DIW Glossar

Das DIW Glossar ist eine Sammlung von Begriffen, die in der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts häufig verwendet werden. Die hier gelieferten Definitionen sollen dem besseren Verständnis der DIW-Publikationen dienen und wichtige Begriffe aus der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung so prägnant wie möglich erklären. Das Glossar hat keinen Anspruch auf lexikalische Vollständigkeit.

Ganztagsschule

In einer Ganztagsschule können Kinder und Jugendliche ganztägig betreut und unterrichtet werden. Die Kultusministerkonferenz (KMK) definiert Ganztagsschulen als Schulen im Primar- oder Sekundarbereich I (also Grund-, Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien bis zur 10. Klasse), die zusätzlich zum Unterricht am Vormittag an drei oder mehr Tagen je Woche ganztägige Angebote bereitstellen, die täglich mindestens sieben Zeitstunden umfassen.

Es gibt drei verschiedene Varianten der Ganztagsschule: die offene, die teilweise gebundene und die voll gebundene. Erstere orientiert sich im Vergleich zur letzteren an der klassischen Unterrichtsstruktur der Halbtagsschule und bietet nach dem Unterricht ein zusätzliches, freiwilliges Nachmittagsprogramm an. Bei voll gebundenen Ganztagsschulen sind die Kurse für die gesamte Schülerschaft verpflichtend, bei teilweise gebundenen hingegen lediglich für einen Teil der Schülerschaft. Im Grundschulbereich wiesen zwischen 2002 und 2011 durchschnittlich etwa 90 Prozent aller Ganztagsschulen die offene Form auf.

Die Bundesregierung und die Bundesländer haben von 2003 bis 2009 über das Programm „Zukunft Bildung und Betreuung“ (IZBB) insgesamt vier Milliarden Euro in den Ausbau der Ganztagsschule investiert. Der Anteil der Kinder im Grundschulalter, die ganztags zur Schule gehen, ist daraufhin von 6,8 Prozent im Jahr 2004 auf 26,2 Prozent im Jahr 2011 gestiegen. Ein Vergleich sozioökonomischer Unterschiede bei der Nutzung von Ganztagsangeboten im Zeitraum vor der Ausbauperiode mit der Ausbauperiode selbst zeigt, dass vor allem Kinder aus einkommensschwachen Haushalten in Westdeutschland verstärkt ganztags zur Schule gehen.

Die Wahrscheinlichkeit eines Ganztagsschulbesuchs ist bei bestimmten, den Familienhintergrund betreffenden, Merkmalen höher: So sind Kinder erwerbstätiger Mütter eher Ganztagsschüler als Kinder nicht erwerbstätiger Mütter. Auch Kinder Alleinerziehender, Kinder von Akademikerinnen, Kinder mit weniger Geschwistern und Kinder aus Großstädten gehen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit ganztags zur Schule.

Mit dem Ausbau der Ganztagsschule waren familien-, bildungs- und arbeitsmarktpolitische Ziele verbunden: Zum einen können ganztägige Angebote – eine hohe Qualität der Betreuung vorausgesetzt – die Bildung der Kinder unterstützen. Zum anderen können sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern und so die Erwerbstätigkeit der Mütter erhöhen.

Lesen Sie mehr zum Thema:
DIW Wochenbericht 47/2016 | PDF, 0.58 MB "Ganztagsschule und Hort erhöhen die Erwerbsbeteiligung von Müttern mit Grundschulkindern"
DIW Wochenbericht 27/2012 | PDF, 218.03 KB "Ausbau der Ganztagsschule: Kinder aus einkommensschwachen Haushalten im Westen nutzen Angebote verstärkt"