Publikationen des DIW Berlin

Kontakt:

DIW Wochenbericht

43 / 2016 Haftpflichtregelungen auf Krankenhausebene können ärztliches Handeln beeinflussen und Kaiserschnittraten senken Sofia Amaral-Garcia, Paola Bertoli, Jana Friedrichsen, Veronica Grembi S. 1035-1042

Download kostenlos Beitrag | PDF  184 KB

Abstract:

Die Kaiserschnittrate ist in den vergangenen Jahrzehnten stark gestiegen: Heute werden weltweit mehr Kinder per Kaiserschnitt entbunden als je zuvor. Zunehmend werden Bedenken laut, dass sich medizinisch unnötige Eingriffe negativ auf die Gesundheit von Müttern und Kindern auswirken könnten (WHO, 2015). Der vorliegende Bericht zeigt, dass eine richtig implementierte Haftpflichtregelung auf Krankenhausebene ein wirksames Instrument sein kann, um die Rate unnötiger Kaiserschnitte zu senken, ohne dabei Müttern und Neugeborenen zu schaden. Wenn unnötige Eingriffe reduziert werden, senkt das die hohen Gesundheitskosten, was ein zentrales gesundheitspolitisches Ziel ist. In diesem Beitrag werden die Implikationen einer im Jahr 2005 im italienischen Piemont eingeführten Reform diskutiert, die den Haftungsdruck bei Behandlungsfehlern erhöhte und damit die Kaiserschnittrate senkte. Empirische Befunde zeigen, dass die Kaiserschnittrate durch diese Reform um 2,3 Prozentpunkte abnahm. Dies deutet darauf hin, dass Ärzte und Ärztinnen ihr Verhalten auch als Reaktion auf Regelungen auf Krankenhausebene ändern – selbst wenn sich diese nicht unmittelbar auf ihre persönliche Haftpflicht auswirken. Es ist davon auszugehen, dass auch die hohe Kaiserschnittrate in Deutschland teils durch ökonomische und rechtliche Anreize beeinflusst ist. Die Befunde aus Italien implizieren, dass ein erhöhter Haftungsdruck auch in Deutschland die Rate senken könnte, die aktuell bei über 30 Prozent und damit um zehn Punkte höher liegt als zu Beginn der 2000er Jahre. Sollte hiereine ähnliche Reform eingeführt werden wie in Italien, dürfte sich das positiv auf die hohen Gesundheitskosten auswirken, ohne negative gesundheitliche Folgen für die Betroffenen. Ein positiver Effekt setzt voraus, dass es ausreichend viele Geburtshelferinnen und -helfer gibt, die eine natürliche Entbindung kompetent begleiten können.

The past few decades have seen a considerable increase in caesarean section rates, which have now reached unprecedented levels. Concerns have been raised about the possibility of medically unnecessary procedures having negative consequences for mothers and infants (WHO, 2015). The aim of this report is to show that a properly implemented hospital-level policy may be a powerful tool for reducing the rates of unnecessary C-sections without inflicting harm on mothers or newborns. Reducing the rates of unnecessary procedures helps lower the excessive healthcare costs that present a major concern for public policy. This report analyzes the implications of a 2005 reform introduced in the Italian region of Piedmont that increased malpractice pressure and reduced C-section rates. Empirical evidence indicates that this reform led to a 2.3-percentage points (approximately seven percent at the mean of C-section) reduction in use of C-section, which suggests that physicians will also alter their behavior in response to hospital-level policies – even though such policies do not directly influence individual insurance liability. Presuming that C-section rates in Germany are partially influenced by economic and legal incentives, the Italian findings imply that increased malpractice pressure may reduce the C-section rates in Germany, which currently exceed 30 percent – a share that is ten points higher than it was in the early 2000s. Should Germany implement a similar reform to the one introduced in Piedmont, one might expect positive effects in terms of reduced healthcare costs without affecting healthcare outcomes. This expectation presumes that there are a sufficient number of practitioners who can competently assist in a natural delivery.

JEL-Classification:

I13;K13;K32

Keywords:

childbirth, caesarean section, experience rating, malpractice pressure, medical liability insurance