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Zuschüsse zu den Sozialversicherungsbeiträgen im Niedriglohnbereich: Wenig zielgerichtet und teuer

Bearbeiter

Jürgen Schupp , Joachim Volz, Gert Wagner , Rudolf Zwiener
Das Risiko, arbeitslos zu werden, ist für gering Qualifizierte besonders hoch. Auch die Chance einer Rückkehr in die Erwerbstätigkeit ist für niedrig qualifizierte Arbeitslose deutlich geringer. Eine geringere Qualifikation bedeutet in der Regel eine niedrige Produktivität, die eine Beschäftigung für die Unternehmen vor allem in Phasen raschen Strukturwandels bei gegebenem Lohnniveau offenbar nicht lohnend erscheinen läßt. Um die Erwerbschancen von gering Qualifizierten zu erhöhen und ihnen gleichzeitig auch ein "auskömmliches" Einkommen zu sichern, wird in der sogenannten Benchmarking-Arbeitsgruppe beim "Bündnis für Arbeit" über einen Vorschlag zur gestaffelten Bezuschussung von Sozialversicherungsbeiträgen für Beschäftigungsverhältnisse mit niedrigem monatlichen Einkommen nachgedacht. Dieses Konzept wirft eine Reihe von Problemen auf. Es begünstigt schon bestehende Beschäftigungsverhältnisse (Mitnahmeeffekte), erfordert hohe finanzielle Aufwendungen und wird auch Langzeitarbeitslosen nur wenig helfen, wieder Arbeit zu finden; diesen kann nur durch gezielte Fördermaßnahmen geholfen werden. Zudem sind die Verteilungswirkungen nach Maßgabe der Bedürftigkeit nicht hinreichend zielkonform.

Im folgenden werden zunächst die Effekte für die Beschäftigung und die Kosten analysiert und bewertet; im zweiten Teil dieses Berichtes werden ausgewählte Struktureffekte dargestellt.

Wirtschaftspolitische Analyse des Modells der Friedrich-Ebert-Stiftung

Mitglieder der Benchmarking-Gruppe beim "Bündnis für Arbeit" sehen eine wesentliche Ursache der Arbeitslosigkeit in strukturellen Problemen bei Niedrigqualifizierten. [1] So wird vermutet, daß bei ihnen die Entlohnung (einschließlich der Lohnnebenkosten) über der erwarteten Produktivität liegt, die Beschäftigung dieser Personengruppe also für die Unternehmen nicht rentabel ist. In Hinblick auf das Arbeitsangebot wird darauf verwiesen, daß gering qualifizierte Nichterwerbstätige mit Arbeitslosen- und Sozialhilfe ein Einkommen erzielen können, das durch die Aufnahme einer Erwerbstätigkeit nicht ohne weiteres übertroffen wird ("Transferfalle").

Würde im unteren Einkommensbereich ein Teil der Beiträge zur Sozialversicherung (Lohn"neben"kosten) als Zuschuß (Subvention) vom Staat gezahlt, wären sowohl für den Arbeitgeber als auch für den Arbeitnehmer diese Arbeitsplätze attraktiver. Die Beschäftigung Niedrigqualifizierter könnte sich für den Arbeitgeber wieder lohnen, und gleichzeitig würden die Nettolöhne angehoben werden. Für die Niedrigqualifizierten würde die Erwerbsarbeit attraktiver, weil die Nettoeinkommen deutlich höher wären als das Einkommen aus Sozialhilfe/Arbeitslosenhilfe. Es spräche auch nichts mehr für die vielfach geforderte Senkung der Sozialhilfe/Arbeitslosenhilfe, die mit einer deutlichen Zunahme der Zahl einkommensschwacher Haushalte einhergehen würde.

Ein wirksamer Beitrag zum Abbau der hohen Arbeitslosigkeit in Deutschland sei zu erwarten, weil die Wirkung, die aus der Lohnsubventionierung resultiert, größer sei, als dies durch eine weitergehende generelle, symmetrische Senkung der Beitragssätze für alle sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse der Fall wäre. Denn die Arbeitsnachfrage im Niedriglohnbereich reagiert elastischer auf Lohnsenkungen als die gesamtwirtschaftliche Arbeitsnachfrage.

Ein hohes Potential für zusätzliche Beschäftigung wird häufig im Bereich einfacher und personaler Dienstleistungen gesehen. Diese Annahme liegt vielen Forderungen nach einem Niedriglohn-Sektor in Deutschland zugrunde

wobei freilich nicht berücksichtigt wird, daß die These einer "Dienstleistungs-Lücke" im Bereich einfacher Tätigkeiten weitgehend nur auf einer unzureichenden Messung "geringfügiger Beschäftigungsverhältnisse" beruht. [2]

Grundzüge des FES-Modells

Das Modell zur Subventionierung von Sozialbeiträgen wurde von der "Zukunftskommission" der Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) [3] skizziert und anschließend in Form eines "gestaffelten Zuschusses zu den Sozialversicherungsbeiträgen" aus der Benchmarking-Gruppe als FES-Modell in die öffentliche Debatte gebracht. Es liegt in mehreren Varianten vor. Hier wird eine "mittlere Variante" vorgestellt, bei der bis zu einem monatlichen Vollerwerbseinkommen von 1 400 DM die Sozialversicherungsbeiträge voll vom Staat übernommen werden (unterhalb einer Bagatellgrenze von 300 DM wird kein Zuschuss gezahlt). Bis zum doppelten Betrag dieser Zuschußgrenze, also bis zu 2 800 DM im Monat, soll der staatliche Zuschuß schrittweise bis auf Null abgeschmolzen werden (Abbildung 1). Bei Teilzeitbeschäftigten wird der Zuschuß - unter der Annahme einer Normalarbeitszeit von 35 Stunden - anteilig gezahlt (bei Überstunden erfolgt kein höherer Zuschuß). [4] Nach diesem Modell würden die Arbeitskosten für die Unternehmen sinken und gleichzeitig die Nettolöhne für die Beschäftigten steigen. Dabei wird vorausgesetzt, daß es durch den Zuschuß nicht zur Absenkung der Bruttolöhne im Niedriglohnbereich kommt.

Effekte auf die Arbeitsnachfrage

Für Deutschland liegen keine eindeutigen und stabilen Schätzungen über die Nachfrageelastizitäten für Erwerbspersonen mit niedriger Produktivität vor. Zimmermann und Bauer [5] sowie Buslei et al. [6] haben die Lohnkostenelastizitäten für Niedrigqualifizierte in der Größenordnung von - 0,85 bis -0,20 errechnet. [7]

Im unteren Einkommensbereich (bis 2 800 DM/Monat) würden nach dem FES- Modell die Arbeitskosten gegenwärtig um maximal 20,75 Prozent gesenkt. Je nach der zugrunde gelegten Elastizität beläuft sich die dadurch angestoßene Arbeitsnachfrage nach einfachen Tätigkeiten auf 50 000 bis 220 000 neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Negative gesamtwirtschaftliche Effekte, die bei der Finanzierung des Programms auftreten können, sind dabei nicht eingerechnet.

Anreize zur Arbeitsaufnahme

Die Befürworter einer Lohnsubvention weisen darauf hin, daß nicht zuletzt wegen eines unzureichenden "Lohnabstandsgebots" viele, wenn nicht die meisten, Bezieher von Sozial- und Arbeitslosenhilfe (und wohl auch von Arbeitslosengeld) nicht bereit seien, eine schlecht bezahlte Erwerbstätigkeit aufzunehmen, da das Nettoeinkommen aus der Erwerbstätigkeit kaum höher sei als der Sozialtransfer. Der extreme Fall, daß der Sozialtransfer höher ist als ein Nettoeinkommen aus Erwerbstätigkeit, gilt freilich nur für Haushalte mit vielen Kindern, in denen nur ein Erwachsener erwerbstätig ist. Zwar ist nicht auszuschließen, daß es Personen gibt, die niedrigere Sozialtransfers ohne Arbeitsaufwand einem etwas höheren Nettoeinkommen aus Erwerbstätigkeit vorziehen. Daß dies für die Mehrheit der Sozial- und Arbeitslosenhilfeempfänger gilt, ist freilich unwahrscheinlich, da Arbeitslosigkeit meist mit hohen subjektiven Belastungen verbunden ist. [8] Für Personen aus der Stillen Reserve, die aufgrund einer Lohnsubvention bereit wären, eine Arbeit aufzunehmen, gilt das Lohnabstandsgebot ohnehin nicht. Hier besteht der Arbeitsanreiz nur in dem höheren Nettoeinkommen. Dies dürfte auch für einen Teil der in der Schattenwirtschaft Tätigen gelten.

Grenzt man "niedrige Qualifikation" danach ab, ob eine erwerbslose Person einen Lohn erwarten kann, der nach dem FES-Modell bezuschussungsfähig wäre, [9] so dürfte dies nach den Daten des SOEP hochgerechnet ein Potential von 2,8 Millionen Personen sein. Davon sind etwa 640 000 Personen, die vorher arbeitslos waren, über 630 000 aus der arbeitsmarktnahen Stillen Reserve I und rund 1,5 Millionen aus der arbeitsmarktfernen Stillen Reserve II. [10] Dieses Potential ist weit höher, als es der zusätzlichen Arbeitsnachfrage entspricht, die man aus der Subventionierung erwarten kann (50 000 bis 220 000 Arbeitsplätze).

Effekte auf die Beschäftigung

Unter Berücksichtigung von Nachfrage- und Angebotseffekten kommt das ZEW [11] in einer Untersuchung zu dem Ergebnis, daß der Arbeitsplatzgewinn, der mit der Lohnsubvention verbunden wäre, zwischen 50 000 und 180 000 Arbeitsplätzen liegen dürfte. Das IAB schätzt die Ausweitung der Arbeitsplätze auf etwa 160 000 Personen. [12] Für die Schätzung der fiskalischen Effekte wird im folgenden von 150 000 zusätzlichen Arbeitsplätzen ausgegangen. Angesichts der Erfahrungen im Ausland (vgl. Box) und der weitgehenden Wirkungslosigkeit von Lohnsubventionen für spezielle Gruppen von Arbeitslosen (insbesondere Ältere) [13] scheint selbst die minimale Schätzung neuer Arbeitsplätze (50 000) zumindest kurzfristig nicht unrealistisch zu sein.

Wer von den Erwerbslosen die neuen Arbeitsplätze annehmen würde, ist schwer zu sagen. Für die Schätzung der fiskalischen Nettokosten ist jedoch von Bedeutung, wie die Struktur der neuen Erwerbstätigen aussieht. Kommen sie aus der Stillen Reserve, dann entstehen - anders als bei Arbeitslosen - keine nennenswerten Einsparungen bei den Sozialleistungen. Im folgenden ist unterstellt, daß das Verhältnis von Arbeitslosen und Personen aus der Stillen Reserve dem entspricht, das bei Neueinstellungen Erwerbsloser von 1996 bis 1997 vorlag, d. h., daß 53 % Arbeitslose und 47 % aus der Stillen Reserve eingestellt würden.

Kosten des FES-Modells

Bei der Berechnung der fiskalischen Wirkungen werden das geschätzte Subventionsvolumen und die ermittelten Entlastungen, die durch zusätzliche Einnahmen aus Sozialversicherungsbeiträgen und Steuern (Einkommen- und Mehrwertsteuer) entstehen, gegenübergestellt. [14] Weitere Einkommensteuereinnahmen wären zu erzielen, wenn der Zuschuß bei der Berechnung der Vorsorgepauschale angerechnet würde. Es ist unterstellt, daß sich das Lohngefüge - kurzfristig - nicht verschiebt, d. h. insbesondere, daß es nicht zu Lohnsenkungen kommt.

Mit der Einführung der Subvention würden bei den derzeit Beschäftigten rund 2,3 Millionen Vollzeitbeschäftigte und 2,5 Millionen Teilzeitbeschäftigte einen Anspruch auf Zuschuß haben. Allein für diesen Kreis würde der Finanzierungsaufwand bei rund 14,35 Milliarden DM liegen ( Tabelle 1 ). [15]

Positive fiskalische Effekte ergeben sich nur dann, wenn es durch die Subvention zur Schaffung neuer Arbeitsplätze kommt. In der DIW-Simulation wurde angenommen, daß 150 000 neue Beschäftigungsverhältnisse geschaffen werden. Davon kommen rund 80 000 Personen aus der Arbeitslosigkeit, 36 000 aus der Gruppe der Stillen Reserve I und knapp 35 000 aus der Stillen Reserve II. [16]

Ermittelt man für diese Personen mit Hilfe ihrer persönlichen Qualifikationsmerkmale die Löhne, die bei einer Einstellung zu erwarten wären, [17] dann lassen sich die zusätzlichen Gesamtkosten für eine Bezuschussung der Sozialversicherungsbeiträge berechnen: Sie belaufen sich auf etwa eine halbe Milliarde DM/Jahr. Dem stehen Entlastungen bei Arbeitslosengeld, -hilfe sowie Unterhaltsgeld für Fortbildung/Umschulung gegenüber, die auf Basis des SOEP auf rund 770 Millionen DM/Jahr geschätzt werden. [18] Weiterhin wären Mehreinnahmen von 780 Millionen DM an Sozialversicherungsbeiträgen und von 170 Millionen an Lohn- und Einkommensteuer zu erwarten ( Tabelle 2 ). Insgesamt ergibt sich für die geschätzten 150 000 Neueinstellungen also ein Saldo an Einsparungen pro Jahr in Höhe von knapp 1,5 Milliarden DM.

Darüber hinaus sind die potentiellen Mehreinnahmen errechnet worden, die sich ergeben, wenn die Zuschüsse an die Arbeitnehmer, 7 Mrd. DM pro Jahr, "konsumiert" würden. Dies führt zu höheren Mehrwertsteuereinnahmen. [19] Unterstellt man für die betroffenen Einkommensgruppen Konsumquoten von fast 100 %, so bedeutete dies ein zusätzliches Mehrwertsteueraufkommen von etwa 0,75 Milliarden DM/Jahr.

Rechnet man den fiskalischen Nettoeffekt ohne Berücksichtigung von Kreislaufwirkungen, so ist das Subventionsvolumen von gut 14 Mrd. DM mit den Mehreinnahmen und Entlastungen (insgesamt rund 2,2 Mrd. DM) zu saldieren. Dies führt zu Gesamtkosten von etwas über 12 Mrd. DM. Pro zusätzlichen Arbeitsplatz bedeutet dies Kosten von etwa 80 000 DM pro Jahr. Dieser Betrag ist deutlich höher als das Bruttoeinkommen auf jedem dieser Arbeitsplätze. Auch bei den Wirkungen auf die Einkommensverteilung ist das FES-Modell wenig zufriedenstellend. [20] Nur 8 % aller Zuschüsse, die an bereits Erwerbstätige fließen (Mitnahmeeffekt), würden einkommensarmen Haushalten zugute kommen, auf der anderen Seite würden 5 % an Haushalte gehen, die über mehr als das 1,5fache des Durchschnittseinkommens verfügen.

In den Studien zur Subvention von Niedrigeinkommen finden sich kaum Hinweise, wie ein solches Programm finanziert wird und welche Kreislaufwirkungen damit verbunden sind. [21] Doch die Art der Finanzierung ist entscheidend für die Höhe der Beschäftigungseffekte. Wenn die Kosten über eine Ausweitung der Kreditaufnahme der öffentlichen Haushalte finanziert würden, kämen zu den hier veranschlagten Beschäftigungswirkungen über den Multiplikator-Akzelerator-Zusammenhang weitere Beschäftigte (sowie Steuer- und Beitragseinnahmen) hinzu. Kommt es hingegen - was wahrscheinlicher ist - zu Kürzungen in den öffentlichen Haushalten an anderer Stelle, so ist zu erwarten, daß davon ihrerseits negative Beschäftigungseffekte ausgehen.

Eine wirksame Strategie

Bei der Konzeption einer effektiven Arbeitsmarkt- und Beschäftigungspolitik muß man zwischen der Bekämpfung der (Langzeit-)Arbeitslosigkeit einerseits und der Steigerung der Erwerbsquoten andererseits unterscheiden. Erfahrungsgemäß gehen Maßnahmen der Beschäftigungspolitik, die das Beschäftigungsvolumen insgesamt erhöhen, weitgehend an den Langzeitarbeitslosen vorbei. Es spricht vieles dafür, daß durch eine Reduktion der Lohnkosten bei ihnen kein Erfolg zu erzielen ist, weil für Arbeitgeber die indirekten Kosten, die bei der Einstellung eines Langzeitarbeitslosen erwartet werden, viel höher sein können als die Subvention. [22] Die Erfahrungen Ende der 80er Jahre in Westdeutschland haben allerdings auch gezeigt, daß von einem gesamtwirtschaftlichen Aufschwung niedrig Qualifizierte durchaus - soweit sie nicht langzeitarbeitslos sind - besonders profitieren. [23]

Dies zeigt, daß das beste Beschäftigungsprogramm gerade für gering Qualifizierte ein stabiler Wirtschaftsaufschwung ist. Hingegen sind allgemeine und dauerhaft angelegte Lohnsubventionen für Niedrigeinkommensbezieher fiskalisch teuer, weil sie nur geringe Beschäftigungswirkungen in der Größenordnung von 150 000 neuen Arbeitsplätzen erwarten lassen.

Eine Linderung der aktuellen Beschäftigungsprobleme bei den gering Qualifizierten wird im Falle einer Realisierung des Vorschlags aus der Benchmarking-Gruppe nur in Ansätzen erreicht. Vorzuziehen sind gezielte Maßnahmen zur Beschäftigungsförderung von Langzeitarbeitslosen. Hier könnte die breit angelegte Einrichtung von staatlich unterstützten Leiharbeitsfirmen hilfreich sein, die Langzeitarbeitslose vermitteln. [24] Dabei sollten die finanziellen Anreize für diese Firmen so gesetzt sein, daß sich die Vermittlung eines Langzeitarbeitslosen in ein Beschäftigungsverhältnis für sie lohnt. Um dies flächendeckend zu gewährleisten, müßte sich der Bund - wie die Zentralregierung in den Niederlanden - an den Kosten beteiligen, die bislang vollständig von den Kommunen getragen werden. Zudem wäre eine Stärkung der Zusammenarbeit von Sozialämtern und Arbeitsverwaltung notwendig, wobei das NRW-Modellprojekt "Sozialbüros" hier richtungsweisend sein könnte. [25]

Soweit die Entlohnung mit Niedriglöhnen zu Einkommensschwächen von Familien führt, ist eine an ein niedriges Haushaltseinkommen gebundene Subvention in Form eines "Earned Income Tax Credits" (EITC) viel sinnvoller als allgemeine Lohnsubventionen. Wie die Erfahrungen in den USA gezeigt haben, könnte ein EITC gleichzeitig helfen, die Last einer umfassenden Sozialversicherungspflicht sozialverträglich zu gestalten. [26]

Ein Blick ins Ausland


In den Niederlanden sieht das Programm SPAK (Specifieke Afdrachtskorting) vor, für Arbeitnehmer, die weniger als das 1,15fache des Mindestlohns (auf der Basis von 32 Stunden Wochenarbeitszeit) erhalten, die vom Unternehmen abzuführenden Sozialabgaben zu kürzen. Für Langzeitarbeitslose ist die entsprechende Grenze - gemessen am früheren Lohn - mit dem 1,3fachen des Mindestlohns festgesetzt. Seit dem 1. Januar 1998 werden die Sozialabgaben (bei 36 Stunden Wochenarbeitszeit) um 3 660 Gulden pro Jahr gekürzt. Dies entspricht praktisch einer Befreiung der Arbeitgeber. Um die "Niedriglohnfalle" zu vermeiden, die sich daraus ergibt, daß bei einem Überschreiten des 1,15fachen Mindestlohns die Lohnkosten für das Unternehmen plötzlich stark steigen, kann das Unternehmen - zu einem um die Hälfte reduzierten Satz - die Vorteile für zwei weitere Jahre nutzen. Diese Regelung gilt unter der Bedingung, daß der Arbeitnehmer mindestens ebenso lange beschäftigt wird. Die Zahl der Arbeitnehmer, die insgesamt von den Maßnahmen zur Verringerung der Sozialbeiträge betroffen sind, kann auf 10 bis 15 % der Arbeitnehmer angesetzt werden. Darin enthalten ist allerdings eine große Zahl Teilzeitbeschäftigter, die deutlich weniger als 32 Stunden die Woche arbeiten. Für sie gelten die arbeitszeitanteiligen Vergünstigungen. [1] Die Nettoeffekte aus den verschiedenen Maßnahmen auf die Arbeitsnachfrage sind freilich nicht bekannt.

In den Niederlanden zeigen die Erfahrungen, daß durch die Lohnsubvention zwar die Erwerbstätigkeit gesteigert (vor allem aus der Stillen Reserve), die Langzeitarbeitslosigkeit jedoch erst durch gezielte Fördermaßnahmen der Sozialämter reduziert wurde. [2]

In Frankreich haben Zuschüsse zu den Arbeitskosten, die von 1993 an in mehreren Stufen erhöht wurden, eine eher noch größere politische Bedeutung erlangt als in den Niederlanden. Wurden die Unternehmen bei Niedriglohnempfängern zunächst von den Beiträgen zu den familienstandsbedingten Zuschlägen (allocations familiales) befreit und von 1995 an zusätzlich durch eine degressive Rückvergütung der Unternehmerbeiträge zur Sozialversicherung begünstigt, so wurden die verschiedenen Maßnahmen aus Vereinfachungsgründen zum 1. Oktober 1996 zusammengelegt. Die Rückvergütung für Unternehmen (von zunächst 1 166 FF auf der Basis des monatlichen Mindestlohns, was einer Reduzierung der Arbeitskosten um 12,4 % entspricht) [3] wird degressiv vom einfachen bis zum 1,33fachen Mindestlohn (SMIC) gewährt und schließt etwa 5 Millionen Beschäftigte ein. Für einige Industrien und Regionen sind höhere Rückvergütungen bis zum 2fachen Mindestlohn (dies entspricht einer Arbeitskostenreduzierung um bis zu 20,8 %) vorgesehen. Schon 1996 machten die staatlichen Ausgaben 40 Milliarden FF aus und wurden damit - gemessen an den Kosten - zum wichtigsten arbeitsmarktpolitischen Ausgabenblock.[4]

Für die arbeitsmarktpolitischen Wirkungen, die aus Maßnahmen zur Senkung der Arbeitskosten im Niedriglohnbereich in Frankreich resultieren, gibt es unterschiedliche Schätzungen. Je nach Finanzierungsweise kommt etwa der Beschäftigungsrat CSERC je pro Jahr ausgegebenen 10 Milliarden FF zu 10 000 bis 50 000 neu geschaffenen bzw. gesicherten Arbeitsplätzen innerhalb von 5 Jahren, die Abteilung DARES beim Arbeitsministerium unter optimistischen Annahmen zu etwa 60 000. Bei Gesamtausgaben von 40 Mrd. FF würde dies je nach Schätzung 40 000 bis 240 000 Arbeitsplätze bedeuten. [5] In einer Studie des französischen Sachverständigenrates [6] hat Malinvaud anhand von Modellrechnungen mögliche Größenordnungen für die Effekte der Maßnahmen für einen Zeitraum von 10 Jahren berechnet. Je nach Annahme könnte der Nettoeffekt bei etwa 150 000 bis 300 000 Arbeitsplätzen liegen. Pro Arbeitsplatz und Jahr würden Kosten bis zu etwa 90 000 DM entstehen. In diesen Schätzungen sind die negativen Rückwirkungen der Finanzierung (bei Malinvaud über die Mehrwertsteuererhöhung) auf Wachstum und Beschäftigung schon berücksichtigt.

[1] Vgl. Helga Hackenberg: Neuere Entwicklungen der niederländischen Sozialhilfepolitik zur Reintegration von Sozialhilfeempfängern in den Arbeitsmarkt als Referenzrahmen für die bundesrepublikanische Sozialhilfe- Diskussion - Mythos, Modell oder Mimesis? (Dissertation). Bochum 1999; sowie CSERC, Le Smic - Salaire Minimum de Croissance, Paris 1999, S. 171.

[2] In den Niederlanden erhalten Kommunen für die "Hilfe zur Arbeit" einen "Reichszuschuß", den es in der Bundesrepublik Deutschland in Form eines Bundeszuschusses nicht gibt. Vgl. Helga Hackenberg, a.a.O.

[3] Vgl. M. Gaye und A. Gubian: Les allŠgements de cotisations employeurs sur les bas salaires. In: Bilan de la Politique de l'Emploi en 1996, Dossiers de la DARES No. 5-6, Paris 1997, S. 188.

[4] Vgl. M. Goye und A. Gubian, a.a.O., S. 190.

[5] Vgl. M. Goye und A. Gubian, a.a.O., S. 191.

[6] Conseil d'Analyse Economique, Rapport E. Malinvaud, Les cotisations sociales … la charge des employeurs: analyse ‚conomique, insbesondere S. 90/91.


Struktureffekte des Modells der Friedrich-Ebert-Stiftung

Befürworter der Subvention sehen in der Entlastung der Lohnkosten, die durch den Mitnahmeeffekt entsteht, einen Anreiz zur Schaffung weiterer Arbeitsplätze, insbesondere im Niedrigeinkommensbereich. Für den indirekten Beschäftigungseffekt, der sich durch die Entlastung von Betrieben in Form der Mitnahmeeffekte ergibt, ist der Umfang der Subventionen wichtig, die in einzelne Branchen fließen ( Tabelle 3 ). Das höchste Entlastungsvolumen hätte der Einzelhandel mit 1,5 Milliarden DM. Alle Zweige des verarbeitenden Gewerbes, in dem lediglich für 12 % der Beschäftigten Zuschüsse gezahlt würden, kämen zusammengenommen nur auf eine jährliche Gesamtentlastung in Höhe von gut 2 Milliarden DM. Neben dem Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe könnten auch viele öffentlich finanzierte Bereiche wie das Gesundheits- und Bildungswesen mit einer deutlichen Entlastung rechnen. Hinsichtlich der Größe der Betriebe zeigt sich, daß kleine und mittlere Betriebe weit häufiger mit Zuschüssen rechnen können als Großbetriebe. Diese Entlastungsvolumina würden freilich nur beschäftigungswirksam werden, wenn die Kosten des gesamten Modells durch staatliche Kreditaufnahme finanziert würden.

Eine Differenzierung nach soziodemographischen Merkmalen der bezuschußten Arbeitnehmer macht deutlich, daß 30 % aller abhängig beschäftigten Frauen in den Genuß eines Zuschusses zu Sozialversicherungsbeiträgen kommen würden ( Tabelle 4 ). Relativ stark würden ostdeutsche Beschäftigte von der Entlastung profitieren, da etwa 38 % aller Geförderten aus den neuen Bundesländern kämen. Dort würde jeder dritte abhängig Beschäftigte Zuschüsse erhalten, während dies in Westdeutschland nur für jeden siebten Beschäftigten zuträfe. Dies dokumentiert zugleich die Existenz eines vergleichsweise großen Niedriglohnsektors in Ostdeutschland, da dort rund 1,3 Millionen Vollzeitbeschäftigte Löhne erhalten, die im Zuschußbereich liegen.

Ein Vergleich der soziodemographischen Struktur zwischen bezuschußten Beschäftigten und abhängig Beschäftigten ohne Erstattung der Sozialversicherungsbeiträge zeigt, daß es bezüglich der Altersstruktur keine besonders ins Gewicht fallenden Begünstigungen einzelner Altersgruppen gibt. Hingegen könnten Verheiratete häufiger als Ledige und Personen in 3- und 4-Personen-Haushalten mehr als Einpersonenhaushalte von einer Bezuschussung profitieren.

Hinsichtlich der Qualifikationsstruktur zeigt sich, daß insbesondere Niedrigqualifizierte die Zuschüsse erhalten und so zu höheren Nettoeinkommen gelangen. Allerdings verfügen rund 7 % der Bezuschußten mindestens über einen Fachhochschulabschluß und üben gleichwohl Tätigkeiten im Niedrigeinkommensbereich aus. Bei der Frage nach dem Qualifikationsstatus geben immerhin 38 % aller potentiell Geförderten an, daß sie Facharbeiter oder qualifizierte Angestellte seien. Befristet eingestellte Beschäftigte würden deutlich häufiger mit Entlastungen rechnen als Beschäftigte auf unbefristeten Stellen.

Differenziert man die Beschäftigten nach der vereinbarten Arbeitszeit, so zeigt sich, daß insbesondere Beschäftigte mit einer Arbeitszeit unter 20 Stunden pro Woche eine - teilweise - Bezuschussung der Sozialversicherungsbeiträge erhalten würden (58 %). Bei den sozialversicherungspflichtigen Teilzeitbeschäftigungsverhältnissen (20 bis 34 Stunden) wird immer noch jeder dritte Beschäftigte bezuschußt, während Vollzeitbeschäftigte lediglich zu 11 % in den Genuß einer Bezuschussung kommen würden.

Bei einem Blick auf die "neu geschaffenen" Beschäftigungsverhältnisse ist zu erkennen, daß mehr Erwerbslose in West- als in Ostdeutschland profitieren würden; fast vier Fünftel wären Frauen ( Tabelle 5 ). Dies impliziert, daß durch den FES-Vorschlag insbesondere Personen aus der in Westdeutschland deutlich größeren Stillen Reserve eine neue Beschäftigung fänden.

Nicht überraschend ist, daß die meisten Begünstigten junge Menschen wären und insgesamt etwa drei Viertel nur einen Haupt- oder Realschulabschluß hätten; ein Drittel hätte keinen berufsbildenden Abschluß.

Besonders interessant ist, daß - so zeigen die SOEP-Daten - ein nennenswerter Teil der neuen Arbeitnehmer schon in ihrem vorherigen Status als arbeitslos Gemeldete oder Personen der Stillen Reserve eine regelmäßige Nebentätigkeit ausgeübt hat. Ein positiver Effekt eines Zuschußmodells könnte deshalb auch darin gesehen werden, daß Beschäftigungsverhältnisse aus dem Bereich der "Schwarzarbeit" in reguläre Beschäftigungsverhältnisse übergeleitet würden. Zwar wären dies im strengen Sinne keine "neu" geschaffenen Arbeitsplätze, jedoch würde die Beschäftigungsdynamik künftig von der Statistik zutreffender ausgewiesen werden.

Tabelle 6 zeigt, in welche Haushalte das Zuschußvolumen sowohl für die derzeit Beschäftigten als auch für die neueingestellten Niedrigeinkommensempfänger fließen würde. [27] Bei den derzeit bereits Beschäftigten würden nur 8 % aller Zuschüsse in einkommensarme Haushalte fließen, denen weniger als 50 % des Durchschnittseinkommens zur Verfügung steht. Weitere 29 % fließen in den Niedrigeinkommensbereich (zwischen 50 und 75 % des durchschnittlichen Einkommens). Auf der anderen Seite fließen auch 29 % der an Arbeitnehmer erstatteten Zuschüsse in Haushalte, die oberhalb des Durchschnittseinkommens liegen; immerhin gehen 5 % in Haushalte, denen mehr als das Eineinhalbfache des Durchschnittseinkommens zur Verfügung steht.

Bei Neubeschäftigten aus der Gruppe der arbeitslos Gemeldeten sowie aus der Gruppe der Stillen Reserve sehen die Verteilungswirkungen deutlich besser aus. Für ehemalige Arbeitslose würden fast 80 % der Bezuschussungssumme in einkommensarme oder einkommensschwache Haushalte fließen. [28] Auch die Tatsache, daß lediglich 8 % der Zuschußsumme Haushalten zugute kommen würden, deren Einkommensposition jenseits des Durchschnittseinkommens liegt, zeigt, daß zumindest bei arbeitslos Gemeldeten die Bezuschussung auch die "gewünschten" Verteilungswirkungen erzielen würde. Für die Personen, die aus der Stillen Reserve kommen, ist zwar der zielgerichtete Anteil mit etwa 55 % deutlich kleiner. Freilich fließen hier fast 20 % der Zuschüsse in Haushalte mit einem durchschnittlichen bzw. überdurchschnittlichen Einkommen.

[1] Vgl. Wolfgang Streeck und Rolf G. Heinze: An Arbeit fehlt es nicht. In: Der SPIEGEL, Heft 19/1999, S. 38-45.

[2] Vgl. zusammenfassend Gert Wagner: Einige Bemerkungen zur Diskussion einer "Dienstleistungslücke" in (West)Deutschland. In: Beihefte der Konjunkturpolitik, Heft 48, 1999, S. 77-92, sowie z. B. Thomas Gries und Angela Birk: Die US-Dienstleistungsgesellschaft - ein Modell für Deutschland? In: Wirtschaftsdienst, Heft 5, 1999, S. 300-306. Im Gegensatz zur populären Debatte, die bei einfachen Diensten eine "Lücke" vermutet, ist diese eher für (hoch)qualifizierte Dienste anzunehmen.

[3] Vgl. den Endbericht der Zukunftskommission der Friedrich-Ebert- Stiftung: Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, sozialer Zusammenhalt, ökologische Nachhaltigkeit. Drei Ziele - ein Weg. Bonn 1998, S. 266 f.

[4] Formelmäßig kann man das Modell wie folgt darstellen: Während bei Vollzeitbeschäftigten bis zur Höhe des ersten Schwellenwertes der volle Sozialversicherungsbeitrag erstattet wird (1), wird der Zuschuß bei Einkommen, die höher sind als die erste Schwelle (2), nur noch degressiv gewährt und ist bei Erreichen des zweiten Schwellenwertes gleich 0.

(1) ZuVZ1 = 1,0 x SV-Beitrag

(2) ZuVZ2 = (2 - Arbeitsentgelt / Monat) x SV-Beitrag div Erster Schwellenwert

Bei individuellen Arbeitszeiten unter 35 Std./Woche wird der Zuschuß nur noch anteilig im Verhältnis zur tatsächlich ausgeübten Arbeitszeit gewährt.

(3) ZuTZ = (2 - Arbeitsentgelt / Monat ) x SV-Beitrag div TZF x Erster Schwellenwert

(3a) TZF = Arbeitszeit / Woche div 35

[5] Vgl. Klaus F. Zimmermann und Thomas Bauer: Integrating the East - The Labor Market Effects of Immigration. In: S. W. Black (Hrg.): Europe's Economy Looks East - Implications for the EU and Germany, Cambridge 1997, S. 269-306.

[6] Vgl. Hermann Buslei et al.: Beschäftigungseffekte von Lohnsubventionen im Niedriglohnbereich. Gutachten im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung. Mannheim 1999.

[7] Beispielsweise führt eine Lohnkostenelastizität von -0,5 bei einer 10prozentigen Verringerung der Lohnkosten zu einer Erhöhung der Beschäftigung um 5 %.

[8] Vgl. Liliana Winkelmann und Rainer Winkelmann: Why are the Unemployed so unhappy? Evidence from Panel Data. In: Economica, Bd. 65, 1998, S. 1- 15.

[9] Zu diesem Zwecke wurde anhand des "Humankapitals" Erwerbsloser in der SOEP-Stichprobe eine "Lohnfunktion" geschätzt, in die das Geschlecht, Alter, Ausbildungsniveau und Erwerbserfahrung als erklärende Variablen eingehen.

[10] Vgl. zur differenzierten Abgrenzung von Nichterwerbstätigen: Hohe Fluktuation in der Stillen Reserve. Bearb.: Elke Holst und Jürgen Schupp. In: Wochenbericht des DIW 47/97, S. 922.

[11] Vgl. Hermann Buslei et al., a.a.O.

[12] Vgl. Stefan Bender et al.: Die Diagonose stimmt, die Therapie noch nicht. In: IAB-Kurzbericht Nr. 6/99, S. 5.

[13] Vgl. dazu Werner Karr: Kann der harte Kern der Arbeitslosigkeit durch einen Niedriglohnsektor aufgelöst werden ? In: IAB-Kurzbericht Nr. 3/99.

[14] Bei der Interpretation der Ergebnisse ist zu beachten, daß diese auf der Basis einer Stichprobe (nämlich der des SOEP) errechnet wurden. Stichproben haben stets die Eigenschaft, daß sie einen Unschärfebereich aufweisen (Konfidenzintervall). Die im folgenden dargestellten Ergebnisse stimmen deswegen allein aus stichprobentheoretischen Überlegungen nicht exakt mit Berechnungen des IAB aufgrund der Vollerhebung der Beschäftigtenstatistik überein, aber sie liegen sehr nahe an diesen Ergebnissen. Insgesamt zeigen alle Simulationen dasselbe Bild. Vgl. Stefan Bender und Helmut Rudolph: Kosten eines gestaffelten Zuschusses zu den Sozialversicherungsbeiträgen. In: IAB-Werkstattbericht, Nr. 8/1999. Sämtliche Berechnungen wurden mit den SOEP-Daten aus dem Erhebungsjahr 1997 durchgeführt. Die Lohnhöhe wurde der Einkommensentwicklung für 1998 pauschal angepaßt, und die Sozialversicherungsbeiträge wurden gemäß der Gesetzeslage zum 1. April 1999 berechnet.

[15] Eine Einbeziehung der Gruppe der Auszubildenden würde insgesamt eine Erhöhung des Zuschusses um rund 9 Milliarden DM pro Jahr bedeuten. Schließt man auch die Gruppe der - normalerweise gering verdienenden - Schüler und Studenten ein, würden sich die Kosten um nochmals rund 1 Milliarde DM erhöhen.

[16] Zur Definition der Stillen Reserve I und II vgl. Fußnote 10 und Tabelle 2.

[17] Es werden nur solche Personen zu Erwerbstätigen "gemacht", die aufgrund ihrer persönlichen Qualifikation ein Einkommen erwarten können, das die obere Grenze des Zuschußbereichs nicht überschreitet (also 2 800 DM/Monat) Die Erwartungs-Löhne wurden mit einer Standard-Earnings- Regression (mit Selektionskorrektur) errechnet; mit Hilfe der Residuen der Schätzung wurde bei der Generierung der Löhne die gesamte Lohnspreizung erzeugt.

[18] Unberücksichtigt bleiben in dieser Betrachtung die Einsparungen bei der Sozialhilfe (insbesondere bei neu Beschäftigten aus dem Kreis der stillen Reserve).

[19] Es wurden Annahmen über die Verwendung des verfügbaren Einkommens getroffen, die auf Informationen der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 1993 basieren. Vgl. hierzu: Wie belastet die Mehrwertsteuererhöhung private Haushalte mit unterschiedlich hohem Einkommen? Bearb.: Klaus-Dietrich Bedau, Stefan Fahrländer, Bernhard Seidel und Dieter Teichmann. In: Wochenbericht des DIW, Nr. 14/98, S. 249-257. Annahmegemäß wurde keine direkte Besteuerung der Subvention vorgenommen.

[20] Zu weiteren Struktureffekten des Modells der Friedrich-Ebert-Stiftung für Zuschüsse zu den Sozialversicherungsbeiträgen vgl. den zweiten Teil dieses Berichts.

[21] Vgl. hierzu die Simulationsergebnisse zu Beschäftigungseffekten bei unterschiedlichen Steuer- bzw. Beitragssatzsenkungen von Peter Schnur, Ulrich Walwei und Gerd Zika: Lineare oder degressive Senkung der Sozialabgaben: Makroökonomische Aspekte. In: IAB-Werkstattbericht, Nr. 9/99.

[22] Vgl: auch W. Karr, a.a.O.

[23] Björn Christensen und Axel Schimmelpfennig: Arbeitslosigkeit, Qualifikation und Lohnstruktur in Westdeutschland. In: Die Weltwirtschaft, 1998, Heft 2, S. 177-186.

[24] Vgl. dazu Matthias Almus et al.: Die gemeinnützige Arbeitnehmerüberlassung in Rheinland-Pfalz - eine ökonometrische Untersuchung des Wiedereingliederungserfolgs, in: Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, Jg. 31, 1998, Nr. 3, S. 558-574.

[25] Vgl. z. B. Ministerium für Arbeit, Soziales und Stadtentwicklung, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen: Modellprojekt "Sozialbüros" - Ziele, Projekte, Perspektiven, Düsseldorf 1999.

[26] John Karl Scholz: The Earned Income Tax Credit - Participation, Compliance, and Antipoverty Effectiveness. In: National Tax Journal, Bd. 47, S. 63-87.

[27] Zur Quantifizierung von Verteilungseffekten wurde die Aufteilung der Kosten der Zuschüsse auf verschiedene Haushaltstypen und Einkommensklassen ermittelt. Für die Gruppe der Zuschuß-Empfänger werden Analysen gemäß ihrer tatsächlichen - äquivalenzgewichteten - Nettohaushaltseinkommenslage durchgeführt: Zur Kennzeichnung der Haushalte, in die Zuschüsse fließen, werden "Nettoäquivalenzeinkommensvielfache" berechnet. Bei Äquivalenzeinkommen handelt es sich um verfeinerte Pro-Kopf-Einkommen, indem nicht alle Personen eines Haushaltes mit dem gleichen Gewicht in die Berechnung eingehen. Vielmehr wird die Kostendegression der Lebenshaltung in Mehr-Personen-Haushalten berücksichtigt. Benutzt wird die neue OECD- Skala, bei der der Haushaltsvorstand ein Gewicht von 1 erhält, weitere Erwachsene ein Gewicht von 0,5 und Kinder (bis zu 14 Jahren) ein Gewicht von 0,3. Für einen 1-Personen-Haushalt entspricht das Gewicht also dem bei der einfachen Pro-Kopf-Berechnung. Das Haushaltseinkommen eines Ehepaares mit zwei Kindern wird also mit einem Gewicht von 2,1 geteilt (1 + 0,5 + (2 ž 0,3)), während es bei der Pro-Kopf-Rechnung durch 4 geteilt würde. Durch die Äquivalenz-Rechnung stellt sich also die Einkommensposition großer Haushalte besser dar als im Falle der Pro-Kopf-Rechnung. Die Einkommensvielfache ist nichts anderes als das Verhältnis des tatsächlichen Äquivalenzeinkommens zum Äquivalenzeinkommen der Gesamtbevölkerung.

[28] In den Analysen wurde allerdings nicht geprüft, ob nach der potentiellen Aufnahme einer Beschäftigung der dann "ehemals" arbeitslosen Person sich die Grenzwerte der Einkommensverteilung ebenfalls ändern würden und somit auch die Zuordnung zu den Nettoäquivalenzeinkommensvielfachen.

                                                                             
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 1                                                                        
Kosten gestaffelter Zuschüsse zu den Sozialversicherungsbeiträgen               
Kosten sowie Zahl der begünstigten Beschäftigten                                
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                          FES-Modell              Zahl der      
                                       1400 bis 2800 DM         Begünstigten    
                                          in Mrd. DM              in Mill.      
                                           pro Jahr                             
Westdeutschland                                                                 
  in Vollzeit                                2,98                   0,97        
  in Teilzeit                                4,86                   2,10        
Ostdeutschland                                                                  
  in Vollzeit                                5,23                   1,34        
  in Teilzeit                                1,28                   0,39        
                                                                                
Deutschland insgesamt                       14,35                   4,80        
                                                                                
Zusätzliche Kosten bei Ein-                                                     
beziehung von gegenwärtig                                                       
beschäftigten...                                                                
                                                                                
  Schülern und Studenten                     0,85                  0,33         
                                                                                
  betrieblich Auszubildenden                 8,85                  1,85         
                                                                                
  mithelfenden Familien-                                                        
  angehörigen                                0,70                  0,35         
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
Quellen: Sozio-oekonomisches Panel; Mikrozensus 1997; Berechnungen des DIW.     
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------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 2                                                                        
Zuschußkosten (1) und Entlastungen (2) für Neuanstellungen im                   
Niedriglohnbereich für das FES-Modell  (1400 bis 2800 DM)                       
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                    Kosten  Ent- Zusatz- Steuerliches  Saldo d. 
                       Beschäftigte  der    las- einn.  Zusatzaufkommen Kosten  
                                 Zuschüsse  tun- an SV-  Lohn- Mehrwert-u. Ein- 
                                     (1)    gen  Beitr. steuer steuer sparungen 
                                            (2)           (6)    (7)            
                            Zahl                     Mill. DM/Jahr              
                                                                                
Nichterwerbstätigengruppe (3)                                                   
Insgesamt                 150 000    506    768    787    173    241    -1 463  
  Arbeitslos Gemeldete     79 500    272    768    523    127     33    -1 179  
  Stille Reserve I (4)     36 000    124      0    167     27    106      -176  
  Stille Reserve II (5)    34 500    110      0     97     18    102      -108  
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Subventionierung von Sozialversicherungsbeiträgen für 1997 arbeitslos       
Gemeldete auf der Basis simulierter Erwerbseinkommen  ohne Personen, die        
jünger als 20 oder älter als 55 Jahre sind.                                     
(2) Einsparungen von Arbeitslosengeld, Arbeitslosenhilfe sowie Unterhaltsgeld   
bei Fortbildung/Umschulung.                                                     
(3) Von allen im Jahre 1997 Beschäftigten wurden drei Gruppen von ehemals       
Nichterwerbstätigen (zum Zeitpunkt der Vorjahresbefragung) gebildet.            
Die Modellrechnung unterstellt die identische Struktur der Neuzugänge nach      
1997 wie im Zeitraum 1996 - 1997.                                               
(4) Nichterwerbstätige mit gewünschter sofortiger Arbeitsaufnahme oder          
innerhalb eines Jahres.                                                         
(5) Nichterwerbstätige mit gewünschter Arbeitsaufnahme erst in zwei Jahren      
oder später.                                                                    
(6) Gemäß Lohnsteuertabelle, Tarif 1999, ledig.                                 
(7) Auf Löhne bei der Stillen Reserve bzw. auf Zuschüsse bei Arbeitslosen       
(gemäß einer differenzierten Verwendungsstruktur).                              
Quellen: Sozio-oekonomisches Panel 1997; Berechnungen des DIW.                  
=============================================================================== 
                                                                                
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 3                                                                        
Verteilung der Zuschüsse (1) auf einzelne Wirtschaftszweige                     
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
          Struktur der Beschäftigten     Verteilung des                         
     Anteil der     nach Wirtschaftszweigen     Zuschuß-                        
     bezuschußten               volumens auf                                    
     Beschäftigten      bezuschußt     nicht     Wirtschaftszweige              
                 bezuschußt                                                     
                                                                                
          in %          in Mill. DM/Jahr                                        
                                                                                
Wirtschaftszweige insgesamt                      18     100     100     7 173   
Land- und Forstwirtschaft, Fischerei             49       3       1       208   
Verarbeitendes Gewerbe                           12      31      50     2 195   
Dienstleistungen insgesamt                       25      66      50     4 770   
  Großhandel (einschl. Handelsvermittlung)       10       1       3        93   
  Einzelhandel                                   35      21       8     1 485   
  Bahn                                            7       0       1        14   
  Post                                           17       1       1        43   
  Verkehr, Nachrichten                           14       3       4       208   
  Banken, Sparkassen                              6       1       4        86   
  Versicherungsgewerbe                           28       2       1       143   
  Gaststätten, Beherbergung                      45       6       1       395   
  Persönliche Dienste                            90       2       0       172   
  Gebäudereinigung, Abfall                       62       3       0       179   
  Bildung, Wissenschaft, Sport                   17       5       5       387   
  Gesundheitswesen                               17       9       9       646   
  Rechtsberatung, Immobilien                     21       4       3       308   
  Org. ohne Erwerbscharakter                     16       3       3       230   
  Private Haushalte                              93       1       0        93   
  Gebietskörperschaften                          12       4       6       273   
  Sozialversicherung                              4       0       1        14   
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Nur Arbeitgeberanteil.                                                      
Quellen: Sozio-oekonomisches Panel 1997; Berechnungen des DIW.                  
=============================================================================== 
                                                                                
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 4                                                                        
Soziodemographischer Strukturvergleich der geförderten und nicht geförderten    
Arbeitnehmer                                                                    
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                   Anteil der     Gefördert    Nicht gefördert  
                                  geförderten                                   
                                  Arbeitnehmer         in % der Geförderten/    
                                      in %         nicht Geförderten insgesamt  
                                                                                
Insgesamt                              18              100              100     
                                                                                
Westdeutschland                        14               62               84     
Ostdeutschland                         34               38               16     
                                                                                
Geschlecht                                                                      
  männlich                              8               26               63     
  weiblich                             30               74               37     
                                                                                
Alter                                                                           
  16 bis 35 Jahre                      18               35               33     
  36 bis 45 Jahre                      17               29               31     
  46 bis 55 Jahre                      16               20               23     
  56 bis 65 Jahre                      20               14               12     
  66 Jahre und älter                   58                2                0     
                                                                                
Familienstand                                                                   
  ledig                                16               22               26     
  verheirat                            18               69               66     
  geschieden                           16                6                7     
  verwitwert                           28                3                2     
                                                                                
Nationalität                                                                    
  deutsch                              18               92               93     
  andere Nationalität                  20                8                7     
                                                                                
Haushaltsgröße                                                                  
  1 Person                              8                6               15     
  2 Personen                           16               28               31     
  3 Personen                           24               32               21     
  4 Personen                           19               26               24     
  5 und mehr Personen                  17                8                9     
                                                                                
Schulbildung                                                                    
  Hauptschule                          20               47               40     
  Realschule                           20               38               32     
  Fachoberschule                       12                3                5     
  Abitur                                5                4               16     
  sonstiger Abschluß                   21                4                3     
  kein Abschluß                        17                4                4     
                                                                                
Berufsbildung                                                                   
  Berufsausbildung                     18               69               68     
  Fachhochschule                       11                5                8     
  Universität                           5                2               10     
  sonstiger Abschluß                   21                2                2     
  kein Abschluß                        29               22               12     
                                                                                
Arbeitsverhältnis                                                               
  befristet                            34               15                6     
  unbefristet                          16               86               94     
                                                                                
Qualifikation                                                                   
  un- und angelernte Arbeiter          37               62               23     
  und einfache Angestellte                                                      
  qualifizierte Arbeitskräfte          10               38               77     
                                                                                
Arbeitszeit pro Woche                                                           
  weniger als 20 Stunden               58               23                4     
  20 bis 34 Stunden                    36               26               10     
  35 Stunden und länger                11               52               87     
                                                                                
Betriebsgröße                                                                   
  unter 5 Beschäftigte                 50               21                5     
  5 bis 19 Beschäftigte                28               26               15     
  20 bis 199 Beschäftige               19               32               30     
  200 bis 1999 Beschäftigte            10               13               27     
  2000 und mehr Beschäftigte            6                8               24     
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
Quellen: Sozio-oekonomisches Panel 1997; Berechnungen des DIW.                  
=============================================================================== 
                                                                                
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 5                                                                        
Soziodemographische Merkmale der bezuschußten Erwerbslosen                      
Struktur in %                                                                   
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
     Arbeits-     Stille     Stille     Insge-                                  
     lose     Reserve     Reserve     samt                                      
          I1)     II2)                                                          
                                                                                
Insgesamt                              100         100         100         100  
                                                                                
Westdeutschland                         51          61          89          62  
Ostdeutschland                          49          39          11          38  
                                                                                
Geschlecht                                                                      
  männlich                              30          14           9          21  
  weiblich                              70          86          91          79  
                                                                                
Alter                                                                           
  16 bis 35 Jahre                       53          73          81          64  
  36 bis 45 Jahre                       25          19          12          21  
  46 bis 55 Jahre                       22           8           7          15  
  56 bis 65 Jahre                        0           0           0           0  
  66 Jahre und älter                     0           0           0           0  
                                                                                
Familienstand                                                                   
  ledig                                 38          39          19          34  
  verheirat                             53          52          71          57  
  geschieden                             8          10          10           9  
  verwitwert                             1           0           0           0  
                                                                                
Nationalität                                                                    
  deutsch                               88          84          89          87  
  andere Nationalität                   12          16          12          13  
                                                                                
Haushaltsgröße                                                                  
  1 Person                              10           5           2           7  
  2 Personen                            27         188          13          22  
  3 Personen                            25          32          31          28  
  4 Personen                            25          35          42          32  
  5 und mehr Personen                   13           9          11          12  
                                                                                
Schulbildung                                                                    
  Hauptschule                           31          35          38          34  
  Realschule                            47          39          34          42  
  Fachoberschule                         2           0           1           1  
  Abitur                                 8          13          16          11  
  sonstiger Abschluß                     9           8           2           7  
  kein Abschluß                          4           5           9           5  
                                                                                
Berufsbildung                                                                   
  Berufsausbildung                      60          56          64          60  
  Fachhochschule                         3           1           2           3  
  Universität                            2           5           2           3  
  sonstiger Abschluß                     2           0           5           2  
  kein Abschluß                         33          38          27          33  
                                                                                
Mit regelmäßiger                                                                
Nebentätigkeit                           8          10           6           8  
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Nichterwerbstätige mit gewünschter Arbeitsaufnahme sofort oder              
innerhalb eines Jahres.                                                         
(2) Nichterwerbstätige mit gewünschter Arbeitsaufnahme erst in zwei Jahren      
oder später.                                                                    
Quellen: Sozio-oekonomisches Panel 1997; Berechnungen des DIW.                  
=============================================================================== 
                                                                                
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 6                                                                        
Gesamtzuschußsumme nach Vielfachem des Nettoäquivalenzeinkommens (1)            
Verteilung in %                                                                 
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                  Beschäftigte       Neueingestellte Niedrig-   
                                   Niedrigein-           einkommensbezieher     
                                    kommens-                                    
                                    bezieher        Arbeitslose         Stille  
                                                                       Reserve  
Vielfache in %                                                                  
unter 50                               8                32                  18  
 50-75                                29                45                  37  
 75-100                               34                14                  27  
100-125                               18                 6                  11  
125-150                                6                 1                   7  
151 und mehr                           5                 1                   1  
                                                                                
(1) Nach neuer OECD-Äquivalenzskala berechnet; bezogen auf das monatliche       
Haushaltsnettoeinkommen.                                                        
Quellen: Sozio-oekonomisches Panel 1997; Berechnungen des  DIW.                 
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Wochenbericht 27/99