Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 16.12.2015

Inlandsnachfrage treibt die deutsche Wirtschaft an

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Konjunkturprognose des DIW Berlin: Wachstum des Bruttoinlandsprodukts auch in den kommenden beiden Jahren stabil – Binnenwirtschaft profitiert von guter Arbeitsmarktlage und Ausgaben für Asylsuchende – Öffentliche Haushalte mit Überschüssen, Spielräume werden aber enger

Die deutsche Wirtschaft wird ihren Aufwärtstrend voraussichtlich auch in den kommenden beiden Jahren fortsetzen: Der neuesten Konjunkturprognose des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zufolge dürfte das Bruttoinlandsprodukt nach einem Anstieg um 1,7 Prozent in diesem Jahr auch im kommenden Jahr um diesen Wert wachsen. Für das Jahr 2017 ist mit 1,5 Prozent etwas weniger zu erwarten – allerdings nur deshalb, weil die Zahl der Arbeitstage aufgrund der Lage der Feiertage geringer ausfällt.

In erster Linie ist es die Inlandsnachfrage, die die deutsche Wirtschaft anschiebt. Der private Verbrauch trägt maßgeblich zum Wachstum bei, allerdings zu einem Teil bedingt durch Sondereffekte wie dem gesunkenen Ölpreis. Auch haben Ausgaben des Staates – unter anderem für Transferleistungen und Sprachkurse – für die Asylsuchenden zugenommen, die sich im Aggregat des privaten Konsums niederschlagen. Sieht man von solchen Sondereffekten ab, ist die Dynamik des privaten Konsums nicht wirklich kräftig. Von der durch die Migration angestoßenen Nachfrage profitiert auch die Bauwirtschaft, etwa weil vielerorts dringend Wohnungen benötigt werden.

Das DIW Berlin geht unter Berücksichtigung verschiedenster Annahmen – etwa hinsichtlich der Zahl der Asylsuchenden, der Bearbeitungsdauer der Anträge, der Anerkennungsquote und der Erwerbsquote – davon aus, dass die Bruttoausgaben des Staates in Zusammenhang mit den Asylsuchenden in diesem Jahr bei knapp sechs Milliarden Euro und in den kommenden beiden Jahren bei knapp 15 beziehungsweise 17 Milliarden Euro liegen werden. Diesen Ausgaben werden – gleichwohl noch schwerer quantifizierbare – Mehreinnahmen gegenüberstehen, etwa bei der Mehrwert- und Lohnsteuer oder bei den Sozialbeiträgen. Unter dem Strich dürften die öffentlichen Haushalte auch in den kommenden beiden Jahren mit einem Überschuss abschließen, wenngleich dieser über die Zeit geringer wird (siehe dazu auch die Pressemitteilung zur Finanzpolitik).

Aussichten für Weltwirtschaft hellen sich auf, sind aber nicht rosig

Die Lage der Weltwirtschaft wird sich im Prognosezeitraum wohl etwas verbessern. In Russland und Brasilien schrumpfte die Wirtschaftsleistung zuletzt weniger stark als zuvor, und eine harte Landung der chinesischen Wirtschaft blieb aus. In den USA und in Großbritannien ist die wirtschaftliche Entwicklung kräftig. Insgesamt erwarten die Konjunkturforscher des DIW Berlin nach einer Wachstumsrate von 3,4 Prozent in diesem Jahr 3,6 Prozent für das nächste und 3,9 Prozent für das übernächste Jahr. Die Entwicklung bleibt aber nicht ohne Risiken: Hohe Inflationsraten und die bevorstehende US-Zinswende könnten die Konjunktur in den Schwellenländern stärker als unterstellt belasten. Hinzu kommen die niedrigen Rohstoffpreise, die besonders erdölexportierenden Ländern zu schaffen machen. Auch wenn die geringen Energiekosten andernorts Chancen bieten, da sie die Produktionskosten senken: Zu den Wachstumsraten der vergangenen Jahre werden die Schwellenländer wohl nicht zurückkehren.

In diesem Umfeld wird es auch im Euroraum weiterhin nur moderat aufwärts gehen. Die Exporte entwickelten sich aufgrund der rückläufigen Nachfrage aus China, Russland und Brasilien zuletzt nur verhalten, obwohl der schwächere Euro die Außenwirtschaft grundsätzlich stützt. Der Aufschwung wird aber vor allem vom privaten Konsum getragen – insbesondere, weil die Arbeitslosenquoten vielerorts sinken und die verfügbaren Einkommen aufgrund der niedrigen Inflationsraten merklich zunehmen. Demgegenüber dürfte der geringe Preisauftrieb den erforderlichen Entschuldungsprozess erschweren: In vielen Ländern ist nicht nur der öffentliche Sektor hoch verschuldet, auch private Haushalte und Unternehmen müssen ihre Bilanzen in Ordnung bringen. Alles in allem dürfte das Wachstum in den Jahren 2015 und 2016 bei 1,5 Prozent liegen, im Jahr 2017 ist wohl ein noch etwas höherer Anstieg des Bruttoinlandsprodukts drin.

Außenhandel trägt 2016 und 2017 nicht mehr zum Wachstum der deutschen Wirtschaft bei

In Deutschland wird die Wirtschaftsleistung in den nächsten Quartalen leicht überdurchschnittlich wachsen. Die Unternehmen werden sich mit Investitionen jedoch auch weiterhin zurückhalten, nicht zuletzt aufgrund bestehender Unsicherheiten über die weltwirtschaftliche Entwicklung und die Ausrichtung des Euroraums beziehungsweise der Europäischen Union. Wachstumstreiber ist derzeit der private Konsum, der im laufenden Jahr allerdings auch von den gesunkenen Energiepreisen beflügelt wurde. Die gute Lage auf dem Arbeitsmarkt hält aber an: Die Zahl der Erwerbstätigen wird in den kommenden beiden Jahren auf neue Höchststände steigen und die Lohnsumme um rund vier Prozent pro Jahr expandieren. Allerdings nimmt auch die Arbeitslosenquote zu, weil die Zahl der Erwerbspersonen merklich steigt, auch weil wohl immer mehr anerkannte Asylbewerber auf den Arbeitsmarkt kommen. Nach 6,4 Prozent in diesem und 6,5 Prozent im kommenden Jahr wird sie 2017 voraussichtlich bei 6,8 Prozent liegen. Die insgesamt kräftige Binnenwirtschaft sorgt dafür, dass die Importe schneller als die Exporte steigen. Letztere laufen zwar nach wie vor gut, per saldo wird der Außenhandel in den kommenden beiden Jahren aber wohl nicht mehr zum Wachstum der deutschen Wirtschaft beitragen.

KURZ GESAGT

Marcel Fratzscher (Präsident des DIW Berlin): „Die Ausgaben für Geflüchtete werden in den kommenden beiden Jahren wie ein massives Konjunkturprogramm wirken, vergleichbar mit dem während der globalen Finanzkrise in den Jahren 2009 und 2010. Ohne den Stimulus der Ausgaben für Geflüchtete in Höhe von 15 bis 17 Milliarden Euro jährlich, oder 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung, würde das Wirtschaftswachstum in den nächsten beiden Jahren deutlich geringer ausfallen. Die größte Schwäche der deutschen Konjunktur sind die niedrigen öffentlichen und privaten Investitionen, die nahe ihres historischen Tiefpunkts verharren, trotz einer dynamischen privaten Konsumnachfrage. Die Politik darf die dringend notwendige Verbesserung der Rahmenbedingungen für Investitionen nicht aus den Augen verlieren.“

Ferdinand Fichtner (Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik): „Die Lage der Weltwirtschaft hellt sich wieder etwas auf. Eine besonders gute Nachricht ist, dass China die Transformation seiner Wirtschaft zu einer eher konsumgetriebenen bislang ohne größere konjunkturelle Einbrüche vollzogen hat. Insgesamt leiden Schwellenländer wie Russland aber weiterhin darunter, dass sie Energie – vor allem Öl – derzeit zu deutlich niedrigeren Preisen als in der Vergangenheit verkaufen müssen und die Inflationsraten vielerorts hoch sind. Zudem könnte die bevorstehende US-Zinswende zu Kapitalabflüssen und weiteren Verwerfungen führen. Die Wachstumsraten vergangener Jahre sind somit vorerst nicht mehr drin.“

Simon Junker (stellvertretender Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik und Experte für die deutsche Wirtschaft): „Der private Konsum ist derzeit der Wachstumstreiber für die deutsche Wirtschaft. Das hängt zum einen mit der guten Arbeitsmarktentwicklung zusammen, aber in diesem Jahr hat auch der Kaufkraftschub durch die gesunkenen Energiepreise den Konsum angeschoben. Vor allem im kommenden Jahr dürfte auch die steigende Zahl der Asylbewerber zu einem spürbaren Nachfrageimpuls führen. Klammert man solche Sonderfaktoren aus, zeigt sich jedoch, dass sich das Bild derzeit zu günstig darstellt: Im Prinzip ist der Konsum gemessen an der Wirtschaftsleistung über die vergangenen Jahre hinweg noch zu schwach – eigentlich müsste man versuchen, ihn nachhaltiger zu stärken.“

Kristina van Deuverden (wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Konjunkturpolitik und Finanzexpertin): „Die öffentlichen Haushalte – also die Kassen von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialversicherungen – werden auch in den kommenden beiden Jahren mit Überschüssen abschließen. Allerdings engen sich die Spielräume ein: Viele finanzschwache Gemeinden stehen angesichts der hohen Zahl an Geflüchteten schon heute vor den Grenzen ihrer Handlungsfähigkeit. Da der Bund den Kommunen an verschiedenen Stellen Hilfen zugesagt hat, könnte die „schwarze Null“ im Bundeshaushalt im übernächsten Jahr wackeln. Grundsätzlich gilt aber: Der deutsche Staat kann die mit der aktuellen Entwicklung verbundenen finanziellen Belastungen schultern. Auch auf dringend nötige wachstumsfördernde Maßnahmen muss nicht verzichtet werden.“

Links

DIW Wochenbericht 51+52/2015 | PDF, 0.86 MB

DIW Wochenbericht 51+52/2015 als E-Book | EPUB, 2.2 MB

Interview mit Simon Junker (Print | PDF, 89.86 KB und Audio) | MP3, 4.15 MB

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Tabelle: Eckdaten zur Wirtschaftsentwicklung in Deutschland | PDF, 141.09 KB

Abbildung 1: Reales Bruttoinlandsprodukt in Deutschland | PDF, 106.97 KB

Abbildung 2: Reales Bruttoinlandsprodukt in Deutschland | PDF, 107.03 KB

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