Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 02.09.2015

Selbständige Beschäftigung geht zurück

BildPix/A.Klein (Copyright)  Radio- und Fernsehtechniker
Copyright: BildPix/A.Klein

Tendenz zur Selbständigkeit branchenübergreifend gebrochen – Vor allem weniger Solo-Selbständige – Zahl der Arbeitnehmer steigt dagegen – Insbesondere jüngere Erwerbstätige nehmen lieber eine abhängige Beschäftigung auf

In Deutschland gibt es immer weniger Gründer: Der Trend zur Selbständigkeit ist bereits im Jahr 2007 zum Stillstand gekommen; seit 2012 nimmt die Zahl der Selbständigen sogar ab. Die Entwicklung ist fast ausschließlich auf den Rückgang bei den sogenannten Solo-Selbständigen – Unternehmer ohne Beschäftigte – zurückzuführen, die in den Jahren zuvor bereits für den Anstieg der Gründungen verantwortlich gewesen waren. Zu diesen Ergebnissen kommt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) in einer aktuellen Studie. Die Trendwende ist über alle Branchen und fast alle Altersgruppen zu beobachten, lediglich bei den Älteren ist die Zahl der Selbständigen zuletzt noch gestiegen. Dagegen expandierte die Zahl der abhängig Beschäftigten in den letzten Jahren in fast allen Wirtschaftszweigen kräftig. „Der Trend hin zur Selbständigkeit, der als wichtiges Element eines Strukturwandels auf dem Arbeitsmarkt angesehen wurde, scheint gebrochen zu sein“, sagt DIW-Arbeitsmarktexperte Karl Brenke, der für seine Analyse Daten des Mikrozensus und der vom DIW Berlin in Zusammenarbeit mit TNS Infratest Sozialforschung erhobenen Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) ausgewertet hat.

In den Neunziger Jahren hatte die selbständige Beschäftigung in Deutschland – nicht zuletzt wegen zahlreicher Existenzgründungen in Ostdeutschland – deutlich zugenommen. Diese Ausweitung verstärkte sich nach der Jahrtausendwende, auch im Zuge der Förderung von Existenzgründungen aus der Arbeitslosigkeit im Rahmen der Hartz-Reformen – Stichwort „Ich-AG“.  Daraus resultierte der kräftige Anstieg bei den Solo-Selbständigen, von denen allerdings ein erheblicher Teil nur ein geringes Einkommen erzielte. Bis 2007 entwickelte sich die selbständige Beschäftigung besser als die abhängige. Danach stagnierte die Zahl der Selbständigen, und seit 2012 geht sie zurück, während die Zahl der Arbeitnehmer expandiert.

Alle Wirtschaftszweige betroffen

Der Rückgang der Selbständigkeit erstreckt sich – mit Ausnahme der Älteren – über fast alle Altersgruppen. Auch in nahezu allen Wirtschaftszweigen gibt es inzwischen weniger Selbständige. Besonders stark war der Rückgang im Grundstücks- und Wohnungswesen (Makler, Hausverwaltungen), beim Transportgewerbe, im Handel und im verarbeitenden Gewerbe. In der Landwirtschaft setzte sich der langjährige Trend der Aufgabe bäuerlicher Betriebe fort. Im Baugewerbe war aufgrund der guten Baukonjunktur indes ein kräftigerer Anstieg der Selbständigkeit zu verzeichnen.

Weniger Geringverdiener unter den Solo-Selbständigen

Getragen wurde der Rückgang im Wesentlichen von den Solo-Selbständigen. Im Verlauf des Schrumpfungsprozesses ist einerseits der Anteil der Geringverdiener unter ihnen gesunken. Derzeit erzielen aber immer noch etwa ein Viertel aller Selbständigen einen Bruttostundenlohn, der unter dem Mindestlohn für Arbeitnehmer von 8,50 Euro liegt. Andererseits ist die Zahl der Solo-Selbständigen gestiegen, die ein Einkommen von 25 Euro und mehr pro Stunde erzielen. „Man sollte das aber nicht überbewerten und darin eine Anpassung des Einkommensniveaus der Selbständigen an frühere Zeiten sehen. Denn der zeitweilig höhere Anteil der Geringverdiener dürfte auch mit dem Wegfall der Subventionen zusammenhängen, die wohl nicht selten zu einer Selbständigkeit angeregt haben, bei der es nicht viel zu verdienen gab. Tatsächlich liegen die realen Bruttoeinkommen der Selbständigen noch unter dem Niveau der Zeit vor der Finanzkrise – und weit unter dem von Mitte der Neunziger Jahre“, fasst Brenke die Entwicklung zusammen.

Stichwort SOEP

Das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) ist die größte und am längsten laufende multidisziplinäre Langzeitstudie in Deutschland. Das SOEP im DIW Berlin wird als Teil der Forschungsinfrastruktur in Deutschland unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft von Bund und Ländern gefördert. Für das SOEP werden seit 1984 jedes Jahr vom Umfrageinstitut TNS Infratest Sozialforschung mehrere tausend Menschen befragt. Zurzeit sind es etwa 30.000 Befragte in etwa 15.000 Haushalten. Die Daten des SOEP geben unter anderem Auskunft über Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung, Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Weil jedes Jahr dieselben Personen befragt werden, können nicht nur langfristige gesellschaftliche Trends, sondern auch die gruppenspezifische Entwicklung von Lebensläufen besonders gut analysiert werden.

Links

DIW Wochenbericht 36/2015 | PDF, 187.41 KB

DIW Wochenbericht 36/2015 als E-Book | EPUB, 3.15 MB

Folgen Sie dem DIW Berlin auf Twitter

Weitere Pressemitteilungen

Pressestelle DIW Berlin

Renate Bogdanovic
Sabine Fiedler
Sebastian Kollmann
Mathilde Richter
Telefon +49-30-897 89-249, -252, -250 oder -152
Mobil +49-174-319-3131, +49-174-183-5713 oder +49-162-105-2159


Pressereferentin Sozio-oekonomisches Panel (SOEP)

Monika Wimmer
Telefon +49-30-89789-251
Mail:

Die Weiterverwertung des oben angezeigten Bildmaterials durch Redaktionen und Medien ist nicht gestattet.