Interview , Nachricht vom 27.11.2013

Der zufriedene Westen

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Glücksforscher Jürgen Schupp erklärt, wovon es abhängt, ob Menschen glücklich sind und wo in Deutschland die glücklicheren Menschen leben.

Interview von Christopher Schrader, erschienen in der Süddeutschen Zeitung vom Dienstag, 26. November 2013

Glück ist ein wichtiges Thema für die Sozialforschung. In vielen Befragungen geben Menschen eher Wohlbefinden als materiellen Reichtum als Lebensziel an. Wie sehr sie es erreichen, ermittelt der SoziologeJürgen Schupp vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschungin Berlin.

Süddeutsche Zeitung (SZ): Wo leben in Deutschland die glücklichsten Menschen?

Jürgen Schupp: Wir können mit Sicherheit nur feststellen, dass die Menschen in Westdeutschland signifikant zufriedener sind als die Menschen in Ostdeutschland.

SZ: Woran liegt das?

Schupp: Die höhere Arbeitslosigkeit im Osten stellt die objektive Grundlage für ein geringeres subjektives Wohlbefinden dar. Außerdem hängt die Zufriedenheit vielfach mit dem Anspruchsniveau zusammen: Mit wem vergleiche ich mich, und an welchem Zustand in meinem bisherigen Leben messe ich die Gegenwart? Offenbar macht der Blick von Osten nach Westen die Menschen weniger zufrieden. Und älteren Menschen ist die Retrospektive auf ihr früheres Leben nicht angenehm, wenn sie erleben mussten, dass vieles, was ihnen früher wichtig war, im Lauf der Geschichte entwertet worden ist.

SZ: Ich habe nach Glück gefragt und Sie haben über Zufriedenheit gesprochen. Da ist doch ein großer Unterschied.

Schupp: Glück ist eher situativ, spontan und emotional. So ein Moment ist meist nacheinerhalben Stunde verflogen. Bei der Frage nach der Zufriedenheit überlegen und bilanzieren die Menschen hingegen, es ist also die kognitive Komponente des subjektiven Wohlbefindens. Sie geben dann eine Antwort von Null für vollkommen unzufrieden bis Zehn für hochzufrieden. Die Deutschen liegen im Mittel deutlich über der neutralen Mitte zwischen sieben und acht.

SZ: Wann sind Menschen zufrieden?

Schupp: Wichtig dafür sind praktisch alle Aktivitäten, die etwas mit Gemeinschaft zu tun haben, sei es die eigene Familie, sei es der Freundeskreis, angefangen vom gemeinsamen Fernsehen bis zum ehrenamtlichen Engagement. Das sind erfolgreichere Mechanismen, Zufriedenheit oder Glück zu erreichen, als auf materielle Dinge zu achten.

SZ: Gibt es weitere Quellen des Glücks?

Schupp: Arbeitslose sind signifikant unzufriedener als vor Verlust der Stelle, die Jungen zufriedener als Personen mittleren Alters, genauso die Menschen mit einem Haushaltseinkommen von 3000 Euro oder mehr im Vergleich zu geringem Einkommen.

SZ: Macht Geld also doch glücklich?

Schupp: Die eigentliche Ursache für den Zusammenhang von Geld und Glück ist oft bessere Bildung. Wenig Geld zu haben, macht vor allem dann unzufrieden, wenn man sich mit Wohlhabenderen seines Umfelds vergleicht. Ab einer gewissen Höhe steigert Geld die Zufriedenheit nicht mehr.

SZ: Mehrere Umfragen haben in den vergangenen Wochen auch Differenzen innerhalb von Westdeutschland offengelegt.

Schupp: Der Glücksatlas der Deutschen Post hat Schleswig-Holstein auf den ersten Platz gesetzt, der ARD-Glückstrend sieht Baden-Württemberg ganz oben.

SZ: Ein bemerkenswerter Widerspruch.

Schupp: Diese Regional-Atlanten sind wissenschaftlich mit Vorsicht zu genießen. Die Unterschiede der Zufriedenheit sind klein und Hitlisten der Bundesländer statistisch nicht gesichert. Das gilt auch für das Land, das angeblich die Rote Laterne hat: Brandenburg. Vor zwei Jahren war es noch Thüringen. Das sind Zufallsfehler, die bei Stichproben unvermeidbar auftreten.

SZ: Macht es einen Unterschied, ob Menschen an einem Montag oder Donnerstag befragt werden?

Schupp: Nein, es macht auch nichts aus, wie lang an dem Tag die Sonne scheint. Die ARD-Umfrage lief über viele Wochen, und der Mittelwert und die Unterschiede der Gruppen blieben die ganze Zeit nahezu konstant.

SZ: Beim Sozio-ökonomischen Panel, wo die Interviewer immer wieder zu denselben 20 000 Menschen gehen, rechnen sie den Einfluss der Wochentage heraus.

Schupp: Vor allem rechnen wir heraus, wie oft die Menschen schon an unserer Erhebung teilgenommen haben. Die Befragten erinnern sich offenbar, dass die Frage auch schon im vergangenen Jahr gestellt wurde, und neigen allein deswegen dazu, sich mit dem vergangenen Jahr zu vergleichen und korrigieren sich selbst nach unten. Weil wir dieses Verhalten inzwischen gut kennen, verschieben wir die Antworten so, als würde jemand zum ersten Mal befragt, und zwar an einem Mittwoch im Mai.

SZ: Ist das ein magisches Datum?

Schupp: Leider nein. Es ist nicht etwa ein Glückstag der Deutschen, sondern war nur der häufigste bei der ersten Welle der Umfrage.

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