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| Wochenbericht des DIW Berlin 23/03 Fiskalische Dezentralisierung und Wirtschaftswachstum in "reichen" OECD-Ländern: Gibt es ein Optimum? | |||
| Bearbeiter | Ulrich Thießen | ||
| Für die vergangenen drei Jahrzehnte ist in den OECD-Ländern mit hohem Einkommen mehrheitlich eine Konvergenz hinsichtlich des fiskalischen Dezentralisierungsgrades festzustellen: Länder, die früher relativ stark dezentralisiert waren, stärkten tendenziell die zentrale staatliche Ebene (z. B. Kanada, Schweiz, skandinavische Länder). Umgekehrt gaben Länder mit zuvor relativ geringem Dezentralisierungsgrad vielfach den nachgeordneten Gebietskörperschaften mehr Autonomie (z. B. Italien, Portugal, Spanien). Eine nähere Betrachtung der theoretischen Argumente für und gegen fiskalische Dezentralisierung lässt mögliche Beweggründe für diese Entwicklung erkennen. Denn sowohl extreme Dezentralisierung als auch extreme Zentralisierung gehen mit Nachteilen für das Wirtschaftswachstum einher. Dies scheint für einen mittleren Dezentralisierungsgrad zu sprechen. Der beobachtete langfristige Konvergenztrend wäre also wachstumsfördernd. Eine empirische Überprüfung stützt diese Überlegungen. Da Deutschland hier eine mittlere Position einnimmt, scheint kein unmittelbarer Handlungsbedarf zu bestehen. | |||
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Wichtige Argumente für und gegen fiskalische Dezentralisierung [1] |
Fiskalische Dezentralisierung beschreibt die Ermächtigung für staatliche Ebenen unterhalb der Zentralregierung (Länder, Gemeinden), innerhalb eines gesetzlichen Rahmens Steuern zu erheben und über Ausgaben selbst zu entscheiden. Ein erstes Argument für die Dezentralisierung ist die so genannte Diversifikations-Hypothese. Sie besagt, dass einheitliche Versorgungsniveaus bei öffentlichen Gütern in allen Städten und Gemeinden eines Landes im Allgemeinen ineffizient sind, weil damit den zumeist bestehenden Unterschieden in den Präferenzen der Bürger in den einzelnen Gemeinden Rechnung getragen wird. Dies lässt sich beispielsweise anhand eines Modells mit einer Reihe stark vereinfachender Annahmen zeigen. [2] Ressourcen lassen sich in diesem Modell sparen, ohne jemanden schlechter zu stellen, wenn die Produktion an die unterschiedliche lokale Nachfrage angepasst wird. Dies setzt aber voraus, dass die Gemeinden über die lokalen Staatsausgaben mitentscheiden dürfen. In diesem Sinne können dezentralisierte Staatsausgaben für mehr "Konsumenteneffizienz" sorgen. Je größer die Unterschiede der durchschnittlichen Nachfrage (der Präferenzen) der Bürger in den einzelnen Gemeinden sind, desto größer sind nach diesem Modell die möglichen Effizienzgewinne durch fiskalische Dezentralisierung. [3] Auch kann es ein, dass lokale öffentliche Verwaltungen die Ausgabenprioritäten der Steuerzahler insgesamt besser berücksichtigen als eine Zentralregierung, die auf die regionenübergreifenden Staatsausgaben - etwa für die Landesverteidigung - ein größeres Gewicht legt. Ein zweites Argument bezieht sich auf die Bereitschaft lokaler Verwaltungen, aktiv nach Qualitätsverbesserungen und Kostensenkungen (Innovationen) bei der Bereitstellung öffentlicher Güter und Dienstleistungen zu suchen, d. h. die "Produzenteneffizienz" zu steigern. Diese Bereitschaft nimmt vermutlich zu, je größer die Eigenverantwortung der Verwaltungen hinsichtlich der Budgets ist. Drittens könnten Zentralregierungen dazu neigen, die Einnahmen zum Nachteil der Steuerzahler zu maximieren, um den Zwang zu einer effizienten Haushaltsführung zu lockern (Leviathan-Hypothese). [4] Horizontaler und vertikaler Wettbewerb zwischen den verschiedenen Regierungsebenen kann dies verhindern, weil miteinander konkurrierende Regierungen sich durch stabile oder sogar sinkende Steuersätze sowie durch effiziente Produktion öffentlicher Güter und Dienste unter Beachtung einer Einnahmerestriktion profilieren wollen. Somit könnte die fiskalische Dezentralisierung zu einer Begrenzung der öffentlichen Budgets und zur Vermeidung sowohl einer Überversorgung mit öffentlichen Gütern als auch überhöhter Kosten ihrer Produktion beitragen und somit auch zu einer Dämpfung der Staatsquote. Wichtige Argumente gegen zu starke Dezentralisierung sind: Erstens verstärkt sie regionale Ungleichheit, weil die relativ "wohlhabenden" Regionen, die sich ein hohes Produktionsniveau öffentlicher Güter leisten können, für Personen mit relativ hohem Einkommen attraktiv sind, während "ärmere" Regionen aus eigener Kraft nur eine Mindestausstattung bieten können und im Standortwettbewerb unterlegen sind. Diese regionale Ungleichheit kann das nationale Wirtschaftswachstum schwächen, wenn Produktionsfaktoren, insbesondere der Faktor Humankapital, nicht optimal genutzt werden. So verhindert in einkommensschwachen Regionen ein unzureichendes Angebot an Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen sowie anderer Infrastruktur die volle Nutzung des Humankapitals. Ein wichtiger Einwand gegen Dezentralisierung ist, dass die Bereitstellung vieler öffentlicher Güter in einer Region das Wachstum in anderen Regionen positiv beeinflusst, d. h. es gibt positive Spill-over-Effekte. Damit sie aber ihre volle Wirkung einschließlich positiver Rückwirkungen entfalten, ist es oft erforderlich, dass die Region, auf die diese Effekte zunächst wirken, selbst ein bestimmtes Niveau bei Ausstattung und Qualität der öffentlichen Güter hat. Es ist daher im eigenen Interesse auch der relativ wohlhabenden Regionen, wenn die Zentralregierung Mindeststandards bezüglich Ausbildung, Gesundheitsversorgung und Infrastruktur in allen Regionen mittels entsprechender Regelungen durchsetzt. Dies impliziert aber eine gewisse Einschränkung der Dezentralisierung und eine Alimentierung der armen Regionen. Zweitens wird argumentiert, dass starke Dezentralisierung es Interessengruppen erleichtert, Einfluss auf Entscheidungen der lokalen Regierungen zu nehmen, weil dort die Entscheidungsträger infolge von bestehenden Netzwerken weniger kontrolliert werden und die Möglichkeiten der Einflussnahme größer sind als auf der Zentralebene. Es wird auch darauf verwiesen, dass die Zentralregierung vielfach kompetenter besetzt ist, weil die Karrierechancen größer sind und höhere Gehälter gezahlt werden als auf lokaler Ebene. Drittens kann ein hoher Grad der Dezentralisierung langfristig das Wachstum behindern, weil die Stabilisierungsfunktion, die der Zentralstaat wahrzunehmen hat, erschwert wird. Auch der Abbau chronischer struktureller Fiskaldefizite fällt in einem dezentralen Staatsaufbau schwerer. Außerdem kann eine Dezentralisierung die Koordination der Budgets der verschiedenen Ebenen erschweren, mit ebenfalls möglichen negativen Effekten für das langfristige Wirtschaftswachstum. Insgesamt sind also die Vorteile einer Dezentralisierung für das langfristige Wachstum theoretisch unklar. Es könnte daher argumentiert werden, dass in entwickelten Volkswirtschaften, deren Bürger ausgeprägt heterogene Präferenzen haben, weder ein stark zentralisiertes noch ein stark dezentralisiertes System das langfristige Wachstum am besten fördern, sondern ein System mit einem mittleren Grad der Dezentralisierung bei "adäquater" Abstimmung zwischen der Eigenverwaltung der unteren staatlichen Ebenen und der Zentralregierung. Adäquat wäre die Koordinierung, wenn negative Effekte auf das Wachstum aufgrund von "zu viel" Dezentralisierung und regionaler Ungleichheit und aufgrund zu geringer fiskalischer Eigenverantwortung der unteren staatlichen Ebenen vermieden würden. Die Beziehung zwischen fiskalischer Dezentralisierung und Wirtschaftswachstum wäre also nicht linear, sondern glockenförmig derart, dass eine Zunahme des Grades fiskalischer Dezentralisierung zunächst das Wirtschaftswachstum fördert, bis ein Optimum erreicht ist, und danach eine weitere Erhöhung wachstumsdämpfend wirkt. | ||
| Indikatoren für fiskalische Dezentralisierung |
Eine Schwierigkeit für die empirische Analyse des untersuchten Zusammenhangs liegt darin, dass fiskalische Dezentralisierung viele Dimensionen hat. Der bisher fast ausschließlich verwendete Indikator "Anteil der Staatsausgaben der unteren staatlichen Ebenen an den konsolidierten Staatsausgaben" (Ausgabenindikator) reflektiert dies nur unzureichend. Erforderlich wäre eine detaillierte Untersuchung der Finanzbeziehungen zwischen den einzelnen staatlichen Ebenen für jedes der in einem Datensatz berücksichtigten Länder, um mit diesen Kenntnissen einen aussagekräftigen Indikator zu konstruieren. Aufgrund des hohen Aufwands unterblieb dies bisher. Deshalb wurden hier weitere Indikatoren berücksichtigt und auch miteinander kombiniert, und zwar unter anderem:
der Anteil der Steuereinnahmen der unteren staatlichen Ebenen an den konsolidierten Steuereinnahmen (Einnahmenindikator), ein Indikator für die finanzielle Autonomie unterer staatlicher Ebenen, nämlich der Anteil eigener Einnahmen (Einnahmen ohne Transfers) an den jeweiligen Gesamteinnahmen (Autonomieindikator), [5] Indikatoren, mit denen sich die Hypothese eines glockenförmigen Zusammenhangs zwischen Wachstum und Dezentralisierung testen lässt, nämlich die quadratische Form des Ausgabenindikators und eine so genannte Spline-Funktion dieses Indikators, d. h. die Aufteilung des Indikators in drei Größenbereiche, die jeweils durch eine Dummy-Variable repräsentiert werden. [6] Außerdem wurden die Unterschiede zwischen den Regierungssystemen der betrachteten Länder hinsichtlich des Kriteriums "föderal oder zentralistisch organisiert" berücksichtigt. Dies geschah mittels einer Dummy-Variablen und durch die Schätzung von Untergruppen, die jeweils nur Länder mit einem der beiden Systeme umfassen. Die Analyse bezieht alle OECD-Länder mit hohem Einkommen ein, ausgenommen Luxemburg wegen der geringen Bevölkerungszahl (Tabelle 1). Die Tabelle zeigt auch den Dezentralisierungsgrad der Länder entsprechend dem jeweiligen Indikator. Eine Rangordnung der Länder nach diesem Grad ist in Tabelle 2 ausgewiesen. Soweit für die Entwicklung des Dezentralisierungsgrades der einzelnen Länder im Untersuchungszeitraum eine Trendentwicklung feststellbar ist, wird sie in Tabelle 2 angegeben. Deutlich wird, dass Länder mit früher relativ hohem Dezentralisierungsgrad - beispielsweise Kanada, Schweiz, die skandinavischen Länder und Deutschland - tendenziell nun der zentralen Ebene mehr Gewicht geben, während Länder mit früher niedrigem Dezentralisierungsgrad - etwa Portugal, Spanien und Italien - den nachgeordneten Gebietskörperschaften mehr Autonomie einräumen. Insgesamt ist eine Konvergenz des Dezentralisierungsgrades zu beobachten. Allerdings gibt es auch einige Ausnahmen bei Ländern mit relativ niedriger Dezentralisierung (Belgien, Frankreich, Irland, Neuseeland). Nach der oben vorgestellten Hypothese wäre die Konvergenz wachstumsfördernd. Die Abbildung zeigt die Beziehung zwischen Wachstum und Dezentralisierungsgrad für den betrachteten Zeitraum 1973 bis 1998: Für die Gruppe der OECD-Länder mit hohem Einkommen gilt, dass Länder mit einem mittleren Grad der Dezentralisierung (gemessen anhand des Ausgabenindikators) im Durchschnitt ein höheres Wachstum erzielten als Länder mit einem relativ niedrigen oder hohen Grad. Die glockenförmige Beziehung bleibt in deutlich abgeschwächter Form auch bestehen, wenn die vier "Ausreißer" des Datensatzes - Neuseeland, Irland, Norwegen und die Schweiz - unberücksichtigt bleiben; dies gilt auch bei Zugrundelegung des Einnahmenindikators. | ||
| Empirische Überprüfung der Wachstumseffekte fiskalischer Dezentralisierung |
Zur Analyse langfristiger Effekte des Grades der Dezentralisierung auf das Pro-Kopf-Wachstum sollten Durchschnittswerte für einen möglichst langen Zeitraum benutzt werden, so dass kurzfristige Einflüsse ausgeschaltet sind. Es wird daher eine Querschnittsanalyse mit nur je einer Beobachtung für jedes berücksichtigte Land durchgeführt. [7] Die Messung der Effekte von Dezentralisierung auf das Pro-Kopf-Wachstum erfolgt in drei Schritten: Zunächst wird der direkte Effekt auf das Wachstum geschätzt (Kasten). In den beiden nächsten Schritten wird der Einfluss auf zwei wichtige Komponenten des Wachstums geschätzt, und zwar auf die Investitionsquote (Relation der gesamten Investitionen zum BIP) und auf die totale Faktorproduktivität. Auf diese Weise soll der Frage nachgegangen werden, über welche Kanäle das Wachstum beeinflusst wird. [8]
Die Schätzergebnisse stützen die Hypothese, dass die Erhöhung eines relativ niedrigen Dezentralisierungsgrades das Wachstum fördert, dann aber eine weiter fortschreitende Dezentralisierung schließlich zu Wachstumseinbußen führen kann. Nach den Schätzergebnissen sind von den untersuchten Indikatoren für die Dezentralisierung sowohl der Ausgabenindikator als auch seine quadratische Form statistisch signifikant und tragen deutlich zur Erklärung des Wirtschaftswachstums bei Aus der Tatsache, dass sowohl der Ausgabenindikator als auch seine quadratische Form signifikant sind, kann geschlossen werden, dass Dezentralisierung generell das Wachstum positiv beeinflusst, es aber nicht sicher ist, ob es für die Wachstumsförderung Grenzen gibt. Allerdings weisen Tests für die Robustheit der Schätzergebnisse der beiden Indikatoren darauf hin, dass die quadratische Form des Ausgabenindikators wesentlich robuster ist. [9] Mit anderen Worten: Aus statistischer Sicht bestehen Zweifel an der Annahme, dass das Wirtschaftswachstum durch permanent zunehmende fiskalische Dezentralisierung gefördert werden kann. Vielmehr ist zu vermuten, dass in den OECD-Ländern mit hohem Einkommen für Wachstumsgewinne durch fiskalische Dezentralisierung Grenzen bestehen. Dafür spricht auch das Ergebnis eines weiteren statistischen Tests, für den die Spline-Funktion des Dezentralisierungsgrades genutzt wurde. Danach haben Länder mit einem mittleren Grad an Dezentralisierung ein höheres langfristiges Pro-Kopf-Wachstum sowohl im Vergleich zu Ländern mit hohem Dezentralisierungsgrad als auch gegenüber Ländern mit niedrigem Dezentralisierungsgrad. Aus wirtschaftspolitischer Sicht ist es von besonderem Interesse zu erfahren, auf welche Weise die Länder mit mittlerem Dezentralisierungsgrad ein etwas höheres Wachstum erreichen. Hier wurden die Investitionsquote (Relation der gesamten Investitionen zum BIP) und das Wachstum der totalen Faktorproduktivität (d. h. der Beitrag zum Wirtschaftswachstum, der nicht auf Investitionen und Veränderungen des Arbeitsvolumens zurückgeht) für den gesamten Beobachtungszeitraum zur Erklärung herangezogen. Für beide Größen bestätigte sich wiederum die Hypothese einer begrenzten Förderung des Wachstums mittels fiskalischer Dezentralisierung: Länder mit mittlerem Dezentralisierungsgrad haben eine geringfügig höhere Investitionsquote und ein etwas höheres Wachstum der totalen Faktorproduktivität als Länder mit hohem und niedrigem Grad an Dezentralisierung. Dies legt den Schluss nahe, dass es für die durch fiskalische Dezentralisierung erreichbaren Effizienzgewinne sowohl hinsichtlich der Investitionstätigkeit als auch hinsichtlich aller anderen Ursachen des Wirtschaftswachstums, die nicht in der Investitionstätigkeit und in Veränderungen des Arbeitsvolumens liegen, Grenzen zu geben scheint. | ||
| Schlussfolgerungen |
Die geschätzten langfristigen Effekte fiskalischer Dezentralisierung in "wohlhabenden" OECD-Ländern auf das Pro-Kopf-Wirtschaftswachstum und auf zwei wesentliche Determinanten des Wachstums, nämlich die Investitionsquote und den technischen Fortschritt (totale Faktorproduktivität), lassen vermuten, dass die durch Dezentralisierung erreichbaren Wachstumsgewinne begrenzt sind: Für den Durchschnitt der untersuchten Länder gilt, dass die sukzessive Erhöhung eines relativ niedrigen Grades fiskalischer Dezentralisierung (gemessen am Anteil der Staatsausgaben unterer staatlicher Ebenen an den Gesamtausgaben) die Investitionstätigkeit anregt, das technologische Niveau verbessert und damit das Wirtschaftswachstum fördert. Es scheint aber einen Dezentralisierungsgrad zu geben, bei dem eine weitere Dezentralisierung keine Fortschritte mehr bringt; dies gilt sowohl für zentralistisch als auch für föderal organisierte Länder. Dieses Ergebnis lässt sich ökonomisch vor allem damit erklären, dass bei zu hoher Dezentralisierung wichtige, das Wachstum fördernde Eingriffe der Zentralregierung nicht erfolgen und Spill-over-Effekte öffentlicher Güter mit ihren Rückwirkungen nicht wirksam werden. Zu niedrige Dezentralisierung dagegen kann zu Wachstumsverlusten führen, weil die Kenntnisse lokaler staatlicher Verwaltungen nicht ausreichend berücksichtigt werden und die Anreize für diese Verwaltungen nicht genügen, öffentliche Güter möglichst effizient zu produzieren und nach Innovationen zu suchen. Die in den vergangenen dreißig Jahren für OECD-Länder mit hohem Einkommen zu beobachtende Tendenz, sich einem mittleren Dezentralisierungsniveau anzunähern, hat sich nach diesen Ergebnissen ausgezahlt, weil sie das Wachstum begünstigt hat. Es gibt nur wenige Länder mit relativ niedrigem Dezentralisierungsniveau, bei denen dieser Trend bisher nicht zu erkennen ist (Belgien, Frankreich, Neuseeland). Deutschland befindet sich im Mittelfeld. Aus dieser Sicht scheint daher kein unmittelbarer Handlungsbedarf zu bestehen. Dies bedeutet aber nicht, dass die aktuelle Debatte über eine effizientere Ausgestaltung des föderalen Systems in Deutschland obsolet geworden ist. | ||
| Kasten Schätzung des direkten Effekts fiskalischer Dezentralisierung auf das Pro-Kopf-Wachstum | Die Länge des untersuchten Zeitraums wird durch die Verfügbarkeit der Indikatoren fiskalischer Dezentralisierung bestimmt; Daten liegen für die Periode 1973 bis 1998 vor. Der benutzte Schätzansatz basiert auf einer weit verbreiteten Wachstumsgleichung, in der das Pro-Kopf-Wachstum (GYP) determiniert wird durch das Einkommensniveau des Ausgangsjahres - hier wurde 1970 gewählt (YPC70) -, die durchschnittliche Investitionsquote (I/GDP), das durchschnittliche Humankapital - repräsentiert durch die Ausbildungsquote in Sekundärschulen (school) - sowie durch die Summe der Wachstumsraten der Bevölkerung (n), des technologischen Fortschritts (g) und der Abschreibungsrate des physischen Kapitalstocks (δ). [1] Für n wird die tatsächliche Bevölkerungswachstumsrate benutzt; für g und δ werden mangels Daten jeweils die Werte 0,02 und 0,03 angenommen, die nach Mankiw für entwickelte OECD-Länder vertretbar sind. Die abhängige Variable ist das Pro-Kopf-Wachstum im gesamten untersuchten Zeitraum, und die erklärenden Variablen sind logarithmierte Durchschnittswerte. Dieses Modell wird erweitert um den durchschnittlichen Grad fiskalischer Dezentralisierung, gemessen anhand eines der Indikatoren, und um eine Dummy-Variable (CD), die den Wert 1 annimmt, wenn das Regierungssystem zentralistisch ist, und 0, wenn das System föderal ist. Zur Überprüfung der Robustheit der Schätzung werden außerdem sukzessive zusätzliche makroökonomische Variablen berücksichtigt, die in anderen empirischen Wachstumsanalysen statistisch signifikant waren, nämlich die Inflationsrate, die Fiskaldefizitquote, die Konsumquote und die Standardabweichung des Kreditwachstums über mehrere Jahre als Stellvertretervariable für makroökonomische Unsicherheit. Diese Variablen werden zusammengefasst als R-Variable bezeichnet. Insgesamt ergibt sich somit die Schätzgleichung: wobei das Subscript i das jeweilige Land repräsentiert. Mankiw
et al. folgend wird die einfache OLS-Schätzmethode benutzt unter
der Annahme, dass die unabhängigen Variablen exogen sind. Die Schätzung
ist eine reine Querschnittsanalyse, d. h. kurzfristige Zeiteffekte wurden
mit der Durchschnittsbildung eliminiert, um so nur die langfristigen Effekte
zu messen. Dies impliziert aber eine relativ geringe Zahl an Beobachtungen,
die der Zahl der berücksichtigten Länder entspricht. Zur Überprüfung
der Hypothese eines nicht linearen, glockenförmigen Zusammenhangs
zwischen Pro-Kopf-Wachstum und fiskalischer Dezentralisierung wird außerdem
die Spline-Funktion des Ausgabenindikators benutzt, d. h. der Indikator
wird in drei Größenbereiche (niedriger Grad fiskalischer Dezentralisierung,
mittelhoher Grad und hoher Grad) unterteilt, die jeweils durch eine Dummy-Variable
repräsentiert werden. Diese drei Dummies werden allerdings mit einer
restringierten Version der Gleichung (1) geschätzt, um dem Problem
zu geringer Freiheitsgrade zu begegnen. [2]
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-------------------------------------------------------------------------------Tabelle 1
Einkommensniveau, reales Wachstum und Indikatoren fiskalischer
Dezentralisierung in OECD-Ländern mit hohem Einkommen
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Wachstum
Einkommensniveau 1970 bis 2000
(BIP pro Kopf (durchschnittliche Regierungssystem
in US-Dollar jährliche Wachs-
im Jahre 2000) tumsrate des realen
Pro-Kopf-BIP in %)
Europäische
OECD-Länder mit
hohem Einkommen
Luxemburg (4) 43 093 3,39 zentralistisch
Norwegen 36 021 2,93 zentralistisch
Schweiz 33 393 1,05 föderal
Dänemark 30 424 1,67 zentralistisch
Schweden 25 631 1,76 zentralistisch
Irland 24 740 4,24 zentralistisch
Großbritannien 23 679 2,06 zentralistisch
Finnland 23 463 2,77 zentralistisch
Australien 23 307 2,58 föderal
Niederlande 22 914 2,04 zentralistisch
Deutschland 22 800 2,11 föderal
Belgien 22 108 2,43 zentralistisch
Frankreich 21 977 2,11 zentralistisch
Italien 18 616 2,34 zentralistisch
Spanien 14 153 2,54 föderal
Griechenland 10 667 2,10 zentralistisch
Portugal 10 497 3,45 zentralistisch
Andere OECD-Länder
mit hohem Einkommen
Japan 38 162 2,89 zentralistisch
USA 34 940 2,06 föderal
Kanada 22 370 1,99 föderal
Australien 20 337 1,95 föderal
Neuseeland 13 027 1,02 zentralistisch
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Ausgewählte Indikatoren fiskalischer Dezentralisierung
Ausgabenanteil (1) Einnahmenanteil (2) Finanzielle
Autonomie (3)
Europäische
OECD-Länder mit
hohem Einkommen
Luxemburg (4) 16,5 6,4 56,9
Norwegen 38,3 20,6 65,6
Schweiz 58,2 38,5 76,4
Dänemark 57,4 30,3 53,9
Schweden 41,8 31,0 76,8
Irland 30,1 3,1 27,5
Großbritannien 29,5 8,6 45,0
Finnland 43,2 25,8 66,8
Australien 33,6 21,3 72,5
Niederlande 36,4 2,3 21,4
Deutschland 46,3 29,8 76,6
Belgien 12,9 4,9 41,5
Frankreich 17,5 8,8 61,9
Italien 25,0 5,2 23,5
Spanien 23,7 10,5 54,0
Griechenland 4,2 1,0 72,1
Portugal 8,4 3,4 52,5
Andere OECD-Länder
mit hohem Einkommen
Japan 40,5 39,6 .
USA 51,9 32,1 69,2
Kanada 68,0 49,0 72,5
Australien 50,6 20,7 53,0
Neuseeland 11,6 6,6 85,1
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(1) Durchschnittlicher Anteil der Staatsausgaben unterer staatlicher Ebenen
an den gesamten konsolidierten Staatsausgaben von 1973 bis 1998
in %. Für einige Länder gelten kürzere Zeiträume aufgrund fehlender Daten.
Vgl. U. Thießen, a. a. O., Appendix.
(2) Durchschnittlicher Anteil der Steuereinnahmen unterer staatlicher Ebenen
an den gesamten konsolidierten Steuereinnahmen von 1973 bis 1998
in %. Für einige Länder gelten kürzere Zeiträume aufgrund fehlender Daten.
Vgl. ebenda.
(3) Durchschnittlicher Anteil der eigenen Einnahmen unterer staatlicher
Ebenen an ihren gesamten Einnahmen von 1973 bis 1988 in %. Für einige Länder
gelten kürzere Zeiträume aufgrund fehlender Daten. Vgl. ebenda.
(4) Luxemburg wurde in den Schätzungen wegen seiner geringen Bevölkerungszahl
nicht berücksichtigt.
Quellen: World Development Indicators der Weltbank; IWF: Government Finance
Statistics Yearbook.
DIW Berlin 2003
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-------------------------------------------------------------------------------Tabelle 2
Ordnung der Länder nach dem Grad ihrer fiskalischen Dezentralisierung (1)
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Ausgabenindikator A Langfristiger Trend
Land (Durchschnittswert des Indikators A
1973 bis 1998) seit 1973
Kanada (F) 68,0 sinkend
Schweiz (F) 58,2 sinkend
Dänemark (Z) 57,4 sinkend
USA (F) 51,9 gleichbleibend
Australien (F) 50,6 gleichbleibend
Deutschland (F) 46,3 sinkend
Finnland (Z) 43,2 sinkend
Korea (Z) 41,8 k. A. (2)
Schweden (Z) 41,8 sinkend
Japan (Z) 40,5 k. A. (2)
Brasilien (F) 39,0 gleichbleibend
Norwegen (Z) 38,3 sinkend
Argentinien (F) 38,2 steigend
Niederlande (Z) 36,4 steigend
Österreich (F) 33,6 gleichbleibend
Südafrika (F) 33,3 steigend
Irland (Z) 30,1 gleichbleibend
Großbritannien (Z) 29,5 sinkend
Italien (Z) 25,0 steigend
Spanien (F) 23,7 steigend
Frankreich (Z) 17,5 gleichbleibend
Luxemburg (Z) 16,5 gleichbleibend
Belgien (Z) 12,9 sinkend
Neuseeland (Z) 11,6 gleichbleibend
Portugal (Z) 8,4 steigend
Griechenland (Z) 4,2 k. A. (2)
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Einnahmenindikator B Langfristiger Trend
Land (Durchschnittswert des Indikators B
1973 bis 1998) seit 1993
Kanada (F) 49,0 gleichbleibend
Japan (Z) 39,6 gleichbleibend
Schweiz (F) 38,5 sinkend
USA (F) 32,1 gleichbleibend
Argentinien (F) 31,9 steigend
Schweden (Z) 31,0 gleichbleibend
Dänemark (Z) 30,3 gleichbleibend
Deutschland (F) 29,8 sinkend
Brasilien (F) 27,7 steigend
Finnland (Z) 25,8 steigend
Österreich (F) 21,3 sinkend
Australien (F) 20,7 steigend
Norwegen (Z) 20,6 sinkend
Spanien (F) 10,5 steigend
Korea (Z) 10,5 k. A. (2)
Frankreich (Z) 8,8 steigend
Großbritannien (Z) 8,6 sinkend
Neuseeland (Z) 6,6 gleichbleibend
Südafrika (F) 6,4 gleichbleibend
Luxemburg (Z) 6,4 sinkend
Italien (Z) 5,2 steigend
Belgien (Z) 4,9 gleichbleibend
Portugal (Z) 3,4 gleichbleibend
Irland (Z) 3,1 sinkend
Niederlande (Z) 2,3 steigend
Griechenland (Z) 1,0 k. A. (2)
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(1) Föderale Länder sind mit einem F und zentralistisch organisierte
Länder mit einem Z in Klammern gekennzeichnet.
(2) Keine Angaben, da die Zeitreihen zu große Lücken aufweisen.
Quellen: IWF: Government Finance Statistics Yearbook, verschiedene
Ausgaben; Berechnungen des DIW Berlin.
DIW Berlin 2003
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-------------------------------------------------------------------------------Tabelle 3
Regressionen zur Bestimmung des langfristigen Wachstums für 21 OECD-Länder
mit hohem Einkommen (1)
Abhängige Variable:
Wachstum des realen BIP pro Arbeitskraft 1973 bis 1998 (2)
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Einkommen Investi- Human-
im Aus- tionsquote kapital
Gleichung Konstante gangsjahr ln(n+g+sigma) ln(Aus-
(3) bildung)
ln(Y70) ln(I/BIP)
[1] -0,79 -0,31 0,6 -0,38 0,89
[-0,38] [-2,80]** [2,00]* [-0,69] [2,02]*
[2] 0,60 -0,46 0,55 -0,75 0,71
[0,32] [-4,12]*** [2,16]** [-1,53] [1,85]*
[3] -0,36 -0,39 0,52 -0,46 0,93
[-0,17] [-2,81]** [1,72] [-0,83] [2,10]*
[4] 1,01 -0,41 0,49 -0,43 0,58
[0,54] [-3,78]*** [1,94]* [-0,82] [1,51]
[5] -0,47 -0,24 0,57 -0,26 0,72
[-0,23] [-2,09]* [1,55] [-0,49] [1,65]
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Indikatoren fiskalischer Dezentralisierung
Ausgabenindikator Einnahmen- Autonomie- Berei- F- Zahl
Glei- (A) indikator indikator nigtes Sta- der
chung (B) (C) R² tistik Beob-
ach-
tungen
ln A A A² ln B ln C
[1] 0,25 2,66 21
[2] 0,15 0,443 4,19 21
[2,56]**
[3] 0,04 0,249 2,33 21
[1,00]
[4] 2,17 -2,52 0,476 4,03 21
[2,88]** [-2,48]**
[5] -0,16 0,297 2,61 20
[-1,67]
-------------------------------------------------------------------------------
Anmerkung: Benutzt wird die OLS-Methode unter der Annahme, dass die
unabhängigen Variablen exogen sind. Angabe der T-Statistik in Klammern unter
den geschätzten Koeffizienten.
* Signifikanz des betreffenden Koeffizienten auf dem 10%-Niveau;
** Signifikanz des betreffenden Koeffizienten auf dem 5%-Niveau;
*** Signifikanz des betreffenden Koeffizienten auf dem 1%-Niveau.
(1) Ausgenommen Gleichung [5], die aufgrund fehlender Daten für Japan nur
20 Länder umfasst.
(2) Die Investitionsquote (I/GDP), die Wachstumsrate der Bevölkerung (n) und
die Ausbildungsquote in höheren Schulen (Ausbildung) sind Durchschnitte für
die Periode 1993 bis 1998. Y70 ist das BIP pro Person im arbeitsfähigen Alter
im Jahre 1970. Gleichung [1]) entspricht dem empirischen Wachstumsmodell von
Mankiw, Romer und Weil, a. a. O.,S. 426 (siehe Kasten).
(3) Summe aus der Wachstumsrate der Bevölkerung (n), der Wachstumsrate des
technologischen Fortschritts (g = 0,02) und der Abschreibungsrate des
Kapitalstocks (sigma = 0,03).
Quelle: Berechnungen des DIW Berlin.
DIW Berlin 2003
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