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Titel

Das Netzwerk Industrie in der Wirtschaftsregion Köln-Düsseldorf: Begriff, Entwicklung, Trends

 

Bearbeiter Martin Gornig
Kooperation

Prof. Dr. Peter Ring, Regioconsult

Forschungsansatz

Die traditionelle Abgrenzung zwischen Industrie und Dienstleistungen vernachlässigt die zunehmende Spezialisierung der Unternehmen und die wachsende Verflechtung der Fertigungsbetriebe mit einem breiten Spektrum von Dienstleistungsanbietern. Hinzu kommt, dass sich innerhalb des Dienstleistungssektors zunehmend Netzwerke herausbilden, die auch ohne Einbindung in die Warenproduktion industrietypische Kriterien - hohe Produktivität, überregionale Handelbarkeit sowie kooperative Interaktion - als Abgrenzungs- kriterien erfüllen.

Die vorliegende Untersuchung setzt sich am Beispiel der Metropol- regionen Köln und Düsseldorf in mehrfacher Hinsicht mit diesem Strukturwandel auseinander. Die Untersuchung gliedert sich dabei in vier Teile:

Der erste Teil der Untersuchung zielt auf den Industriebegriff. Auf der Grundlage einer Literaturrecherche und mit Hilfe der Erkenntnisse aus mehreren eigenen Erhebungen werden die Nachteile der geltenden Abgrenzung aufgezeigt und es wird der Versuch unternommen, ein sachgerechtes und zugleich operationales Erfassungskonzept zu entwickeln.

Im zweiten Teil der Untersuchung wird dieses Konzept genutzt, um ein möglichst realistisches Bild der Industrie und deren Bedeutung für die Wirtschaft der Region Köln-Düsseldorf zu zeichnen. Dabei wird auch analysiert werden, wie sich die Bedeutung der Dienstleistungen für die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes entwickelt hat. Um Antworten auf diese Fragen geben zu können, werden zunächst die relevanten aggregatstatistischen Datensysteme ausgewertet. Dazu gehört insbesondere die Statistik der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten. Sie ermöglicht eine Zeitreihenanalyse sowie einen interregionalen Vergleich der Beschäftigung - sowohl nach Branchenzugehörigkeit als auch nach Tätigkeitsmerkmalen.

Zur Vertiefung spezieller Sachverhalte sind erfahrungsgemäß persönliche Gespräche mit einzelnen Unternehmern unverzichtbar. Ergänzend werden daher im dritten Teil der Studie 40 ausführliche Interviews mit Führungspersönlichkeiten durchgeführt. Ein derart bemessenes Panel hat sich in anderen Untersuchungen als hinreichend repräsentativ erwiesen. Die Gespräche werden allerdings auf ausgewählte Branchencluster konzentriert, die einerseits unterschiedliche Fertigungs- und Organisationsstrukturen aufweisen und andererseits typisch für die Region sind. Auch bei einer Fokussierung auf ausgewählte Branchen bleibt es aber wichtig, die behandelten Themenkomplexe aus unterschiedlichen Blickwinkeln - im vorliegen- den Falle aus der Sicht von Industrieunternehmen wie aus der Sicht von Dienstleistungsunternehmen - zu beleuchten.

Auf der Basis dieser Ergebnisse wird im vierten Teil der Studie die Bedeutung der Industrie für die Entwicklung der Gesamtbeschäftigung in Metropolregionen analysiert. Darüber hinaus werden spezifische Trends und Perspektiven der Industrie in den beiden Kammerbezirken Köln und Düsseldorf skizziert.

Ergebnisse

Seit 1996 gewinnt die Beschäftigungsexpansion in den Metropolregionen wieder deutlich an Fahrt. Der Zuwachs bei den Dienstleistungen ist dabei - ganz im Gegensatz zur Entwicklung in den alten Bundesländern insgesamt - größer als der Rückgang im Produzierenden Gewerbe. Damit können die Metropolregionen erstmals seit Mitte der siebziger Jahre eine bessere Beschäftigungsbilanz aufweisen als der Durchschnitt der anderen Gebiete. Der regionale Dekonzentrationsprozess der Beschäftigung scheint gestoppt.

Maßgeblich zu diesem Erfolg beigetragen hat die Entwicklung im Schnittfeld von Verarbeitendem Gewerbe und Unternehmensdiensten. Besonders dynamisch entwickeln sich die Beratungsunternehmen; sie haben ihre Beschäftigung innerhalb von nur drei Jahren um fast 20% aufgestockt. In diesem Segment besitzen die Ballungsgebiete mit ihrem spezifischen Know-how ganz offensichtlich ausgeprägte Standortvorteile, die in wachsendem Maße zum Tragen kommen.

Korrelationsrechnungen für Großstadtregionen zeigen allerdings auch, dass sich der räumliche Zusammenhang in der Entwicklung von Verarbeitendem Gewerbe und Beratungsdiensten immer mehr lockert. Mit der Auslagerung von Dienstleistungen aus den Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes nimmt nämlich zugleich die überregionale Ausrichtung von Wirtschaftsberatern, Ingenieurbüros, Softwarehäusern und Mediendienstleistern zu. Im Zuge dieser Entwicklung wird die Exportbasis der Metropolregionen vielfältiger, deren Verflechtung untereinander intensiver. Gleichwohl dominiert innerhalb des regionalen "Exportsektors" weiterhin das Verarbeitende Gewerbe. Gemessen an der Beschäftigung betrug dessen Anteil 1999 im Durchschnitt der Metropolregionen nahezu 60%.

Während im Produktionsbereich primär aufgrund von Rationalisierungen die Beschäftigtenzahlen zurückgehen, wird die Entwicklung im Steuerungs- und im Distributionsbereich in erster Linie durch Bedarf an zusätzlichen Diensten und durch Auslagerung von Dienstleistungsfunktionen bestimmt. Dies gilt insbesondere für größere Unternehmen, bei denen neben der Nutzung von Spezialisierungsvorteilen auch tarifpolitische Überlegungen maßgebend für die "Verschlankung" sind. Eigentümergeführte Firmen neigen demgegenüber bislang dazu, möglichst viele Funktionen im eigenen Hause zu erbringen. Dabei nehmen die Vorbehalte gegenüber der Fremdvergabe von Unternehmensdiensten tendenziell mit der Entfernung von den Ballungskernen zu.

In den beiden IHK-Bezirken Köln und Düsseldorf hat die Tendenz zum Outsourcing im Verlauf der 90er-Jahre deutlich zugenommen und zuletzt drei Viertel der befragten Unternehmen erfasst. Insgesamt dürften allein während der letzten fünf Jahre gut 10.000 Beschäftigte aus Betrieben des Verarbeitenden Gewerbes in Dienstleistungsbetriebe "gewandert" sein. Damit wird ein gutes Drittel der Beschäftigungsabnahme im Verarbeitenden Gewerbe zwischen 1995 und 1999 durch Outsourcing von Dienstleistungen erklärt. Zumindest in diesem Umfang überzeichnet die Entwicklung im Verarbeitenden Gewerbe den Bedeutungsverlust der Industrie.

Für die nächsten Jahre ist mit einer weiteren Spezialisierung der Unternehmen zu rechnen. Dabei wird sich allerdings die Struktur der ausgelagerten Leistungen ändern. Wurden bisher bevorzugt produktunabhängige Dienste wie Werkschutz, Kantine oder Sozialeinrichtungen an Dritte vergeben, so stehen künftig verstärkt Logistik, Engineering, EDV und sogar Teile des Rechnungswesens zur Disposition. Die Planungen einzelner Konzerne in der Region weisen darauf hin, dass diese Entwicklung zur vollständigen Zerlegung traditioneller multifunktionaler Unternehmen in rechtlich selbstständige Produktions- und Servicegesellschaften führen kann. In solchen Fällen verbleiben grundsätzlich nur die produzierenden Einheiten im Verarbeitenden Gewerbe.

Der vielfach anstehende Generationenwechsel in den Geschäftsleitungen dürfte auch in mittelständischen Unternehmen eine verstärkte Konzentration auf die Kernkompetenz und damit zugleich eine größere Bereitschaft zu unternehmensübergreifenden Kooperationen mit sich bringen. Insgesamt besteht vor allem im Steuerungs- und Distributionsbereich ein erhebliches Outsourcing-Potenzial.

Bei insgesamt gleichgerichteten Tendenzen bestehen allerdings gewisse Unterschiede in der Entwicklung der beiden betrachteten Wirtschaftsräume. Während sich der Strukturwandel im IHK-Bezirk Düsseldorf vorrangig innerhalb des Industriekomplexes abspielt, dem Beschäftigungsrückgang in der Warenproduktion also überdurchschnittliche Wachstumsraten bei Ingenieurleistungen, Wirtschaftsberatung, Telekommunikationsdiensten und Software-Entwicklung gegenüberstehen, expandieren im IHK-Bezirk Köln Unternehmensdienste wie Messe- und Kongresswesen, Sicherheit, Personalleasing und Immobilienmanagement sowie vor allem Personendienste wie Film, TV, Kunst und Kultur.

Diese Spezialisierungsmuster entsprechen grundsätzlich den jeweiligen Standortgegebenheiten und sind in Bezug auf Fühlungsvorteile und Standortprofil durchaus sinnvoll. Gleichwohl weist insbesondere Köln mit seinem vergleichsweise hohen Besatz von Verarbeitendem Gewerbe noch erhebliche Wachstumspotenziale im Bereich der Beratungsleistungen auf. Hier kommt es darauf an, die zu erwartende Fortsetzung der Ausgliederungen zum Aufbau neuer exportintensiver Dienstleistungsunternehmen zu nutzen.

Publikation

Gornig, Martin und Peter Ring: Netzwerk Industrie - Begriff, Entwicklung, Trends. Herausgegeben von den Industrie- und Handelskammern zu Köln und zu Düsseldorf erschienen im RegioVerlag Edition StadtWirtschaft, Berlin 2001. (73 Seiten)

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