DIW Glossar

Das DIW Glossar ist eine Sammlung von Begriffen, die in der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts häufig verwendet werden. Die hier gelieferten Definitionen sollen dem besseren Verständnis der DIW-Publikationen dienen und wichtige Begriffe aus der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung so prägnant wie möglich erklären. Das Glossar hat keinen Anspruch auf lexikalische Vollständigkeit.

Target-Salden

Forderungen und Verbindlichkeiten, die einer nationalen Zentralbank infolge grenzüberschreitender Zahlungen über das System Target 2 entstanden sind, werden täglich zu einer einzigen Position gegenüber der Europäischen Zentralbank (EZB) saldiert. Diese fließt in die Bilanz einer nationalen Notenbank als Forderung beziehungsweise Verbindlichkeit aus der Abwicklung des Zahlungsverkehrs über Target 2 (T2) ein. Handelt es sich bei der verbuchten Position um eine Forderung gegenüber der EZB, so ist den Banken eines Landes mehr Zentralbankgeld aus dem Ausland zugeflossen, als sie dorthin überwiesen haben. Im Falle einer Verbindlichkeit gegenüber der EZB haben die Banken mehr Zentralbankgeld an das Ausland überwiesen, als sie von dort empfangen haben. Da einem Zufluss an Zentralbankgeld eines Landes immer ein entsprechender Abfluss in einem anderen Land gegenüberstehen muss, saldieren sich die T2-Forderungen und die T2-Verbindlichkeiten auf der konsolidierten Bilanz des Eurosystems zu null.

Der gegenwärtigen T2-Forderung der Deutschen Bundesbank in Höhe von 574 Milliarden Euro (Stand Oktober 2013) steht zum Beispiel eine T2-Verbindlichkeit in anderen Ländern der Eurozone gegenüber. Seit Ausbruch der Krise finden sich diese Verbindlichkeiten insbesondere auf den Bilanzen nationaler Zentralbanken der Krisenländer wie Spanien oder Italien. Die aggregierten Verbindlichkeiten jener zehn von 17 nationalen Notenbanken des Eurosystems, die derzeit T2-Verbindlichkeiten verbuchen, beliefen sich auf ihrem Höchststand im August 2012 auf einen Wert von gut einer Billion Euro.

In normalen Zeiten stellt die EZB dem Bankensektor im Euroraum nur diejenige Menge an Liquidität zur Verfügung, die im Aggregat benötigt wird, und überlässt die Zuteilung an einzelne Banken dem Marktmechanismus des Interbankenmarkts. Dadurch bewirkt ein funktionierender Interbankenmarkt, auf dem sich Finanzinstitute über Ländergrenzen hinweg gegenseitig Geld leihen, normalerweise einen ausgleichenden Einfluss auf die T2-Salden. Seit dem Zusammenbruch der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 ist der Interbankenmarkt jedoch nicht mehr voll funktionsfähig. Als Reaktion darauf führte die EZB das Vollzuteilungsverfahren ein, in dessen Rahmen den Geschäftsbanken gegen entsprechende Sicherheiten unbeschränkt Liquidität bereitgestellt wird. Die seitdem stark angestiegenen T2-Salden spiegeln wider, dass die Nettozahlungsflüsse innerhalb der Währungsunion vor allem von den Krisenländern in stabile Staaten verlaufen und gleichzeitig Banken in den Krisenländern den überwiegenden Anteil der Refinanzierungsgeschäfte des Eurosystems in Anspruch nehmen

Würde ein Mitgliedsland, dessen nationale Zentralbank T2-Verbindlichkeiten aufweist, die Währungsunion verlassen, bestünde die Möglichkeit eines Verlusts der entsprechenden T2-Forderungen aufseiten aller übrigen Mitglieder des Eurosystems. Die häufig geäußerte Sorge über einen Totalausfall der Forderungen ist jedoch vor allem angesichts der historischen Erfahrungen mit der Abwicklung von Staatsschuldenkrisen wenig plausibel. Zudem haben das Target-System und die damit einhergehenden T2-Salden vor allem Deutschland nicht nur Risiken, sondern auch ein höheres Maß an finanzieller Sicherheit beschert:

  • Deutsche Investoren haben seit Ausbruch der Krise im Euroraum bis Mitte 2013 rund 390 Milliarden Euro aus den Krisenländern Griechenland, Italien, Irland, Portugal, Spanien und Zypern abgezogen. Dass sie diese Gelder problemlos abziehen und Verluste reduzieren konnten und weiterhin können, ist auch dem Target-System und der Liquiditätsbereitstellung der Europäischen Zentralbank zu verdanken.
  • Target 2 und die Liquiditätshilfen der EZB erfüllen eine wichtige Puffer-Funktion, die Kriseneffekte dämpft, die Kapitalflucht bewältigen hilft und den Krisenländern des Euroraums Zeit für notwendige Reformen zur Anpassung ihrer Wirtschaft verschafft.
  • Die Kreditvergabe an Privathaushalte und Unternehmen in Deutschland ist durch die Zahlungszuflüsse aus dem Ausland nicht eingeschränkt. Vielmehr erhöht der Liquiditätszufluss aus den Krisenländern unter unveränderten Bedingungen die Fähigkeit deutscher Banken, auch ohne zusätzliche Zentralbankkredite geschäftsfähig zu bleiben.

 

Ist das Vertrauen zwischen den Banken innerhalb der Eurozone wieder vollständig hergestellt und der Interbankenmarkt intakt, wird die EZB in der Lage sein, die Bereitstellung unbeschränkter Liquidität zu drosseln. Dann werden Banken mit Überschussliquidität diese über den Interbankenmarkt an Finanzinstitute mit Liquiditätsbedarf verleihen. In der Folge werden sich auch die Target-Salden wieder reduzieren.

Lesen Sie mehr zum Thema:
DIW Wochenbericht 44/2013 | PDF, 197.04 KB "Target-Salden - ein Anker der Stabilität"