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Wochenbericht des DIW Berlin 32/04

Außenwirtschaftliche Impulse prägen Konjunkturentwicklung

Die ersten Ergebnisse der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für Deutschland
für das zweite Quartal 2004 [1]

Bearbeiter Andreas Cors

Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hat im zweiten Quartal dieses Jahres an Schwung gewonnen. Das saison- und arbeitstäglich bereinigte reale Bruttoinlandsprodukt legte gegenüber dem Vorquartal um 0,5 % zu. Hierfür war vor allem die lebhafte Auslandsnachfrage verantwortlich. So nahmen die Exporte um
3,8 % zu, während die Importe um 3,1 % stiegen. Der Außenbeitrag war mit gut 30 Mrd. Euro um 2 Mrd. Euro höher als noch im ersten Jahresviertel. Schwach war nach wie vor die Inlandsnachfrage. Insbesondere hat der private Konsum - auf der Nachfrageseite mit einem Anteil von knapp 60 % das wichtigste Aggregat - die Schwächephase noch nicht überwunden; im Berichtszeitraum stagnierte er. Die Ausrüstungsinvestitionen waren aufgrund der deutlich verbesserten Absatzperspektiven im Ausland aufwärts gerichtet. Die Bauinvestitionen hingegen gingen zurück. Hier zeigt sich nach einem Vorzieheffekt im vergangenen Jahr nun wieder die seit langem negative Grundtendenz.

Das Tempo des Preisauftriebs hat sich im Berichtszeitraum aufgrund der stärker gestiegenen Preise für Mineralölprodukte merklich beschleunigt. Das Preisniveau beim privaten Konsum lag um 0,6 % höher als im Vorquartal. Die Terms of Trade verbesserten sich nicht weiter.

Besorgnis erregt, dass die inländischen Kräfte noch zu schwach sind. Sollte die Übertragung der außenwirtschaftlichen Impulse nicht für nennenswerte Beschäftigungsgewinne sorgen, bleibt die inländische Nachfrage das Sorgenkind der Konjunktur. Dies gilt vor allem für den privaten Konsum, bei dem sich die nur schwachen Lohnzuwächse bemerkbar machen. Hinzu kommt, dass die anhaltenden Diskussionen über Kosteneinsparungen und andere Belastungen die Verbraucher verunsichern.

Arbeitsvolumen, Produktivität, Lohnstückkosten Nach der Jahreswende hat sich die Beschäftigung insgesamt weiter verringert. Im Berichtsquartal hielt die Entwicklung an. Zu einem deutlichen Arbeitsplatzabbau kam es in den produzierenden Bereichen. Auch im Handel, Gastgewerbe und Verkehr sank die Zahl der Arbeitnehmer, wenn auch weniger stark (-0,1 %). Im Bereich Finanzierung, Vermietung, unternehmensnahe Dienstleistungen nimmt die Beschäftigung dagegen schon seit Mitte des vergangenen Jahres in der Tendenz wieder zu. Auch bei den öffentlichen und privaten Dienstleistern stieg die Zahl der Arbeitnehmer im Berichtszeitraum. Maßgeblich hierfür dürfte gewesen sein, dass der Anteil der geringfügig Beschäftigten bei privaten Arbeitgebern überproportional ausgeweitet wurde. Dieser Anstieg konnte aber die Beschäftigungsverluste in anderen Sektoren nicht kompensieren. Die Zahl der Erwerbstätigen sank saisonbereinigt um knapp 50 000 Personen.

In dem Maße, wie die Beschäftigung zurückging, kam es im Berichtszeitraum zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit. Gegenüber dem Jahresanfangsquartal wurden etwa 60 000 Arbeitslose mehr registriert. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich also weiter verschlechtert.

Die Arbeitsentgelte stiegen im Berichtszeitraum gegenüber dem Vorquartal um 0,6 %. Zusammen mit der Entwicklung von Arbeitsvolumen (-0,5 %) und Produktivität (1 %) ergibt sich bei den Lohnstückkosten eine leichte Zunahme (0,2 %).

Beiträge der Wirtschaftsbereiche Aufgrund der merklichen Verbesserung der weltwirtschaftlichen Nachfrage expandierte die reale Wertschöpfung im produzierenden Gewerbe (ohne Baugewerbe) im Berichtszeitraum um 1,4 % gegenüber dem Vorquartal. Vor allem die Investitionsgüterproduzenten steigerten die Wertschöpfung. Nach einem verhaltenen Start ins Jahr [2] stieg im Berichtszeitraum die Produktion kräftig. Am stärksten wurde die Leistung bei den Herstellern von Gebrauchsgütern ausgeweitet. Bei der Erzeugung von Vorleistungsgütern hingegen fiel das Plus etwas geringer aus. Im Baugewerbe sank die Leistung nach einem kräftigen Einbruch zu Jahresbeginn nochmals (-0,5 %); die Produktion im Bauhauptgewerbe und die Umsätze im Ausbaugewerbe nahmen weiter ab. Hierin spiegelt sich nicht zuletzt das Vorziehen von Bauleistungen in das vergangene Jahr aufgrund der erwarteten Kürzungen bei staatlichen Zuschüssen.

Die Umsatzentwicklung im Handel war im Berichtszeitraum abwärts gerichtet. Im Einzelhandel sanken die Umsätze in realer Rechnung um 0,6 %. Auch im Großhandel kam es zu einem deutlichen Minus. Die Kaufzurückhaltung der Konsumenten prägt hier weiterhin die Entwicklung.

Die Umsätze im Gastgewerbe haben ihre mehr als zwei Jahre währende Talfahrt zu Jahresbeginn gestoppt; im Berichtszeitraum stagnierten sie. Die Ausweitung der realen Wertschöpfung im Sektor Verkehr und Nachrichtenübermittlung betrug knapp 0,5 %.

Im Dienstleistungsbereich Finanzierung, Vermietung und Unternehmensdienstleister setzte sich das Wachstum fort (0,5 %). Bei den öffentlichen und privaten Dienstleistern nahm die Wertschöpfung leicht zu.

Verwendung des Bruttoinlandsprodukts Der nominale private Konsum war zu Beginn des Jahres im Zuge der dritten Stufe der Steuerreform merklich ausgeweitet worden. Allerdings stieg auch die Sparquote um 0,3 Prozentpunkte. Im Berichtszeitraum wurde der von der Entwicklung der verfügbaren Einkommen vorgegebene Ausgabenrahmen für den Konsum ausgeschöpft (0,5 %); die Sparquote blieb mit 10,9 % konstant. Bei einer Zunahme des Preisindex um 0,6 % stagnierte der reale private Konsum. Zwar nahmen die Kfz-Neuzulassungen um 1,8 % zu; dem stand aber ein ausgeprägter Rückgang der Umsätze im Einzelhandel gegenüber. Die Verbraucher scheinen angesichts der unsicheren Arbeitsplatzperspektiven und der geringen Einkommenszuwächse nach wie vor nicht bereit zu sein, zugunsten des Konsums das Vorsorgesparen zu reduzieren.

Bei den realen Ausrüstungsinvestitionen kam es gegenüber dem ersten Quartal zu einem deutlichen Plus (1 %). Die aus der außenwirtschaftlichen Belebung resultierende Mehrnachfrage dürfte in erster Linie für die expansive Investitionstätigkeit verantwortlich gewesen sein. Die Kapazitätsauslastung im verarbeitenden Gewerbe hat in den beiden vorangegangenen Quartalen laut ifo-Konjunkturtest zugenommen. Die Umsätze von Investitionsgüterherstellern mit inländischen Kunden waren im Berichtszeitraum mit knapp 2 % spürbar aufwärts gerichtet.

Die Bauinvestitionen gingen im zweiten Jahresviertel merklich zurück. Das Tempo der Abwärtsentwicklung war mit 1,7 % gegenüber dem scharfen Einbruch zu Jahresbeginn allerdings geringer. Offensichtlich kommt nach der Sonderentwicklung im vergangenen Jahr der insgesamt nach unten gerichtete Trend nunmehr wieder zum Tragen. Die Baupreise zogen im Berichtszeitraum stärker an. Dies könnte auf eine zumindest moderate Belebung der Bautätigkeit hinweisen.

Beim realen Außenbeitrag errechnet sich für den Berichtszeitraum saisonbereinigt ein Überschuss von gut 30 Mrd. Euro. Dies ist der höchste jemals erzielte Quartalswert und spricht nicht für eine Wettbewerbsschwäche der deutschen Wirtschaft. Insbesondere wurden die Ausfuhren in die mittel- und osteuropäischen Länder stark ausgedehnt. Mit dem starken Wirtschaftswachstum in China erlangt auch der asiatische Raum insgesamt eine höhere Bedeutung für die deutschen Exporte. Dies hat die dämpfenden Wirkungen der Euroaufwertung abgefedert; dennoch haben die Ausfuhren in den US-amerikanischen Raum noch zugenommen. Die Exporte insgesamt expandierten um 3,8 %, die Importe um 3,1 %. Die Terms of Trade haben sich nicht weiter verbessert.

Ausblick auf das dritte Quartal 2004 Die vorliegenden Indikatoren für das dritte Quartal lassen auf eine Fortsetzung der Aufwärtsentwicklung schließen. Das kräftige Auftragsplus im zweiten Quartal beim verarbeitenden Gewerbe spricht für eine anhaltende Ausdehnung der Produktion. Mit dem deutlichen Zurückbleiben der Auftragseingänge aus dem Inland hinter denen aus dem Ausland zeichnet sich ab, dass die außenwirtschaftlichen Impulse weiterhin dominieren. Diese Impulse dürften die Ausrüstungsinvestitionen im Inland anschieben. Im Baubereich dagegen muss wohl von einer weiterhin schwachen Entwicklung ausgegangen werden - nimmt man die Auftragseingänge des Bauhauptgewerbes als Maßstab. Allerdings könnten die anziehenden Baupreise auf ein Ende der Talfahrt hindeuten.

Beim privaten Konsum liegen für eine Belebung keine Anzeichen vor. Die Konsumentenstimmung ist nach wie vor eingetrübt, und die Entwicklung von Beschäftigung und Einkommen lässt keine Trendumkehr erwarten.

Alles in allem dürfte im dritten Jahresviertel die Schwäche der binnenländischen Nachfrage anhalten und das Gesamtergebnis drücken. Insgesamt könnte das reale Bruttoinlandsprodukt aufgrund der dynamischen Exportentwicklung um 0,4 % höher sein als im zweiten Quartal; gegenüber dem Vorjahr wäre das ein Plus von gut
1,5 %.

[1] Analysiert werden in diesem Bericht, soweit nicht anders gekennzeichnet, saison- und arbeitstäglich bereinigte Zeitreihen. Die Saisonbereinigung wurde nach dem X12-ARIMA-Verfahren vorgenommen. Diesem Vorgehen liegen die offiziellen Parametereinstellungen des Statistischen Bundesamtes zugrunde. Für einige Größen wurden außerdem eigene Einstellungen gewählt.

[2] Die Zahlen zur Produktionsentwicklung wurden kürzlich stark revidiert. Nach einem zunächst ausgewiesenen Plus von
0,4 % im ersten Quartal für das verarbeitende Gewerbe steht nunmehr ein Minus von 0,1 % gegenüber dem Vorquartal zu Buche.

© 32/04