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Juni 2005
Frankfurter Börse: Drama oder Hoffnungsschimmer?
Autor: Alfred
Steinherr
Die Deutsche Börse, vor allem ihre
Terminbörse EUREX, ist eine Erfolgsstory sondergleichen. Die erste
Finanzterminbörse in Europa hatte 1983 in London ihr Geschäft
aufgenommen. Terminverträge auf Bundesanleihen wurden in London gehandelt,
und als mit einigen Jahren Verspätung eine deutsche Terminbörse
gegründet wurde, gaben ihr die Experten, wie etwa der Nobelpreisträger
Merton Miller, nur eine geringe Chance. Der elektronischer Handel sei nur
für die peripheren Börsen geeignet, aber nicht für die erste
Liga. Die Deutsche Börse setzte auf den Kostenvorteil des elektronischen
Handels und bewies damit Mut und Weitsicht, die von Erfolg gekrönt
wurden: Die Frankfurter Terminbörse ist zur größten der
Welt geworden. Nun gibt es in Europas viel zu viele Börsen und Clearingsysteme,
da in beiden Bereichen die Skalenerträge sehr ausgeprägt sind.
Ein europaweiter Konsolidierungsprozess ist daher in vollem Gange. Nach
der erfolgreichen Zusammenarbeit von Frankfurt mit der Züricher Terminbörse
und der Übernahme von Clearstream war die Strategie einer Übernahme
der Londoner Börse strategisch sinnvoll.
Die Revolte eines englischen Hedge Fonds
hat zum Rücktritt der Führungsriege der Frankfurter Börse
geführt. Finden wir hier eine Bestätigung der Heuschrecken-Theorie?
Herrn Seiferts Abgang ist sicher ein großer Verlust. Aber was durchaus
positiv gesehen werden kann ist, dass endlich eine Revolte im Unwesen der
deutschen corporate governance Erfolg hatte. Es ist nicht langfristig vertretbar,
dass Vorstände in Zusammenarbeit mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden
gegen den Willen der Aktionärsvertreter die Unternehmensstrategie bestimmen.
Stellen wir uns doch einmal vor, eine
ähnliche Aktionärsrevolte hätte verhindert, dass Daimler-Benz
über die Jahre Fokker, Freightliner, Chrysler, Mitsubishi, Hyundai
kaufte, ins Eisenbahngeschäft einstieg, den Smart entwickelte, und
die Qualität des Kerngeschäftes durch zu viel Zerstreuung vernachlässigte.
Die wohlwollenden Vertreter der Deutschland AG, die Gewerkschaftsvertreter
inbegriffen, haben nicht gehandelt. Wäre Daimler-Chrysler ein Einzelfall,
wären Bedenken unangebracht. Die Vielzahl von Problemfällen suggeriert
hingegen, dass eine aktivere Partizipation der Aktionäre in den Aufsichtsräten
eine neue Dynamik entfalten könnte. Die Aktionäre tragen das Risiko
und sollten daher auch entsprechend an den strategischen Entscheidungen
beteiligt sein. In den Aufsichtsräten der großen deutschen Firmen
dominieren immer noch Vertreter der Banken, Versicherungen, Industrie und
Gewerkschaften, die den Firmenchefs, die wiederum allzu häufig in deren
eigenen Aufsichtsräten fungieren, große Entscheidungsfreiräume
gewähren, um sich gegenseitig nicht in die Quere zu kommen. Es ist
daher durchaus zu begrüßen, wenn unabhängige institutionelle
Investoren eine kritische Kontrollfunktion der Firmenstrategie ausüben.
Heuschrecken haben in den USA und in
Großbritannien die Dynamik und das Beschäftigungsniveau gefördert,
die uns fehlen. Würden sie nur am kurzfristigen Erfolg Interesse zeigen,
wären sie mit Sicherheit weniger erfolgreich. Sie wollen ja den größtmöglichen
Wertzuwachs erzielen, um ihren Gewinn zu maximieren. Der Wert einer Unternehmung
entspricht der Summe der abdiskontierten zukünftigen Gewinne. Dabei
spielt keine Rolle, ob diese Gewinne langfristig oder kurzfristig erzielt
werden. Eine nur kurzfristige Strategie hat keine Chance, Gewinnmaximierung
zu realisieren. Wer hat die risikoreichen Technologieunternehmungen finanziert,
die oft jahrelang keine Gewinne erzielen? Nicht die Banken, nicht die Investitionsgesellschaften,
sondern vorwiegend die Heuschrecken. Hedge und Private Equity Fonds investieren
auch in traditionsreichen Gesellschaften, deren Wert gemindert wird durch
eine mangelnde langfristige Strategie, ein nachlässiges Management
oder eine Vielfalt von synergiearmen Geschäftsbereichen. Aus krisenanfälligen,
den Aktionären zu Last fallenden Unternehmungen, die eher Arbeitskräfte
entlassen müssen als neue einstellen zu können, versuchen sie
Wert zu schaffen durch die Konzentration auf das Kerngeschäft mit einer
langfristigen Perspektive. Den abgestoßenen Teilbereichen geht es
dann meist besser, wenn sie ihre eigene Strategie definieren können.
Ausländische Investoren haben schon
seit einiger Zeit ein aufmerksames Auge auf solche deutsche Firmen geworfen,
die unterbewertet sind, weil sie ihr Potential durch die genannten Faktoren
nicht ausschöpfen, wie Daimler-Chrysler. Deutschland kann von zusätzlichen
Investitionen nur profitieren, vom Kapitalzufluss und neuen strategischen
Ausrichtungen. Daher kann man die Ereignisse in den Führungsgremien
der Deutschen Börse auch als einen signifikanten Hoffnungsschimmer
werten.

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