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| Wochenbericht des DIW Berlin 21/00 Arbeitsmarkteffekte der Zuwanderung nach Deutschland | |||
| Bearbeiter | Thomas Bauer (IZA) | ||
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| Während die geplante Osterweiterung der Europäischen Union (EU) hohe Erwartungen bei den Aufnahmekandidaten geweckt hat, sind bei einigen EU- Staaten Befürchtungen aufgekommen, im Zuge der Erweiterung der Gemeinschaft um Staaten Mittel- und Osteuropas wirtschaftliche Nachteile zu erleiden. Insbesondere besteht die Sorge, dass in großem Umfang billigere Arbeitskräfte aus den Beitrittsländern zuwandern und dadurch in den jetzigen EU-Ländern die Löhne von einheimischen Beschäftigten reduziert oder die Arbeitslosigkeit verstärkt werden könnten. Der vorliegende Bericht basiert auf einer Untersuchung des Instituts zur Zukunft der Arbeit (IZA). [1] Ausgehend von empirischen Studien und unter Verwendung von Simulationen einfacher ökonomischer Modelle werden die potentiellen Arbeitsmarkteffekte der nach einer EU-Osterweiterung zu erwartenden Ost- West-Migration quantifiziert. | |||
| Theoretische Überlegungen | In der öffentlichen Debatte über die Zuwanderung nach Deutschland wird häufig die Befürchtung geäußert, Immigration werde zu einer Verringerung des Lohnniveaus einheimischer Arbeitskräfte bzw. zu deren Verdrängung aus dem Arbeitsmarkt führen. Die wirtschaftswissenschaftliche Theorie jedoch kommt zu keinerlei eindeutigen Aussagen über die Arbeitsmarkteffekte der Zuwanderung. [2] Solange es zwischen Ländern und Regionen Unterschiede in der Grenzproduktivität der Arbeit gibt, kann das Lohndifferential zu einer Wanderung von Arbeitskräften aus Regionen mit niedrigen Löhnen in solche mit höherer Entlohnung führen. Damit werden relative Knappheiten beseitigt. Bei flexiblen Faktorpreisen wirkt dies wohlfahrtssteigernd. Im Rahmen dieses Anpassungsprozesses kommt es allerdings bei steigender Güterproduktion tendenziell zu Einkommensverlusten bei den einheimischen Arbeitnehmern und zu einer Erhöhung der Entlohnung des Produktionsfaktors Kapital. Existiert aufgrund eines Nachfragemangels oder Lohnrigiditäten ein Arbeitsmarktungleichgewicht, führt Zuwanderung zu vermehrter Arbeitslosigkeit einheimischer Arbeitnehmer, sofern die Zuwanderung nicht durch die Wirtschaftspolitik kompensiert wird. Diesen direkten negativen Arbeitsnachfrageeffekten, die sich innerhalb des einfachen Modellrahmens für die einheimischen Arbeitskräfte ergeben, stehen jedoch indirekte positive Wirkungen gegenüber. Ein Grund hierfür sind die Konsumausgaben der Migranten. Theoretisch besteht die Möglichkeit, dass die indirekten Arbeitsnachfrageeffekte der Zuwanderung die oben angeführten negativen Effekte überkompensieren und eine Erhöhung der Löhne und der Beschäftigung einheimischer Arbeitskräfte zur Folge haben. Das Ausmaß der indirekten Arbeitsnachfrageeffekte ist, neben anderen Faktoren, von der geplanten Dauer des Aufenthalts und der Qualifikationsstruktur der Zuwanderung abhängig. So werden temporäre Migranten, die später mit Erspartem in ihr Heimatland zurückkehren wollen, tendenziell weniger konsumieren als Zuwanderer, die ihren Wohnsitz dauerhaft in das Gastland verlegen. Das eingangs skizzierte Modell beruht auf einer Reihe restriktiver Annahmen. So wird der Produktionsfaktor Arbeit als homogen angenommen, was in der Realität nicht gegeben ist. Wird die Annahme homogener Arbeit aufgegeben, ist eine Bestimmung der produktionstechnischen Beziehung zwischen den Migranten und den einheimischen Arbeitern notwendig. Stehen die Migranten aufgrund ihrer Qualifikation in einer Substitutionsbeziehung zu einheimischen Arbeitnehmern, bewirkt Zuwanderung eine Verringerung der Entlohnung dieser Arbeitnehmer. Bei rigiden Löhnen besteht ein Arbeitslosigkeitsrisiko für einheimische Arbeitnehmer, die durch Migranten substituiert werden können. Stehen Migranten und einheimische Arbeitnehmer hingegen in einer Komplementaritätsbeziehung zueinander, ergänzen sie sich also im Produktionsprozess, bewirkt die Zuwanderung eine Erhöhung der Entlohnung dieser Einheimischen. Ein gutes Beispiel für derartige Komplementaritätsbeziehungen ist die geplante Zuwanderung von ausländischen IT-Spezialisten, die eine Erhöhung der Beschäftigung und der Löhne von Einheimischen nach sich ziehen soll. Tendenziell hat die Migration eine Erhöhung der gesamtwirtschaftlichen Güterproduktion zur Folge, jedoch sind damit in aller Regel Verteilungseffekte verbunden. Dabei verlieren jene einheimischen Produktionsfaktoren, die in einer Substitutionsbeziehung zu den Migranten stehen, während Einheimische, die in einer Komplementaritätsbeziehung zu den Migranten stehen, gewinnen. Inwieweit es insgesamt zu Migrationsgewinnen oder -verlusten für die einheimischen Produktionsfaktoren kommt, hängt von der Quantität und der qualifikatorischen Zusammensetzung des Migrationsstroms ab. Dies ist letztlich eine empirische Frage. Im Folgenden werden zuerst einfache Modelle der Arbeitsmarkteffekte der Zuwanderung unter Verwendung von Daten für die Bundesrepublik Deutschland kalibriert, um einen ersten quantitativen Eindruck der potentiellen Arbeitsmarkt- und Verteilungseffekte der Zuwanderung zu erhalten. Anschließend wird ein Überblick über die existierenden empirischen Analysen zu den Lohn- und Beschäftigungseffekten der Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland gegeben. | ||
| Simulationsmethoden zur quantitativen Abschätzung der Migrationseffekte | Einen ersten quantitativen Einblick in die Arbeitsmarkt- und Verteilungseffekte der Zuwanderung von Arbeitskräften liefern Simulationsmodelle, die von Borjas [3] entwickelt und von Bauer/Zimmermann [4] erweitert wurden. Im Rahmen dieser Modelle wird von einer Volkswirtschaft ausgegangen, die ein Gut mit den Produktionsfaktoren Kapital, gering qualifizierte Arbeit und qualifizierte Arbeit produziert. Es wird angenommen, dass die Produktionsfunktion der Volkswirtschaft durch eine Cobb-Douglas-Funktion beschrieben werden kann und dass gering qualifizierte und qualifizierte Arbeit in einer Komplementaritätsbeziehung zueinander stehen. Weiterhin wird angenommen, dass im Einwanderungsland auf dem Arbeitsmarkt für unqualifizierte Arbeitskräfte aufgrund rigider Löhne [5] Arbeitslosigkeit herrscht. Auf dem Arbeitsmarkt für qualifizierte Arbeitskräfte werden vollkommen flexible Löhne angenommen. Im Rahmen dieses Modells werden dann die Lohneffekte der Zuwanderung von Arbeitskräften unterschiedlicher qualifikatorischer Zusammensetzung analysiert. Dabei wird unterstellt, dass die Migranten nur den Bestand an Arbeitskräften erhöhen, jedoch keinen Einfluss auf die Kapitalausstattung der Volkswirtschaft haben. Die Simulationen basieren auf aggregierten Daten für die Bundesrepublik Deutschland und den aus diesen Daten berechneten Produktionselastizitäten. Die in Tabelle 1 dargestellten Simulationsergebnisse zeigen die Auswirkungen der Zuwanderung auf die Einkommen der einheimischen Arbeitnehmer, die Einkommen der Immigranten sowie den Gesamteffekt auf das Volkseinkommen in zwei Szenarien mit jeweils zwei möglichen Extremfällen. | ||
| Zuwanderung gering qualifizierter Migranten | Im ersten Szenario wird angenommen, dass es sich bei den Zuwanderern ausschließlich um gering qualifizierte Arbeiter handelt. Im Fall (a) sinken die Löhne als Reaktion auf die Zuwanderung so weit, dass die Arbeitslosigkeit unqualifizierter einheimischer Arbeiter konstant bleibt. Im Fall (b) verändern sich die Löhne trotz der Zuwanderung nicht, so dass es zu einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit einheimischer unqualifizierter Arbeitnehmer in Höhe der Zuwanderung kommt. Nach den Simulationsergebnissen bleibt das Volkseinkommen der einheimischen Arbeitskräfte bei einer Einwanderung unqualifizierter Arbeitskräfte in Höhe von 1 % der Erwerbsbevölkerung im Fall (a) unverändert (Tabelle 1, Szenario I). Im Extremfall der vollkommenen Substitution einheimischer unqualifizierter Arbeitskräfte durch die Immigranten - Fall (b) - käme es zu Einkommenseinbußen für die einheimischen Arbeitskräfte von etwa 0,65 % des Volkseinkommens von 1996. Die Simulationen zeigen, dass die Immigration erhebliche Auswirkungen auf die Einkommensverteilung hat. Kapitaleigner gewinnen stets durch die Zuwanderung von Arbeitskräften. Demgegenüber können die einheimischen Arbeitskräfte in Abhängigkeit von der Qualifikationsstruktur der Zuwanderung hohe Einkommensverluste erleiden. Nimmt man beispielsweise an, dass infolge der Zuwanderung gering qualifizierter Arbeitskräfte die Löhne soweit gesenkt werden, dass die Arbeitslosigkeit der einheimischen Bevölkerung konstant bleibt, würden die Einkommen gering qualifizierter einheimischer Arbeitnehmer um 3,1 % sinken und die Einkommen qualifizierter einheimischer Arbeitskräfte um 0,5 % steigen. | ||
| Zuwanderung qualifizierter Migranten | Im zweiten Szenario wird angenommen, dass es sich bei den Zuwanderern ausschließlich um qualifizierte Arbeitskräfte handelt. Anders als bei den gering qualifizierten Arbeitskräften wird unterstellt, dass die Löhne qualifizierter Arbeitskräfte flexibel sind. In diesem Fall kommt es zu einer Lohnsenkung für die einheimischen qualifizierten Beschäftigten. Obwohl sich über die Komplementaritätsbeziehung zwischen qualifizierten und unqualifizierten Beschäftigten die Nachfrage nach unqualifizierten Arbeitskräften erhöhen wird, hängt die Entwicklung der Einkommen und der Beschäftigung unqualifizierter einheimischer Beschäftigter wiederum vom Grad der Lohnrigidität ab. Auch hier werden zwei Extremfälle unterschieden. Im Fall (a) wird unterstellt, dass die erhöhte Nachfrage nach unqualifizierten Arbeitskräften zu Lohnerhöhungen führt und es zu keiner Verringerung der Arbeitslosigkeit einheimischer Beschäftigter kommt. Im Fall (b) wird angenommen, dass die Löhne so gesetzt werden, dass die Arbeitslosigkeit einheimischer Beschäftigter verschwindet. Sollten in erster Linie qualifizierte Arbeitnehmer zuwandern, wären im Rahmen des Simulationsmodells Einkommenszuwächse denkbar. Werden aufgrund der Zuwanderung qualifizierter Migranten die Löhne unqualifizierter einheimischer Arbeitnehmer erhöht, so dass es zu keiner Veränderung der einheimischen Arbeitslosigkeit kommt, bleibt das Einkommen einheimischer Arbeitnehmer nahezu unverändert. Dahinter verbergen sich jedoch wiederum Verteilungseffekte. So werden in diesem Szenario die Einkommen der unqualifizierten Arbeitnehmer um 0,8 % zunehmen, die der qualifizierten Arbeitnehmer um 0,5 % sinken. Im Fall (b) führt ein Anstieg der Erwerbsbevölkerung von 1 % in einem Jahr aufgrund der Zuwanderung qualifizierter Arbeitskräfte zu einer Zunahme des Einkommens einheimischer Arbeitnehmer von maximal 1,38 % des Volkseinkommens von 1996. Es sei noch einmal darauf hingewiesen, dass es sich bei den genannten Migrationsgewinnen aufgrund der direkten Arbeitsmarkteffekte der Zuwanderung um Extremwerte handelt. Die aus diesen direkten Effekten zu erwartenden Migrationsgewinne dürften im Bereich zwischen diesen Extremfällen liegen. Darüber hinaus vernachlässigen die Simulationen indirekte Effekte der Zuwanderung wie die Steuerzahlungen und Sozialversicherungsbeiträge, die durch die Zuwanderer geleistet werden. Diese indirekten Arbeitsmarkteffekte tragen tendenziell zu einer Erhöhung der Migrationsgewinne der einheimischen Bevölkerung bei. [6] | ||
| Indirekte Arbeitsmarkteffekte und Kosten der Migration | Ein Vergleich des im Rahmen der IZA-Studie verwendeten Simulationsmodells mit ähnlichen Simulationen zeigt, dass die vom IZA berechneten Migrationseffekte eine eher vorsichtige Schätzung darstellen. Das RWI [7] beispielsweise verwendete ein Konjunkturmodell zur Abschätzung der makroökonomischen Effekte der Zuwanderung nach Westdeutschland in der Periode 1988 bis 1991. Die Autoren kamen zu dem Ergebnis, dass die von den Zuwanderern gezahlten Steuern und Abgaben die an diese Gruppe fließenden Leistungen des Staates zum Lebensunterhalt überstiegen. Das Bruttosozialprodukt Westdeutschlands war danach im Jahre 1991 - am Ende der Simulationsperiode - um etwa 5 % höher als ohne Zuwanderung. Darüber hinaus wurden durch die Zuwanderung 85 000 zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen, und der Staatshaushalt konnte zusätzliche Nettoeinnahmen von rund 13 Mrd. DM verbuchen. Damit die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte zu einer Erhöhung der Einkommen der Einheimischen führt, müssen die berechneten Migrationsgewinne die durch die Zuwanderung verursachten Kosten übersteigen. Eine Abschätzung dieser Kosten erweist sich jedoch als schwierig. Entsprechend existieren nur wenige empirische Untersuchungen zu den Kosten der Immigration. Eine Ausnahme bilden Untersuchungen über die Unterschiede der Inanspruchnahme von Sozialhilfe zwischen Einheimischen und Migranten. Unter Verwendung von Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) kommt eine Studie des DIW zu dem Ergebnis, dass Haushalte von Zuwanderern eine höhere Bezugsquote der Sozialhilfe aufweisen als einheimische Haushalte. [8] Wenn die wichtigsten Unterschiede zwischen der sozioökonomischen Lage der Zuwanderer und derjenigen der Einheimischen berücksichtigt werden, zeigen sich jedoch keine Unterschiede zwischen Migranten und Einheimischen in der Inanspruchnahme von Sozialhilfe. [9] Die vergleichsweise höhere Inanspruchnahme von Sozialhilfe durch Haushalte von Zuwanderern ist nach den Ergebnissen der Studie des DIW insbesondere auf deren ungünstige sozioökonomische Struktur - wie z. B. ein niedriges Bildungsniveau - zurückzuführen. Aufgrund einer fortschreitenden Arbeitsmarktintegration nimmt das Risiko eines Sozialhilfebezugs für alle Migranten mit einer zunehmenden Verweildauer in der Bundesrepublik Deutschland ab. Mittel- bis langfristig erwartet das DIW wegen der günstigen Altersstruktur der Zuwanderer bei fortschreitender Integration eher eine Entlastung des gesamten Sozialversicherungssystems. Ähnlich zu den Ergebnissen der Determinanten des Sozialhilfebezugs, zeigen empirische Studien der Arbeitslosigkeit von Ausländern in der Bundesrepublik Deutschland, dass Zuwanderer ein höheres Arbeitslosigkeitsrisiko aufweisen als Einheimische. Ein Großteil des Unterschiedes zwischen Ausländern und Einheimischen ist auf die vergleichsweise geringere Qualifikation der Ausländer und deren Konzentration in Industrien mit einem relativ hohen Risiko des Arbeitsplatzverlustes zu erklären. [10] Insgesamt weisen diese Ergebnisse darauf hin, dass die mit einer Zuwanderung verbundenen Kosten im Vergleich zu den potentiellen Migrationsgewinnen entscheidend von der Qualifikationsstruktur der Zuwanderung bestimmt werden, wobei diese Kosten mit steigendem Qualifikationsniveau der Immigranten und einer zunehmenden Aufenthaltsdauer abnehmen. | ||
| Abschätzung der Arbeitsmarkteffekte auf Basis ökonometrischer Studien | Neben der Quantifizierung der Arbeitsmarkteffekte der Migration im Rahmen von Simulationsmodellen sind die Auswirkungen der Migration auf Löhne und Beschäftigung durch eine wachsende Zahl ökonometrischer Studien behandelt worden. [11] | ||
| Lohneffekte | Ein häufig verwendeter methodischer Rahmen zur Analyse der Lohneffekte der Migration ist die direkte Schätzung einer Produktionsfunktion. Der Produktionsfaktor Arbeit wird dabei zumeist als heterogen angenommen und geht - getrennt nach verschiedenen Merkmalen wie Ausbildung, Herkunft oder Geschlecht - in die Produktionsfunktion ein. Die geschätzten Parameter der Produktionsfunktion können dann zur Bestimmung des Ausmaßes der Substitutionalität bzw. Komplementarität zwischen Einheimischen und Migranten verwendet werden. Viele empirische Studien verzichten jedoch auf die explizite ökonometrische Modellierung einer Produktionsfunktion. Statt dessen wird die reduzierte Form einer Arbeitsmarktgleichung verwendet, wobei der Anteil der Ausländer an allen Beschäftigten in einer Industrie oder Region als erklärende Variable in eine herkömmliche Lohnregression aufgenommen wird. Mit Hilfe des geschätzten Koeffizienten dieser Variablen können die langfristigen Angebots- und Nachfrageeffekte der Zuwanderung in einem Arbeitsmarkt bestimmt werden. In den meisten internationalen Studien werden keine oder nur geringfügige negative Effekte von Immigranten für die Beschäftigung und die Löhne der einheimischen Bevölkerung festgestellt. [12] Tabelle 2 gibt einen Überblick über verschiedene empirische Studien der Lohneffekte der Zuwanderung für die Bundesrepublik Deutschland. Es ist zu erkennen, dass sich die geschätzten Lohneffekte der Zuwanderung je nach verwendeter Spezifikation sehr stark unterscheiden. Die geringsten Effekte erhält man bei direkter Schätzung einer Produktionsfunktion. Bei Verwendung dieser Methode werden vielfach sogar positive Effekte der Zuwanderung auf die Löhne einheimischer Beschäftigter errechnet. Die höchsten Effekte der Migration wurden in einer Studie gefunden, die von DeNew und Zimmermann auf Basis des SOEP durchgeführt wurde. [13] Unterstellt man die dort errechnete Elastizität von -0,35, so hätte im Jahre 1998 ein Anstieg des Ausländeranteils an der Beschäftigung um einen Prozentpunkt auf 8,4 % - eine durchaus erhebliche Veränderung [14] - den durchschnittlichen Bruttomonatsverdienst eines Arbeitnehmers von 4 190 DM um 198 DM bzw. 4,7 % verringert. Eine neuere Studie des DIW [15] zu den ökonomischen Auswirkungen der EU- Osterweiterung - auf Basis der Beschäftigtenstichprobe des IAB - kommt zu dem Ergebnis, dass eine Erhöhung des Ausländeranteils in Deutschland um einen Prozentpunkt über einen Zeitraum von fünf Jahren das Lohnwachstum der einheimischen Beschäftigten um 0,62 Prozentpunkte verringern würde. Von 1991 bis 1995 ist die monatliche Bruttolohn- und -gehaltssumme eines Arbeitnehmers im Durchschnitt um 22,7 % auf 4 050 DM gestiegen. Hätte der Ausländeranteil um einen Prozentpunkt zugenommen, wären die Bruttomonatsverdienste etwas weniger - um 22,1 % auf 4 029 DM - gestiegen. In Einklang mit anderen empirischen Studien zu den Arbeitsmarkteffekten der Zuwanderung kommt die Analyse des DIW zu dem Ergebnis, dass gering qualifizierte Beschäftigte tendenziell mit höheren Einkommenseinbußen zu rechnen haben als qualifizierte Beschäftigte. | ||
| Beschäftigungseffekte | Obwohl der empirische Nachweis der Lohneffekte eindeutiger ausfällt als jener der Beschäftigungseffekte von Immigration, deuten die vorliegenden empirischen Untersuchungen darauf hin, dass Zuwanderung in Europa nur äußerst geringe Auswirkungen auf die Beschäftigung hat. Mühleisen/Zimmermann und Pischke/Velling beispielsweise finden keinen Beleg dafür, dass Zuwanderer einheimische Arbeitnehmer verdrängen. [16] Dieses Ergebnis stimmt mit den empirischen Befunden für andere Länder überein. [17] Unter Verwendung von Regionaldaten zeigt Velling [18] , dass die Gesamtzuwanderung von Erwerbspersonen (d.h. alle Zuwanderer einschließlich der Aus- und Übersiedler und der Pendler) von 1988 bis 1993 einen Anstieg der regionalen Arbeitslosenquoten um durchschnittlich 0,24 Prozentpunkte zur Folge hatte. Berücksichtigt man, dass Deutschland in den Jahren von 1988 bis 1993 eine ungewöhnlich hohe Zuwanderung zu verzeichnen hatte, die weit über der geschätzten Ost-West-Migration nach einer potentiellen EU- Osterweiterung lag, [19] erscheinen diese Auswirkungen eher gering. Unter Verwendung der IAB-Beschäftigtenstichprobe für den Zeitraum 1990 bis 1995 ermittelte das DIW, dass eine Erhöhung des Ausländeranteils um einen Prozentpunkt die Arbeitslosigkeitswahrscheinlichkeit eines einheimischen Arbeitnehmers um etwa 0,18 Prozentpunkte erhöht. [20] Dies würde einer Erhöhung der Arbeitslosigkeit um rund 7 500 Personen entsprechen. Analog zu den Analysen der Lohneffekte der Immigration zeigen die Studien wiederum, dass unqualifizierte Arbeitnehmer höhere negative Beschäftigungseffekte durch eine Zuwanderung zu erwarten haben als qualifizierte Arbeitnehmer. | ||
| Fazit | Insgesamt zeigen die IZA-Untersuchungen, dass - auf Basis empirischer Erkenntnisse der internationalen Migrationsforschung - mit einer spürbaren Verschärfung der Arbeitsmarktsituation in Deutschland und den anderen EU- Staaten im Zuge der geplanten EU-Osterweiterung nicht gerechnet werden muss. Im ungünstigsten Fall sind geringfügige Einkommenseinbußen und Arbeitsplatzverluste zu erwarten; dem stehen im günstigeren Fall deutlich positive Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Löhne gegenüber, wenn es sich bei den Immigranten überwiegend um qualifizierte Facharbeiter handelt. Langfristig besteht für die EU keine Alternative zur Politik der freien Mobilität der Arbeitskräfte zwischen den Beitrittsländern und den jetzigen EU-Mitgliedstaaten. Kurzfristig scheint jedoch eine auf die Beitrittsländer gerichtete selektive Zuwanderungspolitik im Rahmen einer zeitlich gestreckten Vergabe voller Freizügigkeitsrechte eine ökonomisch wie politisch sinnvolle Option zu sein. Auf diese Weise könnte ein positiver volkswirtschaftlicher Gesamteffekt sichergestellt und damit ein wichtiger Beitrag zur Akzeptanz der EU-Osterweiterung geleistet werden. | ||
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| Tabelle 1 |
Simulation der langfristigen Arbeitsmarkteffekte einer EU-Osterweiterung
in % des Volkseinkommens in Folge einer Zuwanderung von 1 % der Bevölkerung
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Einheimische Zuwanderer Gesamt
A. Zuwanderung von geringqualifizierten Arbeitern
a) Konstante Arbeitslosigkeit Einheimischer 0,01 0,50 0,51
b) Immigration entspricht Erhöhung der
Arbeitslosigkeit Einheimischer -0,65 0,65 0,00
B. Zuwanderung von qualifizierten Arbeitern
a) Konstante Arbeitslosigkeit Einheimischer 0,002 0,76 0,77
b) Keine Arbeitslosigkeit 1,38 0,76 2,07
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Anmerkungen:
Die Angaben beziehen sich auf den Anteil der Einwanderungsgewinne/-verluste am
Volkseinkommen Deutschlands im Jahr 1996 (Volkseinkommen = 2 657 Mrd. DM); der
Anteil der Einkommen von geringqualifizierten Arbeitern und Angestellten am
Volkseinkommen entspricht 14 %, der Anteil der Einkommen von qualifizierten
Arbeitern und Angestellten entspricht 56 %, und der Anteil der
Kapitaleignereinkommen entspricht 30 %. Die Einkommensanteile werden als
konstant angenommen. Die Faktorpreiselastizität für unqualifizierte
Beschäftigte ist -0,86, diejenige für qualifizierte Beschäftigte ist -0,44.
Die Elastizität der Löhne von geringqualifizierten Beschäftigten hinsichtlich
einer Veränderung der Beschäftigung von qualifizierten Beschäftigten ist 0,14,
die von qualifizierten Beschäftigten hinsichtlich einer Veränderung der
Beschäftigung von geringqualifizierten Beschäftigten ist 0,56. 27,1 % der
einheimischen Arbeitskräfte sind geringqualifizierte Beschäftigte, 72,9 %
sind qualifizierte Beschäftigte.
Quelle: Statistisches Bundesamt.
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| Tabelle 2 |
Prozentuale Veränderung der Löhne deutscher Beschäftigter
bei einer 1-prozentigen Erhöhung des Ausländeranteils
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Studie Datensatz Spezifikation Lohneffekt
DeNew/Zimmermann (1) GSOEP Lohnfunktion, Ausländeranteil -0,35
in Industrien
Bauer (2) IAB-Beschäftigtenstichprobe Lohnfunktion, Ausländer- -0,08
anteil in Industrien
Gang/Rivera-Batiz(3)Eurobarometer Translog-Produktionsfunkt. -0,046 bis 0,114
Bauer2) IAB-Beschäftigtenstichprobe Translog-Prod.funkt. -0,002 bis 0,023
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(1) DeNew, J., K. F. Zimmermann: Native Wage Impacts of Foreign Labor: A Random
Effects Panel Analysis, Journal of Population Economics, 7, 1994, S. 177-192.
(2) Bauer, T.: Arbeitsmarkteffekte der Migration und Einwanderungspolitik,
Heidelberg: Physica-Verlag, 1998.
3) Gang, I. N., F. L. Rivera-Batiz: Labor Market Effects of Immigration in the
United States and Europe: Substitution vs. Complementarity, Journal of
Population Economics, 7, 1994, S. 157-175.
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| © DIW Berlin Wochenbericht 21/2000 | |||

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