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Wochenbericht des DIW Berlin 7/00

Die ökologische Situation in Kasachstan: Eine Bestandsaufnahme

Bearbeiter Michael Müller
Den Umweltproblemen der Staaten Ost- und Mitteleuropas sowie der Nachfolgestaaten der Sowjetunion muss innerhalb der Transformationsforschung angesichts des Ausmaßes der dortigen Umweltbelastung eine größere Beachtung geschenkt werden. Die Umweltschäden in den ehemaligen sozialistischen Ländern sind vorwiegend das Ergebnis einer Vernachlässigung von Umweltaspekten innerhalb der Planungsprozesse sowie stark verzerrter Preise, die einem verschwenderischen Umgang mit Ressourcen Vorschub leisteten. Mittlerweile kommen "moderne" Umweltprobleme wie die zunehmende Belastung durch privaten Verkehr oder Hausmüll dazu. Unter den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion ist Kasachstan eines der Länder mit den größten Umweltproblemen. Bei der Arbeitsteilung zwischen den sozialistischen Staaten kam diesem Land die Versorgung mit Rohstoffen und Vorprodukten zu. Eine Wirtschaftsstruktur, die vorwiegend auf Rohstoffförderung und -verarbeitung beruht, und eine überdimensionierte Schwerindustrie waren die Folgen. Zusätzlich war das große und dünn besiedelte Land der zentrale Standort für nukleare und biologische Waffentests. Es ist nicht zu übersehen, dass die ökologischen Probleme ein nicht zu unterschätzendes Hemmnis für die Entwicklung des Landes darstellen.

Die Preise in den sozialistischen Wirtschaftssystemen spiegelten nur eingeschränkt die Knappheit der Güter wider. Ihre vorrangige Aufgabe war die Gewährleistung der Planerfüllung, die vorwiegend auf politischen Zielen - etwa der Förderung ausgewählter Industriezweige wie der Rüstungs- und Schwerindustrie - oder auf der propagandistischen Unterstreichung der Vorteilhaftigkeit des eigenen Systems beruhte. Besonders die Preise für Rohstoffe und Vorprodukte sowie für Güter des täglichen Bedarfs wurden künstlich niedrig gehalten, was zu einem verschwenderischen Umgang mit diesen Gütern führte. Dadurch wurden der Strukturwandel in Richtung einer umweltschonenden und Ressourcen sparenden Produktion behindert und eine extensive Art des Wirtschaftens konserviert. Abnehmende Produktivitätszuwächse seit Ende der 70er Jahre infolge unzureichender Innovationen verschärften die Probleme.

Eine Vernachlässigung von Umweltthemen innerhalb des Planungsprozesses und der Planumsetzung aufgrund unterschiedlicher Zeithorizonte förderte die Umweltverschmutzung in den ehemaligen sozialistischen Ländern. Während Umweltverschmutzung und Umweltschutz eher langfristigen Charakter haben und ihre Auswirkungen nicht ohne Weiteres zu ermitteln sind, hatte die Planerfüllung einen Zeithorizont von maximal fünf Jahren. Entsprechend strukturiert waren die Anreize für die Leiter der Betriebe und die verantwortlichen Funktionäre der zuständigen Behörden: Eine Nichterfüllung des Planes konnte eine ernsthafte Bedrohung für die Karriere bedeuten, während Umweltverschmutzung nur im Ausnahmefall negative Konsequenzen nach sich zog. Begünstigt wurde umweltschädliches Handeln durch eine unzureichende Ahndung von Umweltverschmutzung und die geringe Höhe der Bußgelder.

"Hot Spots" der Umweltverschmutzung in Kasachstan Zu dem ökologisch katastrophalen Erbe der Sowjetunion gehören vor allem die Folgen der nuklearen und biologischen Tests in Kasachstan - aber nicht nur dort - sowie das Austrocknen des Aralsees.
Nukleare Testgebiete In der ostkasachischen Steppe nahe der Stadt Semipalatinsk wurde nach dem Zweiten Weltkrieg neben der Nordmeerinsel "Novaja Semlja" das zentrale Atombombentestgebiet der Sowjetunion eingerichtet. Weitere Testgebiete in Kasachstan, die ebenfalls zu einer nuklearen Belastung des Landes führten, befanden sich im südkasachischen Oblast Atjirau. Nach Angaben des kasachischen Umweltministeriums wurden in Semipalatinsk von 1949 bis 1989 unter teils fahrlässigen Sicherheitsvorkehrungen [1] 470 Atombombentests - davon 26 oberirdische, 90 atmosphärische und 354 Untergrundtests - durchgeführt. [2] Die direkten Fall-outs verteilten sich auf einer Fläche von 304 000 km2.. Im Jahre 1993 wurde ein Gebiet von 7 Mill. ha als außergewöhnlich hoch belastete Zone eingestuft. Auf knapp zwei Dritteln dieser Fläche konnten abnormale Veränderungen der Vegetation beobachtet werden. [3] Die Zahl der direkt betroffenen Personen schwankt zwischen 700 000 und 1,5 Mill. [4] Entsprechend kritisch ist die gesundheitliche Situation in diesen Gebieten. Krebserkrankungen sowie Haut-, Magen- und Darmerkrankungen sind deutlich gestiegen. Der Alterungsprozess tritt frühzeitig ein; das Immunsystem der dort lebenden Menschen ist stark geschwächt. Es sind genetische Veränderungen zu beobachten, die sich zum Teil in Debilität niederschlagen. Die Suizidrate hat sich deutlich erhöht. Die Lebenserwartung liegt bei nur 47 Jahren gegenüber 64 Jahren im Landesdurchschnitt. [5] Über die direkte radioaktive Belastung der Bevölkerung hinaus war vor allem die Verschleierungs- und Verharmlosungstaktik der sowjetischen Behörden für das Ausmaß der radioaktiven Verseuchung verantwortlich. So wurden die Auswirkungen auf die Bevölkerung von den Militärs zwar relativ schnell und umfangreich untersucht; die Ergebnisse dieser Untersuchungen hingegen wurden unter Verschluss gehalten. Erst im Jahre 1962 wurde mit zivilen medizinischen Untersuchungen begonnen. [6] Ein wirksamer Schutz der Bevölkerung und eine adäquate medizinische Versorgung ließen aber auch in der Folgezeit auf sich warten.
Biologische Testgebiete und B-Waffen-Produktionsanlagen Kasachischen Anlagen kam eine Schlüsselposition im sowjetischen B- Waffenprogramm zu. Vier Anlagen waren hier besonders wichtig: die im Aralsee gelegene Vozroshdenije Insel als Haupttestgelände für biologische Waffen, die B-Waffen-Produktionsstätte in Stepnogorsk, das Agrarwissenschaftsinstitut in Gvardejskij (nahe der Stadt Otar, etwa 180 km von Almaty entfernt) so6:;CKtitut in Almaty. Während die letztgenannten Institute mittlerweile keine Gefahr mehr f (tellen, gibt es in den beiden anderen Anlagen noch immer gravierende Folgen.

Die zu Produktions- und Experimentierzwecken 1982 in Stepnogorsk errichtete Anlage war eines der größten jemals erbauten Werke dieser Art. Der Aufgabenbereich des Werkes bestand in der Erforschung, Entwicklung und Erprobung sowie der Produktion und Lagerung biologischer Waffen. Vorwiegend auf Milzbranderreger spezialisiert, war die Kapazität auf eine für den Ernstfall vorgesehene Produktion von 300 Tonnen innerhalb von 10 Monaten ausgerichtet. [7] Das Betriebsgelände umfasste eine Fläche von zwei km2; bis zu 700 Personen waren in dem Werk beschäftigt. Nach dem Ende der Sowjetunion wurde jegliche Finanzierung aus Moskau eingestellt, was zu einem Exodus der meisten Spezialisten führte. Mit Hilfe einiger (vorwiegend US-amerikanischer) Konversionsprogramme gelang es, einen Teil der militärischen Anlagen zu entsorgen. Sieht man von der Ausgliederung einzelner Unternehmenskomplexe ab, scheiterte eine Umstellung der Anlage auf zivile Zwecke bisher an den schlechten wirtschaftlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen.

Weitaus folgenreicher könnte sich die Situation auf der im Aralsee gelegenen Vozroshdenije Insel erweisen. Seit den 30er Jahren wurden hier in Freiluftversuchen unter anderem Milzbrand-, Pocken- und Pesterreger sowohl an Tieren als auch an Bakterien getestet. Aufgrund der geographischen Lage, der großen Temperaturschwankungen und der geringen Bevölkerungsdichte der angrenzenden Gebiete schien die Insel ideal für solche Versuche zu sein. Trotzdem kam es immer wieder zu Epidemien und Massensterben von Tieren auf dem Festland und von Fischen im Aralsee. Auch wurden Erkrankungen von Personen registriert, die sich auf der Insel aufhielten. Nach dem Ende der Sowjetunion wurde die Insel von Moskau aufgegeben, und die militärischen Anlagen wurden zerstört. Von offizieller Seite wurde zugesichert, die Insel vor dem Abzug zu dekontaminieren, was aufgrund mangelnder finanzieller Mittel kaum geschehen sein dürfte. [8] Die kontaminierte Insel stellt in zweierlei Hinsicht eine Gefahr für Kasachstan dar: Zum einen wird nach dem Abzug der Armee trotz Sperrung der Insel in den zurückgelassenen Anlagen nach verwertbaren Gegenständen gesucht; zum anderen wird die Insel durch das kontinuierliche Absinken des Wasserspiegels des Sees bald mit dem Festland verbunden sein (Modellrechnungen prognostizieren dies für das Jahr 2010). [9]

Die Gefahren, die sich aus den biologischen Altlasten für Kasachstan ergeben, sind immens. Umfangreiche Untersuchungs- und Dekontaminierungsarbeiten, für die das Land im Moment weder über finanzielle Mittel noch das nötige Know-how verfügt, sind notwendig. Der Exodus von Wissenschaftlern aus den jeweiligen Anlagen und ungenügende Kenntnisse über das Ausmaß der Kontaminierung aufgrund jahrzehntelanger Geheimhaltung und des anschließenden abrupten Abzugs des Militärs erschweren die Lösung des Problems.

Aralsee Der Wasserspiegel des auf dem Territorium Kasachstans und Usbekistans gelegenen Aralsees ist seit 1968 um etwa 16 Meter gesunken. Mittlerweile ist der See in zwei Teile getrennt, die bis vor kurzem noch durch einen kleinen Kanal verbunden waren. Verantwortlich hierfür ist der Wasserrückgang in den beiden Zuflüssen Amu Darya und Syr Darya als Folge der intensiven Bewässerung in allen vormaligen zentralasiatischen Sowjetrepubliken. Die Auswirkungen für die Region sind katastrophal:

- Der See verliert seine ausgleichende Wirkung auf das regionale Klima. Extremere Temperaturen und Stürme sind direkte Folgen.

- Verwehungen von Salz sowie von Pestiziden und Herbiziden (als Folge intensiver Landwirtschaft, besonders des Anbaus von Baumwolle) aus dem ausgetrockneten Boden führen zu Desertifikation und zur Versalzung der Böden nicht nur im direkt betroffenen Gebiet. [10] Trinkwasser wird deshalb mehr und mehr unbrauchbar.

- Traditionelle Wirtschaftszweige wie Fischerei und Landwirtschaft verschwinden; neue Investitionen werden in diesem strukturell schwachen und ökologisch problematischen Gebiet kaum getätigt.

- Die Kindersterblichkeitsrate am Aralsee ist die höchste aller Gebiete der ehemaligen Sowjetunion. [11]

Derzeit ist eine Verbesserung der Lage im nördlichen Teil des Aralsees zu beobachten. [12] Ein Damm trennt diesen Teil von der südlichen Hälfte ab und sichert ihm die etwas größeren Zuflüsse des Syr Darya. Es ist jedoch äußerst fragwürdig, ob diese Stabilisierung angesichts des weiteren Austrocknens des südlichen Teils zu einer nachhaltigen Verbesserung der ökologischen Situation führen wird. Eine notwendige Erhöhung der Wasserzufuhr besonders aus dem Amu Darya ist im Hinblick auf die großen Bewässerungsflächen und die damit verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Interessen in den Anrainerstaaten nicht zu erwarten. [13]

Mediumspezifische Umweltprobleme

Luftverschmutzung

Trotz des Rückgangs der Gesamtemissionsmenge ist die Luftverschmutzung weiter hoch. Von 1992 bis 1998 blieb die Verringerung der Schadstoffemissionen hinter dem Rückgang der Industrieproduktion zurück (Abbildung). Eine eindeutige Beziehung zwischen der Entwicklung von Schadstoffemissionen, Industrieproduktion und Bruttoinlandsprodukt ist nicht erkennbar; die Rückgänge oder Zuwächse der beiden letztgenannten Größen gingen nicht immer mit einer entsprechenden Emissionsveränderung einher. Hinzu kommt, dass in den amtlichen Statistiken eher die Emissionsuntergrenze ausgewiesen wird, da ihre Berechnung überwiegend auf Unternehmensangaben beruht und deren Überprüfung äußerst schwierig ist. Von einer dauerhaften Verringerung der Gesamtemissionen infolge der Kontraktion der Industrie oder gar eines strukturellen Wandels kann daher nicht die Rede sein. Aufgrund mangelnder Umweltschutzinvestitionen ist ein spürbares Ansteigen bei anspringendem Wachstum der Industrieproduktion absehbar. Das auf der Klimakonferenz im Jahre 1999 in Bonn geäußerte Gesuch Kasachstans, in die Gruppe der Industriestaaten mit quantitativen Verpflichtungen zur Reduktion von Treibhausgasemissionen aufgenommen zu werden, ist kritisch zu bewerten. Hierbei handelt es sich eher um einen Versuch, an dem sich abzeichnenden lukrativen Handel mit Emissionsrechten teilzunehmen. Denn Länder, die aufgrund des transformationsbedingten Rückgangs der Produktion ohnehin eine Verminderung ihrer Emissionen zu verzeichnen haben, könnten diese Mengen als "Verschmutzungsrecht" verkaufen. [14]

In fast allen größeren Städten wird die zulässige Höchstemissionsmenge deutlich - zum Teil um das Zweieinhalbfache - überschritten. Staub, Kohlenwasserstoff sowie Schwefel- und Stickstoffoxide stellen den größten Anteil der Emissionen. Nennenswert sind ebenfalls die Ammoniak-, Blei-, Kupfer- und Chloremissionen. Verantwortlich für das Besorgnis erregende Ausmaß der Luftverschmutzung ist vor allem die Industriestruktur des Landes. Aufgrund der reichen Bodenschätze wurden in Kasachstan vorwiegend eine Rohstoff verarbeitende Industrie sowie - besonders in Nordkasachstan - eine extensive Schwerindustrie aufgebaut. Hauptemittenten sind demzufolge in der Bunt- und Schwarzmetallurgie sowie der Kohle- und Aluminiumindustrie zu finden. Anlass zur Besorgnis geben auch die Emissionen der Heizkraftwerke, die überwiegend mit minderwertigem Heizöl betrieben werden. An Gewicht dürfte in Zukunft die Erdöl verarbeitende Industrie gewinnen, da Kasachstan mehr und mehr auf den Export von Produkten aus diesem Bereich angewiesen sein wird.

Traditionell wurden innerhalb der Planwirtschaft umweltschonende Maßnahmen vernachlässigt. Infolgedessen erfüllt bis heute rund ein Drittel aller Industriebetriebe nicht die gesetzlichen Vorschriften. [15] Für emissionsreduzierende Investitionen hingegen fehlen den Betrieben angesichts ihrer schlechten wirtschaftlichen Situation momentan jegliche Mittel, so dass mit einer nachhaltigen Reduktion der Emissionen nicht zu rechnen ist. Verschärft wird die Situation noch durch die Konzentration der Luftverschmutzung in einigen Gebieten. 1998 entfielen 81 % aller Emissionen auf die Oblaste Karaganda, Pavlodar und Ost-Kasachstan. [16] Innerhalb dieser Oblaste konzentriert sich die Verschmutzung auf das Industriegebiet Pavlodar-Ekibastus-Aksu (rund 98 % der Gesamtemissionen des Oblast Pavlodar) mit zahlreichen Kohlekraftwerken (60 % der Gesamtproduktion des Landes) sowie mit Metallurgie-, Chemie- und Maschinenbaukombinaten, auf das Metallurgiekombinat in Temirtau (32 % der Emissionen im Oblast Karaganda) und auf die Städte Ust-Kamengorsk und Leninogorsk. [17] In Almaty, der größten Stadt des Landes, ist aufgrund des zunehmenden Autoverkehrs und der geographischen Lage (die Stadt liegt inmitten von Bergen) die Situation ebenfalls äußerst kritisch.

Die Belastung durch den privaten Autoverkehr ist heute in vielen Transformationsländern ein Problem. In Kasachstan nahm von 1990 bis 1998 die Zahl der privaten Kraftfahrzeuge um 30 % zu. [18] Schätzungen zufolge liegt der Anteil der Kfz-Emissionen in den großen Städten gegenwärtig bei 60 % (in Almaty sogar bei 90 %) der Gesamtemissionen. [19]

Boden Hauptverantwortlich für die Bodenbelastung sind die Industrie, der Bergbau [20], die militärischen Altlasten sowie die Landwirtschaft. Während bei der Industrie die Belastung mit Schadstoffen im Vordergrund steht, spielt in der Landwirtschaft aufgrund extensiver Nutzung sowie der Sensibilität der Böden die Degradation der Anbauflächen die größte Rolle.

Die Bodenverschmutzung durch die Industrie wurde bisher nicht systematisch erfasst. Untersuchungen ergaben jedoch, dass der Boden besonders mit Schwermetallen, Dioxiden und Kohlenstoffen sowie mit Öl- und Chemieabfällen belastet ist. [21] Dabei wird deutlich, dass die Werte besonders in der Nähe von industriellen Großanlagen kritische Ausmaße erreichen. Durch die Konzentration der Schadstoffe auf wenige Hot-Spots liegt eine effektive Bodensanierung - zumindest theoretisch - im Bereich des Möglichen. [22] Ein Vergleich mit deutschen Industriegebieten macht das Ausmaß der Bodenverschmutzung in manchen kasachischen Industriegebieten deutlich. So überschreitet die Bleikonzentration in den Städten Leninogorsk, Glubokoye und Ust-Kamenogorsk vergleichbare Werte aus Nordrhein-Westfalen um das 17- bis 100fache. [23] In Westkasachstan wird der Boden besonders durch die Erdölförderung und -verarbeitung belastet.

Im landwirtschaftlichen Bereich tritt verstärkt das Problem der Bodenerosion in den Vordergrund. 40 % der landwirtschaftlich genutzten Fläche sind von Erosionsprozessen betroffen. [24] Dies ist vor allem auf den Anbau von Monokulturen auf dafür nicht geeignetem Steppenboden zurückzuführen. Durch die Anpflanzung von Getreide ist in Nordkasachstan der Humusgehalt des Bodens in den letzten 30 Jahren um bis zu 20 % zurückgegangen. [25] Aufgrund von Überweidung ist die Gebirgsgegend des Landes von Wassererosion betroffen. Um die Degradation des Bodens zu verhindern, müssten 3 Mill. Hektar bepflanzt werden, davon 1,2 Mill. mit Waldstreifen. Momentan sind lediglich 1,2 Mill. Hektar bepflanzt, davon 0,2 Mill. mit Waldstreifen. [26] Fehlende staatliche Mittel und die kritische finanzielle Situation der meisten landwirtschaftlichen Betriebe lassen die Arbeit in diesem Bereich im Moment nahezu zum Erliegen kommen.

Mit dem Rückgang der landwirtschaftlichen Produktion hat die Belastung durch Pestizide und Nitrate deutlich abgenommen. [27] Infolge des massiven Einsatzes der beiden Stoffe zu Zeiten der Sowjetunion [28] ist die Belastung des Bodens jedoch immer noch äußerst hoch. Die höchsten Pestizidwerte sind in den Gebieten Kostanaj, in Südkasachstan und in Westkasachstan anzutreffen. Verschlimmert wird die Situation durch unsachgemäße Lagerung, Transport und Nutzung von Kunstdünger und Pestiziden, wodurch immer wieder Grundwasser und Erde belastet werden. Problematisch bleibt die Situation in den Baumwoll-Anbaugebieten im Süden des Landes, in denen nach wie vor in erheblichem Umfang Pestizide, Herbizide und Entlaubungsmittel eingesetzt werden.

Wasser Durch den ariden Charakter seines Territoriums (64 % sind mit Wüsten und Halbwüsten bedeckt) ist das Wasserdefizit eines der Hauptprobleme für die künftige Entwicklung Kasachstans. Der Trinkwasserbedarf der Bevölkerung kann nicht in ausreichendem Maße gedeckt werden. [29] Kasachstan hat je Einwohner die geringste Wasserversorgung unter allen GUS-Staaten. Schätzungen zufolge verringert sich die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser um 3 bis 5 % pro Jahr. [30] Die zunehmende Verschmutzung des Wassers verschärft das Problem. Die Hälfte der Bevölkerung wird mit Wasser versorgt, das die gesetzlichen Grenzwerte überschreitet. Neben der extensiven Wassernutzung durch die Landwirtschaft und die Industrie ist vor allen Dingen der schlechte Zustand der Infrastruktur für die kritische Lage verantwortlich. Röhren und Verteilersysteme sind größtenteils überaltert und müssten erneuert werden. [31] Infolgedessen weisen mehr und mehr Untersuchungen eine bakterielle Verschmutzung des Trinkwassers nach. Das System der Wasserentsorgung ist ebenfalls unzureichend. [32] So kommt es immer wieder zu Verschmutzungen des Trinkwassers durch Abwässer.

Oberflächenwasser, vorwiegend aus Flüssen, ist die wichtigste Quelle für die Wasserversorgung des Landes. 90 % des Flusswassers sind jedoch nur im Frühling verfügbar - ein Umstand, der sich negativ auf die Wasserversorgung in den anderen Jahreszeiten auswirkt. Etwa 43 % aller Flusswasserressourcen stammen aus den Nachbarländern (vorwiegend aus Russland, China und Kirgisien). Unterirdische Ressourcen sind besonders für die Trinkwasserversorgung relevant. Aufgrund der steigenden Verschmutzung werden diese Vorräte aber zunehmend unbrauchbar.

Auf die Landwirtschaft entfielen 1997 rund drei Viertel des Gesamtwasserverbrauchs. [33] Der große Verbrauch ist vor allem auf Bewässerungsanlagen im Süden des Landes zurückzuführen. Hierbei fließt das verbrauchte Wasser teilweise in die Flüsse zurück. Direkte Folge dieser extensiven Bewässerungstechnik ist die Verschmutzung der Gewässer mit Nitraten und Herbiziden. Im industriellen Bereich sind mangelhaft gereinigte Abwässer und unsachgemäße Lagerung die Hauptgefahr für die Wasserversorgung. Am meisten betroffen sind die bereits genannten Oblaste Pavlodar, Karaganda und Ostkasachstan. 60 % der gesamten verschmutzten Abwässer Kasachstans werden - teilweise über seine Zuflüsse - in den Irtjisch eingeleitet. Die Messwerte erreichen fast an allen Stellen ein äußerst kritisches Niveau.

Problematisch entwickelt sich die Situation beim drittgrößten Binnengewässer Zentralasiens, dem Balchaschsee. Aufgrund extensiver Wasserentnahme aus seinem wichtigsten Zufluss, dem Ile, sinkt der Wasserspiegel des Sees kontinuierlich. Zusätzlich steigt die Belastung des Sees mit Schwermetallen, Ölprodukten und Phenolen.

Müll Nach wie vor fehlt in Kasachstan ein effektives System des Müllmanagements. Unsachgemäße Sammlung, Lagerung und Verarbeitung wirken sich negativ auf Wasser- und Bodenqualität aus. Lange Zeit gab es keine genaue gesetzliche Grundlage für die Abfallentsorgung; erst Ende 1998 lag ein Entwurf für ein Abfallgesetz vor. [34] Dieses legt lediglich die Ziele der Abfallentsorgung und die Kompetenzen der jeweiligen Verwaltungsebenen fest. Konkrete Standards werden darin jedoch nicht definiert, so dass noch eine Reihe von Verwaltungsvorschriften für seine praktische Anwendung notwendig ist.

Die Gesamtmenge industrieller Abfälle beläuft sich auf rund 20 Mrd. Tonnen, von denen sich ein großer Teil auf ungenügend gesicherten Lagerstätten befindet. Jährlich vergrößert sich die Menge um etwa 1 Mrd. Tonnen.[35] Teilweise könnten diese Altlasten durch Recycling wieder in den Wirtschaftskreislauf integriert werden. Besonders problematisch sind die radioaktiven Abfälle aus dem Uranbergbau und der Uranindustrie (insgesamt etwa 8 Mill. Tonnen), die nun in ehemaligen Standorten des Uranindustriekomplexes gelagert werden sollen. [36] Relativ neu für Kasachstan ist das Problem des Hausmülls. Neue Konsumgewohnheiten und die zunehmende Verpackung von Konsumgütern sind für die Verschlechterung in diesem Bereich verantwortlich. Jährlich fällt Hausmüll in der Größenordnung von 14 Mill. m3 an, der auf kaum gesicherten Halden gelagert wird. [37] Eine Recyclingindustrie für Hausmüll gibt es noch nicht.

Fazit Die ökologische Situation in Kasachstan ist als sehr kritisch einzustufen. In fast allen Bereichen ist die Belastung im internationalen Vergleich außerordentlich hoch. Hinzu kommen die aufgeführten Hot-Spots, die mittelfristig als irreversibel eingestuft werden müssen. Fehlende finanzielle Mittel und die Größe des Landes lassen eine nachhaltige Umweltsanierung zum jetzigen Zeitpunkt nicht zu. Hieraus ergibt sich die Frage, wie eine halbwegs effiziente Umweltpolitik gestaltet sein müsste. Eine Prioritätensetzung sowohl bei der Bekämpfung der Umweltschäden als auch im künftigen Umweltschutz ist eine Hauptvoraussetzung für die Implementierung einer solchen Politik. Ein solcher Ansatz, der bereits in Estland und Litauen eingeführt worden ist, [38] basiert auf einer Auflistung aller Umweltprobleme und deren Gewichtung, auf der Erarbeitung einer Reihe von Strategieoptionen für die Verbesserung der Umwelt sowie auf der Kalkulation der Kosten der jeweiligen Maßnahmen. Auf dieser Basis kann die erfolgversprechendste und kostengünstigste Strategie ermittelt werden. Dabei sollten eine schnelle Verbesserung der Situation der Bevölkerung und eine möglichst effiziente Verwendung der knappen Mittel im Vordergrund stehen. Aufgrund der geschilderten Gründe scheint für Kasachstan eine Strategie geeignet, die in erster Linie auf eine Verbesserung der Luft- und Wasserqualität gerichtet ist. In anderen kritischen Bereichen reichen die Kapazitäten für mehr als ein vernünftiges Krisenmanagement, das zumindest den Status quo erhält, nicht aus. Gleichzeitig müssten auch Konzepte zur Bewältigung der relativ neuen Umweltprobleme (z. B. Autoverkehr, Hausmüll) erarbeitet werden.

[1] BBC Online Network, Nuclear Nightmare revealed, 19.3.1999, http://news1.thls.bbc.co.uk/hi/english/world/asia.

[2] Ministerium für natürliche Ressourcen und Umweltschutz der Republik Kasachstan: Informazionji-Ekologitsheskii Bulleten April-Juni, Almaty 1999, S.16.

[3] Ebenda.

[4] BBC Online Network, Nuclear Nightmare revealed, 19.3.1999.

[5] Institut für Angewandte Ökologie: Umweltprobleme, Umweltpolitik und Umweltrecht in Kasachstan, Freiburg/Darmstadt/Berlin 1998, S. 7.

[6] Delovaja Nedelja, 3.9.1999.

[7] Alle Angaben, soweit nicht anders ausgewiesen, aus: Monterey Institute for International Studies: Former Soviet Biological Weapons Facilities in Kazakhstan: Past, Present and Future, Monterey 1998.

[8] The Economist: Poisoned Island, 10.6.1999.

[9] Darmenov, Zhenis: Ostrov Vozrozhdeniya: Tayn stanovitsa menshe, in: Put Lenina, 14.8.1990.

[10] Laut Angaben des Ministeriums für natürliche Ressourcen und Umweltschutz der Republik Kasachstan ist die Lage von 22 % der Böden als kritisch und von 26 % als katastrophal zu betrachten: Informazionji- Ekologitsheskii Bulleten April-Juni, Almaty 1999, S.17.

[11] BBC Online Network: The Aral Sea Crises, 27.3.1998, http://news1.thls.bbc.co.uk/hi/english/world/asia.

[12] BBC Online Network: The Return of the Aral Sea, 1.3.1999, http://news1.thls.bbc.co.uk/hi/english/world/asia.

[13] Folgende Zahlen für Usbekistan verdeutlichen dies: Anteil der Landwirtschaft am BIP im Jahre 1997 26,8 %, Anteil der im Jahre 1998 in der Landwirtschaft Beschäftigten 39 %, Baumwollanteil 1998 am Gesamtexport 38,6 % . Uzbekistan Economic Trends, January-March 1999, Brüssel 1999.

[14] In Artikel 3 des Abkommens von Kyoto wurde für die Bewertung von Maßnahmen zur Emissionsreduzierung von Transformationsländern das Jahr 1990 als Basis festgelegt.

[15] Ministerium für natürliche Ressourcen und Umweltschutz der Republik Kasachstan: Informazionji-Ekologitsheskii Bulleten April-Juni, Almaty 1999, S. 42.

[16] Staatliches Komitee für Statistik der Republik Kasachstan: O Sostajanii Ochrany Atmosfernogo Vozducha v Respublike Kasachstan v 1998 Godu, Almaty 1999.

[17] Ministerium für natürliche Ressourcen und Umweltschutz der Republik Kasachstan: Informazionji-Ekologitsheskii Bulleten April-Juni, Almaty 1999, S. 49.

[18] Staatliches Komitee für Statistik der Republik Kasachstan: O Sostajanii Ochrany Atmosfernogo Vozducha v Respublike Kasachstan v 1998 Godu, Almaty 1999.

[19] Ministerium für natürliche Ressourcen und Umweltschutz der Republik Kasachstan: Informazionji-Ekologitsheskii Bulleten April-Juni, Almaty 1999, S. 46.

[20] 60 000 Hektar sind mit Abfällen des Bergbaus bedeckt. Ministerium für natürliche Ressourcen und Umweltschutz der Republik Kasachstan: Informazionji-Ekologitsheskii Bulleten April-Juni, Almaty 1999, S. 16.

[21] Ministerium für Landwirtschaft der Republik Kasachstan: Gosudarstvenii Doklad o Sostajanii i Ispolzovanii Zemel Respublilki Kasachstan na 1 Nojabrja 1998 goda, Astana 1999, S. 57.

[22] Schätzungen der Kosten für die Beseitigung von Altlasten in diesem Bereich in der ehemaligen DDR (Umweltbundesamt, http://www.umweltdaten.de/altlast/web1/deutsch/2-4.htm) machen deutlich, dass Kasachstan momentan nicht über die notwendigen finanziellen Mittel für eine effiziente Bodensanierung verfügt.

[23] Institut für Angewandte Ökologie: Umweltprobleme, Umweltpolitik und Umweltrecht in Kasachstan, Freiburg/Darmstadt/Berlin 1998, S. 11.

[24] Ministerium für Landwirtschaft der Republik Kasachstan: Gosudarstvenii Doklad o Sostajanii i Ispolzovanii Zemel Respublilki Kasachstan na 1 Nojabrja 1998 goda, Astana 1999, S. 67.

[25] Ebenda, S. 68.

[26] Ebenda, S. 73.

[27] Der Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden verringerte sich in den letzten 10 Jahren um 90 % bzw. 50 %. Ministerium für natürliche Ressourcen und Umweltschutz der Republik Kasachstan: Informazionji-Ekologitsheskii Bulleten April-Juni, Almaty 1999, S.15.

[28] Bis in die 80er Jahre wurden jährlich 40 000 Tonnen Pestizide eingesetzt. Institut für Angewandte Ökologie: Umweltprobleme, Umweltpolitik und Umweltrecht in Kasachstan, Freiburg/Darmstadt/Berlin 1998, S. 12.

[29] In zahlreichen Gebieten (Almaty, Akmola, Westkasachstan u. a.) erreicht die Wasserversorgung nur 50 % des von staatlicher Seite als notwendig erachteten Wertes. 40 % der ländlichen Bevölkerung haben keinen Zugang zur zentralen Wasserversorgung. Ministerium für natürliche Ressourcen und Umweltschutz der Republik Kasachstan: Informazionji- Ekologitsheskii Bulleten Januar-März, Almaty 1999, S. 9.

[30] Ebenda, S.29.

[31] 20 % der Wasserleitungen entsprechen nicht den sanitärtechnischen Vorschriften (Stand 1.6.1999). Ebenda.

[32] Ebenda, S. 30.

[33] Staatliches Komitee für Statistik der Republik Kasachstan: Osnovnyje Pokazateli Ispolsovanija Vod po Respublike Kasachstan za 1997 God, Almaty 1998.

[34] Institut für Angewandte Ökologie: Umweltprobleme, Umweltpolitik und Umweltrecht in Kasachstan, Freiburg/Darmstadt/Berlin 1998, S. 28.

[35] Ministerium für natürliche Ressourcen und Umweltschutz der Republik Kasachstan: Informazionji-Ekologitsheskii Bulleten Januar-März, Almaty 1999, S. 13.

[36] Institut für Angewandte Ökologie: Umweltprobleme, Umweltpolitik und Umweltrecht in Kasachstan, Freiburg/Darmstadt/Berlin 1998, S. 10.

[37] Panorama: Lider Ekologitsheskogo Sojusa Provjez Shurnalistov po Almatinskim Pomojkam, 19.2.99.

[38] Estnisches Umweltministerium, Tallinn 1998 (http://www.envir.ee); OECD: Evaluation of Progress in Developing and Implementing National Environment Action Programms in CEEC/NIS, Paris 1998, S. 34ff.


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