DIW Glossar

Das DIW Glossar ist eine Sammlung von Begriffen, die in der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts häufig verwendet werden. Die hier gelieferten Definitionen sollen dem besseren Verständnis der DIW-Publikationen dienen und wichtige Begriffe aus der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung so prägnant wie möglich erklären. Das Glossar hat keinen Anspruch auf lexikalische Vollständigkeit.

Europäische Arbeitslosenversicherung

Mit einer Europäischen Arbeitslosenversicherung könnte ein Stabilisierungsmechanismus geschaffen werden, der asymmetrische konjunkturelle Entwicklungen in den Mitgliedsländern dämpfen könnte. Im Rahmen einer solchen Versicherung würden die Beschäftigten in den teilnehmenden Staaten einen Teil ihres Lohns als Beiträge in eine gemeinsame Versicherung einzahlen und im Fall von Arbeitslosigkeit Kompensationszahlungen erhalten, die zeitlich begrenzt sind und sich nach dem Verdienst vor der Arbeitslosigkeit richten. Die Bezugsdauer kann dabei so festgelegt werden, dass nur kurzfristige – konjunkturbedingte – Arbeitslosigkeit erfasst wird; sie könnte also zum Beispiel auf ein Jahr begrenzt werden. Den Einzelstaaten bliebe es vorbehalten, eine über dieses Basisniveau hinausgehende Absicherung anzubieten, die aus nationalen Beiträgen oder Steuern finanziert wird.

Durch eine solche Europäische Arbeitslosenversicherung würden Länder, die eine konjunkturelle Schwächephase durchlaufen, in der Summe höhere Auszahlungen erhalten, während Länder, die sich in einem zyklischen Hoch befinden, insgesamt höhere Beiträge zu leisten hätten. Auf diese Weise würde den boomenden Ländern Kaufkraft entzogen und die Gefahr einer Überhitzung gemindert, während den konjunkturell schwächeren Volkswirtschaften Spielraum für eine weniger restriktive Finanzpolitik gegeben würde. Zentral hinsichtlich der politischen Umsetzbarkeit dürfte sein, dass es nicht zu dauerhaften Transfers zwischen den beteiligten Volkswirtschaften kommt, sondern sich die Vorteile des Systems über die Zeit in etwa ausgleichen. So kann es – etwa aufgrund unterschiedlicher institutioneller Bedingungen am Arbeitsmarkt – zu dauerhaften Unterschieden bei der Höhe der Arbeitslosigkeit zwischen den Mitgliedsländern der Währungsunion kommen; damit verbunden wären dann auch dauerhafte Nettozahlungen von einzelnen Ländern in andere Länder. Solche Umverteilungen sollten durch eine geeignete Ausgestaltung des Systems (etwa länderspezifische Beitragssätze) ausgeschlossen werden.

Simulationsrechnungen des DIW Berlin zeigen, dass eine Europäische Arbeitslosenversicherung – je nach Ausgestaltung – zu einer merklichen Stabilisierung der wirtschaftlichen Entwicklung führen kann. Insbesondere eine großzügige Variante eines solchen Transfersystems mit einer Nettolohnersatzquote von 70 Prozent und einer maximalen Bezugszeit von zwölf Monaten hätte merkliche Effekte: Zum Beispiel wäre in Spanien der krisenbedingte Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2009, der tatsächlich bei 3,8 Prozent lag, auf 3,1 Prozent gedämpft worden.

Lesen Sie mehr zum Thema:
DIW Wochenbericht 44/2012 | PDF, 141.59 KB "Eine gemeinsame Arbeitslosenversicherung für den Euroraum"
DIW Wochenbericht 44/2012 | PDF, 105.54 KB "Mechanismen zur Harmonisierung der Konjunkturverläufe in der Eurozone: eine skeptische Sicht"
DIW Wochenbericht 37/2014 | PDF, 0.65 MB "Europäische Arbeitslosenversicherung: Konjunkturstabilisierung ohne große Umverteilung der Haushaltseinkommen"