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Wochenbericht des DIW Berlin 43/02

Die Lage der Weltwirtschaft und der deutschen Wirtschaft
im Herbst 2002

2. Die wirtschaftliche Lage in der Europäischen Union

Bearbeiter Institute
Beurteilung der Wirtschaftslage durch folgende Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft deutscher wirtschaftswissenschaftlicher Forschungsinstitute e. V., Hamburg:

DIW Berlin, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung

Hamburgisches Welt-Wirtschafts-Archiv (HWWA)

ifo Institut für Wirtschaftsforschung, München

Institut für Weltwirtschaft an der Universität Kiel

Institut für Wirtschaftsforschung Halle

Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung, Essen

Abgeschlossen in Essen am 18. Oktober 2002.

Allmähliche Erholung im Euroraum Die Konjunktur im Euroraum hat sich seit Jahresbeginn erholt. Allerdings ist der Produktionsanstieg nur verhalten. Das reale Bruttoinlandsprodukt nahm im ersten und zweiten Quartal 2002 mit einer laufenden Jahresrate von jeweils rund 1 1/2 % (Abbildung 2.1) spürbar langsamer zu als im mittelfristigen Trend. Die Unternehmensinvestitionen blieben dabei bis zur Jahresmitte abwärts gerichtet. Maßgeblich hierfür waren die weitere Abnahme der Kapazitätsauslastung sowie ungünstige Absatz- und Ertragsperspektiven, die auch durch die expansiven Impulse vonseiten der Geldpolitik nicht aufgefangen werden konnten. Die privaten Haushalte weiteten ihre Konsumausgaben im ersten Halbjahr nur wenig aus, auch weil sich die Lage am Arbeitsmarkt verschlechtert hat. Im ersten Quartal war der private Verbrauch sogar rückläufig. Offenbar hatte der Preissprung am Jahresanfang zu einer Kaufzurückhaltung geführt. Im zweiten Quartal erhöhte sich der private Konsum wieder, zumal die real verfügbaren Einkommen spürbar schneller expandierten, wozu neben kräftigeren Lohnsteigerungen auch der Rückgang der Inflation beitrug. Die Exporte beendeten zu Jahresbeginn ihre Talfahrt. Im Frühjahr wurden sie sogar deutlich ausgeweitet; dies ging insbesondere auf die Erholung in den USA zurück. Der Außenbeitrag nahm im zweiten Quartal 2002 gleichwohl nur wenig zu, da nun auch die Importe des Euroraums stark stiegen.

Die konjunkturelle Verlangsamung wirkte sich wie üblich mit zeitlicher Verzögerung auf den Arbeitsmarkt aus, doch sind die Folgen im Gegensatz zu früheren Abschwüngen moderat. Die Arbeitslosenquote stieg von ihrem Tiefpunkt im Sommer vergangenen Jahres (8,0 %) nur leicht auf 8,3 % im August 2002. Die Zahl der Erwerbstätigen ist trotz der flauen Konjunktur im Jahresverlauf kaum gesunken. Während im Dienstleistungssektor weiterhin ein Beschäftigungszuwachs zu verzeichnen war, wurden im verarbeitenden Gewerbe sowie in der Bauwirtschaft seit Frühjahr 2001 kontinuierlich Arbeitsplätze abgebaut. Die relativ günstige Entwicklung im tertiären Bereich ist wesentlich auf die Ausweitung von Teilzeitarbeit, besonders in Italien, zurückzuführen.

Die Lohnzuwächse fallen in diesem Jahr stärker aus als zuvor, zum Teil als Reaktion auf vorangegangene unerwartete Preissteigerungen. Nach einer Anhebung um 3,6 % im vergangenen Jahr dürften die Löhne in diesem Jahr um 3,9 % zunehmen. Bei einer im Jahresdurchschnitt 2002 leicht rückläufigen Arbeitsproduktivität steigen die Lohnstückkosten vorübergehend beschleunigt. Jedoch fällt der Anstieg auf Stundenbasis wegen der Zunahme von Teilzeitarbeit geringer aus. Für das kommende Jahr wird angenommen, dass die Löhne angesichts der schwachen Konjunktur und des nachlassenden Preisauftriebs weniger stark angehoben werden. Eine solche Entwicklung ist in einigen Ländern bereits in Tarifverträgen mit längerer Laufzeit angelegt.

Finanzpolitik geht wieder auf Konsolidierungskurs Die Lage der öffentlichen Haushalte in den Ländern des Euroraums ist deutlich ungünstiger geworden (Tabelle 2.1). Das aggregierte Defizit wird in diesem Jahr voraussichtlich 2,3 % in Relation zum Bruttoinlandsprodukt betragen, nach 1,5 % im vergangenen Jahr (ohne Einnahmen aus dem Verkauf von UMTS-Lizenzen). Die Verschlechterung der Haushaltsposition ist auf das Wirken der automatischen Stabilisatoren - Mindereinnahmen und Mehrausgaben aufgrund der schwachen Konjunktur - zurückzuführen. Hingegen bleibt das strukturelle Budgetdefizit im Euroraum nahezu unverändert, die Finanzpolitik ist also insgesamt neutral ausgerichtet.

Die Länder des Euroraums unterscheiden sich deutlich hinsichtlich der Budgetposition: Während die Mehrzahl von ihnen einen ausgeglichenen strukturellen Haushaltssaldo oder sogar einen Überschuss aufweist und somit mit den Vorgaben des Stabilitäts- und Wachstumspakts in Einklang steht, haben die großen Länder Deutschland, Frankreich und Italien, aber auch Portugal jeweils ein hohes strukturelles Budgetdefizit. Vor dem Hintergrund der schwachen Konjunktur überschreitet der Fehlbetrag in Deutschland die im Stabilitäts- und Wachstumspakt festgelegte Obergrenze von 3 % in Relation zum Bruttoinlandsprodukt leicht, in Frankreich und Italien nähert er sich dieser kritischen Marke weiter an. In Portugal wird das Defizit 2002 mit 4,8 % des Bruttoinlandsprodukts sogar deutlich höher ausfallen.

Die portugiesische Regierung musste im Juli dieses Jahres einräumen, dass das Budgetdefizit für das Jahr 2001 nicht - wie zunächst berichtet - 2,2 % des Bruttoinlandsprodukts betrug, sondern 4,1 %. Die Europäische Kommission hat unmittelbar nach Veröffentlichung der korrigierten Defizitzahlen das Verfahren, das bei einem übermäßigen Defizit nach Artikel 104 III des EU-Vertrags vorgesehen ist, eingeleitet und im September einen Bericht über die Haushaltslage in Portugal verabschiedet. Auf Grundlage dieses Berichts und der Empfehlungen der Europäischen Kommission wird der Rat der Wirtschafts- und Finanzminister (ECOFIN-Rat) auf seiner Sitzung am 5. November 2002 darüber entscheiden, ob in Portugal der Tatbestand eines übermäßigen Defizits erfüllt ist. Kommt der ECOFIN-Rat zu diesem Ergebnis, hat die portugiesische Regierung vier Monate Zeit, Maßnahmen zu ergreifen, die das Budgetdefizit 2003 unter 3 % in Relation zum Bruttoinlandsprodukt senken. Für die Prognose ist unterstellt, dass die Regierung ein ehrgeiziges Konsolidierungsprogramm in Höhe von 2 % des Bruttoinlandsprodukts auflegt. Konjunkturbedingt wird das Defizit die 3-Prozent-Marke dennoch überschreiten. Der ECOFIN-Rat muss im Laufe des kommenden Jahres entscheiden, ob er die dann vermutlich absehbare Zielverfehlung zum Anlass für Sanktionen nimmt.

Auch Deutschland und Italien werden Konsolidierungsmaßnahmen ergreifen. In den übrigen Ländern wird die Finanzpolitik neutral, im Euroraum insgesamt also restriktiv ausgerichtet sein. Das zusammengefasste Budgetdefizit dürfte mit 1,9 % des Bruttoinlandsprodukts nur wenig niedriger ausfallen als in diesem Jahr (2,3 %). Zwar wird das strukturelle Budgetdefizit reduziert, aber die zyklische Komponente des Defizits wird im Durchschnitt des kommenden Jahres weiter zunehmen.

Monetäre Rahmenbedingungen weniger günstig Der Leitzins im Euroraum liegt seit November vergangenen Jahres bei 3,25 %. Real stieg der kurzfristige Dreimonatszins aufgrund einer geringeren Inflation im Frühjahr deutlich, seit Juli ist er im Zuge der Eintrübung der konjunkturellen Perspektiven und damit einhergehender Zinssenkungserwartungen wieder etwas gefallen. [2] Anfang Oktober befand sich der kurzfristige Realzins mit etwa 1 % auf niedrigem Niveau. Von der Geldpolitik gehen damit weiterhin expansive Impulse aus.

Die Kapitalmarktzinsen, gemessen an den Renditen für Staatsanleihen mit zehnjähriger Restlaufzeit, liegen nach einem vorübergehenden Anstieg im Frühjahr gegenwärtig bei 4 1/2 % (Abbildung 2.2). Der Rückgang in den vergangenen Monaten spiegelt vor allem die verschlechterten konjunkturellen Aussichten wider. Mit 2 3/4 % sind die Kapitalmarktzinsen in realer Rechnung ebenfalls relativ niedrig. [3] Gleichwohl sind die Finanzierungsbedingungen der Unternehmen ungünstiger geworden, zumal die Kreditzinsen den Rückgang der Kapitalmarktzinsen bis Juli nicht nennenswert nachvollzogen haben. Aufgrund des Kursverfalls am Aktienmarkt ist die Kapitalbeschaffung über Aktienemissionen weniger ergiebig geworden; auch können Aktien nur in geringerem Umfang als Sicherheiten für Bankkredite genutzt werden. Zudem sind die Renditen für Unternehmensanleihen nicht wie jene für Staatsanleihen gesunken, sondern verharrten - wohl aufgrund eines höheren Risikoaufschlags seitens der Anleger - auf dem Niveau vom Frühjahr. Die Neuemission von Aktien und die Ausgabe von Anleihen haben zusammen einen Anteil an der Unternehmensfinanzierung von rund einem Drittel, die verbleibenden zwei Drittel entfallen auf Bankkredite. Zwar hat sich die Expansion der Kredite deutlich abgeflacht, dies ist angesichts der konjunkturellen Schwäche aber nicht ungewöhnlich; die Institute sehen darin keine Anzeichen für eine Kreditklemme. [4]

Dämpfende Effekte auf die Konjunktur gehen überdies von der Wechselkursentwicklung aus. Der Euro hat von April bis September gegenüber dem US-Dollar um 10,4 % und real effektiv um 5,7 % aufgewertet. Damit hat sich die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen im Euroraum verringert.

Die Geldmenge M3 nahm im August mit einer Rate von 7,1 % im Vorjahresvergleich bzw. 7,0 % im Verlauf (annualisierter Dreimonatsdurchschnitt) zu. Der Zuwachs übersteigt seit Mitte 2001 den von der EZB festgelegten Referenzwert von 4,5 %. Allerdings ist die reale Geldlücke mit knapp einem halben Prozentpunkt nicht besonders groß. [5] Die Stärke der Geldmengenexpansion dürfte zudem die Zunahme der nachfragewirksamen Liquidität überzeichnen, denn sie ist wohl im Wesentlichen darauf zurückzuführen, dass infolge des Kursverfalls an den Aktienmärkten Portfolioumschichtungen vorgenommen wurden (Aktienverkäufe von Nichtbanken an Banken und/oder an das Ausland). Dafür spricht auch, dass die Kredite an private Unternehmen und Haushalte im Euroraum mit zuletzt 5,2 % im Vorjahresvergleich bzw. 4,2 % im Verlauf (annualisierter Dreimonatsdurchschnitt) vergleichsweise schwach ausgeweitet wurden.

Im Prognosezeitraum wird die EZB vor dem Hintergrund der eingetrübten Konjunkturaussichten und des verringerten Preisauftriebs - anders als im Frühjahr erwartet - die Leitzinsen im Euroraum zunächst nicht anheben; erst Ende 2003 wird sie mit der beschleunigten Produktionsausweitung den Hauptrefinanzierungssatz geringfügig erhöhen. Die Kapitalmarktzinsen werden bei der unterstellten Stabilisierung der Aktienkurse und im Zuge der weltweiten konjunkturellen Erholung im Prognosezeitraum leicht steigen. Der Euro dürfte noch etwas aufwerten und gegen Ende 2003 leicht über der Parität gegenüber dem US-Dollar liegen. Alles in allem werden die monetären Rahmenbedingungen zwar ungünstiger, die Zinsen und der Wechselkurs bleiben aber in realer Rechnung unter ihren langjährigen Durchschnittswerten und wirken noch anregend.

Ausblick Der Produktionsanstieg wird sich im weiteren Verlauf dieses Jahres in dem bisherigen verhaltenen Tempo fortsetzen. Zwar haben sich die Frühindikatoren in den vergangenen Monaten leicht verschlechtert. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass sie zu Jahresbeginn eine konjunkturelle Beschleunigung anzeigten, die im Nachhinein nicht eingetreten ist. Insofern könnte der aktuelle Rückgang auch als eine Korrektur von zu optimistischen Erwartungen gedeutet werden. Es ist daher unklar, welche Vorhersagekraft die Indikatoren derzeit haben.

Der private Konsum wird im Zuge der leicht beschleunigt steigenden real verfügbaren Einkommen wieder etwas stärker expandieren. Aber die Impulse aus dem Ausland lassen nach; insbesondere die Nachfrage aus den USA flacht ab, auch bedingt durch die starke Aufwertung des Euro bis zur Jahresmitte. Die Investitionen entwickeln sich weiterhin schwach. Das reale Bruttoinlandsprodukt wird im Durchschnitt dieses Jahres um 0,8 % zunehmen. Vor dem Hintergrund der flauen Konjunktur verschlechtert sich die Lage am Arbeitsmarkt weiter leicht. Die Arbeitslosenquote wird im Durchschnitt dieses Jahres 8,3 % betragen.

Im kommenden Jahr gewinnen die konjunkturellen Auftriebskräfte nach und nach die Oberhand. Die Institute nehmen an, dass die Unsicherheit im Zusammenhang mit dem Irak-Konflikt bis zum Frühjahr abklingt und dass sich die Finanzmärkte stabilisieren. Danach kann die expansiv angelegte Geldpolitik zunehmend ihre Wirkung entfalten. Vor diesem Hintergrund wird die Binnennachfrage im Verlauf des Jahres Fahrt aufnehmen. Mit der Verbesserung der Absatz- und Ertragserwartungen sowie zunehmender Kapazitätsauslastung werden die Unternehmen allmählich ihre Investitionen wieder ausweiten. In der Folge hellen sich die Beschäftigungsperspektiven und damit auch das Verbrauchervertrauen auf. Die Zunahme des privaten Verbrauchs wird sich bei stetig steigenden Reallöhnen und Einkommensteuersenkungen in einer Reihe von Ländern leicht beschleunigen. Zudem werden sich die Exporte vom Frühjahr an schneller ausweiten. Zum einen wird sich die Weltwirtschaft dann in zügigem Tempo erholen; zum anderen werden die dämpfenden Effekte der Euro-Aufwertung geringer. Alles in allem erhöht sich das reale Bruttoinlandsprodukt 2003 um 1,8 % (Tabelle 2.2). [6] Der Konjunkturaufschwung schlägt sich mit der üblichen Verzögerung in einer Verbesserung der Lage am Arbeitsmarkt nieder. Die Arbeitslosenquote wird auch im Durchschnitt des nächsten Jahres 8,3 % betragen.

Der Preisauftrieb dürfte im Prognosezeitraum aufgrund der immer noch niedrigen Auslastung der gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten moderat bleiben. Der Anstieg der Verbraucherpreise wird im Jahresdurchschnitt 2003 bei 1,8 % liegen. Dabei wirken mehrere stabilisierende Faktoren zusammen. So wird der Ölpreis vom Frühjahr an wieder sinken, und der Euro wertet gegenüber dem US-Dollar nochmals etwas auf. Auch ist die konjunkturelle Erholung noch nicht stark genug, um eine merkliche Ausweitung der Gewinnmargen zu ermöglichen.

Konjunkturbelebung in Großbritannien In Großbritannien hat sich die Konjunktur im Frühjahr 2002 aus der Stagnation im Winterhalbjahr gelöst. Im zweiten Quartal stieg die gesamtwirtschaftliche Produktion mit einer laufenden Jahresrate von 2,4 %. Die Konjunkturschwäche fiel im internationalen Vergleich milde aus, wofür maßgeblich war, dass der private Verbrauch nahezu ungebremst mit Raten von rund 4 % zunahm. Außerdem stieg die Nachfrage des Staates im Zuge eines mehrjährigen Programms zur Verbesserung der öffentlichen Infrastruktur kräftig. Obwohl das Pfund Sterling hoch bewertet blieb, konnten im Frühjahr die Exporte im Zuge der weltweiten Konjunkturbelebung spürbar ausgeweitet werden, nachdem sie zuvor über ein Jahr hinweg kräftig gesunken waren. Vor diesem Hintergrund verlangsamte sich der Rückgang der Anlageinvestitionen.

Die markante Stärke der Nachfrage der privaten Haushalte in Großbritannien erklärt sich zum einen daraus, dass die real verfügbaren Einkommen bei kaum verringerten Lohnzuwächsen, weiter deutlich zunehmender Beschäftigung und anhaltend moderatem Preisanstieg in hohem Tempo expandierten. Impulse gingen zudem von dem Vermögenszuwachs infolge des ausgeprägten Anstiegs der Immobilienwerte aus. Für den Prognosezeitraum ist allerdings anzunehmen, dass sich die Inflation am Immobilienmarkt deutlich abschwächen wird; erste Anzeichen hierfür gibt es bereits. Angesichts des zurückliegenden sehr starken Preisanstiegs besteht sogar das Risiko, dass die Immobilienpreise sinken und es somit zu negativen Vermögenseffekten kommt. In einem solchen Fall, der für die Prognose freilich nicht unterstellt ist, würde die Ausgabeneigung der privaten Haushalte erheblich gedämpft werden.

Die Notenbank befindet sich in einer diffizilen Situation. Einerseits liegt die Inflation, gemessen am Index der Einzelhandelspreise RPIX, am unteren Ende der angestrebten Spanne von 1,5 bis 3,5 %; auch neigen Produktion und Investitionen im verarbeitenden Gewerbe nicht zuletzt wegen des starken Pfund Sterling zur Schwäche. Gegen eine Lockerung der Geldpolitik spricht jedoch die hohe Dynamik im Dienstleistungssektor, die auf die mit dem Immobilienpreisanstieg verbundene Stärke des privaten Verbrauchs zurückzuführen ist. Die angenommene Beruhigung am Immobilienmarkt und die dämpfenden Impulse durch die negativen Vermögenseffekte vom Aktienmarkt dürften zwar dazu führen, dass sich die Dynamik der privaten Konsumnachfrage in den kommenden Monaten merklich abschwächt; der private Verbrauch wird aber wohl angesichts anhaltend kräftiger Realeinkommenszuwächse weiter deutlich zunehmen, so dass die Notwendigkeit für eine Zinssenkung nicht besteht. Sollte die Konjunktur ungünstiger verlaufen als hier unterstellt, würde die Bank von England allerdings wohl rasch reagieren.

Die gesamtwirtschaftliche Produktion in Großbritannien dürfte zunächst in etwas verlangsamtem Tempo expandieren. Im Durchschnitt dieses Jahres wird das reale Bruttoinlandsprodukt um 1,4 % steigen; die gesamtwirtschaftliche Kapazitätsauslastung wird leicht abnehmen und die Arbeitslosenquote geringfügig anziehen. Im Verlauf von 2003 gehen mit der Belebung der Weltwirtschaft von der Auslandsnachfrage zunehmend Impulse aus. Zudem wirkt die Fiskalpolitik auch im kommenden Jahr anregend; so werden die Ausgaben zur Verbesserung der Infrastruktur anhaltend kräftig ausgeweitet. Bei alledem hellen sich die Absatz- und Ertragserwartungen nach und nach auf, und die Unternehmensinvestitionen gewinnen allmählich an Fahrt. Die Konjunktur wird sich daher langsam beschleunigen; im Jahre 2003 dürfte sich das reale Bruttoinlandsprodukt um 2,3 % erhöhen. Die Verbraucherpreise steigen weiterhin langsam.

[2] Der kurzfristige Realzins wird hier als Nominalzins abzüglich der Inflationserwartungen definiert. Diese werden durch die aktuelle Kerninflationsrate (HVPI ohne Energie und unverarbeitete Nahrungsmittel) approximiert.

[3] Der Realzins ergibt sich durch Deflationierung mit den langfristigen Inflationserwartungen. Diese werden durch die Break-even-Inflationsrate von mit der Inflationsrate im Euroraum indexierten französischen Staatsanleihen approximiert.

[4] Siehe Abschnitt Geldpolitik.

[5] Dieser Berechnung liegt ein Referenzwert von 5 % zugrunde.

[6] Das DIW Berlin hat eine abweichende Meinung zur Konjunkturentwicklung im Euroraum. Vgl.: Eine andere Meinung, S. 738 f.

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Tabelle 2.1
Indikatoren zur Situation der öffentlichen Haushalte im Euroraum

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            Bruttoschulden (1)                 Finanzierungssaldo (1)

            1999   2000   2001   2002   2003   1999   2000   2001   2002   2003

Deutschland 61,2   60,2   59,5   61,3   62,0   -1,5   -1,3   -2,8   -3,2   -1,9
Frankreich  58,5   57,3   57,3   58,0   58,5   -1,6   -1,3   -1,5   -2,6   -2,6
Italien    114,5  110,5  109,8  110,5  110,0   -1,8   -1,7   -2,2   -2,8   -2,6
Spanien     63,1   60,5   57,1   56,0   55,0   -1,1   -0,7   -0,1   -0,8   -1,0
Niederlande 63,1   55,8   52,8   52,0   51,5    0,7    1,5    0,1   -1,0   -1,4
Belgien    114,9  109,2  107,6  106,0  104,0   -0,5    0,1    0,3   -0,8   -0,8
Österreich  64,9   63,6   63,2   62,0   61,0   -2,3   -1,9    0,1   -1,0   -1,1
Finnland    46,8   44,0   43,4   43,0   42,5    1,9    7,0    4,9    3,0    2,5
Griechen-
 land      104,3  104,7  105,1  104,0  103,0   -1,9   -0,8   -0,4   -0,7   -0,5
Portugal    54,4   53,3   55,5   58,0   59,0   -2,4   -3,3   -4,1   -4,8   -3,5
Irland      49,7   39,1   36,4   35,0   34,5    2,2    4,4    1,5    0,0   -1,0
Luxemburg    6,0    5,6    5,6    5,5    5,5    3,6    5,6    6,1    4,5    4,0

Euroraum    71,9   69,4   69,2   69,8   69,7   -1,3   -0,9   -1,5   -2,3   -1,9
 (2)
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(1) In % des Bruttoinlandsprodukts; gemäß Abgrenzung nach dem Vertrag von
 Maastricht. Finanzierungssaldo ohne Sondereinnahmen aus der Vergabe von
 Mobilfunklizenzen.
(2) Summe der Länder: Gewichtet mit dem Bruttoinlandsprodukt von 2001 in Euro.

Quellen: Eurostat; 2002 und 2003: Prognose der Institute.

GD Herbst 2002

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Tabelle 2.2
Eckdaten zur Wirtschaftsentwicklung im Euroraum

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                                         2001  2002  2003

Veränderung gegenüber dem Vorjahr in %
Reales Bruttoinlandsprodukt               1,4   0,8   1,8
  Privater Konsum                         1,8   0,6   1,8
  Öffentlicher Konsum                     1,9   1,9   1,2
  Bruttoanlageinvestitionen              -0,7  -2,3   1,2
  Exporte (1)                             2,6   0,3   4,8
  Importe (1)                             1,3  -1,2   4,7
  Außenbeitrag (2)                        0,7   0,5   0,2
Verbraucherpreise (3)                     2,5   2,2   1,8

In % des nominalen Bruttoinlandsprodukts
Leistungsbilanzsaldo                      0,0   0,2   0,2
Staatlicher Finanzierungssaldo (4)       -1,5  -2,3  -1,9

In % der Erwerbspersonen
Arbeitslosenquote (5)                     8,2   8,3   8,3

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(1) Exporte und Importe umfassen Waren und Dienstleistungen einschließlich des
 grenzüberschreitenden Handels innerhalb des Euroraums.
(2) Veränderung gegenüber dem Vorjahr in % des realen Bruttoinlandsprodukts
 des Vorjahres.
(3) Harmonisierter Verbraucherpreisindex.
(4) Ohne Sondereinnahmen aus der Vergabe von Mobilfunklizenzen.
(5) Standardisiert.

Quellen: Angaben nationaler und internationaler Institutionen;
 Berechnungen und Schätzungen der Institute;
 2002 und 2003: Prognose der Institute.

GD Herbst 2002

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