Zeiten des Umbruchs

1989

Am 1. März tritt der Entwicklungsökonom Lutz Hoffmann als Präsident des DIW die Nachfolge von Hans-Jürgen Krupp an. Vorher war der Regensburger Hochschullehrer seit 1985 als Direktor für Handel und Entwicklung bei der UNO-Handelsorganisation UNCTAD in Genf tätig.

Fast zeitgleich mit dem Amtsantritt des neuen Präsidenten bricht die jahrzehntelang bestehende Ost-West-Konstellation Europas zusammen. Dies betrifft insbesondere das geteilte Deutschland. Für die Forschungsausrichtung des DIW Berlin bedeutet dies eine Ausweitung zunächst auf das Land Brandenburg, später auf alle neuen Bundesländer, mit einem völlig neuen Forschungsschwerpunkt für das Institut: Die ökonomische Bewältigung der deutschen Einheit. Präsident Hoffmann ist zunächst strikt gegen eine rasche politische und wirtschaftliche Vereinigung. Er setzt stattdessen auf eine zeitweilige Konföderation der beiden Staaten.

Über die deutsch-deutsche Fokussierung hinaus gilt auch den Transformationsstaaten in Mittel- und Osteuropa das verstärkte Forschungsinteresse des Instituts. Das DIW Berlin unterstützt Anfang der neunziger Jahre die Regierungen Russlands, der Ukraine, Kasachstans und weiterer früher sozialistischer Länder, oft im Auftrag der EU oder anderer internationaler Organisationen. Die Zusammenarbeit erstreckt sich - unterschiedlich von Land zu Land - von der Regierungsberatung über die Unterstützung beim Umbau amtlicher statistischer Berichtssysteme bis zur Verstärkung der dortigen wirtschaftswissenschaftlichen Forschung.

Eine Serie von Anpassungsberichten über die neuen Bundesländer sowie die Russland-Berichte werden im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums gemeinsam mit anderen Instituten erstellt. Das DIW Berlin engagiert sich stark in der Ausbildung ostdeutscher und osteuropäischer Wirtschaftswissenschaftler und -praktiker zur Funktionsweise des marktwirtschaftlichen Systems.

Anfang 1990 spricht sich das DIW gegen eine Währungsunion aus (Wochenbericht 6/90 „Reform der Wirtschaftsordnung in der DDR und die Aufgaben der Bundesrepublik - Stellungnahme einer deutsch-deutschen Arbeitsgruppe"). Wirtschaftswissenschaftler des Instituts haben um die Jahreswende 1989/1990 mit Wissenschaftlern aus der DDR in mehreren Sitzungen Aspekte der wirtschaftlichen Erneuerung in der DDR erörtert. Die Arbeitsgruppe beschreibt, dass im Falle einer Währungsunion die DDR ihren Produktivitätsunterschied nur durch ein erheblich niedrigeres Lohnniveau ausgleichen kann. Käme es zu einer Vereinheitlichung des Lohnniveaus, so wären in großem Ausmaß Betriebsschließungen und Massenentlassungen zu befürchten. Die DDR-Bevölkerung würde zu Sozialhilfeempfängern der alten Bundesländer werden. - Eine Befürchtung, die in Form hoher Transers leider zum großen Teil eintreten wird.


1994

Das DIW Berlin untersucht im Auftrag von Greenpeace die ökonomischen Auswirkungen eines Gesetzes für eine ökologische Steuerreform. Hier wird erstmalig ein konkretes Modell einer Ökosteuer vorgeschlagen. Das Konzept gilt in den neunziger Jahren als eines der Referenzmodelle für eine ökologische Umgestaltung des deutschen Steuer- und Abgabensystems. Das Thema, wie auch die zentralen Aussagen der Studie, wurden seinerzeit vor dem Hintergrund dauerhafter hoher Arbeitslosigkeit und umweltpolitischer Nachhaltigkeitsziele in Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit intensiv diskutiert.

Die deutsche Bundesregierung beginnt, die ukrainische Regierung bei ihren Wirtschaftsreformen durch die "Deutsche Beratergruppe Wirtschaft bei der Ukrainischen Regierung" zu unterstützen. Hochrangige deutsche Experten beraten ihre ukrainischen Partner auf Ministerebene oder in Parlament, Präsidialverwaltung, Zentralbank und anderen Institutionen. Grundlage sind aktuelle Analysen, die von einem in Kiew tätigen Team von Ökonomen erarbeitet werden. Die deutsche Beratergruppe ist ein Konsortium unter Führung von DB-Research, einer Tochtergesellschaft der Deutschen Bank. Außer dem DIW gehören dem Konsortium das Osteuropa-Institut München und das Institut für Agrarökonomie der Universität Göttingen an. Im Jahr 2000 übernimmt das DIW Berlin die Federführung. Diese Arbeit führt 1999 zur Gründung eines eigenständigen ukrainischen Wirtschaftsforschungsinstituts (Institute for Economic Research and Policy Consulting - IER) zunächst mit DIW-Präsidenten Hoffmann als Ko-Präsident. Die Forschungs- und Beratungsergebnisse werden laufend in den Publikationen des DIW Berlin veröffentlicht.