DIW Glossar

Das DIW Glossar ist eine Sammlung von Begriffen, die in der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts häufig verwendet werden. Die hier gelieferten Definitionen sollen dem besseren Verständnis der DIW-Publikationen dienen und wichtige Begriffe aus der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung so prägnant wie möglich erklären. Das Glossar hat keinen Anspruch auf lexikalische Vollständigkeit.

Fiskalische Abwertung

Unter fiskalischer Abwertung wird eine aufkommensneutrale Verlagerung der Abgabenbelastung von Sozialabgaben, die von Arbeitgebern gezahlt werden, hin zur Mehrwertsteuer verstanden. Primäres Ziel fiskalischer Abwertung ist die Wettbewerbsfähigkeit eines Landes. Eine Reduzierung der Sozialabgaben hat eine Senkung der Produktionskosten zur Folge. In wettbewerbsintensiven Märkten führt dies zu Preissenkungen, so dass die im Inland hergestellten Güter gegenüber den im Ausland produzierten Gütern billiger werden. Als Folge davon verschiebt sich die inländische Nachfrage zugunsten heimischer Produkte, und die Ausfuhr wird angeregt. Die Einnahmeeinbußen auf Seiten des Staates durch die niedrigeren Sozialabgaben werden durch eine Anhebung der Mehrwertsteuer ausgeglichen.

Eine fiskalische Abwertung ist hauptsächlich wirksam für Länder mit fixierten Wechselkursen, wie es in der Europäischen Währungsunion der Fall ist. Diese Politikmaßnahme hat den Vorteil, das Wirtschaftswachstum anregen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit eines Landes zu verbessern, ohne die staatlichen Haushalte zu belasten.

Betrachtet man den Euroraum als Ganzes, so ist durchaus ein Trend zur fiskalischen Abwertung erkennbar. Zwischen 2000 und 2013 sank der durchschnittliche ungewichtete Satz von Sozialabgaben der Arbeitgeber um 1,2 Prozentpunkte auf 24,5 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg der durchschnittliche Mehrwertsteuersatz um rund zwei Prozentpunkte auf 20,8 Prozent. Insgesamt gab es im Euroraum zwischen 2000 und 2013 in 28 Fällen Mehrwertsteuererhöhungen, und nur fünfmal wurden sie gesenkt. Gleichzeitig gab es zwei Dutzend Sozialabgabensenkungen für Arbeitgeber um mehr als 0,5 Prozentpunkte.

Die Asymmetrie in der Veränderung der Sozialabgaben- und der Mehrwertsteuersätze legt nahe, dass die fiskalische Abwertung nicht in allen Fällen aufkommensneutral für die Regierungen gestaltet wurde, sondern dass neben einer Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit auch das Motiv der Sanierung der öffentlichen Haushalte eine Rolle gespielt haben dürfte.

Schätzergebnisse des DIW Berlin zeigen, dass zwischen der Höhe der Sozialabgaben von Arbeitgebern und dem Pro-Kopf- Handelsbilanzsaldo eines Landes ein signifikant negativer Zusammenhang besteht. Die Höhe der Mehrwertsteuer wirkt sich dagegen nicht auf die Handelsbilanz eines Landes aus. Dies ist nicht verwunderlich, da Mehrwertsteuern nur auf den heimischen Konsum anfallen und daher keinen Einfluss auf die relativen Preise eines Landes beim Güteraustausch mit seinen Handelspartnern haben sollten.

Zwar ist fiskalische Abwertung bei weitem nicht ausreichend, um die Probleme der europäischen Krisenländer langfristig zu lösen. Aber angesichts der Tatsache, dass sich die derzeitige Reformagenda der Europäischen Kommission auf eine restriktive Fiskalpolitik und auf Strukturreformen konzentriert, die sich erst in der längeren Frist positiv auf das Wirtschaftswachstum der Eurozone auswirken dürften, könnte eine fiskalische Abwertung gerade in der Übergangszeit dazu beitragen, das Wirtschaftswachstum in den Krisenländern zu stabilisieren.

Lesen Sie mehr zum Thema:
DIW Wochenbericht 39/2014 | PDF, 0.6 MB "Fiskalische Abwertung: Wirtschaftliche Impulse für Krisenländer im Euroraum"