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Loehne, Wechselkurse und Wettbewerbsfaehigkeit


Bearbeiter

Reinhard Pohl



In Phasen einer schwachen Konjunktur lebt regelmaessig die Debatte ueber die Wettbewerbsfaehigkeit der deutschen Volkswirtschaft auf. So war es schon Anfang der achtziger Jahre, in den Jahren 1987/88, und so ist es auch seit der letzten Rezession. Wie immer hat auch der Streit ueber den Zusammenhang zwischen Lohnkosten, Wechselkursen und Wettbewerbsposition eines Landes eine Renaissance erfahren. So wird vielfach behauptet, in Deutschland seien die Lohnkosten ueberhoeht. Eine differenzierte Analyse zeigt jedoch, dass die Lohnpolitik in Westdeutschland fast immer sehr viel staerker am gesamtwirtschaftlichen Produktivitaetsfortschritt ausgerichtet war als in den meisten Konkurrenzlaendern


Weit verbreitet ist die Meinung, im internationalen Vergleich ueberhoehte Lohnkosten seien die wesentliche Ursache fuer das schwache Wirtschaftswachstum in der Bundesrepublik Deutschland. So heisst es in der "Gemeinsamen Erklaerung" des Bundesverbandes der Deutschen Industrie und der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbaende vom 21. April 1996: "Im OECD-Vergleich sind die Lohnstueckkosten der deutschen Unternehmen rd. 20 vH hoeher als bei den 11 wichtigsten Konkurrenzlaendern" [1]. Und: "Um bis zum Jahr 2000 zwei Millionen neue Arbeitsplaetze zu schaffen ..., gibt es keine Alternative zu einer spuerbaren Reduzierung der Arbeitskosten."

Diese Feststellung enthaelt Richtiges und Falsches. Richtig ist, dass nicht die Lohnkosten je Arbeitsstunde oder je Arbeitnehmer massgeblich sind, sondern die Lohnstueckkosten, das heisst die nominalen Lohnkosten bezogen auf die reale Bruttowertschoepfung eines Sektors bzw. das reale Bruttoinlandsprodukt eines Landes [2]. Eine hohe Produktivitaet rechtfertigt somit hohe Loehne. Zutreffend ist ferner, dass es beim internationalen Vergleich von Lohnstueckkosten nicht auf die Kosten in Landeswaehrung, sondern auf die in einheitlicher Waehrung ankommt. Wechselkurseinfluesse sind also zu beruecksichtigen.

Der in der "Gemeinsamen Erklaerung" verwendete Indikator ist allerdings fragwuerdig, wenn er sich nicht auf die "Unternehmen" insgesamt, sondern nur auf das verarbeitende Gewerbe bezieht. Zwar produziert dieser Bereich die meisten Aussenhandelsgueter, also solche Produkte, die entweder exportiert werden sollen oder mit Importguetern konkurrieren; der Anteil der Lohnkosten an den Gesamtkosten ist in diesem Sektor aber gering [3]. Ein erheblicher Teil sind Aufwendungen fuer von anderen Sektoren erbrachte Vorleistungen, die wiederum zum grossen Teil auf Lohnkosten zurueckgehen. Aufschlussreich ist die Tabelle 1, die aus der Input-Output-Tabelle des Statistischen Bundesamtes fuer das Jahr 1991 abgeleitet wurde: Der Anteil der Lohnkosten am Produktionswert betrug im verarbeitenden Gewerbe 26,6 vH, der Anteil der von anderen Sektoren erbrachten Vorleistungen 24,6 vH. Nimmt man als Bezugsgroesse nicht den Produktionswert, sondern das - auch die Einfuhr gleichartiger Gueter umfassende - Gueteraufkommen ohne die eigenen Vorleistungen, so lauten die Anteile fuer die Lohnkosten 31 vH, fuer die fremden Vorleistungen rd. 28 vH und fuer die Einfuhren rd. 30 vH. Mithin koennen trotz hoher Lohnkosten im verarbeitenden Gewerbe die Gesamtkosten handelbarer Gueter niedrig sein, wenn die Vorleistungen entsprechend "billig" sind. Ueber die Gesamtkosten des verarbeitenden Gewerbes existieren keine international vergleichbaren Angaben. Es gibt jedoch eine aussagekraeftige Alternative: die Analyse der gesamtwirtschaftlichen Lohn- und Kapitalkosten.

Gesamtwirtschaftliche Kostenfaktoren

Hier wird die Auffassung vertreten, dass die gesamtwirtschaftlichen Lohnkosten der zentrale gesamtwirtschaftliche Kostenfaktor sind und die Entwicklung der Lohnstueckkosten wesentlich fuer die Entwicklung der Wettbewerbsfaehigkeit eines Landes ist [4]. Vielfach wird jedoch eingewendet, neben den Lohnkosten seien die Kapitalkosten eine wichtige Komponente der Gesamtkosten eines Landes. Die Aufwands-Ertrags-Rechung im Jahre 1995 (Tabelle 2) erweist jedoch, dass dies unbegruendet ist: Der gesamtwirtschaftliche Aufwand betrug 2,8 Bill. DM. Das bei weitem groesste Gewicht hatten mit 1,9 Bill. DM bzw. einem Anteil von 68 vH die Lohnkosten. Hinzu kommt, dass auch die Kapitalkosten in Form der Abschreibungen ueberwiegend Lohnkosten reflektieren. Sie spiegeln jene Kosten wider, die mit der frueheren Produktion von Kapitalguetern aufgewendet wurden und ihrerseits ueberwiegend aus Lohnkosten bestanden.

Ein weiterer Kostenfaktor ist der Zins. Dass dieser in der Kostenrechnung - anders als bei Investitonsentscheidungen [5] - nur eine untergeordnete Rolle spielt, bestaetigen die von der Deutschen Bundesbank ermittelten Gewinn- und Verlustrechnungen westdeutscher Unternehmen. Im Durchschnitt der Jahre 1993 bis 1995 betrug der Brutto-Zinsaufwand nur 7,5 vH des Personalaufwandes. Beruecksichtigt man nur den Netto-Zinsaufwand, also die Tatsache, dass Zinsen nicht nur Aufwand, sondern auch Ertraege sind, kommt man auf die noch niedrigere Quote von 4,7 vH [6].

Es gibt aber auch noch einen anderen, wesentlichen Grund dafuer, dass die Kosten des Faktors Geldkapital kein relevanter Wettbewerbs- oder Standortfaktor sind: Im Unterschied zum Faktor Arbeit ist Kapital extrem mobil; ueber den Kapitalmarktzins wird somit ueberwiegend auf dem Weltkapitalmarkt entschieden. Schuldner mit gleicher Bonitaet und gleichem Laenderrisiko zahlen fuer Kredite mit derselben Restlaufzeit denselben oder einen aehnlich hohen Zins [7]. Wechselkursaenderungsrisiken, die auf Unterschieden zwischen den Inflationserwartungen basieren, sind fuer sich genommen ebenfalls kein Wettbewerbsfaktor. Zwar scheint eine im Vergleich zum Ausland hohe Verzinsung von Krediten in heimischer Waehrung fuer die inlaendischen Unternehmen zunaechst eine relativ hohe unmittelbare Belastung zu sein. Wenn aber dieser hohe Zins eine relativ hohe Inflationserwartung und ein entsprechendes Abwertungsrisiko reflektiert und wenn sich die Inflations- und Abwertungserwartungen erfuellen, ist die Zinsbelastung, das heisst die Relation der nominalen Zinskosten zu den nominalen Umsaetzen, auf mittlere Sicht keineswegs ueberhoeht im Vergleich zu einer Situation, in der die erwartete Inflationsrate und das Abwertungsrisiko und dementsprechend die Nominalzinsen niedriger sind. Denn den hoeheren Nominalzinsen in heimischer Waehrung - bzw. dem abwertungsbedingt hoeheren Aufwand an heimischer Waehrung fuer die Bedienung eines niedriger verzinsten Fremdwaehrungskredits - entsprechen im gesamtwirtschaftlichen Durchschnitt inflationsbedingt hoehere nominale Umsaetze [8].

Langfristige Lohnstueckkostenentwicklung: Wettbewerbsvorteile fuer Westdeutschland...

Die Lohnpolitik in Westdeutschland hat sich meistens in viel hoeherem Masse als die in der Mehrzahl der Konkurrenzlaender am gesamtwirtschaftlichen Produktivitaetsfortschritt ausgerichtet. Mittel- und laengerfristig hat die Entwicklung der westdeutschen Lohnstueckkosten die Wettbewerbsposition des Landes nicht beeintraechtigt, sondern gestaerkt. Vom Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems fester Wechselkurse im Jahre 1973 bis Mitte der neunziger Jahre stieg der Index der in Landeswaehrung gerechneten Lohnkosten je Arbeitnehmer im Ausland [9] von 100 auf 553, in Westdeutschland dagegen nur auf 285. Die Lohnkosten nahmen also im Ausland fast doppelt so stark zu wie im Inland (Abbildung 1, Reihe "nominales Lohnkostengefaelle" [10]). Auch der langfristige Vergleich der Produktivitaetsentwicklung faellt zugunsten Westdeutschlands aus. In der Zeit von 1973 bis 1995 stieg der Index der Produktivitaet in Westdeutschland auf 144, im Ausland hingegen nur auf 139.

Der Verlauf von Lohnkosten und Produktivitaet spiegelt sich in einer fuer Westdeutschland guenstigen Entwicklung der Lohnstueckkosten (Abbildung 1). In der Zeit von 1973 bis 1995 ist der Index der Lohnstueckkosten im Ausland von 100 auf 399 gestiegen. Im Inland nahm er nur auf 198, also halb so stark zu. Somit verdoppelte sich der Index des "Lohnstueckkosten-Gefaelles Ausland minus Westdeutschland".

... auch bei Beruecksichtigung von Wechselkursaenderungen

Freilich ist diese Rechnung ohne den Wirt in Gestalt der Devisenmaerkte gemacht. Das starke Lohnstueckkostengefaelle haette sich im System fester Wechselkurse von Bretton Woods niemals heraus bilden koennen. Erst von Anfang 1973 an war dies moeglich, als man innerhalb Westeuropas zu Waehrungssystemen (bis Ende 1977 der "Waehrungsschlange" und danach dem Europaeischen Waehrungssystem, EWS) mit variablen bzw. grundsaetzlich festen, aber anpassungsfaehigen Paritaeten ueberging und die Wechselkurse gegenueber Drittwaehrungen freigab. Auf diese Weise wurde der Tendenz zur Verbesserung der westdeutschen Wettbewerbsfaehigkeit durch betraechtliche Aufwertungen der D-Mark entgegengewirkt. Dies geschah allerdings nur zum Teil, so dass noch ein Wettbewerbsvorteil erhalten blieb: Wie oben ausgefuehrt, hat sich von 1973 bis 1995 das Lohnstueckkostengefaelle Ausland minus Inland verdoppelt. In der gleichen Zeit hat sich der nominale Aussenwert der D-Mark um 84 vH erhoeht (Abbildung 2). Der reale Aussenwert (nominaler Aussenwert dividiert durch das Lohnstueckkostengefaelle) hat sich somit immerhin noch um knapp ein Zehntel vermindert, oder anders ausgedrueckt: Wechselkursbereinigt sind die Lohnstueckkosten im Ausland um knapp ein Zehntel staerker gestiegen als in Westdeutschland [11].

Der Trend der inlaendischen Lohnstueckkosten spricht fuer eine generell massvolle Lohnpolitik in Westdeutschland. Viele Kritiker erliegen jedoch einer perspektivischen Ueberschaetzung der Gegenwart, so in der ersten Haelfte der 90er Jahre. Sie neigen dazu, zyklische oder durch Schocks provozierte Abweichungen vom Trend zu dramatisieren und schon als "Trendwende" zu bezeichnen. Ein solcher Schock war die deutsche Vereinigung, die einen enormen Aufschwung der westdeutschen Wirtschaft zur Folge hatte. Im Zuge dieses Booms nahmen auch die Lohnkosten in Westdeutschland kraeftig zu, waehrend in vielen anderen Laendern die Lohnentwicklung schon im Zeichen einer Rezession stand. In der Statistik schlug sich dies zunaechst, vor allem im Jahr 1992, in einer Abnahme des Index des "Lohnstueckkosten-Gefaelles Ausland minus Westdeutschland" nieder (Abbildung 3, untere Reihe). Doch im Verlauf des Jahres 1992 setzte in Westdeutschland eine Rezession ein. Sie erzwang eine Korrektur der Lohnpolitik, die den Anstieg der Lohnstueckkosten daempfte und schliesslich, im Laufe des Jahres 1996, sogar zu einem Rueckgang beitrug. Mitte der neunziger Jahre hat der Index des "Lohnstueckkosten-Gefaelles Ausland minus Westdeutschland" wieder das Niveau von 1991 erreicht. Der vereinigungsbedingte Kostennachteil ist also wieder wettgemacht worden. Dies schlaegt sich auch darin nieder, dass die Exporte seit Mitte 1996 wieder kraeftig expandieren.

Wenn trotzdem in den Jahren zuvor die Absatzbedingungen fuer die deutschen Exporteure und die mit auslaendischen Anbietern konkurrierenden Unternehmen schwieriger wurden, so lag dies nicht zuletzt daran, dass sich der nominale - und mit ihm der reale - Aussenwert der D-Mark vom Sommer 1992 bis zum Fruehjahr 1995 betraechtlich erhoehte. Im Durchschnitt des Jahres 1995 war er um 11 vH hoeher als 1991. Im Verlauf von 1996 ist der nominale DM- Aussenwert zwar wieder gesunken, er uebertraf aber im Durchschnitt des Jahres 1996 den Wert von 1991 noch um 9 vH.

Lohnpolitik an Wechselkursschwankungen orientieren?

Sind hieraus lohnpolitische Konsequenzen zu ziehen? Haette die lohnpolitische Kurskorrektur noch viel energischer betrieben werden muessen? Wer diese Auffassung teilt, plaediert dafuer, dass sich die Loehne an die Wechselkurse anpassen sollten [12]. Dies hiesse freilich die Oekonomie auf den Kopf stellen. Es liefe auch auf eine Missinterpretation der Kaufkraftparitaetentheorie hinaus. In einem System absolut fester Wechselkurse - dem der Goldwaehrung und, grosso modo, dem von Bretton Woods - koennen selbstverstaendlich nur die Gueterpreise und die Lohnstueckkosten - konkret: die Lohnpolitik - die Funktion wahrnehmen, die nationalen Niveaus der Preise und der Lohnstueckkosten einander anzupassen. Ein Lohnstueckkosten-Gefaelle, wie es sich seit 1973 zwischen Westdeutschland und dem Ausland herausgebildet hatte, haette zuvor niemals entstehen koennen. Der internationale Wettbewerb sorgte dafuer, dass Abweichungen der Niveaus der Lohnstueckkosten und der Preise im Inland vom Niveau im Ausland temporaer waren und lediglich geringfuegige, durch nationale Besonderheiten bedingte Differenzen erhalten blieben.

Diesem Anpassungsmechanismus wurden allerdings erhebliche Maengel attestiert: "Die geringe Flexibilitaet der meisten Gueter- und Faktormaerkte laesst ... vermuten, dass ...dann, wenn ausserdem auch noch die Wechselkurse fixiert sind, in einer sich dynamisch entwickelnden Weltwirtschaft haeufiger Ungleichgewichte auftreten duerften als im Falle beweglicher Wechselkurse" [13]. Die Abloesung des Systems von Bretton Woods durch ein System flexibler Wechselkurse wurde deshalb vor allem mit dem Argument gefordert, dass in erster Linie die Wechselkurse - und nicht die relativ rigiden Loehne und Preise - die Anpassungsfunktion uebernehmen muessten. Allerdings hat die Praxis gezeigt, dass auch flexible Wechselkurse betraechtliche Schwaechen haben. Zwar entsprechen die Wechselkurse im laengerfristigen Durchschnitt den Kaufkraftparitaeten - und damit auch den Kostenparitaeten -, aber immer wieder kommt es zu mehrjaehrigem Ueberschiessen oder Unterschiessen der Wechselkurse. Diese Fluktuationen signalisieren in sehr vielen Faellen keine entsprechende Aenderung der Knappheitsverhaeltnisse zwischen der inlaendischen Volkswirtschaft und der Weltwirtschaft; sie ueben insoweit keine zuverlaessige Lenkungsfunktion aus. Eine jederzeitige Anpassung der Loehne in saemtlichen Bereichen der Volkswirtschaft an die wechselkursbedingten Aenderungen der aussenwirtschaftlichen Bedingungen wuerde also in all diesen Faellen zu Verzerrungen der Preis- und Kostenrelationen und damit zu einer Fehlallokation der Produktionsfaktoren fuehren.

Der reale DM-Aussenwert unterlag betraechtlichen Schwankungen. Worauf ist dies primaer zurueckzufuehren? Die Abbildung 2 gibt hierueber Aufschluss: Das Lohnstueckkosten-Gefaelle hat sich, von der Mitte der 80er Jahre und dem Anfang der 90er Jahre abgesehen, relativ stetig ausgeweitet. Zwar hat sich auch der nominale DM-Aussenwert deutlich erhoeht. Aber er wies eine starke Volatilitaet auf. Diese beruhte weniger auf den Aenderungen der Paritaeten der staendig am Wechselkursmechanismus des EWS beteiligten Waehrungen als vielmehr auf den Fluktuationen der floatenden Waehrungen, namentlich des US-Dollars und des japanischen Yen. Mit anderen Worten: Es waren in erster Linie Wechselkursschwankungen und nicht die Veraenderungen des Lohnstueckkosten-Gefaelles in Landeswaehrung, die zu den starken Schwankungen der Marktanteile bzw. der Handels- oder Leistungsbilanz der Bundesrepublik Deutschland beigetragen haben (Abbildung 4).

Die Volatilitaet des nominalen Aussenwerts einer Waehrung hat volks- und weltwirtschaftlich unerwuenschte Konsequenzen. Hierfuer ein Beispiel: In einer Volkswirtschaft werden aufgrund von Innovationen hohe Produktivitaetsfortschritte erzielt und dank einer produktivitaetsgerechten Lohnpolitik die Lohnstueckkosten stabilisiert, waehrend in den Partnerlaendern die Lohnstueckkosten zunehmen . Dadurch wird das Lohnstueckkosten-Gefaelle Ausland minus Inland vergroessert. Wenn als Reaktion darauf nach einiger Zeit der Aussenwert der eigenen Waehrung staerker zunimmt als das Lohnstueckkosten-Gefaelle, werden Unternehmen und Arbeitnehmer um die Fruechte von Produktivitaetsfortschritten und massvoller Lohnpolitik gebracht. Mit dem Auslandsabsatz sinken Gewinne und Beschaeftigung. Die volkswirtschaftlich und weltwirtschaftlich ebenfalls negative Kehrseite: In den Partnerlaendern brauchen Unternehmen und Arbeitnehmer fuer unternehmerisches und tarifpolitisches Fehlverhalten keine Sanktionen in Form sinkender Gewinne und Nominalloehne zu erleiden.

Fazit

Die Lohnpolitik in Westdeutschland hat sich mit wenigen Ausnahmen langfristig viel staerker am gesamtwirtschaftlichen Produktivitaetsfortschritt ausgerichtet als die Lohnpolitik in der Mehrzahl der Konkurrenzlaender [14]. Auch nach einer Wechselkursbereinigung zeigt sich, dass die Lohnstueckkosten in Westdeutschland im Trend deutlich weniger gestiegen sind und meist auch absolut niedriger waren als im Ausland. Wenn es trotzdem immer wieder aussenwirtschaftliche Probleme gab, so lag dies an der Volatilitaet der Wechselkurse. Die in diesen Faellen naheliegende - wenn auch meist nicht explizit vorgetragene - Forderung an die Lohnpolitik, sich nicht allein am Produktivitaetsfortschritt, sondern auch an den Wechselkursen zu orientieren, hiesse allerdings die Oekonomie auf den Kopf stellen. Eine sinnvolle Alternative ist die Stabilisierung der Wechselkurse oder deren partielle Abschaffung, wie sie mit einer Europaeischen Waehrungsunion angestrebt wird. Nicht vernuenftig hingegen waere der Verzicht auf das im Ganzen bewaehrte Lohnfindungssystem, naemlich die Ausrichtung der durchschnittlichen Lohnsteigerungen am gesamtwirtschaftlichen Produktivitaetsfortschritt.

[1] Mit den "Unternehmen" ist vermutlich das verarbeitende Gewerbe gemeint. Hierauf deutet unter anderem eine Untersuchung des Instituts der deutschen Wirtschaft hin. Christoph Schroeder: Produktivitaet und Lohnstueckkosten im Vergleich. In: IW-Trends, Jg.15, Heft 3, S. D10 bis D26.

[2] Die Lohnkosten setzen sich zusammen aus den Bruttoloehnen und - gehaeltern sowie den Sozialbeitraegen der Arbeitgeber. Diese Sozialbeitraege werden meistens nur "Lohnnebenkosten" genannt. Mit dieser Bezeichnung kann man aber nicht die Tatsache herunterspielen, dass auch diese "Nebenkosten" nichts anderes sind als vollgueltige Lohnkosten.

[3] Deutsche Bundesbank: Reale Wechselkurse als Indikatoren der internationalen Wettbewerbsfaehigkeit. In: Monatsbericht Mai 1994, S. 52.

[4] Der wichtigste Indikator, der eine Synthese aus vielen, zum Teil schwer zu gewichtenden Einzelinformationen darstellt, sind die Lohnstueckkosten: "... in den relativen Lohnstueckkosten und Preisen (ist) mit der Arbeitsproduktivitaet schon eine 'catch-all'-Groesse enthalten (...), mit der sich sowohl die allgemeine Wachstumsdynamik, als auch die Gewinn-, Investitions- und Forschungsentwicklung widerspiegelt." (Flassbeck, Heiner: Theoretische Aspekte der Messung der Wettbewerbsfaehigkeit. In: Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung, Heft 1-2/1992, S.17). Auch die Deutsche Bundesbank und der Sachverstaendigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVR) benutzen zur Analyse der Wettbewerbsposition eines Landes vorwiegend gesamtwirtschaftliche Indikatoren wie das wechselkursbereinigte Lohnstueckkostengefaelle bzw. den auf der Basis dieses Gefaelles berechneten realen Wechselkurs.

[5] Ein hier nicht eroerterter Aspekt ist die Rolle des Zinses als Messlatte fuer die Rentabilitaet von Sachinvestitionen und seine Bedeutung fuer das Einsatzverhaeltnis der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital.

[6] Deutsche Bundesbank: Ertragslage und Finanzierungsverhaeltnisse westdeutscher Unternehmen im Jahre 1995. In: Monatsbericht November 1996, Tabelle auf Seite 38. Nach dieser Tabelle betrug der Nettozinsaufwand nur 1 vH der gesamten Aufwendungen. Allerdings ist diese Zahl in gesamtwirtschaftlicher Sicht nicht aussagekraeftig, weil in den Erfolgsrechnungen der Unternehmen auch die Umsaetze zwischen den Unternehmen enthalten sind, also Groessen, die in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung wegfallen.

[7] Trotz Deregulierungen ist der Weltfinanzmarkt natuerlich kein vollkommener Markt. Nach wie vor gibt es mobilitaetshemmende Faktoren, wie institutionelle Barrieren und Informationsmaengel, die gewisse Differenzen zwischen den nationalen Zinsniveaus begruenden. Soweit diese Faktoren sich von Land zu Land unterscheiden, bewirken sie Standortvor- und -nachteile, sind also Wettbewerbsfaktoren.

[8] Selbstverstaendlich koennen die tatsaechlichen hinter den erwarteten Raten der Inflation und der Abwertung zurueckbleiben, so dass die tatsaechliche Zinsbelastung steigt. Diese Gefahr ist aber kein Wettbewerbsfaktor. Denn das Risiko einer steigenden Zinsbelastung - wie natuerlich auch die Chance einer sinkenden Belastung - gibt es in allen am Weltkapitalmarkt beteiligten Laendern.

[9] 18 andere Industrielaender. Fuer die Lohnkosten und die Produktivitaet je Arbeitsstunde gibt es keine international vergleichbaren Angaben.

[10] Das Gefaelle wird hier und im folgenden durch Division des auslaendischen und inlaendischen Index ermittelt. Der Basiswert wird = 100 gesetzt.

[11] Dies bedeutet nicht, dass die D-Mark absolut um ein Zehntel unterbewertet gewesen waere. Denn im Basisjahr 1973 war die D-Mark vermutlich ueberbewertet, so dass zur Identifizierung des Niveaus des realen Aussenwertes der D-Mark eine Korrektur der Originalreihe "Lohnstueckkostengefaelle Ausland minus Inland" erforderlich wird (Abbildung 5)

Basis dieser Schaetzung ist die Kaufkraftparitaetentheorie, fuer die zwar nicht kurzfristige, aber mittel- und langfristige Geltung beansprucht wird. So wurde vom DIW unterstellt, dass im Durchschnitt der Jahre 1973 bis 1986 - mit zwei Konjunktur- und Zinszyklen - der nominale Aussenwert der D-Mark der Verbrauchergeld-Kaufkraftparitaet entsprach. Die Differenz zwischen den beiden Durchschnitten betraegt 12,5 vH.(vgl. Erweiterte Bandbreiten im EWS: ein notwendiges Provisorium. Bearb.: Reinhard Pohl. In: Wochenericht des DIW, Nr.36/93. Aehnlich auch die Deutsche Bundesbank: Entwicklung und Bestimmungsfaktoren des Aussenwertes der D-Mark. In: Monatsbericht November 1993, Erlaeuterungen in den Schaubildern auf S.42 u.43). Allerdings scheint es zweckmaessig zu sein, die genannte Differenz von 12,5 vH um die "strukturelle" (ueberwiegend statistisch und institutionell bedingte) Differenz zwischen der inlaendischen und der durchschnittlichen auslaendischen Lohnquote zu bereinigen. Nach einem grob gegriffenen Abschlag von 3 vH ergibt sich eine Senkung der Indexreihe "Lohnstueckkostengefaelle Ausland minus Inland" um 9,5 vH.

[12] Auffallend ist die Asymmetrie bei den Zielvorstellungen: Immer wieder wird in Perioden der Aufwertung eine Zurueckhaltung bei den Loehnen gefordert, aber niemand plaediert dafuer, mit Lohnerhoehungen auf eine Abwertung zu reagieren, wie sie sich in den letzten Monaten herausgebildet hat.

[13] Egon Sohmen: Wechselkurse und Waehrungsordnung. Tuebingen 1973, S.78.

[14] Dies gilt freilich nicht fuer die Lohnpolitik in Ostdeutschland, die, wenn auch in letzter Zeit sehr viel verhaltener, auf eine ueber die Produktivitaetsfortschritte in Ostdeutschland hinausgehende Angleichung der Nominalloehne an das westdeutsche Niveau ausgerichtet ist.

 
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Tabelle 1                                                                       
   Input-Rechnung fuer das westdeutsche verarbeitende Gewerbe im Jahre 1991     
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Vorleistungen und Wertschoepfung    Mrd. DM        vH (3)        vH (3)         
                                                                                
Eigene Vorleistungen                  824          38,6                         
plus:                                                                           
Fremde Vorleistungen                  524          24,6          28,2           
Zwischensumme I:                                                                
Vorleistungen                       1 348          63,2                         
Abschreibungen                         87           4,1           4,7           
plus: Lohnkosten (1)                  567          26,6          30,5           
plus: Einkommen aus                                                             
        Unternehmertaetigkeit (2)     132           6,2           7,1           
Zwischensumme II:                                                               
        Bruttowertschoepfung          786          36,8          42,3           
Zwischensumme III (I + II):                                                     
        Produktionswert             2 134         100                           
plus: Einfuhr gleichartiger Gueter    550                        29,6           
Summe: Gueteraufkommen              2 684                                       
Nachrichtlich:                                                                  
Gueteraufkommen                                                                 
        ohne eigene Vorleistungen   1 860                       100             
                                                                                
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(1) Bruttoeinkommen aus unselbstaendiger Arbeit.                                
(2) Einschl. Einkommen aus Vermoegen.                                           
(3) Abweichungen in den Summen sind durch Rundungen bedingt.                    
Quelle: Statistisches Jahrbuch fuer die Bundesrepublik Deutschland, 1996,       
S. 666/667, Werte in Spalten 3 bis 8.                                           
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Tabelle 2                                                                       
                         Nominales Bruttoinlandsprodukt                         
                in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1995                 
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                                  Bill. DM        vH        vH                  
                                                                                
AUFWAND / AUSGABEN                                                              
"Lohnkosten": Bruttoeinkommen                                                   
aus unselbstaendiger Arbeit          1,9          54        68                  
                                                                                
Abschreibungen                       0,5          14        18                  
                                                                                
Indirekte Steuern                                                               
        minus Subventionen           0,4          12        14                  
                                                                                
Aufwand insgesamt                    2,8          80       100                  
                                                                                
"Gewinn": Bruttoeinkommen                                                       
aus Unternehmertaetigkeit                                                       
und Vermoegen                        0,7          20                            
                                                                                
Bruttoinlandsprodukt (BIP)           3,5         100                            
                                                                                
ERTRAEGE / EINNAHMEN                                                            
                                                                                
Privater Verbrauch                   2,0          57                            
Staatsverbrauch                      0,7          20                            
                                                                                
Verbrauch insgesamt                  2,7          77                            
                                                                                
Investitionen                        0,8          23                            
                                                                                
Aussenbeitrag                        0,0           0,0                          
                                                                                
davon:      Ausfuhr                  0,8          23                            
            Einfuhr                 -0,8         -23                            
                                                                                
Bruttoinlandsprodukt (BIP)           3,5         100                            
                                                                                
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Quelle: Statistisches Bundesamt, Fachserie 18:                                  
Volkswirtschaftliche Gesamtrechnungen.                                          
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Wochenbericht 30/97