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Wochenbericht des DIW Berlin 31/03

Mehr Wachstum durch langfristig angelegte Innovationspolitik

Bearbeiter Dieter Schumacher
Harald Legler
Birgit Gehrke
Die technologische Leistungsfähigkeit Deutschlands hat sich im internationalen Vergleich in den 90er Jahren verringert. [1] Um ein hohes Leistungs- und Einkommensniveau zu sichern, muss mehr in Bildung und Forschung sowie den Einsatz hochwertiger Technologien investiert werden. Dieser Bericht zeigt Handlungsfelder für die Politik auf. [2]
Entwicklung in den 90er Jahren Viele Indikatoren zur technologischen Leistungsfähigkeit, nach denen sich Deutschland noch Anfang der 90er Jahre in der Spitze der Industrieländer befand, zeigen ein Jahrzehnt später eine Verschlechterung der Position an (Abbildung):

• Ein großes Plus ist nach wie vor der im Schnitt gute Bildungsstand, gemessen am Anteil der Bevölkerung mit Sekundarabschluss. Allerdings haben die Bildungsanstrengungen nicht mitgehalten, und der "Bildungsvorsprung" ist merklich geschrumpft. Insbesondere bei der Ausbildung von Nachwuchs in den naturwissenschaftlich-technischen akademischen Ausbildungsgängen ist Deutschland im Vergleich zu den anderen Ländern sogar abgerutscht. [3]

• Der wissens- und forschungsintensive Sektor ist in Deutschland vergleichsweise groß: Gemessen an der "Ausstattung" der Bevölkerung mit wissens- und forschungsintensiven Gütern lag es auch im Jahre 2000 noch weit vorne. [4]

• Im Außenhandel mit Hochtechnologiegütern ist Deutschland nicht mehr so hoch einzustufen wie noch vor einem Jahrzehnt.

• Die publizierten Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung (Forschungsbeachtung) sind in ihrer Qualität nicht so gesteigert worden wie in anderen Ländern. [5]

• Bei den Anstrengungen in Forschung und Entwicklung, die vorwiegend von der Wirtschaft getragen werden, nimmt Deutschland nicht mehr den Rang ein wie in den 70er und 80er Jahren. [6]

• Vergleichsweise wenig wird in Deutschland in IuK-Technologien investiert - eine Situation wie schon Anfang der 90er Jahre. In den 90er Jahren sind weitere Länder an Deutschland vorbeigezogen. [7]

• Etwas verbessert hat sich, gemessen an den weltmarktrelevanten Patenten, die Effizienz in der kurzfristigen Umsetzung von technologischem Wissen. [8]

In der Summe ist damit zumindest teilweise die unbefriedigende ökonomische Entwicklung der Volkswirtschaft erklärt: Deutschland hat in der gesamtwirtschaftlichen Erwerbstätigenproduktivität in den 90er Jahren unter den großen westlichen Industrieländern einen hinteren Platz belegt.

Politischer Handlungsbedarf Die Voraussetzungen für gute Marktergebnisse haben sich in Deutschland offensichtlich verschlechtert. Volkswirtschaften, die ihren Wohlstand einer hohen technologischen Leistungsfähigkeit verdanken, werden ihre Position nur halten können, wenn sie sich dem internationalen Technologiewettbewerb stellen und alle Anstrengungen unternehmen, um dem originären Anspruch - hohes Einkommensniveau und hoher Beschäftigungsstand - gerecht zu werden.

Für Deutschland ergibt sich dringender Handlungsbedarf in der Bildungs- und Forschungspolitik sowie in der Wirtschafts- und Technologiepolitik.

Mehr Investitionen und Spezialisierung "in der Spitze" Deutschland hat traditionell Stärken in Sektoren der hochwertigen Technologie und es dabei verstanden, angestammte Kompetenzen mit neuen, zu einem nicht unerheblichen Teil importierten Spitzentechnologien zu kombinieren. [9] Dieser Weg reicht nicht mehr.

Will man weiter Innovationsrenten abschöpfen, muss man sich stärker in der Spitzentechnologieforschung engagieren. Denn das weltwirtschaftliche Wachstum stützt sich immer mehr auf die Bereiche der Spitzentechnik. Diese sind mit den wachstumsstarken hochwertigen Dienstleistungsbereichen eng verbunden, denkt man etwa an die "Life Sciences" wie Gesundheit und Umwelt, an die Mobilität und Kommunikation und deren Verbindungen zu Biotechnologie/Pharmazie/Medizintechnik, Elektronik/Nachrichtentechnik, Flugzeugbau usw.

Wie die wieder verstärkten Anstrengungen bei den FuE-Aufwendungen zeigen, hat die deutsche Wirtschaft die Bedeutung der Spitzentechnologien erkannt. Um diesen Weg erfolgreich beschreiten zu können, ist ein höheres Qualifikationsniveau der Arbeitskräfte erforderlich: Die "Akademisierung" in FuE und anderen wissensintensiven Dienstleistungen nimmt zu.

Konsequente Bildungspolitik Dies ist ein Beispiel dafür, wie stark die "Wissenswirtschaft" die Anforderungen an das Bildungssystem verändert: Die langfristige Entwicklung des Innovationspotentials wird bereits an den Schulen und Hochschulen entschieden. Für die Erneuerung und die Verbesserung des Humankapitals wird jedoch seit langem viel zu wenig getan. [10] Die öffentlichen und privaten Bildungsausgaben stehen unter starkem Druck, und die notwendige Effizienzsteigerung im öffentlichen Bildungs- und Ausbildungswesen geht nur schleppend voran. International vergleichende Studien wie TIMSS und PISA bescheinigen deutschen Schülern schlechte Leistungen.

Die weltweit steigende Nachfrage nach Hochschulabsolventen verlangt eine "Tertiärisierung" der Ausbildung. Bei der Finanzierung bietet sich auch in Deutschland eine stärkere private Beteiligung an, z. B. durch den Kauf von Anteilen an Fonds, die (tertiäre) Bildungsausgaben durch Kredite finanzieren. [11]

Wissenschaft und Forschung stärken Die Schnittstellen zwischen Industrie und wissenschaftlicher Forschung sowie die schnellere und effizientere Diffusion des Wissens geraten zunehmend in den Brennpunkt der Innovationspolitik (Netzwerke, Cluster, Exzellenzzentren usw.). Netzwerkorientierte Kooperationen können einerseits helfen, die FuE-Kosten und das FuE-Risiko zu senken, und vergrößern andererseits durch den Zugriff auf komplementäres Wissen die Innovationskapazität.

Voraussetzung hierfür ist jedoch ein leistungsfähiges Wissenschaftssystem. In diesem Licht betrachtet ist es problematisch, wenn die Beschäftigung in öffentlichen (universitären und außeruniversitären) FuE-Einrichtungen mit Technikrelevanz abnimmt.

Innovationshemmnisse abbauen Alle Ressorts sollten prüfen, ob sie ihre Möglichkeiten ausschöpfen, um innovative Lösungen zu begünstigen. Ressortpolitiken (wie Gesundheit, Umwelt, Verkehr, Energie, Kommunikation, Verteidigung) definieren häufig die Anforderungen an das Innovationssystem und entscheiden darüber, ob Deutschland als anspruchsvoller Markt die Unternehmen zu Innovationen anregt. [12]

Ein Beispiel ist der Telekommunikationsmarkt. Deutschland hat das international eingeschlagene Tempo nicht mithalten können; in anderen Ländern diffundieren die Technologien meist schneller. Dies ist gleichzeitig ein wichtiger Grund dafür, dass Deutschland bei Produktivität und Wachstum in Rückstand geraten ist. Eine schnelle Diffusion im Anwendungsbereich (vor allem bei wissensintensiven Dienstleistungen) hat vielen Ländern - allen voran den USA - hohe Produktivitätsvorteile gebracht.

Um hier aufzuholen, sollten die Initiativen zur Stärkung der Informations-, Internet- und Telekommunikationswirtschaft fortgeführt und möglichst intensiviert werden. Der Staat kann durch eigene Nachfrage und den Einsatz von IuK-Technologien sowie die Förderung von Demonstrations- und Pilotprojekten zu einer schnelleren und intensiveren Diffusion beitragen. [13]

Nachholbedarf in Ostdeutschland Ostdeutschland leidet im Vergleich zu Westdeutschland immer noch unter einer erheblichen Wettbewerbsschwäche. Um in etablierte Produktmärkte einzudringen oder neue aufzubauen, müssen die ostdeutschen Unternehmen vor allem auf Innovationen setzen. Die staatliche Förderung trägt dazu bei, dass auch noch nicht am Markt etablierte, ertragsschwächere Unternehmen in Ostdeutschland Innovationen durchführen können. Eine Förderung zum Ausgleich für unvollkommene Kreditmärkte und signifikante externe Effekte ist weiterhin erforderlich, sie sollte sich jedoch stärker an Schwerpunkten orientieren. [14]

Ziel muss es sein, dass die Wirtschaft in Ostdeutschland mehr auf eigene Kraft und die Gründung von Unternehmen setzt. Dazu gehört auch, dass die von westdeutschen Unternehmen abhängigen Betriebe zunehmend in die Lage versetzt werden, hochwertige betriebliche Funktionen wie FuE sowie Produktions- und Programmplanung zu übernehmen.

Längerfristige Orientierung der Politik Um mit der Entwicklung zur Wissensgesellschaft Schritt zu halten, ist es erforderlich, die Investitionen in Humankapital, FuE und Sachanlagen nachhaltig zu steigern. Darüber hinaus ist die Effizienz des Innovationssystems insgesamt zu verbessern mit dem Ziel, auch den internationalen Anforderungen gerecht zu werden.

Dies macht eine grundsätzliche Umorientierung der Politiken von Unternehmen und Gebietskörperschaften notwendig, die sich zunehmend auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet haben. Verlangt wird eine Politik, die ihre Ziele, Instrumente und finanziellen Mittel in einem langfristig angelegten Konzept formuliert und verfolgt. Dazu gehört auch, dass insbesondere für Bereiche der Spitzentechnologie von vornherein europäische Lösungen angestrebt werden.

Prinzipiell führt eine konsequente Innovationspolitik dazu, dass hochwertige Arbeitsplätze entstehen. Die "Zugpferdfunktion" des forschungs- und wissensintensiven Sektors benötigt allerdings eine arbeitsmarktpolitische Flankierung. Insofern sind auch Reformen auf dem Arbeitsmarkt unerlässlich, um jene Hoffnungen einlösen zu können, die an eine Expansion der wissensintensiven Wirtschaft in Deutschland geknüpft werden.

[1] Dieser Bericht stützt sich auf Ergebnisse aus der Berichterstattung zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands für das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). Grundlage der Analysen ist ein System von Indikatoren, die von mehreren Instituten (NIW, DIW Berlin, ISI, WSV und ZEW) erstellt und ausgewertet werden. Der zusammenfassende Bericht "Zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands 2002" wurde von ISI, IWW und NIW koordiniert und vom BMBF herausgegeben. Die Studien sind auf der Internetseite des BMBF unter
http://www.technologische-leistungsfaehigkeit.de abrufbar.

[2] Vgl. dazu auch D. Schumacher, H. Legler und B. Gehrke: Marktergebnisse bei forschungsintensiven Waren und wissensintensiven Dienstleistungen: Außenhandel, Produktion und Beschäftigung. Studien zum deutschen Innovationssystem, Nr. 18-2003; veröffentlicht auch in den Materialien des DIW Berlin, Nr. 25. Berlin 2003.

[3] Vgl. J. Egeln, C. Heine et al.: Indikatoren zur Ausbildung im Hochschulbereich. Studien zum deutschen Innovationssystem, Nr. 10-2003; D. Dohmen und A. Haileselassie: Die Entwicklung der bildungspolitischen Position Deutschlands im internationalen Vergleich. Studien zum deutschen Innovationssystem, Nr. 19-2003.

[4] Zur Abgrenzung und Analyse der forschungs- und wissensintensiven Wirtschaftsbereiche vgl. den ersten Beitrag in diesem Wochenbericht und ausführlicher D. Schumacher, H. Legler und B. Gehrke, a. a. O.

[5] Vgl. U. Schmoch: Leistungsfähigkeit der deutschen Wissenschaft und Forschung im Vergleich. Studien zum deutschen Innovationssystem, Nr. 5-2003.

[6] Vgl. H. Legler, H. Belitz, C. Grenzmann et al.: Industrieforschung in Deutschland. Positionen im internationalen Vergleich. Materialien zur Wissenschaftsstatistik, Heft 12. Essen 2002.

[7] Vgl. T. Hempell: Technologische Leistungsfähigkeit und der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien. Studien zum deutschen Innovationssystem, Nr. 16-2003; OECD: Science, Technology and Industry Outlook - Science and Innovation. Paris 2000.

[8] Vgl. R. Frietsch, U. Schmoch und B. Breitschopf: Patente - Aktuelle Entwicklungen und längerfristige Strukturänderungen bei industriellen Innovationen. Studien zum deutschen Innovationssystem, Nr. 6-2003.

[9] Zur Abgrenzung von Spitzentechnik und hochwertiger Technik vgl. den ersten Beitrag in diesem Wochenbericht.

[10] Zum Fachkräftemangel vgl. C. Rammer: Innovationsverhalten der Unternehmen. Studien zum deutschen Innovationssystem, Nr. 12-2003; A. Reinberg und M. Hummel: Bildungspolitik: Steuert Deutschland langfristig auf einen Fachkräftemangel zu? IAB-Kurzbericht, Nr. 9/2003.

[11] Vgl. dazu ausführlicher: Wohnungs-, Bildungs- und Familienpolitik sollten im Sinne eines "sozialen Risikomanagements" verändert werden. Bearb.: Arbeitsgruppe Sozialpolitik. In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 47/2000; Bildungsausgaben in Deutschland: Kursänderung erforderlich. Bearb.: Dieter Schumacher. In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 30/1998.

[12] Vgl. M. Beise et al.: Lead Market Deutschland. Zur Position Deutschlands als führender Absatzmarkt für Innovationen. Mannheim 2002.

[13] Vgl. T. Hempell, a. a. O.

[14] Vgl.: Zentrale Aufgaben der Wirtschafts- und Finanzpolitik in der kommenden Legislaturperiode.
In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 39/2002; ausführlicher: Staatliche Förderung von Forschung und Entwicklung in der ostdeutschen Wirtschaft. Eine Bilanz. Bearb.: Heike Belitz, Frank Fleischer und Andreas Stephan.
In: Wochenbericht des DIW Berlin, Nr. 35/2001.

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