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Wochenbericht des DIW Berlin 50/00

EWU: Wachstum schafft Beschäftigung

Bearbeiter Camille Logeay
Joachim Volz
Die Beschäftigungsentwicklung in den EWU-Ländern hatte ihren Tiefpunkt zwar schon 1993/94 erreicht, aber erst seit 1997 bessert sich die Arbeitsmarktlage deutlich. Die Arbeitslosigkeit ist aber immer noch hoch, so dass die Ausweitung der Beschäftigung ein vorrangiges Ziel der Wirtschaftspolitik bleibt.

Um die Situation auf dem Arbeitsmarkt umfassend beurteilen zu können, darf man nicht allein die Arbeitslosenquoten und die Beschäftigtenzahlen in den einzelnen Ländern betrachten. Aussagekräftiger ist eine Analyse des in Stunden gemessenen Arbeitsvolumens, also der gesamten Nutzung des Faktors Arbeit. Hierbei zeigt sich ein enger Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Entwicklung des Arbeitsvolumens. Dieser ist allerdings in den einzelnen EWU-Ländern unterschiedlich ausgeprägt und im Konjunkturzyklus deutlichen Veränderungen unterworfen. Bemerkenswert ist, dass das Wachstum in der EWU im Aufschwung genauso beschäftigungsintensiv ist wie in den USA.

Der Untersuchungszeitraum umfasst im Wesentlichen die Jahre 1993 bis 2000, also die Zeit vom Tiefpunkt der letzten Rezession bis zum vorläufigen konjunkturellen Höhepunkt in diesem Jahr. Um die Arbeitsmarktentwicklung wie auch die beschäftigungspolitischen Erfolge genauer beurteilen zu können, wäre eine längere Untersuchungsperiode, die den gesamten Konjunkturzyklus von 1989 bis 1999 umfasste, vorzuziehen. In den statistischen Reihen für wichtige Arbeitsmarktindikatoren vieler EWU-Länder gibt es aber für die Jahre vor 1993 zahlreiche Lücken und statistische Brüche. Ohnehin sind die Arbeitsmarktstatistiken in Bezug auf Qualität und internationale Vergleichbarkeit mit starken Mängeln behaftet, so dass von den europäischen Institutionen in diesem Bereich nicht ohne Grund eine Verbesserung gefordert wird. [1] Unter Heranziehung von Daten internationaler Organisationen, aber auch von Informationen nationaler Institute, wurde hier versucht, die Lücken in den Datenreihen ab 1993 zu schließen. Da es über die jeweiligen Niveaus weniger sichere Information gibt als über die Entwicklungen, wurden an gegebener Stelle vor allem Indexwerte für die Untersuchung herangezogen. Untersuchungsgegenstand ist die Arbeitsmarktlage im EWU-Raum, zu dem von Januar 2001 an auch Griechenland gehört.

Makroökonomische Rahmenbedingungen Ist eine einschneidende Verbesserung der Arbeitsmarktlage vor allem durch Wachstum zu erreichen? Um dies beurteilen zu können, ist eine Berücksichtigung der makroökonomischen Rahmenbedingungen erforderlich. Die Wirtschaftspolitik der Länder der Europäischen Union, die eine Währungsunion anstrebten, war in den Jahren nach 1993 von den Kriterien des Maastricht-Vertrages geprägt. Damit wurde der Spielraum vor allem für die Fiskalpolitik ausgerechnet in einer Zeit beschränkt, in der viele Länder sich gerade von der EWU-weiten Rezession im Jahr 1993 zu erholen begannen und in der die Arbeitslosigkeit ein Rekordniveau erreichte. Zugleich war die Geldpolitik unter der Führung der Bundesbank restriktiv. Unter Druck gerieten vor allem jene Länder, die anders als der Stabilitätsanker Deutschland noch hohe Inflationsraten aufwiesen. Damit waren die zwei wichtigsten makroökonomischen Politikbereiche auf Restriktion ausgerichtet. Von 1993 bis 1997 lag denn auch die durchschnittliche Wachstumsrate im Euroraum insgesamt nur bei 2 %. Mit Ausnahme eines kurzen, kräftigen Aufschwungs 1994 war die wirtschaftliche Entwicklung bis 1996 sehr gedämpft (Tabelle 1). Erst 1997 kam es zu einem anhaltenden Aufschwung, der durch die Krisen in Asien, Russland und Lateinamerika nur kurz beeinträchtigt wurde.

Die Lohnpolitik im Euroraum war im Bemühen um niedrigere Inflationsraten während dieses Zeitraums überwiegend zurückhaltend. Mit Ausnahme des Jahres 1995, in dem die Löhne noch einmal kräftiger gestiegen waren, gingen die Lohnzuwächse bis 1999 von Jahr zu Jahr zurück; die Lohnstückkosten für den Euroraum insgesamt blieben in mehreren Jahren annähernd konstant. Die starke Lohnmäßigung schlug sich gesamtwirtschaftlich vor allem in einer bis 1997 unterdurchschnittlichen Entwicklung des privaten Verbrauchs nieder. Diese Konsumschwäche wurde erst überwunden, als die Geldpolitik gelockert wurde und in der Folge Produktion und Beschäftigung beschleunigt wuchsen. Erst in diesem Zeitraum kam es auch zu einem merklichen Abbau der Arbeitslosigkeit.

Arbeitsmarktindikatoren in den neunziger Jahren [2] Arbeitslosenquote und Zahl der Arbeitslosen Insgesamt ist die Verbindung zwischen dem Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktion und der Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der EWU eng; die Zahl der Arbeitslosen und damit auch die Arbeitslosenquote (standardisierte Quote nach den Berechnungen der OECD) folgten der Konjunktur. Bei sehr unterschiedlichen Ausgangsniveaus stieg die Arbeitslosigkeit in der Rezession 1993 in der EWU insgesamt stark an und verharrte danach auf dem hohen Niveau; die standardisierte Arbeitslosenquote betrug in der EWU von 1993 bis 1997 gut 11% (Abbildung 1 und Tabelle 2).

Weit unter dem Durchschnitt lagen die Arbeitslosenquoten in Luxemburg, Österreich, Portugal und den Niederlanden, nur wenig nach unten wichen sie in Deutschland und Belgien ab. In Spanien, Italien, Frankreich und Finnland war die Quote durchweg, in Irland hingegen nur vorübergehend überdurchschnittlich hoch.

Bemerkenswerte Unterschiede gab es auch bei der Entwicklung der Arbeitslosenqoten. Besonders große arbeitsmarktpolitische Fortschritte bei hohen Ausgangsniveaus erzielten Spanien, Finnland und vor allem Irland, dessen Arbeitslosenquote von 15 % im Jahr 1993 auf 4 1/2 % bis zum Jahr 2000 und damit deutlich unter den EU-Durchschnitt (8,8 %) gesunken ist. Große Erfolge verbuchten die Niederlande mit der Erreichung der sehr niedrigen Arbeitslosenquote von 2 1$%)Jèéñùniger kamen Belgien und Italien beim Abbau der hohen Arbeitslosigkeit voran, während die Arbeitslosenquoten in Deutschland und Frankreich in ähnlichem Maße wie der EU-Durchschnitt zurückgingen.

Erwerbstätige und offene Stellen Spiegelbildlich zur Arbeitslosigkeit - allerdings mit deutlicher Verzögerung - entwickelte sich die Zahl der Erwerbstätigen. Zu Beginn der neunziger Jahre ging sie um rund 4 Millionen auf 115,6 Millionen zurück, in den Jahren danach stieg sie zunächst allmählich, dann ab 1998 rasch an; insgesamt nahm sie um über 9 Millionen auf 124,7 Millionen zu. Damit liegt die Erwerbstätigenzahl heute um rund 8 % höher als im Tiefpunkt 1994 und immerhin noch rund 5 % höher als zu Beginn der neunziger Jahre. Für den Anstieg der Erwerbstätigenzahl spielt auch eine Rolle, dass die Erwerbsbevölkerung in der EWU gestiegen ist, um rund 0,3 % in der ersten und um gut einen halben Prozentpunkt in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre. Die Erwerbsquote für den Euroraum insgesamt schwankte in diesem Zeitraum allerdings nur wenig; sie liegt bei rund 65 %. Besonders hoch war die Zunahme der Erwerbstätigkeit in Irland, den Niederlanden, Spanien und Luxemburg. Unter den drei großen Volkswirtschaften zeigt sich lediglich für Frankreich ein spürbarer Zuwachs, während in Deutschland das Niveau von Anfang der neunziger Jahre erst in diesem Jahr wieder erreicht werden dürfte, und die Erwerbstätigenzahl in Italien sogar immer noch unter dem damaligen Stand liegt (Tabelle 2).

Neben der Zahl der Erwerbstätigen ist die der offenen Stellen ein wichtiger Indikator für die Lage am Arbeitsmarkt. Allerdings sind hier die Daten noch lückenhafter und noch weniger vergleichbar; für Irland, Italien und Griechenland fehlen entsprechende Angaben ganz. Soweit Daten vorliegen, zeigt sich für die meisten Länder eine Vervielfachung der Zahl der offenen Stellen gegenüber den Jahren 1993/94 (Abbildung 2). Die Anspannung am Arbeitsmarkt lässt sich insbesondere durch die sogenannte Vakanzenquote darstellen; dies ist die Relation zwischen der Zahl der gemeldeten offenen Stellen und der Zahl der Erwerbstätigen zuzüglich Arbeitslosen. Sie ist damit eine Art Spiegelbild zur Arbeitslosenquote (Abbildung 3). Dabei ist allerdings darauf hinzuweisen, dass die gemeldeten offenen Stellen nicht die gesamte Arbeitsnachfrage erfassen, da die Unternehmen nicht verpflichtet sind, ihre unbesetzten Stellen bei den Arbeitsämtern melden. Zudem ist die Meldequote (gemeldete offene Stellen/unbesetzte Stellen insgesamt) nicht stabil; sie weist - zumindest für Deutschland - einen antizyklischen Verlauf auf. [3]

Wie Abbildung 3 zeigt, liegt ein Wendepunkt der Entwicklung der Vakanzenquote in den meisten Ländern im Jahr 1994. Die Quote der gemeldeten offenen Stellen steigt rasch an, und die Arbeitslosenquote geht merklich zurück. In Spanien und den Niederlanden ist dies besonders ausgeprägt; ähnlich ist die Entwicklung in Finnland, Portugal und Belgien. Der Wendepunkt korrespondiert weitgehend mit dem jeweiligen Aufschwungsbeginn. Daher ist es nicht verwunderlich, wenn sich ein solcher Wendepunkt in Frankreich (1997) und in Deutschland (1998) erst später zeigt. Hier blieben die Arbeitslosenquoten während der ersten Hälfte der neunziger Jahre zunächst auf annähernd gleich hohem Niveau oder stiegen sogar noch.

In allen Ländern nimmt die Vakanzenquote stärker zu, als die Arbeitslosenquote zurückgeht. Dies weist zwar auf gewisse Verhärtungen am Arbeitsmarkt hin: nicht immer entsprechen die gewünschten den angebotenen Qualifikationen, zumal sich gerade bei andauernder Arbeitslosigkeit Qualifikationsverluste ergeben. Insgesamt ist jedoch zu beobachten, dass die Vakanzenquote in nahezu allen Ländern im Verhältnis zur Arbeitslosenquote immer noch relativ gering ist. Dies spricht alles in allem gegen ein erhebliches Auseinanderklaffen von angebotenen und nachgefragten Qualifikationen auf dem Arbeitsmarkt. Nur in den Niederlanden haben beide Quoten ein ähnliches Niveau. Da die tatsächliche Zahl der offenen Stellen auch hier deutlich über den gemeldeten liegen dürfte, wird die Quote der unbesetzten Stellen sogar höher als die Arbeitslosenquote sein. In den Niederlanden scheint also anders als in der EWU insgesamt ein beträchtlicher Arbeitskräftemangel zu bestehen.

Arbeitsvolumen Über den Aufbau von Beschäftigung sagt die Entwicklung des Arbeitsvolumens (geleistete Arbeitsstunden der Erwerbstätigen) mehr aus als die Entwicklung der Zahl der Erwerbstätigen. Dies gilt insbesondere in einer Zeit, in der sich 'reguläre' Arbeitsverhältnisse zunehmend auflösen und flexible Arbeitszeitformen gewählt werden können oder müssen. Eine Erhöhung der Erwerbstätigenzahl führt nicht zu einem höheren Arbeitsvolumen, wenn gleichzeitig die durchschnittliche Arbeitszeit entsprechend reduziert wird, z. B. durch Ausweitung der Teilzeitarbeit (Tabelle 3). [4] Allerdings sind die Statistiken zum Arbeitsvolumen unzureichend. Über die durchschnittlich von den Erwerbstätigen gearbeitete Zeit liegen für den Euroraum insgesamt keine vollständigen Angaben vor. Immerhin konnten auf der Basis von Schätzungen und Erhebungen der OECD und des Europäischen Statistischen Amtes sowie einer Reihe von Einzelinformationen seitens anderer Institute eigene Berechnungen durchgeführt und die Reihen für die Jahre von 1994 bis 2000 vervollständigt werden. [5] Infolge unterschiedlicher Erhebungsmethoden und Abgrenzungen sind die Niveaus für die einzelnen Länder weniger vergleichbar als die hier vor allem betrachteten Entwicklungen des Arbeitsvolumens. Aufgrund der Kürze und der niedrigen Frequenz (Jahresdaten) der Datenreihen sind ökonometrische Analysen, die aus methodischer Sicht eigentlich erforderlich wären, derzeit noch nicht möglich. Deshalb muss die folgende Analyse weitgehend deskriptiv bleiben.

Für die Jahre 1993 bis 2000 ergibt sich für den EWU-Raum eine Steigerung des in Stunden gemessenen Arbeitsvolumens um rund 6 %; die Zunahme entfällt fast ausschließlich auf die Jahre 1998 bis 2000. Dabei stieg die Zahl der Erwerbstätigen deutlich stärker als das Arbeitsvolumen. Erheblich expandiert hat das Arbeitsvolumen in Irland, Spanien, den Niederlanden und Luxemburg. Auch in Finnland stieg es rasch, jedoch war hier zunächst der drastische Beschäftigungseinbruch vom Beginn der neunziger Jahre zu kompensieren. In Deutschland und Italien, den beiden Ländern mit dem von 1991 bis 2000 im Durchschnitt niedrigsten Wirtschaftswachstum, ist das Arbeitsvolumen erst jetzt so groß wie 1993. Es entwickelte sich damit deutlich schlechter als im EWU-Durchschnitt.

Zur Beschäftigungsintensität des Wachstums Häufig wird argumentiert, die konjunkturelle Expansion könne die Probleme am Arbeitsmarkt bestenfalls teilweise lösen. [6] Um Vollbeschäftigung zu erreichen, seien vielmehr weitergehende strukturelle Reformen notwendig. Hinter dieser Behauptung steht die Überlegung, dass das Wachstum in der EWU aufgrund institutioneller Rigiditäten - vor allem im Vergleich zu den USA - zu wenig beschäftigungsträchtig sei. Wie weit das Wachstum mit mehr Beschäftigung (in geleisteten Arbeitsstunden) einhergeht, lässt sich durch den Quotienten aus der Veränderungsrate des Arbeitsvolumens und des realen Bruttoinlandsprodukts, der Arbeits- bzw. Beschäftigungselastizität des Wachstums, darstellen. Zu berücksichtigen ist dabei, dass dieser Zusammenhang weder im Zeitablauf konstant noch linear in Bezug auf das Wachstum ist. Unmittelbar nach einer Rezession, in einer Phase konjunktureller Erholung, werden bei zwar positivem, aber geringem Wachstum immer noch Arbeitsplätze abgebaut; die Elastizität ist negativ. Erst mit erheblicher Verzögerung wird im Wachstumsprozess die Beschäftigungsschwelle überschritten; die Elastizität wird positiv. Mit der Festigung des Aufschwungs werden sich die Unternehmen zunehmend sicherer über ihre Absatzchancen; die Elastizität steigt weiter, da immer stärker in Produktionserweiterung statt in Rationalisierung investiert wird. Je mehr der Arbeitsmarkt geräumt wird, umso mehr lohnt es sich für die Unternehmen, wieder auf arbeitssparende Produktionsvorgänge zu setzen, da dann die notwendigen Arbeitskräfte nur noch sehr schwer zu bekommen sind. Die Elastizität verringert sich dann wieder.

Diese Zusammenhänge werden deutlich, wenn man die Erholungsphase von 1993 bis 1997, in der das Wachstum in der EWU noch relativ niedrig war, mit den Jahren 1998/99 vergleicht, als sich der Aufschwung stärker gefestigt hatte. Für die EWU-Länder zeigt sich ein weitgehend ähnliches Muster: Während der Rezession und in den Jahren der Erholung hat jeder Prozentpunkt Wirtschaftswachstum weniger Arbeit (Arbeitsvolumen in Stunden) geschaffen als nach der Festigung des Aufschwungs von 1997 an. Die Elastizität war in der ersten Periode mit Ausnahme Österreichs in jedem EWU-Land niedriger als in der zweiten Periode (Abbildung 4). Dies zeigt, dass es eines gefestigten Wachstumsprozesses bedarf, um nachhaltige Beschäftigungserfolge zu erzielen. Gerade das Beispiel Österreichs weist in diese Richtung, denn dessen Wirtschaft war 1993 nicht in einer Rezession und wies bereits bis 1996 ein leicht überdurchschnittliches Wachstum auf. Folglich war dort die Elastizität auch in jener Phase bereits relativ hoch.

In den bezüglich der Beschäftigungsentwicklung erfolgreichsten Ländern, allen voran Spanien und mit Abstand Finnland und die Niederlande, lag das Wachstum merklich über dem Durchschnitt der EWU. In dieser Reihe fehlt allerdings das Land mit den höchsten Wachstumsraten der EWU, Irland. Im Verhältnis zum Wirtschaftswachstum war dort die Arbeitselastizität merklich geringer. Dabei mag eine Rolle gespielt haben, dass am Arbeitsmarkt wegen des sehr hohen Wachstums bereits Engpässe bestehen, die Neueinstellungen beeinträchtigen.

Auffällig ist, dass in der Phase der Erholung bis 1997 alle drei großen Volkswirtschaften der EWU eine negative Elastizität des Arbeitsvolumens aufwiesen. Dies gilt insbesondere für Deutschland, aber auch für Italien und Frankreich. In diesen Ländern war denn auch das Wachstum im Vergleich zu den kleineren Volkswirtschaften gering. In Frankreich setzte aber 1997 ein kräftiger Aufschwung ein. Der Grund für das beschäftigungslose Wachstum in Deutschland und Italien liegt eindeutig in der Wachstumsschwäche. In den Jahren 1993 bis 1997 war das Wirtschaftswachstum in Deutschland und Italien im EWU-Vergleich mit Abstand am geringsten. Gleichzeitig setzte sich dieses Wachstum deutlich anders zusammen als in den anderen EWU-Ländern. Der private Verbrauch expandierte kaum, sein Anstieg war nur etwa halb so hoch wie in der EWU insgesamt. Der öffentliche Verbrauch hat dies in keiner Weise kompensiert; er ging 1997 sogar stärker als in allen anderen EWU- Ländern zurück. Zudem waren die beschäftigungsintensiven Bauinvestitionen in Deutschland 1995/97 rückläufig, während sie im EWU-Durchschnitt immerhin um rund 2 % stiegen. Damit lag die Expansion der Binnennachfrage in Deutschland und auch in Italien in dieser Zeit ständig unter der der EWU insgesamt. Auch dies dürfte dazu beigetragen haben, dass das Wachstum weniger beschäftigungsintensiv als in anderen Ländern war, steigt doch die Produktivität in exportorientierten Bereichen eher schneller. Wie Abbildung 5 zeigt, lag in dem Zeitraum 1995/97 und selbst 1998 der Produktivitätsanstieg in Deutschland als einzigem Land ständig erheblich über dem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts. Mit der Festigung des Aufschwungs auch in Deutschland und Italien hat sich das Bild gewandelt. Jetzt ist das Wachstum auch in diesen beiden Ländern fast so stark wie im EWU-Durchschnitt.

Ein Vergleich mit den USA Versucht man, die Entwicklung der Elastizität des Arbeitsvolumens in der EWU insgesamt mit derjenigen in den USA zu vergleichen, so ist zunächst zu berücksichtigen, dass dort der Konjunkturzyklus einen erheblich anderen Verlauf hatte und der Aufschwung bereits seit Anfang der neunziger Jahre andauert. Daher wurden zum Vergleich für die Abschwungsperiode in den USA der Zeitraum 1989 bis 1993 als Erholungsphase und für die gefestigte Aufschwungsperiode der Zeitraum 1994/1999 gewählt. Für die USA ergibt sich für die erste Periode - die Abschwächung war hier geringer als in der EWU - eine Elastizität, die mit 0,3 deutlich höher war als in der EWU. Die Ursache hierfür dürfte in der im Vergleich zur EWU weitaus kräftigeren Erholung zu suchen sein. In der gefestigten Aufschwungsperiode dagegen stimmt die Elastizität mit etwa 0,7 weitgehend mit der in der EWU überein. Dies zeigt, dass bei sicheren Absatzerwartungen auch die EWU insgesamt eine nachhaltige Verbesserung der Arbeitmarktlage zu erreichen vermag. Die vielfach kritisierten institutionellen Gegebenheiten stehen dem nicht im Wege. Voraussetzung ist allerdings, dass es gelingt, den Aufschwung im Euroraum über einen längeren Zeitraum zu stabilisieren und nicht vorzeitig zum Stillstand kommen zu lassen.

[1] Eine Verbesserung der Statistiken wird ebenso von den deutschen wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstituten eingefordert; vgl. z.B. Die Lage der Weltwirtschaft und der deutschen Wirtschaft im Frühjahr 2000. In: Wochenbericht des DIW, Nr. 16-17/2000, S. 237. Vgl. auch: European Commission/Eurostat: Action Plan on EMU Statistical Requirements, 25. September 2000, S. 3.

[2] Maßnahmen der aktiven Arbeitsmarktpolitik bzw. Arbeitsmarktprogramme i.e.S. werden hier nicht untersucht. Sie hatten längerfristig allerdings auch keinen entscheidenden Einfluss auf die hier vorgestellten Ergebnisse. Sowohl für die EWU insgesamt wie auch für die meisten EWU-Länder haben sich die öffentlichen Ausgaben für diese Programme in Prozent des Bruttoinlandsprodukts wie auch die Zahl der Teilnehmer im Untersuchungszeitraum relativ wenig verändert. Vgl. z.B. OECD, Employment Outlook, Juni 2000, S. 223 ff.

[3] Vgl. IAB-Kurzbericht, Nr.5/1999.

[4] Dies zeigt sich beispielsweise auch bei der Revision der Zahl der Erwerbstätigen auf Grund einer besseren Erfassung der geringfügig Beschäftigten in Deutschland. Vgl. Pressemitteilung des Arbeitsamts, Nr. 56/00.

[5] Die Schätzung für das Jahr 2000 basiert auf der Wachstumsprognose des DIW für diese Länder und der weiter unten ausgewiesenen Beschäftigungselastizität des Wachstums.

[6] Vgl. die Stellungnahme des Sachverständigenrats zum Arbeitslosigkeitsproblem in der Einleitung zu seinem jüngsten Gutachten 'Chancen auf einen höheren Wachstumspfad'.


                                                                             
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Tabelle 1
                                                                       
Bruttoinlandsprodukt (1) der EWU                                                
Index 1993 = 100                                                                
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            1991   1992   1993   1994   1995   1996   1997   1998   1999   2000 
                                                                                
Belgien    100,0  101,5  100,0  103,0  105,5  106,6  110,3  113,3  116,2  120,9 
Deutschl.   98,9  101,1  100,0  102,3  104,1  104,9  106,4  108,6  110,3  113,6 
Finnland   104,6  101,2  100,0  104,0  107,9  112,2  119,3  125,3  129,7  136,6 
Frankreich  99,5  101,0  100,0  102,0  103,6  104,8  106,8  110,3  113,5  117,2 
Griechenl. 100,9  101,6  100,0  102,0  104,1  106,6  110,2  114,3  118,1  122,6 
Irland      94,2   97,4  100,0  105,8  116,1  125,0  138,4  150,3  165,0  179,9 
Italien    100,1  100,9  100,0  102,2  105,2  106,4  108,3  109,9  111,5  114,6 
Luxemburg   88,0   92,0  100,0  104,2  108,2  111,3  119,4  125,3  134,8  142,8 
Niederlande 97,3   99,2  100,0  103,2  105,5  108,7  112,8  117,0  121,1  126,0 
Österreich  98,2   99,5  100,0  102,4  104,1  106,2  107,5  110,6  112,8  116,7 
Portugal    98,6  101,1  100,0  102,2  105,2  108,9  113,0  116,9  120,6  124,6 
Spanien    101,6  102,4  100,0  102,3  105,1  107,5  111,6  116,1  120,4  125,3 
                                                                                
EWU-12 (2)  99,5  100,9  100,0  102,4  104,7  106,3  108,8  111,8  114,6  118,5 
                                                                                
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(1) Zu Preisen von 1995.                                                        
(2) Griechenland wird vom 1. Januar 2001 an Mitglied der EWU sein.              
Quellen: OECD; Eurostat; Schätzungen und Berechnungen des DIW.                  
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Tabelle 2
                                                                       
Arbeitslosenquote, Erwerbstätige und Arbeitsvolumen in der EWU 1991 bis 2000    
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            1991   1992   1993   1994   1995   1996   1997   1998   1999   2000 
                                                                                
                                      Arbeitslosenquote (1) in Prozent          
Belgien      6,6    7,2    8,8   10,0    9,9    9,7    9,4    9,5    9,1    8,5 
Deutschland  4,2    4,5    7,9    8,4    8,2    8,9    9,9    9,4    8,8    7,8 
Finnland     6,6   11,6   16,4   16,7   15,2   14,5   12,6   11,4   10,2    9,5 
Frankreich   9,5   10,4   11,7   12,3   11,7   12,4   12,3   11,8   11,3    9,7 
Irland      14,8   15,4   15,6   14,4   12,3   11,7    9,9    7,6    5,7    4,5 
Italien      8,6    8,9   10,2   11,2   11,6   11,7   11,7   11,8   11,3   10,6 
Luxemburg    1,7    2,1    2,6    3,2    2,9    3,0    2,7    2,7    2,4    2,2 
Niederlande  5,8    5,6    6,6    7,1    6,9    6,3    5,2    4,1    3,3    2,6 
Österreich    .      .     4,0    3,8    3,9    4,3    4,4    4,5    3,8    3,3 
Portugal     4,2    4,3    5,7    7,0    7,3    7,3    6,8    5,2    4,5    4,4 
Spanien     16,4   18,4   22,7   24,1   22,9   22,2   20,8   18,8   15,9   14,3 
                                                                                
EWU-11        .      .    10,8   11,5   11,2   11,4   11,4   10,7    9,9    8,8 
                                                                                
                                     Erwerbstätige, Index 1991 = 100            
                                                                                
Belgien    101,2  100,7  100,0   99,7  100,4  100,8  101,6  102,8  103,8  105,3 
Deutschl.  102,9  101,4  100,0   99,8  100,0   99,7   99,5  100,4  101,5  103,1 
Finnland   114,8  106,6  100,0   99,3  101,5  102,8  105,0  107,5  111,0  112,6 
Frankreich 101,8  101,3  100,0   99,9  100,8  101,0  101,6  103,2  104,9  107,4 
Griechenl.  97,6   99,1  100,0  101,9  102,8  102,3  102,0  105,5  106,5  107,8 
Irland      95,6   98,5  100,0  103,2  108,8  113,0  117,1  129,0  136,5  144,0 
Italien    105,4  104,4  100,0   98,4   97,8   98,3   98,6   99,7  100,9  102,4 
Luxemburg   95,9   98,3  100,0  102,6  105,3  108,1  111,6  116,4  122,2  127,7 
Niederlande 97,7   99,3  100,0   99,9  102,3  104,3  107,9  111,5  114,8  117,7 
Österreich  97,3   99,4  100,0  103,7  104,6  103,2  103,3  103,4  104,9  106,5 
Portugal   109,1  102,1  100,0   99,9   99,3   99,9  101,7  106,4  108,4  110,6 
Spanien    106,5  104,5  100,0   99,1  101,7  104,7  107,8  111,5  116,7  121,4 
                                                                                
EWU-12 (2) 103,2  102,0  100,0   99,7  100,4  100,9  101,7  103,5  105,4  107,6 
                                                                                
                              Arbeitsvolumen (in Std.), Index 1993 = 100        
                                                                                
Belgien       .      .   100,0  100,2  101,5  101,1  102,1  104,5  105,4  106,9 
Deutschland   .      .   100,0   99,8   98,7   98,9   98,2   98,3   99,1  100,7 
Finnland      .      .   100,0  101,4  103,4  105,4  109,2  111,6  114,7  119,4 
Frankreich    .      .   100,0   99,7   99,7   99,7   99,5  100,8  102,2  103,8 
Griechenland  .      .   100,0  101,2  101,9  101,1  100,6  103,3  104,8  106,6 
Irland        .      .   100,0  102,5  107,5  111,9  113,4  120,9  125,6  130,1 
Italien       .      .   100,0   98,4   97,5   98,3   98,1   99,4  100,2  101,6 
Luxemburg     .      .   100,0  101,3  103,4  105,4  107,7  111,4  117,3  122,3 
Niederlande   .      .   100,0   99,3  101,7  103,4  106,9  108,8  111,7  115,2 
Österreich    .      .   100,0  103,7  104,6  103,5  103,9  103,2  104,1  105,6 
Portugal      .      .   100,0   98,9   99,1   99,4   98,8  101,6  102,3  103,0 
Spanien       .      .   100,0   98,6  101,0  103,4  106,5  110,5  115,0  120,2 
                                                                                
EWU-12 (2)    .      .   100,0   99,6   99,6  100,2  100,5  101,9  103,4  105,5 
                                                                                
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(1) Standardisiert.                                                             
(2) Griechenland wird vom 1. Januar 2001 an Mitglied der EWU sein.              
Quellen: OECD; Eurostat; Schätzungen und Berechnungen des DIW.                  
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------------------------------------------------------------------------------- 
Tabelle 3
                                                                       
Anteil der Teilzeitbeschäftigten (1)                                            
an allen Beschäftigten 1990 und 1999                                            
in %                                                                            
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                        1990                   1999                             
Belgien                 14,2                   19,9                             
Deutschland             13,4 (2)               17,1                             
Finnland                 7,5                    9,9                             
Frankreich              12,2                   14,7                             
Irland                   9,8                   18,3                             
Italien                  8,8                   11,8                             
Luxemburg                7,6                   12,1                             
Niederlande             28,2                   30,4                             
Portugal                 6,8                    9,3                             
Spanien                  4,6                    7,9                             
                                                                                
EWU-10 (3)              11,7                   15,0                             
                                                                                
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(1) Als Teilzeitbeschäftigte gelten Personen, die normalerweise weniger als 30  
Stunden in der Woche in ihrem Hauptberuf arbeiten.                              
(2) 1990 Westdeutschland.                                                       
(3) Für Österreich keine Angaben.                                               
Quellen: OECD, Employment Outlook; Berechnungen des DIW.                        
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