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| Wochenbericht des DIW Berlin 5/02 Türkei: Stärkung der außenwirtschaftlichen Flanke erforderlich | |||
| Bearbeiter | Siegfried Schultz | ||
| Vor gut zwei Jahren hat die Türkei ein Stabilisierungsprogramm aufgelegt, das vor allem eine Senkung der sehr hohen Inflation zum Ziel hatte; vom Internationalen Währungsfonds (IWF) wurde es durch ein Beistandsabkommen finanziell unterstützt. Wegen erheblicher Probleme bei der Umsetzung des Programms musste der Wechselkurs im Februar 2001 freigegeben werden. Im weiteren Verlauf des Jahres konnte die zuvor massive Inflation zwar etwas gedämpft werden, lag aber Ende 2001 noch bei knapp 70 %. Diese Entwicklung ging allerdings mit kräftigen Wachstumseinbußen einher. Bei der Fortsetzung des Stabilisierungskurses kann die Regierung - auch wegen der nach dem 11. September größeren strategischen Bedeutung des Landes - mit weiterer internationaler Unterstützung, insbesondere durch den IWF, rechnen. Die Lage der türkischen Wirtschaft ist zwar immer noch fragil, aber bei deutlichen Eigenanstrengungen könnte der eingeschlagene wirtschaftspolitische Weg erfolgreich sein. Dieser Bericht plädiert für eine stärkere Beachtung der außenwirtschaftlichen Flanke. | |||
| Ausgangslage |
Wie viele andere Länder hatte die Türkei in den späten 70er Jahren eine Strategie der Importsubstitution verfolgt. Viele Betriebe der verarbeitenden Industrie sowie wichtiger Dienstleistungssparten waren in öffentlicher Hand und ihre Erzeugnisse der Konkurrenz aus dem Ausland entzogen. Zu Beginn der 80er Jahre wurde versucht, bei flexiblen Wechselkursen zu einem exportorientierten Wachstum zu kommen. 1983 wurden die mengenmäßigen Importbeschränkungen zurückgeführt und die Zölle deutlich herabgesetzt. Zuletzt wurde sogar die Konvertibilität der Währung eingeführt. Die Liberalisierung sollte sich auch positiv auf die ausländischen Direktinvestitionen auswirken. Da aber die Reformen etwa im Bereich der Staatsbetriebe oder des öffentlichen Beschaffungswesens nur halbherzig konzipiert und nie voll umgesetzt wurden, war der Zustrom neuen Kapitals recht begrenzt. Als beherrschende Rahmenbedingungen prägten Inflation und politische Instabilität das Bild. In den 90er Jahren gab es zwar sporadische Wachstumsschübe, von Dauer war jedoch im Wesentlichen nur die sehr hohe Inflation. Zudem war die Lage durch Haushaltsdefizite, ein hohes Niveau interner und externer Schulden sowie zunehmende Arbeitslosigkeit bzw. Unterbeschäftigung gekennzeichnet. Die politische Lage blieb instabil. In der Koalitionsregierung unter Führung von Bülent Ecevit - im Amt seit April 1999 - bekam die Inflationsbekämpfung einen hohen Rang. Zur Wiedererlangung makroökonomischer Stabilität wurde vor gut zwei Jahren ein Programm aufgelegt, das sich außerdem auf durchgreifende Verbesserungen im fiskalischen Bereich (mehr öffentliche Nettoeinnahmen, besseres Schuldenmanagement) und auf strukturelle Reformen (beschleunigte Privatisierung, unabhängige Bankenaufsicht) erstreckte. Die grundlegenden Makroziele waren darauf gerichtet, die Inflation binnen drei Jahren stufenweise in den einstelligen Bereich zu drücken und einen steigenden primären Budgetüberschuss im öffentlichen Sektor zu erreichen. Der IWF stellte dafür im Rahmen eines auf drei Jahre angelegten Beistandsabkommens finanzielle Mittel bereit. [1] Das Stabilisierungsprogramm zeigte relativ bald Wirkung. Während die (nominalen) Zinsen schon vor dem förmlichen Beginn des Programms zu sinken begannen, [2] nahm das Bruttoinlandsprodukt in den ersten drei Quartalen 2000 gegenüber dem Vorjahr um 6,5 % zu. Bei der Umsetzung der ohnehin hoch gesteckten Programmziele gab es Probleme. So war der wirtschaftspolitische Kurs mangelhaft koordiniert, und die verordnete Reorganisation stieß in den staatlichen Unternehmen auf Widerstand. Unter den wichtigsten makroökonomischen Größen gerieten vor allem die mittel- und langfristigen Zinsen schon bald außer Kontrolle und schossen wieder in die Höhe. Dies war der Auslöser für die Freigabe des Wechselkurses im Februar 2001, die das türkische Pfund abstürzen ließ. Nach diesem Einschnitt musste das Stabilisierungsprogramm angepasst werden. Dies geschah im Frühjahr des vergangenen Jahres. Die Inflationsbekämpfung nimmt nun wieder einen zentralen Platz ein. Neue Akzente sind durch eine angestrebte höhere Transparenz des Wirtschaftsmanagements sowie - ansatzweise - durch einen sozialen Dialog hinzugekommen, der die Preis- und Lohnpolitik stärker an die makroökonomische Stabilität binden soll. | ||
| Trotz bemerkenswerter Fortschritte ... | Das im Mai 2001 neu formulierte Stabilisierungsprogramm ist in wichtigen Teilen vorangekommen. Die Situation im Bereich der öffentlichen Finanzen hat sich verbessert, mehrere außerbudgetäre Fonds wurden aufgelöst. Bemerkenswert ist ein - zumindest zeitweiliger - Rückgang der Inflationsrate; sie ist freilich im zweiten Halbjahr wieder gestiegen. Ein Erfolg ist auch die günstige Entwicklung der Leistungsbilanz, die seit März 2001 positiv ist. Auch wurde mit wichtigen Strukturreformen begonnen. Dazu gehören die Schaffung gesetzlicher Grundlagen zur Privatisierung von großen Staatsbetrieben und die Errichtung einer unabhängigen Zentralbank. Bei der Neuordnung des Bankensektors hat der IWF wiederholt Fortschritte attestiert. [3] Auch die eingeleitete Trennung von Politik und dem Management wichtiger Institutionen findet Anerkennung. Insbesondere die bei Türk Telekom eingeleiteten Reorganisationsmaßnahmen und die Neugestaltung des öffentlichen Beschaffungswesens (von Januar 2003 an) sind hier zu nennen. Diese Schritte zielen auf mehr Transparenz und Annäherung an EU-Standards. | ||
| ... noch weit entfernt vom Stabilisierungsziel | Gemessen an den offiziellen Projektionen von Mitte 2001 verlief die Entwicklung der makroökonomischen Eckdaten im vergangenen Jahr insgesamt ungünstiger. So dürfte der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im Jahre 2001 etwa 7 % betragen haben (Tabelle 1); das entspricht einer Verringerung des Sozialprodukts um 8,5 % und ist der stärkste Rückgang seit dem Zweiten Weltkrieg. [4] Das Wachstumsziel für 2002 wurde schon im November 2001 von 5 % auf 4 % zurückgenommen, inzwischen werden 3 % erwartet. [5] Die Leistungsbilanz konnte 2001 insgesamt zwar mit einem Überschuss abschließen. Dieser Trend wird aber angesichts des sich erholenden Pfund-Kurses nicht anhalten; für 2002 wird offiziell schon ein Defizit von fast 2 Mrd. US-$ genannt. Die Inflationsrate lag Ende 2001 bei etwa 68 %. Mittelfristig wird ein Inflationspfad skizziert, der für 2003 eine Absenkung auf 20 % und für 2004 einen weiteren Rückgang auf 12 % vorsieht. Mit Blick auf den bisherigen Verlauf erscheint diese Vorstellung kaum realistisch. | ||
| Außenwirtschaft: Defizit im Warenhandel ... |
Bei der Errichtung der Zollunion mit der EU im Jahre 1996 hat die Türkei ihre Importzölle auf Industrieprodukte abgeschafft und einen gemeinsamen Außentarif für Industriegüter und industrielle Komponenten verarbeiteter Agrarprodukte eingeführt. Als Folge der Beseitigung bilateraler Schranken hat der Warenverkehr mit der EU rasch zugenommen. Dies betrifft freilich vor allem die Einfuhr der Türkei. Die Ausfuhr stieg demgegenüber nur geringfügig, weil die meisten verarbeiteten Erzeugnisse ohnehin bereits seit längerem zollfrei geliefert werden können und die Liberalisierung im Bereich landwirtschaftlicher Produkte noch aussteht. Das Hauptziel der türkischen Exporte sind die Mitgliedsländer der EU. In den vergangenen Jahren ging durchschnittlich etwas mehr als die Hälfte des Gesamtexports dorthin. Das wichtigste Abnehmerland ist hier Deutschland. Sieht man vom so genannten "Kofferhandel" (shuttle trade) ab, [6] betrug der Anteil der Exporte nach Deutschland in den späten 90er Jahren etwa 21 %. Auf der Importseite (ohne militärische Ausrüstungen) ist der Stellenwert der EU-Länder insgesamt ähnlich groß wie bei der Ausfuhr, während die Verteilung auf einzelne Lieferländer mehr streut. So ist Deutschlands Bedeutung als Herkunftsland mit etwa 15 % weniger ausgeprägt denn als Absatzgebiet. | ||
| ... zum Teil kompensiert durch Tourismus |
Angesichts der chronisch defizitären Warenbilanz kommt es entscheidend darauf an, in welchem Maße dieses Defizit durch einen Nettoexport von Dienstleistungen oder durch sonstige Devisenzuflüsse zumindest teilweise ausgeglichen werden kann. Unter den verschiedenen Dienstleistungssparten, die international angeboten werden, spielt der Reiseverkehr und darunter - für die Türkei besonders wichtig - der Tourismus eine zentrale Rolle. [7] Von 1993 bis 1998 überstieg der Nettobetrag der Deviseneinnahmen aus Tourismus die Überweisungen der Gastarbeiter, fiel dann jedoch 1999 wegen der Unsicherheit im Zusammenhang mit der Suche und Verhaftung von Abdullah Öcalan sowie des Erdbebens im Marmaragebiet deutlich zurück (Abbildung 1). Gegenüber dem Jahr zuvor war das ein Einnahmerückgang um gut ein Viertel; bei den aus dem Ausland ankommenden Personen war es ein Fünftel weniger. Dabei riss der Strom von Besuchern aus Deutschland besonders deutlich ab (-37 %). [8] Freilich wurde der scharfe Einnahmerückgang im Jahr darauf sogar überkompensiert; 2000 gab es eine Rekordzahl von gut 10 Mill. Ankünften. Diese dürfte 2001 noch übertroffen worden sein. Die Entwicklung der türkischen Leistungsbilanz wird auch künftig von den genannten Komponenten abhängen. Die Tourismusbranche wird sich ohne neue politische oder seismische Erschütterungen mittelfristig weiter erholen. Viele Marktbeobachter gehen davon aus, dass die derzeitige allgemeine Reiseflaute nicht von langer Dauer sein wird. Auch auf Gastarbeiterüberweisungen etwa im bisherigen Umfang wird bis auf weiteres zu zählen sein. Eine wesentliche Steigerung der Deviseneinnahmen aus dieser Quelle kann jedoch kaum erwartet werden. Angesichts der hohen Defizite im Warenverkehr bleibt die Verbesserung des Saldos eine wichtige Aufgabe. [9] Zwar deutet sich seit dem vergangenen Frühjahr eine höhere Ausfuhr-/Einfuhrrelation an: Lag dieser Deckungsgrad in den letzten fünf Jahren bei durchschnittlich knapp 60 %, erhöhte er sich im Jahre 2001 deutlich. Diese Entwicklung geht aber im Wesentlichen auf gedämpfte Importe zurück - eine direkte Folge des Verfalls der internationalen Kaufkraft des türkischen Pfundes. Hingegen konnte die Abwertung nicht in durchschlagende Erfolge auf der Exportseite umgemünzt werden. | ||
| Ausländische Direktinvestitionen |
Weltweit hat der Außenhandel über die Jahre schneller zugenommen als die Produktion, blieb jedoch hinter dem Zuwachs der grenzüberschreitenden Direktinvestitionen zurück. Dieses Muster findet sich in vielen Ländern, nicht aber in der Türkei. Hier kommen ausländische Direktinvestitionen nur zögernd ins Land. Der Zufluss ist zwar stetig, im internationalen Vergleich aber mäßig - und dies bereits seit längerer Zeit. Damit kommt ein wichtiges Instrument des Technologietransfers, das zudem in Bezug auf die externe Verschuldung neutral ist, kaum zum Tragen. Die Bedeutung der Türkei als Standort für ausländische Investoren wurde deutlich relativiert, als nach der politischen Wende die Länder Mittel- und Osteuropas attraktiver wurden. Deren mehr oder minder konsequente Reformpolitik, ein gutes Arbeitskräftereservoir, weniger Inflation und die größere Nähe zu Westeuropa ließen die Türkei in der Wahrnehmung potentieller ausländischer Investoren noch weiter zurückfallen. Nicht nur die Spitzenreiter unter den neuen Konkurrenten konnten deutlich kräftigere Zuflüsse verzeichnen; selbst das "Schlusslicht" unter den EU-Beitrittskandidaten, Rumänien, hatte bei den Direktinvestitionen mehr Erfolg als die Türkei. Dies gilt nicht nur für die absoluten Beträge, sondern auch in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (Abbildung 2). | ||
| Gute Voraussetzungen ... | Auf den ersten Blick bietet die Türkei - ungeachtet der gegenwärtigen Krise - eine Reihe von Voraussetzungen, die für potentielle Investoren bei der Suche nach günstigen Standorten als wesentlich gelten. Dazu zählen vor allem die beachtliche Größe des heimischen Marktes (gut 65 Mill. Einwohner und ein Bruttoinlandsprodukt von rund 200 Mrd. US-$) sowie das von den Kosten her günstige Reservoir an qualifizierter Arbeit. Hinzu kommen leistungsfähige und wettbewerbserprobte lokale Firmen. Darüber hinaus wird der günstige Zugang zu anderen Märkten ins Feld geführt. Aber auch die geographische Lage zwischen Europa, dem Mittleren Osten und Zentralasien (z. B. "Energiebrücke" zwischen kaspischem Raum und Westeuropa) wird in diesem Zusammenhang immer wieder genannt. | ||
| ... doch nur bescheidener Zufluss |
Nach Angaben des türkischen Schatzamtes belief sich der jährliche Zustrom ausländischer Direktinvestitionen, bei erheblicher Fluktuation von Jahr zu Jahr, im Durchschnitt der 90er Jahre auf weniger als 1 Mrd. US-$ [10] (Tabelle 2). Parallel zur Entwicklung im Tourismussektor war dabei 1998/99 ein kräftiger Rückgang hinzunehmen. Dieser wurde im Jahre 2000 jedoch mehr als ausgeglichen, und die - noch vorläufigen - Angaben für 2001 deuten auf eine weitere kräftige Steigerung hin (realisierte Beträge). Investoren aus Deutschland waren daran zu 13 % beteiligt. Im längerfristigen Durchschnitt lagen sie hinter denen aus den Niederlanden an zweiter Stelle (genehmigte Vorhaben). Zu den Ursachen für die deutliche Zunahme der Direktinvestitionen in jüngster Zeit dürfte neben der Abwertung der Währung auch die Privatisierungspolitik zu zählen sein. Insgesamt jedoch ist der Zustrom im internationalen Vergleich weiterhin gering. Alle ausländischen Direktinvestitionen (erforderliches Minimum 50 000 US-$) sind seit Jahren einem Genehmigungsverfahren unterworfen. [11] Es gibt indes keine Schwelle in Form einer Mindestwertschöpfung oder einer bestimmten Exportquote; insofern stellt die Prüfung keine ernsthafte Hürde dar. Wie im letzten WTO-Länderbericht festgestellt, handelt es sich um eine nichtdiskriminierende Routinemaßnahme, die in der Vergangenheit weder Investitionen verhinderte noch den Wettbewerb begrenzte. [12] Tatsache bleibt jedoch, dass auch in der zweiten Hälfte der 90er Jahre nur rund die Hälfte der geplanten Investitionen, die schon die Prüfung durchlaufen hatten, auch verwirklicht wurde. Punktuell lassen sich dafür Gründe finden. So erklärt sich die geringere Attraktivität im Vergleich zu Mittel- und Osteuropa daraus, dass dort schon intensiv privatisiert wurde, als dieses wirtschaftspolitische Ziel in der Türkei noch nicht im Vordergrund stand, also Direktinvestitionen in Form von Beteiligungen und Übernahmen keine große Rolle spielten. Auch machen die Zahlen deutlich, dass die Zollunion mit der EU (1996) zwar eine Welle von Anträgen auf Erteilung der erforderlichen Genehmigung ausgelöst hat, die damit verbundenen Vorstellungen über Investitionsgelegenheiten aber offenbar nicht der Realität entsprachen. [13] Tatsache bleibt die relativ geringe Ausnutzungsquote über längere Zeit. Investoren schrecken insbesondere bei hoher Ungewissheit in Bezug auf den Wechselkurs davor zurück, sich neu oder zusätzlich im Land zu engagieren; den gleichen Effekt haben zweistellige Inflationsraten. Darüber hinaus steht die türkische Bürokratie im Ruf, besonders unübersichtlich organisiert zu sein, zudem Ansprechpartner mit mangelnder Qualifikation bereitzustellen, dilatorisch vorzugehen und zu nicht kalkulierbaren Ergebnissen zu kommen. International erfahrene Investoren vermissen selbst Minimalstandards in Bezug auf hinreichend verlässliche und abschätzbare Entscheidungen der Verwaltung, ohne die sie ernsthafte, auf längere Frist gerichtete Investitionsplanungen nicht glauben vornehmen zu können. [14] In ihrem jüngsten Fortschrittsbericht hält die EU das Potential für ausländische Direktinvestitionen für bei weitem nicht ausgeschöpft. Angesichts der geringen eigenen Aufwendungen für Forschung und Entwicklung beeinträchtige dies die Wettbewerbsfähigkeit der türkischen Wirtschaft. Es gilt, gezielt mehr Auslandskapital zu attrahieren, und zwar weniger in Form von sprunghaften Portfolio-Engagements, sondern vor allem im Bereich längerfristig angelegter Direktinvestitionen. Die Modernisierung des Kapitalstocks und der Zugang zu neuem Know-how sollten die wesentlichen Ansatzpunkte der Wirtschaftspolitik sein. Dazu zählen die Verringerung oder völlige Abschaffung von Beschränkungen für ausländische Investoren [15] wie auch die Schaffung von Anreizen. Zugesagt wurde dem Währungsfonds für Anfang 2002 [16] eine grundlegende Neufassung des Gesetzes über Auslandsinvestitionen. Damit würden Empfehlungen einer Unternehmerbefragung [17] umgesetzt werden. Zudem soll die Zahl der für einen Antrag auf Investitionshilfe erforderlichen Dokumente deutlich reduziert werden. Inwieweit damit die Reihe bürokratischer Hindernisse im Bewilligungsverfahren für Auslandsinvestitionen tatsächlich verkürzt wird, bleibt abzuwarten. | ||
| Perspektive |
Die wirtschaftlichen Folgen der Anschläge vom 11. September sind für die Türkei ambivalent. Mit ihrer hohen Verschuldung, der Abhängigkeit vom weltweit lahmenden Tourismus und der Nähe zum Mittleren Osten bekommt sie die Zurückhaltung von Investoren zu spüren, die derzeit gegenüber Schwellenländern ohnehin kritisch eingestellt sind. Dem steht die verstärkte strategische Bedeutung gegenüber, die dem Land wahrscheinlich genügend internationale Unterstützung sichert, um seinen aktuellen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen. Ausschlaggebend ist dabei die überwiegend positive Haltung der USA und des IWF; auch die Weltbank unterstützt den eingeschlagenen Weg. Allerdings gibt es auch kritische Stimmen, die auf unübersehbare Risiken in der Dynamik der Verschuldung verweisen. [18] Der Grat zum Erfolg ist schmal. Zumindest dürfte sich die binnenwirtschaftliche sowie die innenpolitische Situation weniger dramatisch entwickeln als etwa in Argentinien. Es erweckt im Ausland Vertrauen, dass der Wirtschaftsminister, Kemal Dervis, darauf drängt, Politik und Wirtschaft schärfer zu trennen. Die Erfüllung der IWF-Auflagen muss weiterhin eingefordert werden - ungeachtet der wichtiger gewordenen geopolitischen Rolle des Landes. Schmerzliche Einschnitte wie Ausgabenkürzungen im staatlichen Bereich, die Neugestaltung des ineffizienten und zum Teil korrupten öffentlichen Beschaffungswesens sowie die Schritte zur Stabilisierung des Bankensystems wären ohne den Druck von außen nicht zustande gekommen. Denn die derzeit regierende Dreier-Koalition hat wiederholt auch dringend erforderliche Entscheidungen hinausgeschoben.
Umso mehr zählen gemeinsame konstruktive Schritte wie bei den seit dem Herbst auf den Weg gebrachten Gesetzesvorlagen, von denen mehrere inzwischen auch die legislative Hürde genommen haben. Soweit sie nicht durch die Art der administrativen Umsetzung konterkariert werden, sind damit wichtige Schritte auf dem Reformkurs vollzogen. Weniger staatliche Einflussnahme, mehr budgetäre Disziplin und die Eindämmung des inflationären Drucks bleiben weiterhin die Schlüsselfaktoren auf den Etappen zur Wiedererlangung makroökonomischer Stabilität und politischer Glaubwürdigkeit.
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-------------------------------------------------------------------------------Tabelle 1
Indikatoren zur wirtschaftlichen Lage in der Türkei
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1990 1995 1996 1997 1998 1999 2000
Bruttoinlandsprodukt
(Veränderung geg.
Vorjahr in %) 9,3 7,2 7,0 7,5 3,1 -4,7 7,2
Arbeitslosenquote
(in %) 7,8 7,3 6,4 6,6 6,7 7,5 6,4
Verbraucherpreise
(Veränderung geg.
Vorjahr in %) (2) · 78,9 79,8 · 69,7 68,8 39,0
Warenausfuhr
(Mrd. US-$) 13,0 22,0 32,4 32,6 31,2 29,3 31,7
Wareneinfuhr
(Mrd. US-$) 22,6 35,2 43,0 48,0 45,4 39,8 54,0
Warenhandelssaldo
(Mrd. US-$) -9,6 -13,2 -10,6 -15,4 -14,2 -10,4 -22,4
Leistungsbilanzsaldo
(Mrd. US-$) -2,6 -2,3 -2,4 -2,6 2,0 -1,4 -9,8
Leistungsbilanzsaldo/
BIP (in %) -1,7 -1,5 -1,3 -1,3 1,1 -0,9 -4,9
Gastarbeiterüberwei-
sungen (Mrd. US-$) 3,2 3,3 3,5 4,2 5,4 4,5 4,6
Gesamte Auslands-
verschuldung
(Mrd. US-$) (4) 49,4 73,8 79,6 84,8 97,2 103,3 117,8
Internationale
Reserven (einschl.
Gold, in Mrd. US-$) 6,0 12,4 16,3 18,4 19,7 23,2 22,2
Wechselkurs gegenüber
dem US-$ 2 609 45 845 81 405 151 865 260 724 418 783 625 218
-------------------------------------------------------------------------------
2001
vorläufig
Bruttoinlandsprodukt
(Veränderung geg.
Vorjahr in %) -7,0 (1)
Arbeitslosenquote
(in %) 6,9
Verbraucherpreise
(Veränderung geg.
Vorjahr in %) (2) 68,5
Warenausfuhr
(Mrd. US-$) 25,8 (3)
Wareneinfuhr
(Mrd. US-$) 29,9 (3)
Warenhandelssaldo
(Mrd. US-$) -4,1 (3)
Leistungsbilanzsaldo
(Mrd. US-$) 2,5 (3)
Leistungsbilanzsaldo/
BIP (in %) ·
Gastarbeiterüberwei-
sungen (Mrd. US-$) 2,1 (3)
Gesamte Auslands-
verschuldung
(Mrd. US-$) (4) 111,9 (5)
Internationale
Reserven (einschl.
Gold, in Mrd. US-$) 18,7
Wechselkurs gegenüber
dem US-$ 1 474 500 (4)
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(1) Statt der Projektion der OECD für 2001 (-4,2 %) hier die Angabe der
türkischen Regierung gegenüber dem IWF.
(2) In städtischen Gemeinden; per Jahresende (Veränderung gegenüber Dezember
des Vorjahres).
(3) Januar bis September.
(4) Jahresende.
(5) II. Quartal.
Quellen: Türkische Zentralbank; Staatssekretariat für Außenhandel;
Staatliche Planungsorganisation (Amt des Premierministers);
Statistisches Amt der Türkei; OECD: Economic Outlook, Juni 2001;
Internationaler Währungsfonds: International Financial Statistics, Januar 2002;
Weltbank: World Development Indicators 2001;
International Herald Tribune vom 28.01.2002.
DIW Berlin 2002
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-------------------------------------------------------------------------------Tabelle 2
Ausländische Direktinvestitionen
(genehmigt und realisiert)
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Investitionsvolumen Ausnutzungsgrad
erteilter
genehmigt realisiert Genehmigungen
Mill. US-$ %
1990 1 861 788 42
1991 1 967 910 46
1992 1 820 912 50
1993 2 063 797 39
1994 1 478 637 43
1995 2 938 935 32
1996 3 837 937 24
1997 1 678 873 52
1998 1 647 982 60
1999 1 701 823 48
2000 3 060 1 707 56
2001 2 004 (1) 2 161 (2) 108 (3)
1990-2000 26 054 12 462 48
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(1) Januar bis September.
(2) Januar bis Juli.
(3) Ein Ausnutzungsgrad von > 100 % bedeutet einen Rückgriff auch auf früher
erteilte Genehmigungen.
Quellen: Staatliche Planungsorganisation (Amt des Premierministers);
Berechnungen des DIW Berlin.
DIW Berlin 2002
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