher bremst als fördert.

Heute leben in Deutschland mehr als 15 Millionen Menschen, die selbst oder deren Eltern zugewandert sind; seit einigen Jahren hat die Zahl der Neuzuwanderer wieder deutlich zugenommen. Um ein noch genaueres Bild vom Leben dieser Menschen in Deutschland zu gewinnen, startet das SOEP 2013 in Kooperation mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg ein IAB-SOEP-Zuwanderungssample. Deutschlandweit sollen insgesamt 2.500 Haushalte als für diese Bevölkerungsgruppe repräsentative Stichprobe befragt werden.


1990

Gerade 327 Tage lagen zwischen dem Fall der Mauer und der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990: Die Ostdeutschen befreiten sich vom SED-Regime und wählten nach den ersten und letzten freien Wahlen zur DDR-Volkskammer Lothar de Maizière zu ihrem Ministerpräsidenten. Bundeskanzler Kohl nutzte die Gunst der Stunde. Mit den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs handelten Bonns Diplomaten und Vertreter der neuen DDR-Regierung den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik aus. Die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der DDR trat am 1. Juli 1990 in Kraft.
Spiegel-Artikel zur deutschen Wiedervereinigung

Auch die Forscherinnen und Forscher des SOEP wussten ihre Chance zu ergreifen. Das Vorhaben, die Langzeitstudie um eine Stichprobe von Übersiedlern aus der DDR aufzustocken, stellten sie zunächst zurück. Denn die gesamtdeutsche Entwicklung schritt derart rasch voran, dass diese Stichprobe schnell veraltet wäre. Stattdessen trieben sie die Idee eines DDR-Panels mit hohem Tempo voran. Ihr Ziel war eine erste Basismessung von Einkommen noch in der „alten“ Währung der DDR. Bereits Anfang April hatte die SOEP-Gruppe zusammen mit  Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Instituts für Soziologie und Sozialpolitik der Akademie der Wissenschaften der DDR einen ersten integrierten Fragebogen entwickelt, mit dem sie 50 Haushalte in Ost-Berlin befragten.
SOEP 1990 – Bericht über eine Vorerhebung für die "Basiserhebung 1990" des Sozio-ökonomischen Panels in der DDR (Pretestbericht)

Im Juni 1990 führten dann die Interviewerinnen und Interviewer von TNS Infratest die erste Erhebung in Ostdeutschland durch. Sie befragten 2.179 Haushalte, in denen 4.453 persönlich befragte Erwachsene und 1.591 Kinder lebten.

Auszug aus der Befragtenbroschüre 1990

„Von der Wende waren wir wirklich überrascht, aber wir reagierten schnell“, sagt der damalige SOEP-Leiter Gert G. Wagner im Kurzfilm zu 30 Jahren SOEP. „Die Menschen in der DDR waren froh, dass sie befragt wurden. Wir hatten nie mehr eine derartige Begeisterung und derart hohe Ausschöpfungsquoten, wie wir sie in der 'Noch-DDR' hatten“.
Interviewausschnitt auf Youtube

Ist seit der Wiedervereinigung zusammengewachsen, was zusammengehört? 2010 zogen der SOEP-Forscher Peter Krause und Ilona Ostner, Soziologin an der Georg-August-Universität Göttingen, die bis dahin umfassendste sozialwissenschaftliche Bilanz der deutschen Einheit. Demnach haben sich nach der Vereinigung die Lebensbedingungen in Ost und West schnell aneinander angenähert. Beispielsweise ist in beiden Teilen Deutschlands der Anteil der Alleinerziehenden-Haushalte gestiegen und es gibt mehr kinderlose Paar- oder Single-Haushalte. Die Lebenszufriedenheit in Ostdeutschland ging in den 90er Jahren deutlich nach oben, aber es blieb immer noch eine deutliche Lücke zum Westniveau. „Unterschiede zwischen Ost und West gibt es bis heute noch in vielen Bereichen“, sagt Peter Krause. „Sie hängen inzwischen allerdings weit mehr von den konkreten Lebensumständen vor Ort ab, als davon, auf welcher Seite der früheren innerdeutschen Grenze die Befragten oder deren Eltern leben oder gelebt haben“. Die Erkenntnisse der Forscher wurden in einem Sammelband und zum Teil auch im DIW-Wochenbericht veröffentlicht.

Sammelband: Krause, Peter und Ilona Ostner (2010). Leben in Ost- und Westdeutschland: Eine sozialwissenschaftliche Bilanz der deutschen Einheit 1990-2010. Frankfurt a. M./New York: Campus.

Pressemitteilung zum Wochenbericht: 20 Jahre Wiedervereinigung: Wie weit Ost- und Westdeutschland zusammengerückt sind

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1989 - 1984


1989

9. November 1989 – der Tag, an dem völlig überraschend die Mauer fiel. Jubelnd und glücklich lagen sich die Menschen aus Ost- und West-Berlin in den Armen. Mauerspechte machten sich daran, das Symbol der deutschen Teilung zu zerstören. Die Öffnung der Grenzen zwischen den beiden deutschen Staaten löste eine Massenwanderung aus, allein in den ersten beiden Jahren nach dem Mauerfall verließen jeweils 400.000 Menschen die DDR (Tagesschau vom 10. November 1989 DDR öffnet Grenze am 9. November 1989)


Gert G. Wagner hatte wenige Monate zuvor am 1. Juli 1989, die Leitung des Sozio-oekonomischen Panel übernommen, nachdem SOEP-Gründer Hans-Jürgen Krupp das DIW Berlin verlassen hatte und in Hamburg Finanzsenator geworden war. Das SOEP und sein neuer Leiter standen nun vor einzigartigen Herausforderungen: Schon allein wegen des Übersiedlerstroms aus der DDR waren die vor dem Mauerfall erhobenen Daten des SOEP bald nicht mehr repräsentativ für alle Menschen, die in Westdeutschland lebten. Wie konnte diese Zuwanderungsbewegung möglichst schnell im SOEP erfasst werden? Und: Wie konnten und sollten die SOEP-Forscher die historische Chance nutzen, den gesellschaftlichen Transformationsprozess in der DDR abzubilden? An einen gesamtdeutschen Survey dachte im Jahr 1989 noch kaum jemand – genau so wenig wie an eine Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten (Literatur dazu: Wagner, Gert G.(2008), Die Längsschnittstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) – Die Jahre von der Wende zur Jahrtausendwende. Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, 77 (3), 43-62.


1988

Bei den XV. Olympischen Spielen in Calgary gewann der Eiskunstlauf-Star Katarina Witt zwei Goldmedaillen für die DDR. Mit 37 Goldmedaillen und 102 Medaillen insgesamt wurde die DDR die zweitbeste Nation. Die Athleten der Bundesrepublik brachten insgesamt 40 Medaillen nach Hause, Westdeutschland landete so insgesamt auf dem fünften Platz. Die sportlichen Erfolge Katarina Witts und der anderen ostdeutschen Athleten waren bezeichnend für die wichtige Rolle, die Sport in der DDR spielte - sowohl der Leistungs-, als auch der Breitensport.



Über die Bedeutung von Sport in West-Deutschland geben die SOEP-Daten Auskunft. Sie zeigen: Seit der Bildungsexpansion in den 70er Jahren nahmen Gesundheitsbewusstsein und sportliche Aktivitäten immer weiter zu. Damit stieg auch die Zufriedenheit der Menschen in Deutschland. Das zeigt unter anderen auch eine Studie der SOEP-Forscher Bruce Headey und Peter Krause, die unter dem Titel „A Health and Wealth Model of Change in Life Satisfaction: Analysing Links between Objective Conditions and Subjective Satisfaction“ 1988 veröffentlicht wurde. Mittlerweile findet man zum Thema Sport fast 50 Einträge in unserem Archiv von Publikationen auf der Basis von SOEP-Daten (SOEPlit). Einen sehr prominent veröffentlichten schrieb Michael Lechner im Jahr 2009: Long-run labour market and health effects of individual sports activities. Journal of Health Economics 28:839-854 (https://www.alexandria.unisg.ch/export/dl/69769.pdf).

1988 war auch das Jahr, in dem der damalige Finanzminister Gerhard Stoltenberg die zweite Stufe seiner insgesamt dreistufigen Einkommenssteuerreform auf den Weg brachte. Sie galt als die größte Steuerreform des Jahrhunderts, die zum Ziel hatte sowohl die Lohn- und die Einkommenssteuer als auch die Belastungen für Familien mit Kindern zu senken. Es war eine der umstrittensten Reformen, der sich arme wie sehr wohlhabende Menschen widersetzten (vgl. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13527160.html). Was würde diese Reform zur Umverteilung der Vermögen bringen? Die SOEP-Daten boten eine herausragende empirische Basis, um diese Frage zu beantworten. Die Forscher Ulrich van Essen, Helmut Kaiser und P. Bernd Spahn simulierten die Effekte aller drei Stufen der Reform. Die Ergebnisse ihrer Untersuchung zeigten, dass die Steuerreform zu einer ungleicheren Einkommensverteilung führen würde, und zwar zu einer Umverteilung zugunsten der ohnehin schon Vermögenden. Die Studie, die 1988 unter dem Titel „Verteilungswirkungen der Einkommensteuerreformen 1986 - 1990“ in der Zeitschrift Finanzarchiv veröffentlicht wurde, war die erste SOEP-Studie zu einer Einkommenssteuerreform, deren Ergebnisse in die Politikberatung flossen.


1987

Im Juni 1987 reist US-Präsident Ronald Reagan zur 750-Jahr-Feier nach West-Berlin. In seiner öffentlichen Rede vor dem Brandenburger Tor fordert er den sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow auf, die Mauer niederzureißen und schlägt vor, Olympische Spiele in beiden Teilen der Stadt abzuhalten. Im September besucht Erich Honecker als erster DDR-Staatschef die Bundesrepublik Deutschland und in Moskau prägt die „Perestroika“ den gesellschaftlichen Wandel.

Während sich die beiden deutschen Staaten langsam einander annähern, zeichnen die SOEP-Forscher mit Hilfe der neu gewonnenen Mikro-Längsschnittdaten ein immer genaueres Bild des Lebens der Menschen in der alten Bundesrepublik.



Ute Hanefeld, wissenschaftliche Mitarbeiterin des SOEP im DIW Berlin, hatte maßgeblichen Anteil daran, dass das Panelprojekt erfolgreich innerhalb des damaligen Sonderforschungsbereichs seit 1982 vorangetrieben und begonnen wurde. 1987 veröffentlichte sie eine Monographie mit dem Titel: Das Sozio-ökonomische Panel – Grundlagen und Konzeption im Campus Verlag. Im Jahr 1987 beginnen zudem die Bemühungen, über die in dieser Monographie berichtet wird, Früchte zu tragen.



Die SOEP-Daten werden 1987 zunehmend auch von Forschern außerhalb des DIW genutzt. Unter anderem fließen sie in den vom Statistischen Bundesamt gemeinsam mit dem Sonderforschungsbereich 3 der Universitäten Frankfurt am Main und Mannheim herausgegebenen „Datenreport“. Im Mittelpunkt des Datenreports steht die Frage, wie die Lebensqualität in Deutschland beschrieben und wie sie von den Menschen bewertet wird. Bis heute ist das SOEP am Datenreport beteiligt, der seit 1985 alle zwei Jahre erscheint.
Den aktuellen Datenreport sowie einen Link zu den älteren Reports finden Sie auf den Seiten des Statistischen Bundesamtes.


1986

Es war der Super-GAU: Am 26. April 1986, um 1:23 Uhr, explodierte der Reaktorblock 4 des ukrainischen Kernkraftwerks Tschernobyl. 60.000 Kilogramm hoch radioaktive Partikel wurden in die Luft geschleudert. Die Folgen waren verheerend: Tausende Tote, Hunderttausende Hektar verstrahltes Land und ein ökonomischer Schaden in Milliarden-Höhe.

Foto: AP von der Webseite http://www.boston.com/bigpicture/2011/04/chernobyl_disaster_25th_annive.html


Im Umweltbewusstsein der Deutschen hinterließ die Reaktorkatastrophe deutliche Spuren, wie eine Studie der ehemaligen SOEP-Forscherin Eva Berger | PDF, 327.72 KB zeigt. Bereits im Mai 1986 stieg der Anteil der Befragten, die sich sehr große Sorgen um den Schutz der Umwelt machten, um neun Prozentpunkte, im Frühjahr 1987 sogar um 14 Prozentpunkte. Erst im Verlauf der 90er Jahre ließ die Umweltbesorgnis der Menschen in Deutschland wieder nach. Eine Erklärung dafür sehen die SOEP-Forscher darin, dass nun die wachsende Arbeitslosigkeit in den Vordergrund trat.

Für das SOEP begann 1986 die zweite dreijährige Förderperiode als Teilprojekt B5 des Sonderforschungsbereich 3 „Mikroanalytische Grundlagen der Gesellschaftspolitik“. Die DFG bewilligte zwei zusätzliche Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die statistische Verfahren zur Schätzung fehlender Werte und zur Hochrechnung der Daten entwickeln sollten. Für die Dokumentation und die grafische Aufbereitung der Panelergebnisse wurde ein 16-Bit Personal Computersystem mit MS-DOS angeschafft, inklusive 640 KB-RAM Speicher, zwei Floppy Disks mit je 360 Kbyte, einer Festplatte mit 10 Mbyte und eines grünen Bildschirms - zum stolzen Preis von 17.800 DM.


1985

1985 gewann Boris Becker als erster Deutscher das Grand-Slam-Turnier in Wimbledon, Joschka Fischer wurde in Turnschuhen als hessischer Staatsminister für Umwelt und Energie vereidigt und die ersten Folgen der „Lindenstraße“ flimmerten über die Fernsehbildschirme. Von Arbeitslosigkeit und Armut, über neue Familienformen bis hin zur Umweltbewegung – es gibt kaum gesellschaftliche Trends, die Deutschlands erste Seifenoper seither nicht aufgegriffen hätte. „Ich finde, dass Geißendörfer und seine Schreiber ein sehr waches Auge auf die gesellschaftliche Entwicklung haben“, sagte der heutige SOEP-Leiter und bekennende Lindenstraßen-Fan Jürgen Schupp in einem Gespräch mit der ‚Welt‘, zu dem er zusammen mit der Schauspielerin Sybille Waury eingeladen war.

Eine weitere Premiere im Jahr 1985: Im April erschien erstmals eine inhaltliche Studie auf der Grundlage der ersten Erhebungswelle des SOEP in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift, und zwar in den „Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung“. Der Sozialwissenschaftler Christoph F. Büchtemann, von 1983 bis Ende 1984 wissenschaftlicher Mitarbeiter in der SOEP-Gruppe am DIW Berlin, hatte die damals viel diskutierte „Neue Armut“ empirisch unter die Lupe genommen. Die SOEP-Daten zeigten: Entgegen weit verbreiteter Vorstellungen waren die meisten Arbeitslosen in der damaligen Bundesrepublik Deutschland durch Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung finanziell gut abgesichert. Nur eine kleine Minderheit, etwa sieben Prozent, war von akuter Armut betroffen.

Christoph F. Büchtemann: Soziale Sicherung bei Arbeitslosigkeit und Sozialhilfebedürftigkeit - Datenlage und neue Befunde. Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (MittAB) 18 (1985), no. 4, 450-466.


1984

Das Jahr 1984 brachte für die Menschen in Deutschland eine Reihe von Premieren mit sich: Anschnallen wurde nunmehr auch auf den Autorücksitzen zur Pflicht, IBM stellt den IBM Personal Computer/AT vor, dessen Technik mehr als zehn Jahre zum Standard in deutschen Büros wird. Das Privatfernsehen ging an den Start und Richard von Weizsäcker wurde zum Bundespräsidenten gewählt.


Im gleichen Jahr klingelten zum ersten Mal die Interviewerinnen und Interviewer von TNS Infratest an den Türen der SOEP-Befragten. Befragt wurden damals 5.921 Haushalte, in denen 12.245 persönlich befragte Erwachsene und 3.928 Kinder lebten. „Was wir machten, war neu und revolutionär", erzählt Hans-Jürgen Krupp, der Gründer und erste Leiter des SOEP: „Wir erhoben Längsschnittdaten, wir führten soziale und ökonomische Faktoren zusammen und wir befragten Ausländer“ (Zitat SOEP-Film). Zu Beginn hoffte man, dass die Studie fünf Jahre lang gefördert würde. Dass sich das SOEP einmal zu einer Langzeitstudie zur Analyse des sozialen Wandels in Deutschland mausern würde, hielt damals noch niemand für möglich.

Auszug aus der ersten Befragtenbroschüre 1984

 

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) - Genese und Implementation
Hans-Jürgen Krupp
SOEPpaper 25 (2007) | PDF, 330.09 KB

Die ersten Fragebögen im SOEP Survey Paper 8.

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