DIW Glossar

Das DIW Glossar ist eine Sammlung von Begriffen, die in der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts häufig verwendet werden. Die hier gelieferten Definitionen sollen dem besseren Verständnis der DIW-Publikationen dienen und wichtige Begriffe aus der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung so prägnant wie möglich erklären. Das Glossar hat keinen Anspruch auf lexikalische Vollständigkeit.

Deflation

Unter Deflation wird der Rückgang des allgemeinen Preisniveaus verstanden. Bei einer Deflation kann eine Zentralbank erheblich an ihre Grenzen stoßen, mit Hilfe konventioneller geldpolitischer Instrumente Einfluss auf das Preisniveau nehmen zu können. Die Europäische Zentralbank (EZB) verfolgt das Ziel einer Inflationsrate von knapp unter zwei Prozent in der mittleren Frist. Weicht die Inflation von diesem Ziel ab, reagiert die EZB gewöhnlich mit Leitzinsänderungen: Eine zu hohe Inflationsrate wird mit Zinserhöhungen, eine zu niedrige Inflationsrate mit Zinssenkungen bekämpft. Da der Leitzins, zu dem Banken sich regulär von der Zentralbank Geld leihen, üblicherweise nicht negativ wird, sind Zinssenkungen durch die „Null-Zins-Grenze“ beschränkt. Folglich kann einer anhaltend niedrigen Inflationsrate beziehungsweise einer Deflation nicht mehr durch Zinsanpassungen begegnet werden, wenn der Leitzins bereits sehr niedrig beziehungsweise nahe Null ist. In diesem Fall bleiben nur noch unkonventionelle geldpolitische Maßnahmen, wie beispielsweise direkte Ankäufe von Wertpapieren, um die Teuerungsrate zu erhöhen.

Aufgrund der Null-Zins-Grenze birgt eine Deflation die Gefahr einer sich selbst verstärkenden Preisspirale und in der Folge einer Rezession: Die Deflationserwartungen der Wirtschaftsakteure bewirken ein Ausgabeverhalten, das die gesamtwirtschaftliche Nachfrage verringert und die Deflation verstärkt beziehungsweise erst herbeiführt.

Darüber hinaus stellt eine Deflation eine akute Gefahr für die Finanzstabilität dar, da sich Verschuldungsprobleme, finanzielle Notlagen und Deflation über drei Kanäle gegenseitig verstärken:

  • Kreditnehmer versuchen, ihre durch die Deflation steigende reale Schuldenlast durch Notverkäufe von Vermögenswerten zu senken; dies führt im Aggregat zu einer Kontraktion der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, was wiederum die Deflation verstärkt.
  • Die Notverkäufe lösen einen Abwärtsdruck auf die Vermögenspreise aus, der nicht nur höhere Verluste für die Verkäufer bewirkt, sondern auch Verluste für bislang noch nicht in Notlage geratene Eigentümer. Dadurch steigt die Zahl der Notverkäufe, die gesamtwirtschaftliche Nachfrage sinkt, und die Deflation verstärkt sich.
  • Die Insolvenzen belasten den Finanz- und Bankensektor und behindern die Finanzintermediation; dadurch verschlechtern sich die Finanzierungsbedingungen für die Realwirtschaft, es kommt zur Kreditklemme, der Rückgang der Konsum- und Investitionsausgaben verstärkt ebenfalls die Deflation.


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DIW Wochenbericht 38/2016 | PDF, 258.29 KB "Anleihekaufprogramme der EZB heben Inflationserwartungen im Euroraum"
DIW Wochenbericht 13/2015 | PDF, 0.51 MB "Unbekanntes Terrain: Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank"
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DIW Wochenbericht 37/2014 | PDF, 0.8 MB "Inflationserwartungen im Euroraum sind nicht mehr fest verankert: neue Maßnahmen der EZB-Geldpolitik"
DIW Wochenbericht 12/2014 | PDF, 0.92 MB "Schwache Preisentwicklung und Deflationsgefahr im Euroraum: Grenzen der konventionellen Geldpolitik"