Rückblick auf die 3. Gender Studies Tagung

am 22. September 2016

Am 22. September 2016 veranstaltete das DIW Berlin in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung die 3. Gender Studies Tagung zum Thema „Arbeit 4.0 – Blind Spot Gender“. Auch in diesem Jahr fand die Tagung wieder bei vollem Haus statt. Alle Interessierten, die es nicht in die Räumlichkeiten der FES geschafft hatten, konnten die Konferenz über einen Livestream mitverfolgen und unter dem Hashtag #Gender2016 auf Twitter zur Diskussion beitragen.




Eröffnet wurde die Tagung von Roland Schmidt, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der FES. Von Seiten des DIW Berlin begrüßte Präsident Marcel Fratzscher die Gäste. Er betonte, dass hinsichtlich der Geschlechtergerechtigkeit und insbesondere des Gender Pay Gap, der in Deutschland mit 21 Prozent auch im internationalen Vergleich immer noch sehr hoch ist, großer Verbesserungsbedarf besteht.Elke Holst führte inhaltlich in die Thematik ein und zeigte auf, dass die Diskussionen um die Auswirkungen der Digitalisierung auf dem Arbeitsmarkt zwar allgegenwärtig ist, Gender-Aspekte jedoch noch weitestgehend ausgeklammert werden. So betonte sie die hohe Bedeutung der Geschlechterperspektive bei Digitalisierungsfragen.   

Durch den weiteren Tag führte dann  Claudia Neusüß, geschäftsführende Gesellschafterin der Agentur compassorange, die zum dritten Mal die Gender Tagung moderierte.



Zu den Highlights der Veranstaltung zählte der Vortrag von Manuela Schwesig. Sie betonte, dass „die Frage von Gleichberechtigung immer eine Rolle spielen muss“. Hinsichtlich des Gender Pay Gap kritiserte sie die Lohnfindung in Deutschland, die wie eine „Black Box“ funktioniere. Lohntransparenz sei „eines der letzten Tabus im 21. Jahrhundert in Deutschland“. Sie wies darauf hin, dass der Entwurf für ein Lohngerechtigkeitsgesetz bereits dem Bundeskanzleramt vorgelegt wurde. Das Gesetz soll einen Auskunftsanspruch aller Beschäftigten regeln und somit zu mehr Lohngerechtigkeit beitragen.


In der ersten Session der Tagung zeigte Markus Grabka vom DIW Berlin, genderspezifische Verteilungseffekte, die durch die Digitalisierung bedingt werden, auf. Er stellte Berufe vor, die besonders durch die Digitalisierung gefährdet sind und künftig durch Maschinen ersetzt werden könnten. Einige der gefährdeten Berufe würden bis zu 80 Prozent von Frauen, ungefährdete Berufe hingegen überdurchschnittlich häufig von Männern ausgeübt. Ein Vergleich der Verdienstlücken zwischen Frauen und Männern in diesen Berufen ließ erahnen, dass die Einkommenslücke zwischen Männern und Frauen künftig noch ansteigen könnte.



Was gendergerechte Arbeitszeiten im digitalen Zeitalter bedeuten, erklärte Katharina Wrohlich, ebenfalls vom DIW Berlin, die zusammen mit KollegInnen das Konzept der vom BMFSFJ geplanten Familienarbeitszeit untersucht hatte. Demnach sollen Eltern nach der Geburt eines Kindes eine finanzielle Förderung erhalten, wenn sie jeweils gleichermaßen 30 bis 32 Stunden in der Woche einer Erwerbsarbeit nachgehen. Sie führte aber auch an, dass die gerechte Aufteilung von Sorge- und Erwerbsarbeit längst noch nicht Realität geworden ist, auch wenn ein großer Wunsch nach einer paritätischen Aufteilung besteht. Die Digitalisierung sah sie einerseits als Chance für egalitäre Partnerschaften, da sich durch Arbeitsformen wie dem Homeoffice flexibleres Arbeiten möglich ist. Auf der anderen Seite betonte sie auch die Risiken, die zu einer Festigung traditioneller Verhältnisse führen können.



Christiane Funken, Professorin für Soziologie der TU Berlin, sprach im Hinblick auf die Digitalisierung von einer Entgrenzung und Subjektivierung von Arbeit. Sie erwartet, dass insbesondere im Bereich der Qualifizierten und Hochqualifizierten neue Tätigkeitsfelder entstehen. In diesem Zusammenhang sprach sie auch von den WissensarbeiterInnen, deren Mittelpunkt die Kommunikationsarbeit bildet.



Christina Schildmann, Leiterin des wissenschaftlichen Sekretariats der Kommission „Arbeit der Zukunft“ der Hans-Böckler-Stiftung begann mit der Feststellung, dass die Digitalisierung diskursiv umkämpft ist und über ihre Auswirkungen keineswegs Einigkeit besteht. Dennoch sieht sie ein großes Veränderungspotential auch in Bezug auf die Geschlechterverhältnisse im Arbeitsmarkt. Allerdings sei die Digitalisierung nicht der einzige Treiber von Wandlungsprozessen, auch die Alterung der Gesellschaft, die Feminisierung der Arbeitswelt und der Wandel der arbeitsbezogenen Werte spielen eine große Rolle. Schildmann betonte, dass im Zuge dieses Wandels die Zunahme der Bedeutung der sozialen Dienstleistungsberufe zu erwarten ist, deren gesellschaftliche Bedeutung allerdings häufig im Verhältnis zur Produktivität industrieller Wertschätzung bestimmt wird. Hieran anknüpfend richtete sie eine Botschaft an die Ökonomie: ein solcher Produktivitätsbegriff muss stärker problematisiert werden.

Die zweite Session zum Wandel der Arbeitswelt leitete Kira Marrs vom Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung e.V. München ein. Im Zuge der Neuorganisation der Arbeit sprach auch sie von neuen Integrationschancen für Frauen. Durch die Digitalisierung würden sich die klassischen Ingenieursbereiche verändern und neue Zugänge insbesondere im Bereich der Forschung und Entwicklung eröffnen, die vor allem von Frauen genutzt werden könnten. So sprach sie von „Möglichkeitsräumen“ für Frauen, die allerdings kein Selbstläufer seien.



Im Anschluss daran stellte Uta Meier-Gräwe, Professorin an der Justus-Liebig-Universität Gießen, typische Frauenbranchen vor und was passiert, wenn jene auf Plattformen wie ‚Helping‘ auswandern. Beschäftigungsformen wie die Solo-Selbstständigkeit, die den Dienstleistungsanbietern weitgehend keine Arbeitszeit- oder Arbeitsschutzregelungen bieten, würden neu entstehen.  Eva KocherProfessorin an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), ging im Anschluss auf die rechtlichen Regelungen für solche „Scheinselbstständigkeiten“ ein. Zwischen dem rechtlichen Begriff der ‚ArbeitnehmerIn‘ und des/der ‚Selbstständigen‘ gäbe es zahlreiche Schattierungen. Bei Portalen, die Dienstleistungen vermitteln, bestehe ein Dreiecksverhältnis zwischen der AuftraggeberIn, den Beschäftigten und der Plattform. Offen bleibe jedoch die Frage der jeweiligen Vertragsbeziehung zwischen den Beteiligten.



Der internationale Impuls zu Beschäftigungseffekten für Frauen und Männer durch die Digitalisierung kam von Monika Queisser, Senior Counsellor der OECD. Laut Einschätzungen einer OECD/ ZEW Studie seien 12 Prozent der in Deutschland Beschäftigten von einem hohen Automatisierungsrisiko betroffen. Insgesamt sei das Risiko für Geringqualifizierte und Geringverdienende höher. Erste vorläufige Berechnungen, die für die Gendertagung durchgeführt wurden, zeigten für Frauen im Vergleich zu Männern in Deutschland ein höheren Risiko des Job-Verlusts und einen höheren Anpassungebedarf durch berufliche Qualifizierung und Weiterbildung im Zuge der Automatisierung auf. In anderen Ländern ist das nicht zwangsläufig der Fall.



Abschluss der Veranstaltung bildeten Thorben Albrecht, Beamteter Staatssekretär im Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Bea Knecht, Aufsichtsratsvorsitzende bei Zattoo, Monika Queisser und Doro Zinke, Vorsitzende des DGB Berlin-Brandenburg und Elke Holst, im Rahmen der Podiumsdiskussion. Diskutiert wurden neue Anforderungen durch die Digitalisierung und die Frage: Wer ist verantwortlich für Geschlechtergerechtigkeit und was kann von welcher Seite getan werden, um diese zu erreichen. Dabei wurden auch Regelungen problematisiert, die Anreize für die tradierten Aufgabenteilung setzen, wie beispielsweise das Ehegattensplitting, das insbesondere Frauen dazu anregt, ihre Arbeitszeit zu reduzieren oder gar nicht erwerbstätig zu sein.



Um Gleichstellung voranzubringen und einen Kulturwandel zu bewirken, hat Monika Queisser eine einfache Formel: „Es muss mehr Frauen in Führungspositionen geben!“ Auch Stefanie Elies sprach im Wrap Up noch einmal die Möglichkeitsräume für Frauen an, die die Digitalisierung bieten kann und wünscht sich, dass das Thema weitergeführt wird und mehr und mehr sensibilisiert wird in der Gesellschaft. Im Anschluss an die Veranstaltung kamen Teilnehmende und RednerInnen zum gemütlichen Netzwerken zusammen.