Medienbeitrag , Nachricht vom 01.08.2016

Der Schwindel vom Wohlstand: Darum müssen die Gewinne aus Olympischen Spielen anders verteilt werden

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Dieser Gastbeitrag von DIW-Vorstandsmitglied Gert G. Wagner und Arbeitsmarktexperte Karl Brenke ist am 31. Juli 2016 auf sueddeutsche.de erschienen.

In Deutschland werden die Olympischen Spiele einer Menge Sportfans Fernsehspaß bringen - auch wenn das Interesse in der Urlaubszeit nicht an die großen internationalen Fußballturniere heranreichen wird. Insofern zählen "Wir" wie die Zuschauer in vielen Ländern auf den ersten Blick zu den Gewinnern von Olympia. Umsonst ist der Spaß aber nicht. Ein beachtlicher Brocken unserer Fernsehgebühren fließt an das Internationale Olympische Komitee (IOC), das sich die Übertragungsrechte fürstlich entgelten lässt. Für die Spiele in Sotschi und Rio zusammen sind es 110Millionen Euro; die letzten großen Fußballturniere waren indes dreimal so teuer. Und der Leistungssport wird zu einem erheblichen Teil über die Steuern finanziert. Die Kosten für die olympischen Sportarten dürften sich schätzungsweise auf bis zu 100 Millionen Euro pro Jahr belaufen. Man kann diese Förderung als gut angelegt ansehen.

Den allergrößten Teil der Zeche zahlt aber die Bevölkerung Brasiliens. Die Durchführung eines relativ teuren Spektakels wie das der Olympischen Spiele ist für ein Schwellenland angesichts erheblicher infrastruktureller Rückstände und noch hoher Armut ein volkswirtschaftlicher Luxus. Regelrechte Verschwendung ist es, wenn speziell gebaute Sportstätten in Zukunft kaum genutzt werden - was bei Olympischen Spielen regelmäßig der Fall ist.

Was wurde in Brasilien im Vorfeld der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 nicht alles versprochen! Eine Million Touristen sollten zusätzlich ins Land kommen - tatsächlich lassen sich dem Ereignis noch nicht einmal halb so viele zuordnen. Auch ist nichts davon zu sehen, dass der Fremdenverkehr einen nachhaltigen Impuls erhalten hätte. Das brasilianische Tourismus-Institut sprach von einer Million zusätzlicher Beschäftigter, drei Viertel der Arbeitsplätze hätten dauerhaften Bestand. Die Beratungsgesellschaft Ernst & Young prophezeite sogar 3,6 Millionen Arbeitsplätze pro Jahr.

Die offiziellen Arbeitsmarktdaten bestätigen diese Prognosen allerdings nicht. Just zur Zeit der Fußball-WM rutschte Brasilien in eine Rezession, die sich inzwischen zur größten Wirtschaftskrise seit Jahrzehnten ausgewachsen hat. So ist die Wirtschaftsleistung zuletzt um mehr als fünf Prozent zurückgegangen, und die Beschäftigung nimmt kräftig ab. Die Fußball-WM ist daran gewiss nicht schuld, sie konnte daran aber auch nichts ändern. Selbst global vermarktete Sportveranstaltungen sind zu klein, um nennenswerte gesamtwirtschaftliche Wirkungen in einem größeren Land entfalten zu können. Im Falle Brasilien spielen noch die große Einkommensungleichheit und die Korruption eine große Rolle - und der Verdacht in der Bevölkerung, dass die staatlichen Ausgaben für Sportgroßereignisse nur einer kleinen Schicht zugutekommen. Im Falle Rios ist dieser Verdacht besonders naheliegend, da der Bürgermeister der Stadt, Eduardo Paes, die Spiele zum Teil mithilfe einer groß angelegten Public-private-Partnership-Initiative finanziert. Hier haben - auf landestypisch intransparente Art und Weise - Immobiliengesellschaften zum Radikalumbau einiger Stadtteile angesetzt, um davon später durch kräftig steigende Grundstücks- und Immobilienpreise zu profitieren. Das entlastet den Staat nur scheinbar, und es wird die Spaltung der brasilianischen Gesellschaft noch verstärken. Neben solchen Investitionen fallen weitere Kosten für Rio und Brasilien an; so soll eine Unmenge an Personal für die Sicherheit der Spiele sorgen - darunter 32 000 Soldaten.

Schon jetzt reißen sich reiche Städte nicht mehr um Ereignisse - aus guten Gründen

Bei alldem werden die Spiele in Rio vom allergrößten Teil der brasilianischen Bevölkerung wohl kaum mit Begeisterung aufgenommen werden. Die Menschen haben andere Sorgen. Ihnen dürfte noch gut in Erinnerung sein, dass im Vorfeld der Fußball-WM die Verbraucherpreise kräftig nach oben getrieben wurden. Die Inflation erreicht inzwischen fast zweistellige Raten. Überdies ist die politische Situation labil.

Dennoch wollen weltweit Politiker und Sportfunktionäre immer wieder glauben machen, dass das Geld für sportliche Großereignisse deshalb gut angelegt sei, weil die Ereignisse den Wohlstand und die Zufriedenheit der Menschen in den Ausrichterregionen erhöhen. Handfeste Belege dafür gibt es aber nicht. Stattdessen ist in den letzten Jahren eine neue Entwicklung zu beobachten. Die reichen Länder und ihre Großstädte reißen sich längst nicht mehr in dem Maße wie früher um Sportgroßereignisse.

Das zeigte sich besonders in Deutschland. So haben die Bürger von München und anderen Orte eine Bewerbung für die Olympischen Winterspiele 2022abgelehnt. Als die Politiker in Berlin und Hamburg eine Bewerbung für die Sommerspiele 2024 vorantrieben, erlitten sie ebenfalls Schiffbruch. Die Bürger sahen die Veranstaltungen als Verlustgeschäfte an, die man sich nicht leisten sollte. Dabei konnte auf Erfahrungen in der Vergangenheit verwiesen werden, denn seit Jahrzehnten dürften Austragungsorte auf ihren Kosten sitzen geblieben sein. Jüngstes Beispiel ist London mit den Sommerspielen 2012. Über die Winterspiele in Sotschi 2014 gibt es zwar keine Zahlen, dass sie ein großer finanzieller Verlust für die Region und für Russland waren, ist aber offenkundig. Ein Problem für die Ausrichter besteht darin, dass sich - ähnlich wie die Fifa beim Fußball - das IOC einen großen Teil der Einnahmen sichert.

Damit internationale Sportgroßereignisse in der Zukunft noch eine Chance haben, bedarf es eines Umdenkens. Der Weg, den die Fifa eingeschlagen hat, künftige Fußballweltmeisterschaften systematisch an autoritäre Staaten zu vergeben, dürfte sich als Sackgasse erweisen. Statt zu vermeiden, dass es zu Massenprotesten wie 2014 bei der WM in Brasilien kommt, sollte im Vorfeld in demokratischen Staaten die breite Bevölkerung gewonnen werden. Dazu sind lokale und nationale Politiker sowie Sportfunktionäre aufgefordert, die sich nur allzu gern vor und bei großen Sportereignissen ins Rampenlicht stellen, aber die Lasten für die Bürger aus dem Auge verlieren. Nicht zuletzt müssten die Einnahmen aus Olympia und internationalen Fußballturnieren anders verteilt werden. Das IOC und die Fifa sollten nur einen Teil der Überschüsse erhalten. Das würde die Sportfunktionäre zur Mäßigung erziehen und dem zunehmenden Gigantismus im internationalen Sport entgegenwirken.

Mehr zum Thema Olympische Spiele finden Sie auch im aktuellen Discussion Paper No 1599: The Host with the Most? The Effects of the Olympic Games on Happiness. | PDF, 1.14 MB

Auf Basis des Discussion Papers ist auf FAZ.net außerdem der Artikel Kurzlebiges Olympiaglück (1.09.2016) erschienen, in dem die wesentlichen Erkenntnisse der Untersuchung vorgestellt werden.