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Wochenbericht des DIW Berlin 28/00

Tendenzen der Wirtschaftsentwicklung 2000/2001 - Deutschland im Aufschwung

Bearbeiter Arbeitskreis Konjunktur


Die deutsche Wirtschaft befindet sich derzeit in einer kräftigen konjunkturellen Aufwärtsentwicklung (Abbildungen 8 bis 10). Getragen von einer boomenden Auslandsnachfrage wird die gesamtwirtschaftliche Produktion in diesem Jahr so stark ausgeweitet wie seit fast 10 Jahren nicht mehr, als mit der deutschen Währungsunion eine überaus dynamische Konjunktur in Westdeutschland in Gang kam. Ursächlich für die gegenwärtige Entwicklung ist eine für Deutschland geradezu ideale außenwirtschaftliche Konstellation. Der breite weltwirtschaftliche Aufschwung auch im Euro-Raum, dem wichtigsten Absatzmarkt, erzeugt günstige Absatzchancen insbesondere für Investitionsgüter - ein Marktsegment, in dem die deutschen Exporteure traditionell stark sind. Hinzu kommt die kräftige Abwertung des Euro, die die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Anbieter außerhalb des Euro-Raums weiter steigert.

Die Exportentwicklung strahlt auch auf die Binnenkonjunktur aus. Die guten Absatzchancen im Ausland beleben die binnenwirtschaftliche Investitionstätigkeit merklich, und der allmähliche Beschäftigungsaufbau festigt den privaten Verbrauch. Gleichwohl besteht eine riskante Schieflage zwischen der binnen- und der außenwirtschaftlichen Entwicklung. Einiges spricht dafür, dass die ideale außenwirtschaftliche Konstellation nicht von Dauer ist. So ist davon auszugehen, dass sich die Konjunktur in den USA deutlich abschwächt. Als Folge davon dürfte auch der Dollar niedriger notieren. Damit kommen aber Belastungen auf die Exportwirtschaft zu, die eine ungebrochene Fortsetzung der dynamischen Ausfuhrtätigkeit im kommenden Jahr kaum erwarten lassen. Im Idealfall würde dieser Tempoabfall durch eine entsprechend gefestigte Binnenkonjunktur aufgefangen. Damit ist in Deutschland allerdings nur begrenzt zu rechnen.

Zwar werden von der geplanten Steuerreform im nächsten Jahr merklich expansive Effekte ausgehen, doch schwächen sich gleichzeitig die monetären Impulse ab. Einerseits dürften die mit der Steuerreform verbundenen Entlastungen der privaten Haushalte zu einer spürbaren Ausweitung der Ausgaben für den privaten Verbrauch führen. Andererseits wird die Investitionstätigkeit wegen der gestiegenen Opportunitätskosten durch die höheren Realzinsen nicht in dem Tempo zunehmen, wie es bei der prognostizierten Verbrauchskonjunktur erreichbar wäre. Damit ergibt sich zwar insgesamt eine Fortsetzung der Aufwärtsentwicklung; das Tempo dürfte sich jedoch leicht abschwächen. Ein sich beschleunigender Aufschwung ist also nicht zu erwarten.

Bei in diesem Jahr merklich, im nächsten Jahr leicht sinkenden Lohnstückkosten [5] bleibt trotz der Teuerungsimpulse durch die Abwertung des Euro und die Verteuerung der Rohölprodukte die Preisstabilität gewahrt, wenngleich sich in diesem Jahr der Preisauftrieb etwas beschleunigt. Das ausgeprägte Wachstum und die demographische Entwicklung werden zu einem deutlichen Rückgang der Arbeitslosigkeit führen. Das Tempo des Abbaus dürfte sich jedoch im Laufe des kommenden Jahres verlangsamen.

Moderate Steigerung der privaten Konsumausgaben Im bisherigen Jahresverlauf waren die realen privaten Konsumausgaben nur schwach aufwärts gerichtet. Einem saisonbereinigten Rückgang im ersten Quartal von 0,6 % dürfte im zweiten Quartal ein Plus von 1,4 % folgen. Zwar wurden zu Jahresbeginn das Kindergeld erhöht und die Sozialbeiträge etwas gesenkt; dem standen allerdings zusätzliche Belastungen durch höhere Energiesteuern entgegen. Hinzu kommt, dass die Sparquote der privaten Haushalte nach einem langjährigen Rückgang nicht weiter gefallen ist.

Im weiteren Jahresverlauf wird der private Verbrauch von der beschleunigten Entwicklung der verfügbaren Einkommen getragen. Zwar sind die Tarifvereinbarungen mit gut 2 % schwächer ausgefallen als im vergangenen Jahr, doch kommen von der stärkeren Expansion der Selbständigen- und Vermögenseinkommen kräftigere Impulse, ebenso von der größeren Zahl der Beschäftigten. Die Renten werden in diesem Jahr nur unterdurchschnittlich erhöht; der Anpassungssatz - die Inflationsrate des letzten Jahres - beträgt hier nur 0,6 %. Bei einer Zunahme der verfügbaren Einkommen um insgesamt 3 % wird der private Konsum in diesem Jahr in jeweiligen Preisen fast ebenso stark ausgeweitet; in realer Rechnung beträgt der Zuwachs etwa 1,7 %. Die Sparquote wird also im laufenden Jahr - erstmalig seit 1995 - wieder leicht steigen.

Mit dem geplanten Vorziehen der dritten Stufe der Steuerreform auf das nächste Jahr werden die Einkommen der privaten Haushalte merklich entlastet. Für die Nettolöhne bedeutet dies eine Zunahme um etwa 5 %. Zusammen mit dem anhaltenden Beschäftigungsaufbau, der über Mehreinkommen die private Nachfrage anregt, und einer stärkeren Ausweitung der Selbständigen- und Vermögenseinkommen, wie sie im konjunkturellen Aufschwung typisch ist, wird ein kräftiger Anstieg der verfügbaren Einkommen - um reichlich 4 % - erwartet. Dabei ist eine nochmalige Erhöhung der Sparquote unterstellt. Der reale private Konsum dürfte damit im nächsten Jahr mit einer Rate von 2,7 % beschleunigt expandieren.

Investitionskonjunktur flacht sich ab Im ersten Quartal 2000 expandierte die Nachfrage nach Ausrüstungen saisonbereinigt mit einer laufenden Jahresrate von etwa 15 % außerordentlich kräftig. Steigende Zinskosten vermochten den expansiven Impulsen, die vor allem von der Exportnachfrage kamen, kaum entgegenzuwirken. Bei steigender Kapazitätsauslastung, die gemäß Ifo- Umfrage im verarbeitenden Gewerbe Westdeutschlands bereits wieder den Wert von 1992 erreicht hat, ist damit zu rechnen, dass das Erweiterungsmotiv eine zentrale Rolle einnehmen wird. Hinzu kommt, dass es mit der Neuregelung der Abschreibungsmodalitäten im Rahmen der Steuerreform zu Vorzieheffekten in der zweiten Hälfte dieses Jahres kommen wird. Alles in allem werden die Ausrüstungsinvestitionen im Jahre 2000 mit fast 10 % kräftig ausgeweitet. Im nächsten Jahr dürfte sich der dämpfende Einfluss der restriktiver gewordenen Geldpolitik bei nachlassender außenwirtschaftlicher Dynamik auswirken; das Wachstum wird mit knapp 8 % geringer ausfallen.

Die Investitionen in "Sonstige Anlagen" entwickelten sich auch nach der Jahreswende 2000 unverändert dynamisch; in diesem Jahr ist eine Ausweitung um 12 1/2 %, im nächsten um 11 % zu erwarten.

Die Bauinvestitionen zeigten im ersten Jahresviertel ein positives Bild; allerdings wird wegen des sehr milden Frühjahrs die Dynamik stark überzeichnet. In Westdeutschland wurde die Bauproduktion kräftig ausgeweitet, während sie im Osten weiter zurückging. Diese Entwicklung wird sich in den neuen Bundesländern fortsetzen, wenngleich schwächer als bisher. Hier gibt es immer noch zahlreiche Leerstände im gewerblichen und im Mietwohnungsbereich. Der Einfamilienhausbau weist dagegen seit geraumer Zeit eine leicht aufwärts gerichtete Tendenz auf und wirkt stützend.

In den alten Ländern kommen stimulierende Effekte vor allem vom Ein- und Zweifamilienhausbau sowie von den gewerblichen Bauten. Im Prognosezeitraum dürften vor allem die steigenden Zinskosten dämpfend wirken; bei den gewerblichen Bauten wird es - im Zusammenhang mit infolge der Abschreibungsneuregelung induzierten Vorzieheffekten - bei kräftiger Ausrüstungskonjunktur zumindest im Jahre 2000 expansive Impulse geben. Insgesamt ist mit einer schwachen Ausweitung der Bauinvestitionen zu rechnen, um 0,8 % in diesem und um 0,2 % im nächsten Jahr (Tabelle 6).

Kaum nachlassende Exportdynamik Der Warenexport hatte sich zu Beginn dieses Jahres spürbar belebt und expandierte im ersten Quartal mit einer Jahresrate von 15 % (Tabelle 7). Ursächlich dafür waren die weltweite konjunkturelle Erholung und die hohe Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft. Der Handel mit den Partnern im Euro-Raum wurde bei zunehmendem Wachstum in diesen Ländern deutlich ausgeweitet. Noch kräftiger nahm die Ausfuhr in Länder außerhalb des Euro- Raums zu; insbesondere bei den Lieferungen nach Nordamerika hat sich der Boom fortgesetzt. Auch die Lieferungen nach Mittel- und Osteuropa sowie die nach Ostasien sind stark gestiegen. Dazu hat auch die moderate Lohnkostenentwicklung in Deutschland beigetragen. Der Auftragseingang aus dem Ausland und die Exporterwartungen sind nach wie vor hoch, wenn auch am aktuellen Rand eine leichte Eintrübung zu erkennen ist. Das Exporttempo im zweiten Halbjahr dürfte sich etwas verringern. Im Jahresdurchschnitt 2000 werden die realen Exporte einschließlich der Dienstleistungen um 12 1/2 % zunehmen.

Bedingt durch die konjunkturelle Abschwächung in den USA wird die Exportdynamik im Jahre 2001 etwas nachlassen. Ein Korrektiv für die geringeren Exporte in die USA wird der anhaltend kräftige Handel mit den anderen EWU-Ländern sein. Insgesamt wird die Wachstumsrate der Exporte im Jahresdurchschnitt 2001 wegen des hohen Tempos zum Jahresende 2000 mit 101/2 % hoch bleiben.

Die Wareneinfuhr hat in den ersten vier Monaten dieses Jahres mit einer Jahresrate von 12 % nur wenig langsamer als die Ausfuhr expandiert. Die zunehmende Handelsverflechtung, nicht zuletzt durch deutsche Direktinvestitionen im Ausland hervorgerufen, und der relativ hohe Anteil von Importgütern in der Ausfuhr lassen die Importquote weiter steigen. Diese Entwicklung wird sich fortsetzen. Die Ausgaben im Dienstleistungsverkehr werden erheblich langsamer zunehmen und die Rate der Einfuhr auf knapp 10 % drücken. Im Jahre 2001 wird sich das Importtempo leicht abschwächen, hauptsächlich gebremst durch die etwas langsamere Exportentwicklung.

Die Terms of Trade werden sich im Jahre 2000 merklich verschlechtern (-2,8 %); dabei haben hauptsächlich die stark gestiegenen Preise für Energierohstoffe auf dem Weltmarkt zum Preisauftrieb geführt. Im Jahre 2001 wird die Preisentwicklung bei den Importen und den Exporten etwa ähnlich sein.

Günstige Beschäftigungsaussichten Seit dem vergangenen Herbst entwickelt sich die Beschäftigung positiv. Im ersten Quartal dieses Jahres waren saisonbereinigt etwa 100 000 Personen zusätzlich beschäftigt. Auch wenn diese Zunahme aufgrund des relativ milden Wetters etwas überzeichnet sein dürfte, haben der Konjunkturaufschwung und eine zunehmende Auslastung der gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten eine spürbare Besserung auf dem Arbeitsmarkt bewirkt. Im Zuge dieser Entwicklung wird die Zahl der Erwerbstätigen im Laufe dieses Jahres merklich steigen und im Jahresdurchschnitt 2000 um knapp 200 000 Personen höher liegen als 1999 (Tabelle 8). Im Verlauf entspricht diese Entwicklung einer Zunahme um etwa 300 000 Personen. Im nächsten Jahr wird sich der Erwerbstätigenaufbau fortsetzen. Bei leicht abflachender Konjunktur errechnet sich im Verlauf eine zusätzliche Beschäftigung um 250 000 Personen.

Die Zahl der Arbeitslosen (nationales Konzept) hat sich seit Herbst vergangenen Jahres saisonbereinigt um gut 200 000 Personen verringert. Die Arbeitslosenquote (nationales Konzept) betrug saisonbereinigt im ersten Quartal dieses Jahres 9,9 %. Insgesamt werden im Jahresdurchschnitt 2000 voraussichtlich etwa 240 000 Personen weniger arbeitslos gemeldet sein. Das entspricht einer Abnahme im Verlauf um knapp 350 000 Personen. Für das Jahr 2001 dürfte die Arbeitslosigkeit in Deutschland um weitere 300 000 Personen zurückgehen, so dass ein Bestand von etwa 3,5 Mill. registrierten Arbeitslosen erreicht wird. Dies entspricht einer Arbeitslosenquote von 8,8 %.

Vorübergehend höhere Staatsdefizite Nach dem zügigen Defizitabbau in den vergangenen Jahren ist nicht damit zu rechnen, dass sich dieser Prozess in diesem und im nächsten Jahr fortsetzt. Jedoch ist diese Unterbrechung nicht auf eine Lockerung der Sparbemühungen, sondern auf die steuerpolitischen Entscheidungen zurückzuführen. In diesem Jahr sind der Grundfreibetrag angehoben und die Eingangs- und Höchststeuersätze bei der Einkommensteuer gesenkt worden; allerdings stehen dem Mehreinnahmen infolge der Verbreiterung der steuerlichen Bemessungsgrundlagen sowie der ökologischen Steuerreform entgegen. Im nächsten Jahr werden die Steuerausfälle deutlich höher sein, weil die Unternehmenssteuerreform in Kraft tritt und erhebliche Entlastungen bei der Einkommensteuer wirksam werden; beide Maßnahmen führen für sich genommen zu Steuerausfällen von 45 Mrd. DM. Auf der anderen Seite fließen konjunkturbedingt Mehreinnahmen in die Kassen. Alles in allem wird das Steueraufkommen in diesem Jahr um 3,7 % expandieren, während es 2001 rückläufig sein wird (-1 %).

Zudem werden Anfang 2001 die Beitragssätze zur Rentenversicherung abermals gesenkt, und zwar von 19,3 % auf 19,1 %. Trotz der konjunkturellen Besserung werden deshalb die Einnahmen der Sozialversicherungsträger nur moderat - um 1 % bzw. 2 % - steigen. Dazu trägt auch bei, dass der Bund sich aus der Finanzierung von Arbeitslosenhilfeleistungen weiter zurückzieht und die Beitragsverpflichtung für die Krankenversicherung der Arbeitslosenhilfeempfänger reduziert. Die Finanzierungslast wird auf die gesetzliche Krankenversicherung und damit auf den Kreis der Versicherten verschoben. Auch mit dem Sparpaket hat die Bundesregierung bereits diese Strategie verfolgt. Dort wurden die Beitragseinnahmen der Rentenversicherung und der Pflegeversicherung in Höhe von 4,5 Mrd. DM zugunsten des Bundes gekürzt.

Zum gegenwärtigen Zeitpunkt steht noch nicht fest, wie hoch die Einnahmen aus der Versteigerung der UMTS-Mobilfunklizenzen sein werden. Die Schätzungen reichen bis zu deutlich mehr als 100 Mrd. DM. Auch ist noch offen, wie dieser Einnahmeposten im System der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung verbucht werden soll. Vorstellbar ist ein "Verkauf nichtproduzierter Vermögensgüter". Ebenso offen ist, über welchen Zeitraum diese Einnahmen gebucht werden, ob einmalig oder über eine Periode, die sich am Abschreibungszyklus bei den Unternehmen orientiert. In der vorliegenden Prognose sind keine Versteigerungserlöse verbucht. Bei den übrigen Einnahmen des Staates ist mit einem Rückgang zu rechnen. Hierzu trägt vornehmlich die geringe Gewinnabführung der Bundesbank bei; sie fällt in diesem und wohl auch im nächsten Jahr um jeweils 5 Mrd. DM geringer aus als 1999. [6]

Die Zunahme auf der Ausgabenseite des Staates wird sich in diesem Jahr auf knapp 2 % abschwächen. Im nächsten Jahr werden die Ausgaben kaum ausgeweitet; die Ausgabenquote geht weiter zurück. Einen dämpfenden Einfluss auf die Ausgabenentwicklung haben die jüngsten Tarifabschlüsse im öffentlichen Dienst, die bis in den Herbst 2002 reichen. Sie liegen merklich unter denen des Vorjahres (und auch geringfügig unter dem Schlichterspruch); auf Jahresbasis umgerechnet sind die Unterschiede allerdings gering, die Tarifanhebung beträgt im Durchschnitt 2 %. Allerdings ist vorgesehen, dass die Einkommen der Beamten - sie machen 44 % der Beschäftigten im öffentlichen Dienst aus - noch schwächer steigen, und zwar um 0,7 % bzw. 1,6 %. Insbesondere in den ostdeutschen Kommunen dürfte weiterhin Personal abgebaut werden. Per saldo ist der Anstieg der Personalausgaben mit jeweils 1,6 % pro Jahr zu veranschlagen.

Bei den Vorleistungskäufen wird ein Zuwachs von reichlich 2 % prognostiziert; dabei nehmen die Käufe der gesetzlichen Krankenkassen stärker als die der Gebietskörperschaften zu. Auch die Sozialleistungen werden nur schwach steigen, obwohl das Kindergeld aufgestockt wurde und infolge des jüngsten Verfassungsgerichtsurteils, das die bisherige Berechnung des Arbeitslosen- und Krankengeldes in Teilen für verfassungswidrig erklärt hat, höhere Arbeitslosengelder gezahlt werden müssen. [7] Zu Einsparungen kommt es insbesondere in der Arbeitslosenversicherung als Folge des Rückgangs der Arbeitslosigkeit. Bei den Zinsausgaben zeichnet sich ebenfalls ein vergleichsweise schwacher Zuwachs ab, obwohl die Zinsen vor allem am kurzen Ende angezogen haben und die Gebietskörperschaften in den vergangenen Jahren weit stärker als früher Kredite mit kurzer Laufzeit aufgenommen haben; der starke Defizitrückgang dürfte diesen Einfluss kompensieren. Werden die Einnahmen aus der Versteigerung der UMTS-Mobilfunklizenzen zur Schuldentilgung verwendet, vermindert dies die Zinsausgaben zusätzlich.

Obwohl sich die Finanzlage des Staates in den letzten Jahren spürbar verbessert hat, ist mit keiner nennenswerten Aufstockung der öffentlichen Investitionsausgaben zu rechnen. Zum einen ist zu berücksichtigen, dass die Gemeinden als Hauptinvestor der öffentlichen Hand ihr finanzielles Gleichgewicht über ihre Investitionsausgaben zu steuern suchen. Kommunales Haushaltsrecht und die Kommunalaufsicht der Länder sorgen in der Regel dafür, dass die Gemeinden die Grenzlinien nicht überschreiten; insofern ist der Finanzierungssaldo - in der Summe erzielen die Gemeinden zur Zeit Überschüsse - kein geeigneter Beurteilungsmaßstab für die Frage nach ihrem Spielraum bei den Investitionsausgaben. Auf der anderen Seite müssen die Gemeinden und auch die Länder im nächsten Jahr aufgrund der Steuerreform beträchtliche Einnahmeausfälle hinnehmen. Sie werden deutlich höher sein als die konjunkturbedingten Mehreinnahmen. Deshalb ist 2001 sogar ein neuerlicher Rückgang der öffentlichen Investitionen wahrscheinlich.

In diesem Jahr werden die Finanzierungsdefizite des Staates in VGR- Abgrenzung 44 Mrd. DM betragen und somit höher als 1999 sein. Im nächsten ist infolge der Steuerreform mit einem noch höheren Defizit - 69 Mrd. DM (ohne Einnahmen aus der Versteigerung der Mobilfunklizenzen) - zu rechnen. Während in diesem Jahr von der Finanzpolitik nur geringe positive Wirkungen auf die konjunkturelle Entwicklung ausgehen dürften, sind 2001 positive Impulse von reichlich einem halben Prozentpunkt des nominalen BIP zu erwarten.

Deutschland im internationalen Vergleich Um die wirtschaftliche Situation Deutschlands beurteilen zu können, erscheint ein mittelfristiger Vergleich mit anderen Volkswirtschaften sinnvoll (Abbildungen 11 und 12). Dabei zeigt sich, dass Deutschland seit 1995 beim Wachstum deutlich hinter den USA, aber auch hinter dem Durchschnitt des Euro-Raums zurückgeblieben ist. Allein die Entwicklung in Japan war noch schwächer. An dieser Konstellation wird sich auch im Prognosezeitraum nichts Wesentliches ändern. Beim Vergleich innerhalb der EU schneidet unter den größeren Volkswirtschaften Großbritannien am besten ab. Wegen der erwarteten Abschwächung dort wird aber wohl Frankreich am Ende des Prognosezeitraums etwa das gleiche Wachstum aufweisen. Berücksichtigt man auch die kleineren Volkswirtschaften, liegen von den hier betrachteten Ländern Spanien und die Niederlande an der Spitze. Deutschland bildet zusammen mit Italien das Schlusslicht innerhalb der EWU.

Ein anderes Bild ergibt sich beim Vergleich der Exportentwicklungen der aufgeführten Länder. Hier weist Deutschland eine - zum Teil deutlich - kräftigere Expansion auf. Nur Spanien, das sich zunehmend in den europäischen Wirtschaftsraum integrierte, hat seine Lieferungen ins Ausland noch mehr steigern können. Im Prognosezeitraum wird sich diese Tendenz sogar noch verstärken. Die Ausweitung der Produktion in Deutschland ist also im Wesentlichen auf die Ausfuhr zurückzuführen.

Die Wachstumsdifferenzen spiegeln sich auch in der Entwicklung der Beschäftigtenzahl. [8] Die höchsten Zuwächse weisen Spanien und die USA auf, die geringste Zunahme hat Deutschland. Obwohl die Wachstumsentwicklung in Deutschland und Italien ähnlich war, ist die Zahl der Beschäftigten in Italien deutlich stärker gestiegen.

Hingegen waren die Preissteigerungen in Deutschland und Frankreich am geringsten, sieht man einmal von der unter deflationären Tendenzen leidenden Volkswirtschaft Japans ab. Ausschlaggebend hierfür war die zurückhaltende Lohnentwicklung. Deutlich stärker war der Preisauftrieb in den USA und Großbritannien.

Insgesamt zeichnen die obigen Indikatoren für Deutschland das Bild einer binnenwirtschaftlich restringierten Volkswirtschaft, deren Wachstumsquelle vor allem der Export ist. Doch reicht dies offenkundig nicht aus, um Produktion und Beschäftigung nachhaltig auszuweiten. Wie die Entwicklung der in dieser Hinsicht erfolgreicheren Länder zeigt, bedarf es hierzu auch einer kräftigeren Binnennachfrage.

Annahmen der Prognose Die Weltmarktpreise für Rohöl werden allenfalls noch maßvoll steigen.

Der reale Außenwert des Euro wird mit der Abschwächung in den USA etwas zunehmen.

Die Geldpolitik wird ihren Kurs nochmals leicht straffen.

Die Tariflöhne in Deutschland erhöhen sich um 2,2 % in diesem Jahr und um 2,1 % im Jahre 2001.

Die Steuerreform wird so umgesetzt, wie von der Regierung geplant.

[5] Lohnkosten (Arbeitnehmerentgelt zu bezahlten Arbeitsstunden) in Relation zur Arbeitsproduktivität (Bruttoinlandsprodukt zu Preisen von 1995 zu Erwerbstätigenstunden).

[6] Der Verkauf von Unternehmensbeteiligungen (Telekom usw.) wird in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nicht einnahmewirksam.

[7] Nach dem Urteil müssen die von den Arbeitnehmern gezahlten Sozialversicherungsbeiträge auf Weihnachts- und Urlaubsgeld bei der Berechnung von Arbeitslosen- und Krankengeld berücksichtigt werden.

[8] Diese Größe wurde anstatt des eigentlich geeigneteren Arbeitsvolumens als Beschäftigungsindikator gewählt, um angesichts der mangelhaften Datenlage in Europa internationale Vergleichbarkeit zu gewährleisten.


                                                                             
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Tabelle 6
                                                                       
Bauinvestitionen (1) in der Bundesrepublik Deutschland                          
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                            1999      2000      2001                            
                                                                                
                                     Mrd. DM                                    
                                                                                
Wohnungsbau                267,5     270,2     271,2                            
Nichtwohnungsbau           198,2     199,3     199,4                            
  Staat                     58,7      58,9      57,3                            
  Übrige Sektoren          139,5     140,5     142,1                            
Insgesamt                  465,7     469,5     470,6                            
                                                                                
                      Veränderung in % gegenüber Vorjahr                        
                                                                                
Wohnungsbau                 -0,1       1,0       0,4                            
Nichtwohnungsbau             0,2       0,6       0,1                            
  Staat                      5,5       0,3      -2,7                            
  Übrige Sektoren           -1,9       0,7       1,1                            
Insgesamt                    0,0       0,8       0,2                            
                                                                                
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(1) Zu Preisen von 1995; in Abgrenzung der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung 
(ESVG 95).                                                                      
Quellen: Statistisches Bundesamt; 2000 und 2001 Prognose des DIW.               
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Tabelle 7
                                                                       
Regionale Entwicklung der deutschen Ausfuhren (Spezialhandel)                   
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
Ländergruppe 1997 1998 1999 1.Qu.1997  1998  1999 1. Qu.1997  1998  1999 1. Qu. 
                            2000                   2000                   2000  
                                                                                
                   Mrd. DM           Anteile in %            in % vom BIP       
                                                                                
Insgesamt    889  955  984  275 100,0 100,0 100,0 100,0  24,2  25,2  25,4  28,8 
                                                                                
EU           494  540  560  161  55,6  56,6  56,9  58,5  13,4  14,2  14,4  16,8 
                                                                                
EFTA (1)      48   52   53   14   5,4   5,4   5,4   5,1   1,3   1,4   1,4   1,5 
                                                                                
NAFTA (2)     89  104  116   33  10,0  10,9  11,8  12,0   2,4   2,7   3,0   3,5 
                                                                                
Ostasien (3)  79   67   71   20   8,9   7,0   7,2   7,3   2,1   1,8   1,8   2,1 
                                                                                
MOE (4)       78   88   84   22   8,8   9,2   8,5   8,0   2,1   2,3   2,2   2,3 
                                                                                
Mercosur (5)  14   15   13    3   1,6   1,6   1,3   1,1   0,4   0,4   0,3   0,3 
                                                                                
Übrige (6)    87   89   87   22   9,7   9,3   8,9   8,0   2,4   2,4   2,2   2,3 
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Schweiz, Norwegen, Island, Liechtenstein.                                   
(2) USA, Kanada, Mexiko.                                                        
(3) Japan, China, Hongkong, Taiwan, Singapur, Thailand, Indonesien, Malaysia,   
Philippinen, Südkorea.                                                          
(4) Polen, Ungarn, Tschechien, Slowakei, Bulgarien, Rumänien, Russland,         
Ukraine, Weißrussland.                                                          
(5) Brasilien, Argentinien, Uruguay, Paraguay sowie Bolivien und                
Chile (assoziiert).                                                             
(6) Afrika, Australien und Ozeanien, restliche Länder in Asien und              
Lateinamerika.                                                                  
Quellen: Statistisches Bundesamt; Berechnungen des DIW.                         
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------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 8
                                                                       
Eckdaten der Prognose für Deutschland                                           
------------------------------------------------------------------------------- 
                                                                                
                                  1997      1998      1999      2000      2001  
                                                                                
Bruttoinlandsprodukt (1)           1,5       2,2       1,5       2,7       2,6  
(Veränderung in % gegenüber Vorj.)                              (2,8)     (2,8) 
                                                                                
Erwerbstätige (2)               35 866    35 994    36 112    36 308    36 585  
(1000 Personen)                                              (36 265)  (36 545) 
                                                                                
Arbeitslose                      4 385     4 279     4 100     3 856     3 543  
(1000 Personen)                                               (3 830)   (3 500) 
                                                                                
Arbeitslosenquote (3)             10,9      10,6      10,2       9,6       8,8  
(in %)                                                          (9,6)     (8,8) 
                                                                                
Erwerbslose (4)                  3 907     3 710     3 563     3 326     3 051  
(1000 Personen)                                                                 
                                                                                
Erwerbslosenquote (5)              9,8       9,3       9,0       8,4       7,7  
(in %)                                                                          
                                                                                
Verbraucherpreise (6)              1,9       0,9       0,6       1,4       1,2  
(Veränderung in % gegenüber Vorj.)                              (1,4)     (1,3) 
                                                                                
Lohnstückkosten                                                                 
(Veränderung in % gegenüber Vorjahr)                                            
                                                                                
 auf Basis von Arbeitnehmern bzw. -0,8      -0,4       0,7      -0,3       0,4  
  Erwerbstätigen (7)                                           (-0,4)     (0,2) 
                                                                                
  auf Basis von Stunden (8)       -0,1       0,1       1,0      -0,9       -0,2 
                                                                                
Leistungsbilanzsaldo (9)          -4,8      -8,0     -36,5     -21,0      -31,0 
(Mrd. DM)                                                     (-40,0)    (-30,0)
                                                                                
------------------------------------------------------------------------------- 
(1) Zu Preisen von 1995.                                                        
(2) Im Inland (Jahresdurchschnitt der Quartale).                                
(3) Arbeitslose bezogen auf die inländischen Erwerbspersonen.                   
(4) Entsprechend der Konvention der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO).  
(5) Erwerbslose bezogen auf die inländischen Erwerbspersonen.                   
(6) Preisindex für die Lebenshaltung aller privaten Haushalte.                  
(7) Lohnkosten (Arbeitnehmerentgelt je Arbeitnehmer) in Relation zur            
Arbeitsproduktivität (Bruttoinlandsprodukt zu Preisen von 1995 je               
Erwerbstätigen).                                                                
(8) Lohnkosten (Arbeitnehmerentgelt zu bezahlten Arbeitsstunden) in Relation    
zur Arbeitsproduktivität (Bruttoinlandsprodukt zu Preisen von 1995 zu           
Erwerbstätigenstunden).                                                         
(9) In der Abgrenzung der Zahlungsbilanzstatistik.                              
Werte in Klammern entsprechen der Prognose der Gemeinschaftsdiagnose            
vom Frühjahr 2000.                                                              
Quellen: Statistisches Bundesamt; Deutsche Bundesbank und Berechnungen des DIW; 
2000 und 2001 Prognose des DIW.                                                 
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Wochenbericht 28/00