DIW Glossar

Das DIW Glossar ist eine Sammlung von Begriffen, die in der wissenschaftlichen Arbeit des Instituts häufig verwendet werden. Die hier gelieferten Definitionen sollen dem besseren Verständnis der DIW-Publikationen dienen und wichtige Begriffe aus der empirischen Wirtschafts- und Sozialforschung so prägnant wie möglich erklären. Das Glossar hat keinen Anspruch auf lexikalische Vollständigkeit.

Fachkräftemangel

Fachkräftemangel ist ein populärer Begriff, der häufig in den Medien und von der Politik verwendet wird. Aus ökonomischer Sicht kann ein dauerhafter Mangel, also ein Überschuss der Nachfrage über das Angebot, vor allem in geschlossenen Volkswirtschaften auftreten. Das gilt für Waren genauso wie für die Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital. In marktwirtschaftlich verfassten Ökonomien äußern sich auftretende Angebotsknappheiten in höheren Preisen, beziehungsweise auf dem Arbeitsmarkt in steigenden Löhnen.

Wenn Arbeitskräfte knapp werden – und im Zuge dessen die Löhne steigen – reagieren die Marktteilnehmer mit entsprechenden Anpassungsreaktionen: Die Unternehmen würden ihre Anstrengungen bei der beruflichen Erstausbildung und bei der Weiterbildung ihrer Mitarbeiter ausweiten, durch Rationalisierungsmaßnahmen Arbeit einsparen, durch betriebliche Umstrukturierungsmaßnahmen die Stellenbesetzung optimieren oder Arbeitskräfte aus anderen Regionen anwerben. Auch seitens des Arbeitskräfteangebots käme es zu Anpassungsreaktionen: Die nachwachsende Generation würde solche Berufe anstreben, in denen sie Knappheiten vermutet; die Zuwanderung dürften angesichts steigernder Löhne zunehmen und die Abwanderungen zurückgehen. Bei funktionierenden Märkten kann daher eine ausgeprägte Knappheit an Arbeitskräften nur ein temporäres Phänomen sein.

In der wissenschaftlichen Diskussion besteht Einigkeit darüber, dass es in Deutschland derzeit keinen flächendeckenden Mangel an Fachkräften gibt. Kontrovers wird allerdings die Lage auf einzelnen Teilarbeitsmärkten diskutiert – und zwar auf solchen Märkten, die nicht übermäßig reguliert sind. Dazu gehören vor allem der Arbeitsmarkt für industrienahe Ingenieure sowie einige Fertigungsberufe. Unstrittig ist dagegen, dass Arbeitskräfte im Pflege- und Gesundheitsbereich fehlen – Sektoren, die strengen staatlichen Vorgaben zur Kostendämpfung unterliegen.

Es gibt eine Reihe von Verfahren, mit denen Mangelberufe identifiziert werden sollen. Die Bundesagentur für Arbeit (BA) stellt die Zahl der Arbeitslosen der Zahl der offenen Stellen gegenüber. Fachkräftemangel gibt es der BA zufolge dann, wenn die Zahl der offenen Stellen höher ist als die Zahl der Arbeitslosen. Überdies werden Engpässe anhand der Zeit ermittelt, die es dauert, bis offene Stellen besetzt werden (sogenannte Vakanzzeiten). Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW Köln) stützt sich bei seinen Untersuchungen über den Arbeitsmarkt für Ingenieure ebenfalls auf die amtlichen Daten der Arbeitslosen und der offenen Stellen. Da längst nicht alle Vakanzen der Arbeitsverwaltung gemeldet werden, werden die bei den Arbeitsagenturen registrierten offenen Stellen anhand von Unternehmensumfragen hochgerechnet. Ein Mangel bestehe laut IW Köln dann, wenn die Zahl der hochgerechneten offenen Stellen größer ist als die Zahl der Arbeitslosen.

Kritisch ist gegenüber diesen Verfahren anzumerken, dass das Arbeitskräfteangebot viel größer ist als die Zahl der Arbeitslosen. So wären auch Berufsanfänger einzubeziehen. Überdies wird der Dynamik auf dem Arbeitsmarkt nicht ausreichend Rechnung getragen, denn offene Stellen werden überwiegend mit Personen aus einem anderen Betrieb oder Unternehmen besetzt, wodurch in den früheren Betrieben vielleicht – aber keineswegs immer – offene Stellen entstehen. Zudem werden die Möglichkeiten, die der große und offene europäische Arbeitsmarkt bietet, ausgeklammert. Auch der Indikator der Vakanzzeit zur Messung von Engpässen ist problematisch, da er nicht eindeutig ist. Eine lange Vakanzzeit könnte auch bedeuten, dass die Unternehmen angesichts einer großen Bewerberauswahl bei der Besetzung ihrer Stellen wählerisch sind und es deshalb lange dauert, geeignete Kandidaten zu finden.

Lesen Sie mehr zum Thema:
DIW Wochenbericht 11/2012 | PDF, 265.21 KB "Ingenieure in Deutschland: keine Knappheit abzusehen"
Roundup 4 "Die Debatte über den Fachkräftemangel"