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| Wochenbericht des DIW Berlin 34/00 Japan: Ende der Nullzinspolitik - Der Anfang eines nachhaltigen Aufschwungs? | |||
| Bearbeiterin | Mechthild Schrooten | ||
| Japans Zentralbank hat im August 2000 das Ende der so genannten "Nullzinspolitik" proklamiert und ließ den Zins für Tagesgeld steigen. Die Dauer der Nullzinspolitik war an die Überwindung der Deflationsgefahr geknüpft worden. Angesichts der gesamtwirtschaftlichen Erholungserscheinungen zu Jahresbeginn hält die Bank of Japan (BoJ) diese Gefahr jetzt für weitgehend gebannt. Insbesondere die dynamische Entwicklung der Weltwirtschaft und der Anstieg der privaten Investitionstätigkeit im Inland gäben aus ihrer Sicht Anhaltspunkte für eine definitive Überwindung der Nachfrageschwäche und damit der deflationären Tendenzen. Der geringfügige Zinsschritt nach oben soll das Ende dieser weltweit einmaligen Nullzinspolitik und den Übergang auf "Normalität" signalisieren. Genau davon aber scheint Japan derzeit immer noch weit entfernt. | |||
| Kurze Rückblende: Japans verlorenes Jahrzehnt | Hatten über einen langen Zeitraum auch im internationalen Vergleich hohe gesamtwirtschaftliche Zuwachsraten und eine niedrige Arbeitslosigkeit die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Japans symbolisiert, so konnte sich diese Volkswirtschaft nach dem Platzen der "bubble-economy" [1] im Februar 1990 nur schwer erholen (Abbildung 1). Die in der Folgezeit offen aufgetretenen gesamtwirtschaftlichen Krisenerscheinungen und auch die Versuche der Krisenbewältigung spiegeln sich bis heute vor allem im japanischen Finanzsektor wider. Die spekulative "bubble-economy" konnte in dem Ausmaß nur deshalb entstehen, weil die japanischen Banken - eng mit dem Staatssektor verflochten - ihre Kreditvergabe nur begrenzt an Risiko- und Effizienzkriterien orientiert hatten. Dieses Verhalten setzte sich auch nach dem Ausbruch der Krise zunächst fort. Der Anteil der notleidenden Kredite stieg und war nicht mehr allein auf das Platzen der "Bubble" zurückzuführen. Zwar gerieten immer wieder Banken in Insolvenzprobleme, jedoch schien der Staat über einen langen Zeitraum weitreichende implizite Garantien für Kreditausfallrisiken zu übernehmen. [2] In der Folge operierte die japanische Wirtschaft weiterhin unter einer relativ "weichen Budgetrestriktion". Defizite bei der Regulierung und ein mangelhafter Sanktionsmechanismus wurden offensichtlich. Eine Änderung im Umgang mit den anhaltenden Problemen des Finanzsektors kündigte sich erst 1997 an. Im November gerieten im Zuge der Asienkrise gleich drei große Banken in Schwierigkeiten und wurden tatsächlich geschlossen. Zuvor - im Juni - war ein Zeitplan für die Umstrukturierung des Finanzsektors vorgelegt worden ("Big-Bang"). Mit diesen Reformen sollte die Leistungsfähigkeit des Geschäftsbankensektors nicht zuletzt durch die Zulassung einer stärkeren Diversifizierung der Finanzdienstleistungen und eine Stärkung der Aufsichtsorgane erhöht werden. Zu diesem Zeitpunkt allerdings war der Handlungsspielraum für eine relativ friktionsarme Restrukturierung des Finanzsektors schon deutlich geschrumpft: Die japanische Wirtschaft war bereits in eine tiefe Rezession geraten (Abbildung 1). [3] Dies alles war nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die Wirtschaftspolitik nur halbherzig auf die gesamtwirtschaftlichen Probleme reagiert hatte. Die Finanzpolitik hatte einen Stop-and-go-Kurs - immer neue Ausgabenprogramme und deren Rücknahme - eingeschlagen. Die Geldpolitik, die zu Beginn der 90er Jahre noch von Inflationsängsten geprägt war, lockerte ihren Kurs nur allmählich. Verschärft wurde die gesamtwirtschaftliche Krise durch teilweise dramatische Aufwertungen des Yen, die die Wettbewerbsfähigkeit der japanischen Exporteure beeinträchtigten. | ||
| Die Idee der Nullzinspolitik | Seit 1997 wurde die vormals als außerordentlich flexibel und leistungsfähig eingestufte japanische Volkswirtschaft mit deflationären Tendenzen, Erscheinungsformen einer Liquiditätsfalle und Anzeichen von Kreditrationierung (credit crunch) konfrontiert. Die Impulse der halbherzigen Fiskal- und Geldpolitik wirkten allerdings nur kurzfristig und verpufften letztlich. Trotz eines seit 1995 unveränderten Diskontsatzes von nur 0,5 % stiegen vor dem Hintergrund der Zurückhaltung der Geschäftsbanken bei der Kreditvergabe, aber auch der veränderten Risikoeinschätzung (Japan- Prämie) die langfristigen Zinsen Ende 1998 deutlich (Abbildung 2). Die geforderten realen Renditen mussten in Verbindung mit der aus den höheren Zinsen resultierenden Aufwertung des Yen zu einem Schrumpfen der Investitionstätigkeit unter den gegebenen unsicheren Rahmenbedingungen führen. Vor diesem Hintergrund konnte sich kein nachhaltiger Aufschwung entfalten. Angesichts des Ausmaßes der gesamtwirtschaftlichen Krise und der Schwierigkeiten ihrer Bewältigung entschloss sich die japanische Zentralbank im Februar 1999 zu einem radikalen Schritt: zum Übergang auf die so genannte Nullzinspolitik. [4] Diese Politik zielte auf eine radikale Senkung der Verzinsung für Tagesgeld auf dem Interbankenmarkt. Zum Zeitpunkt der Implementierung der "Nullzinspolitik" lag der Zinssatz für Tagesgeld bei 0,25 %; er sollte schrittweise unter die Marke von 0,15 % gedrückt werden. Der Diskontsatz wurde hingegen nicht geändert. Dies bedeutete die Abkehr von der Diskontsatzpolitik und den Übergang auf eine eher unkonventionelle Zielgröße. Real blieben beide Zinssätze, der Tagesgeldsatz und der Diskontsatz, angesichts der deflationären Tendenzen im positiven Bereich. [5] Sie lagen im Februar 1999 bei immerhin etwa 2,2 % (Tagesgeld) bzw. 2,6 % (Diskontsatz). Die Beeinflussung des Tagesgeldzinssatzes erfolgte vor allem durch eine über einen längeren Zeitraum akkommodierende Bereitstellung von Liquidität durch die Zentralbank. [6] Zusätzlich wurde diese Politik seitens der öffentlichen Haushalte durch eine großzügige Versorgung der mit Liquiditätsengpässen konfrontierten Geschäftsbanken mit Finanzmitteln unterstützt. Tatsächlich sank der Tagesgeldzins rasch in die Nähe von Null. [7] Im Gefolge dieser Entwicklung gingen nicht nur der Dreimonatszins, sondern auch die langfristigen Zinsen zurück. Der Liquiditätsengpass auf dem Geldmarkt schien beseitigt. Vorrangiges Ziel dieser ungewöhnlichen Politik war es, über die Verbilligung von Krediten und die Wiederherstellung der Funktionsfähigkeit des Finanzsektors die Nachfrage anzukurbeln und so einen entscheidenden Beitrag zur Überwindung der deflationären Tendenzen in der Gesamtwirtschaft zu leisten. Bereits im September 1999 stellte die Zentralbank allerdings fest, dass die Geschäftsbanken auch unter den veränderten Rahmenbedingungen an der zögerlichen Kreditvergabepraxis festhielten. Trotz sinkender Zinsen profitierte der Unternehmenssektor von der Politik des "leichten Geldes" kaum; die Kreditvergabe an den Privatsektor ging sogar zurück (Abbildung 3). Die unter den veränderten institutionellen und gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen agierenden Geschäftsbanken verhielten sich risikoavers und ließen ihre Überschussreserven bei der Zentralbank deutlich anwachsen. Zudem nutzten die Geschäftsbanken die für sie günstigen Rahmenbedingungen zur Bereinigung ihrer Bankbilanzen und damit zur Abschreibung schlechter Kredite. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund konnten eineinhalb Jahre nach der Einführung der Nullzinspolitik die wichtigsten japanischen Banken wieder Gewinne ausweisen (Tabelle). Damit besteht jetzt die Chance für eine aktive Finanzintermediation durch die japanischen Geschäftsbanken. Hatte sich in der Vergangenheit gezeigt, dass die vorhandenen Verzerrungen im Finanzsektor die Transmission makroökonomischer Impulse in die Realwirtschaft behinderten, so wäre es jetzt möglich, durch eine aktive Finanzintermediation auch eine deutliche Ausweitung der Geldmengenaggregate wie M2 zu erreichen. Bislang wird diese Chance jedoch kaum genutzt. Das Intermediationsgeschäft entwickelt sich nur zögerlich, was auch auf Unsicherheiten über die künftige gesamtwirtschaftliche Entwicklung und damit auf die Unsicherheit bezüglich der Erträge von Investitionen zurückzuführen ist. Darüber hinaus spielen hier auch systemische Risiken wie die asymmetrische Informationsverteilung zwischen Schuldnern und Gläubigern eine Rolle, die durch die immer noch wenig transparenten und leistungsfähigen Buchhaltungs-, Rechnungslegungs- und Regulierungsvorschriften weiter erhöht werden. | ||
| Das Dilemma - Ausstieg aus der Nullzinspolitik | Die Bank of Japan legte unmittelbar nach der Einführung der Nullzinspolitik das entscheidende "Exit-Kriterium" aus dieser extremen geldpolitischen Variante fest: die Überwindung der deflationären Tendenzen. [8] Mit einem solchen Ausstieg sollte der Übergang auf "Normalität" signalisiert werden. Die japanische Zentralbank hatte angekündigt, diesen Schritt im Laufe dieses Jahres zu vollziehen. Das Dilemma ist jedoch, dass jeder Ausstieg aus der Nullzinspolitik eine Zinserhöhung bedeutet und somit restriktiv wirken oder sogar einen erneuten deflationären Druck entstehen lassen kann. Dies gilt insbesondere dann, wenn die Deflationserwartungen noch nicht definitiv gebrochen sind. Grundsätzlich ist daher die Wahl des Zeitpunkts von herausragender Bedeutung für den Erfolg dieses Schrittes. Mit ihrer Ankündigung hatte sich die japanische Zentralbank in dieser Hinsicht selbst unter Druck gesetzt. In seinem aktuellen Bericht über Japan warnt der Internationale Währungsfonds (IWF) zum augenblicklichen Zeitpunkt ausdrücklich vor einem solchen Zinsschritt. [9] Eine Zinserhöhung, so der IWF, könnte die derzeitigen Erholungserscheinungen im Keim ersticken; vielmehr sei mit einem solchen Schritt zu warten, bis der Aufschwung sich gefestigt habe. Trotz derartiger Warnungen hat die Bank of Japan am 11. August 2000 das Ende der Nullzinspolitik ausgerufen: Die Deflationsgefahr sei gebrochen. Nach den Zielen der Bank soll der Zins für Tagesgeld, der am 11. August noch bei 0,04 % gelegen hatte, auf nunmehr 0,25 % steigen. Zieht man als operationalisierbares Kriterium für die Überwindung deflationärer Tendenzen die Entwicklung des Preisniveaus heran, so wird man zu dem Schluss kommen, dass die Gefahr einer Deflation noch nicht gebannt ist. Zwar lässt sich eine leichte Aufwärtsbewegung der Produzentenpreise feststellen, allerdings lagen die Konsumentenpreise bis zuletzt noch unter dem Vorjahresniveau (Abbildung 4). Die Bank of Japan argumentiert vor allem mit dem verbesserten weltwirtschaftlichen Klima, den Reformen im inländischen Finanzsektor und der gestiegenen privaten Investitionstätigkeit. Tatsächlich ist die japanische Wirtschaft mit einer bemerkenswerten Dynamik in das neue Jahr gestartet. Das Bruttoinlandsprodukt stieg im ersten Quartal 2000 um 2,5 % gegenüber dem Vorquartal. [10] Hinter dieser dynamischen Entwicklung stand vor allem eine beachtliche Expansion der Exporte (+5,7 % gegenüber dem Vorquartal) und der privaten Investitionstätigkeit (+5,1 %). Deutlich langsamer zog allerdings der private Verbrauch, die wichtigste Komponente des Bruttoinlandsprodukts, an (+1,7 %). Während die Exportdynamik vor allem auf der kräftigen Nachfrage aus der asiatischen Region beruht, geht das Anziehen der privaten Investitionen auf finanzpolitische Impulse sowie auf die angesichts gesunkener Reallöhne verbesserte Gewinnsituation der Unternehmen zurück. Die relativ schwache Entwicklung des privaten Verbrauchs wird oftmals mit den gestiegenen Unsicherheiten über die künftige Entwicklung der Einkommen in Verbindung gebracht. So ist es im Zuge der Umstrukturierung des Unternehmenssektors zu einem Anstieg der Arbeitslosenquote gekommen. Auch trägt die aktuelle Debatte um die Finanzierbarkeit der Alterssicherung zur Konsumzurückhaltung bei. Gerade vor diesem Hintergrund müssen die aktuellen Erholungserscheinungen als fragil gelten. | ||
| Zinsschritt - ein Zukunftsrisiko? |
Zinsschritt - ein Zukunftsrisiko? Es bleibt zu fragen, warum gerade jetzt der Ausstieg aus der Nullzinspolitik beschlossen wurde. Die Daten zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung waren im Wesentlichen seit längerem bekannt - ein Zinsschritt blieb aber aus. Zuletzt war allerdings eine Verbesserung des Konsumentenvertrauens [11] und eine deutliche Zunahme des Auftragseingangs im Maschinenbau [12] festzustellen. Gegen eine Stabilisierung des Aufschwungs spricht jedoch, dass die Zahl der Unternehmenszusammenbrüche jüngst zugenommen hat. Auch bestehen nach wie vor Risiken aufgrund der durch die "Fundamentalien" der Wirtschaftsentwicklung keineswegs gerechtfertigten Aufwertungstendenz des Yen gegenüber dem Dollar (Abbildung 5). Ferner könnte auch die aktuelle Entwicklung des Nikkei-Index ein Hinweis für die Fragilität des Aufschwungs sein (Abbildung 6). Eine endgültige Überwindung der deflationären Gefahren kann also kaum konstatiert werden. Wenn sich die Zentralbank in dieser Situation zu einer Abkehr von der Nullzinspolitik entschließt, dann besteht die Gefahr, dass wieder Deflationserwartungen aufkeimen, die Konsumenten und Investoren in ein zurückhaltendes Ausgabenverhalten treiben. Mithin hat sich das Risiko eines konjunkturellen Rückschlags erhöht. Aber anders als bei der Einführung der Nullzinspolitik steht heute ein weitgehend reformierter Finanzsektor zur Verfügung, der seinen Beitrag zur gesamtwirtschaftlichen Liquiditätsversorgung leisten könnte. Unschädlich wäre dieser Zinsschritt, wenn der Bankensektor trotzdem auf einen Kurs aktiverer Finanzintermediation einschwenken und damit endlich einen Beitrag zur Überwindung der gesamtwirtschaftlichen Krise leisten würde. | ||
------------------------------------------------------------------------------- Ranking japanischer Banken Stand 31. März 2000 ------------------------------------------------------------------------------- Risiko-Anteil der Eigen- Forde- Eigen- Gewinn Eigen-Return gewich-notleiden- kapital (1) rungen kapital- vor kapital- On tete Eigenka- den- quote Steuern rendi-Assets pitalquote Kred. te (2) (ROA) (BIS- a.d.Ges.- Kriterien) krediten Mill. USD Mill.USD % Mill. USD % % % % Bank of Tokyo- Mitsubishi 26 019 678 244 3,84 3 831 15,0 0,56 11,46 4,84 Dai-Ichi Kangyo B.23 525 471 977 4,98 1 704 7,9 0,36 na na Sakura Bank 23 057 443 367 5,20 1 192 5,2 0,27 12,53 na Fuji Bank 22 654 531 184 4,26 2 674 11,9 0,50 11,09 4,37 Sanwa Bank 21 391 428 804 4,99 2 212 10,6 0,52 12,25 4,41 Sumitomo Bank 20 821 507 959 4,10 2 045 10,4 0,40 11,60 6,70 Industrial Bank of Japan 17 000 391 081 4,35 1 578 9,4 0,40 12,19 na Tokai Bank 15 150 277 688 5,46 1 151 7,6 0,41 12,61 na Norinchukin Bank 14 795 469 900 3,15 1 100 7,6 0,23 11,39 6,25 Asahi Bank 11 873 271 971 4,37 1 742 6,3 0,27 na na ------------------------------------------------------------------------------- (1) Bei der Berechnung des Eigenkapitals wurde die Definition der Bank for International Settlement, Basle (BIS) für "Tier one capital" zugrunde gelegt. (2) Bei der Berechnung wurde der Durchschnitt aus dem Eigenkapital zu Jahresbeginn und Jahresende gebildet. Quelle: The Banker, Juli 2000. =============================================================================== | |||
| © DIW Berlin Wochenbericht 34/00 | |||

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