Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 16.07.2015

Europäische Kommission verpasst Chance für mehr Innovation bei CO2-intensiven Materialien

Werner Nick (Copyright)  Braunkohlekraftwerk Kraftwerk Braunkohlekraftwerke
Copyright: Werner Nick

Eine neue Studie des Europäischen Forschungsnetzwerkes Climate Strategies zeigt: „Mit dem Vorschlag der EU-Kommission für Carbon Leakage Schutz in den Jahren nach 2020 wird ein großer Teil der Innovationspotentiale bei CO2-intensiven Materialien wie Stahl und Zement nicht erschlossen. Hier wird eine wichtige Chance vertan, denn Stahl- und Zementherstellung alleine tragen zu 38 Prozent der industriellen CO2-Emission Europas bei“, so Karsten Neuhoff, Leiter der Abteilung Klimapolitik am DIW Berlin.

Die Forscher unter der Leitung des DIW Berlin untersuchten die Wirkung von Umwelt- und Klimapolitik auf die europäische Stahl- und Zementindustrie in den vergangenen 15 Jahren sowie Politikoptionen zur Erschließung von Innovations- und Modernisierungspotentialen bei CO2-intensiven Materialien.

CO2-Intensive Materialien – Klimapolitik als Chance

Die entscheidende ökonomische Herausforderung für Hersteller CO2-intensiver Materialien wie Stahl und Zement ist, dass mit der Wirtschaftskrise die Europäische Nachfrage um rund 20 Prozent eingebrochen ist. Eine Erholung wird auch mittelfristig nicht erwartet und somit entfallen viele Investitionsanreize.  Energie- und Klimapolitik sind für diese Entwicklung nicht verantwortlich, könnten jedoch neue Investitionen in Innovation und Modernisierung in den Materialsektoren anstoßen: in neue Produktionsprozesse, in hochwertigere, leichtere und damit CO2-effizientere Materialien, in die effizientere Nutzung von Materialien und in neue klimafreundliche Materialien.

Wirksame CO2-Preise für Zwischen- und Endkunden notwendig

Der CO2-Preis muss auch für Zwischen- und Endkunden spürbar sein, um Anreize für Innovation und Modernisierung zu schaffen. Das Europäische Parlament stimmte letzte Woche für eine Marktstabilitätsreserve für den Europäischen Emissionshandel. Diese wird jetzt schneller und entschiedener umgesetzt als ursprünglich von der EU-Kommission vorgeschlagen. Allerdings würde der gestrige Vorschlag der Europäischen Kommission zum Schutz vor Carbon Leakage nach 2020 dazu führen, dass so gut wie kein CO2-Preis an Zwischen- und Endkunden von CO2-intensiven Materialien weitergegeben wird.

Der Vorschlag sieht vor, dass Sektoren, bei denen die CO2-Kosten zu einer Produktionsverlagerung ins Ausland führen könnten, Emissionszertifikate kostenlos zugeteilt bekommen. Wenn jedoch Emissionszertifikate als sogenannter Carbon Leakage Schutz kostenlos vergeben werden, dann hemmt das die Weitergabe des CO2-Preises an Zwischen- und Endkunden, und es entstehen keine Anreize für einen großen Teil der Innovations- und Modernisierungsoptionen. Damit wird das vom Europäischen Rat im Oktober verabschiedete Ziel, Innovationsanreize für die Industrie vollständig zu bewahren, nicht erreicht. Ohne solche Innovation bleibt das langfristige Emissionsminderungspotential in Materialsektoren auf 10 bis 20 Prozent der heutigen Emissionen beschränkt.

Innovationsförderung und Koordination

Zusätzlich ist eine öffentliche Förderung von Innovation insbesondere bei primären Produktionsprozessen von Materialien wichtig. So wurden zum Beispiel vielversprechende erste Schritte zur CO2-armen Herstellung von Stahl in einer Europäischen Initiative unternommen (ULCOS), deren öffentliche Förderung vor Erreichung der Marktreife auslief. Mit dem im Kommissionsvorschlag für die EU ETS Reform vorgesehenen Innovationsfonds könnten gezielt Demonstrationsanlagen von schrittweise wachsender Größe unterstützt werden. Dabei wird sich auch zeigen, welche Anpassungen bei Normen und Standards notwendig sind, um Marktzugangsbarrieren für neue Materialien und Prozesse zu vermeiden.

Die Europäischen Verbände CO2-intensiver Materialhersteller haben in den letzten Jahren Roadmaps entwickelt, um aufzuzeigen, wie der jeweilige Sektor bis 2050 seine Emissionen um 80 Prozent reduzieren kann. „Roadmaps der einzelnen Sektoren sollten weiterentwickelt werden. Mit ihrer Hilfe könnten dann regulatorische Anpassungen und Innovationsförderung koordiniert werden. Zusammen mit einem umfassenden CO2-Preissignal aus dem europäischen Emissionshandel würde das eine Perspektive für Investitionen in und die Modernisierung von klimafreundlichen Materialien bieten“, folgert Oliver Sartor vom französischen Forschungsinstitute IDDRI.

Projektpartner

In diesem Bericht sind die Ergebnisse des Forschungsprojektes “Carbon Control Post 2020 in Energy Intensive Industries” zusammengefasst. Partner des DIW Berlin im Projekt waren CNRS-Ecole Poly-technique, Centre International de Recherche sur l’Environnement et le Développement (CIRED), Institut du développement durable et des relations internationales (IDDRI) (alle Frankreich), Hertie School of Governance, Universität Erlangen-Nürnberg (beide Deutschland), Radboud University Nijmegen (Niederlande), Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment at the London School of Economics and Political Sciences und University College London (beide Vereinigtes Königreich). Das Projekt wurde unterstützt von Ministerien in Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreiches sowie von Heidelberg Zement und Tata Steel Europe. Die in diesem Bericht dargestellten Inhalte und Positionen sind unabhängige Auffassungen der Autoren und nicht notwendigerweise die der Geldgeber.

Climate Strategies ist eine gemeinnützige Organisation, die mit Hilfe eines internationalen Expertennetzwerkes die Lücke zwischen akademischer Forschung und Politik überbrückt und internationalen Entscheidungsträgern unabhängige Analysen in den Themenfeldern Energie und Klima zur Verfügung stellt.

Links

DIW Wochenbericht 29+30/2015 | PDF, 1.2 MB

Interview mit Karsten Neuhoff (Print | PDF, 112.92 KB und Audio) | MP3, 5.47 MB

Lade Player...

Folgen Sie dem DIW Berlin auf Twitter

Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)

Das DIW Berlin (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) ist seit 1925 eines der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in Deutschland. Es erforscht wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Zusammenhänge in gesellschaftlich relevanten Themenfeldern und berät auf dieser Grundlage Politik und Gesellschaft. Das Institut ist national und international vernetzt, stellt weltweit genutzte Forschungsinfrastruktur bereit und fördert den wissenschaftlichen Nachwuchs. Das DIW Berlin ist unabhängig und wird als Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft überwiegend aus öffentlichen Mitteln finanziert.

Weitere Pressemitteilungen finden Sie hier.

Pressestelle DIW Berlin

TelefonMobilE-Mail
Renate Bogdanovic+49-30-897 89-249+49-174-319-3131
Claudia Cohnen-Beck+49-30-897 89-252
Sebastian Kollmann+49-30-897 89-250+49-162-105-2159
Mathilde Richter+49-30-897 89-152+49-172-154-0646

Referentin Kommunikation Sozio-oekonomisches Panel (SOEP)

TelefonE-Mail
Monika Wimmer+49-30-897 89-251

Die Weiterverwertung des oben angezeigten Bildmaterials ist nicht gestattet. Angezeigte Abbildungen und Tabellen sind zur Veröffentlichung freigegeben. Falls Sie die Rohdaten benötigen, wenden Sie sich bitte an die Pressestelle des DIW Berlin.