DIW Glossar

Das DIW Glossar ist eine Sammlung von Begriffen, die in der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts häufig verwendet werden. Die hier gelieferten Definitionen sollen dem besseren Verständnis der DIW-Publikationen dienen und wichtige Begriffe aus der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung so prägnant wie möglich erklären. Das Glossar hat keinen Anspruch auf lexikalische Vollständigkeit.

Niedriglohnsektor (Niedriglohn)

Als Niedriglohn wird gemäß der Definition internationaler Organisationen (ILO, OECD) ein Stundenentgelt bezeichnet, das geringer ist als zwei Drittel des mittleren Lohns. Für diese Grenze gibt es keine wissenschaftliche Begründung; es handelt sich lediglich um eine Konvention. Der mittlere Lohn (Medianlohn) ist derjenige Wert, der die Arbeitnehmer in zwei gleich große Gruppen teilt: Die eine Hälfte erhält ein geringeres, die andere Hälfte einen höheres Stundenentgelt (siehe auch Medianeinkommen). Der mittlere Lohn darf nicht mit dem Durchschnittslohn verwechselt werden, bei dem die Summe der Löhne durch die Summe der Arbeitnehmer geteilt wird.

Üblicherweise werden die Bruttostundenlöhne zur Ermittlung des Niedriglohns herangezogen. Beispielsweise betrug – berechnet anhand der Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) – im Jahr 2011 der mittlere Bruttostundenlohn in Deutschland 14,24 Euro. Zwei Drittel davon sind 9,49 Euro. Arbeitnehmer, die weniger erhalten, bekommen einen Niedriglohn. Der Durchschnittlohn lag indes im selben Jahr deutlich höher: bei 15,81 Euro. Die Differenz zum mittleren Lohn resultiert daraus, dass die Arbeitnehmer auf den oberen Stufen der Lohnskala relativ hohe Stundenentgelte erhalten; diese relativ wenigen Personen ziehen den Durchschnittslohn deutlich nach oben.

Bei den Berechnungen wird auf die Bruttostundenlöhne (nicht auf die Nettolöhne) abgestellt, weil die Bruttogröße unabhängig ist von familiären Besonderheiten, die sich auf die Steuern und Abgaben auswirken. Allerdings ist die Verwendung der Bruttostundenlöhne auch nicht unproblematisch, weil dabei die Privilegierung bestimmter Arbeitsverhältnisse ausgeblendet wird. Besonders ins Gewicht fallen die Minijobs, für die die Arbeitnehmer keine Steuern und Sozialabgaben zahlen müssen; der Bruttolohn entspricht in diesen Fällen also dem Nettolohn. Nicht verbindlich definiert ist, welcher Kreis von Arbeitnehmern bei der Ermittlung der Niedriglöhne zu berücksichtigen ist. Unklarheit besteht hinsichtlich der Auszubildenden sowie der Personen, die an bestimmten arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen wie Ein-Euro-Jobs teilnehmen. Es bietet sich an, sie auszuklammern, weil sie keine Löhne im eigentlichen Sinn, sondern Ausbildungsvergütungen beziehungsweise Zuschüsse für besondere Aufwendungen erhalten.

Zum Niedriglohnsektor zählen all jene Arbeitnehmer, die einen niedrigen Lohn erhalten. Es handelt sich hier nicht um einen Sektor im klassischen Sinne, dem bestimmte wirtschaftliche Aktivitäten - wie industrielle Fertigung, bau- oder landwirtschaftliche Tätigkeiten - zugeordnet sind, sondern um eine Klassifizierung allein nach der Höhe des Lohnes. Im Jahr 2011 zählten 24 Prozent aller Arbeitnehmer (ohne Auszubildende und Teilnehmer an arbeitsmarktpolitischen Beschäftigungsmaßnahmen) zum Niedriglohnsektor. Dieser Anteil hat sich seit 2006 kaum verändert, nachdem er in den Jahren zuvor deutlich zugenommen hatte. Absolut ist die Zahl der Beschäftigten im Niedriglohnsektor auch nach 2006 im Trend gestiegen – ebenso wie die Zahl der Arbeitnehmer insgesamt.

Lesen Sie mehr zum Thema:
DIW Wochenbericht 21/2017 | PDF, 0.74 MB "Niedrige Stundenverdienste hinken bei der Lohnentwicklung nicht mehr hinterher"
DIW Wochenbericht 05/2014 | PDF, 153.03 KB "Mindestlohn: Zahl der anspruchsberechtigten Arbeitnehmer wird weit unter fünf Millionen liegen"
DIW Wochenbericht 39/2013 | PDF, 1 MB "Gesetzlicher Mindestlohn: kein verteilungspolitisches Allheilmittel"
DIW Wochenbericht 21/2012 | PDF, 0.59 MB "Geringe Stundenlöhne, lange Arbeitszeiten"