Bericht , Nachricht vom 28.04.2017

Call for Papers "Vierteljahrshefte zur Wirtschaftsforschung" 4/2017: Stupsen und Schubsen (Nudging): ein neues verhaltensbasiertes Regulierungskonzept?

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Copyright: Bernd Kröger

Tag für Tag lässt sich beobachten, dass sich Verbraucherinnen und Verbraucher nicht systematisch ökonomisch rational verhalten. Beispielsweise wird  derzeit vom Einzelnen erwartet, zumindest Teile der Lebenshaltung im Alter durch privates Ansparen in der aktiven Erwerbsphase abzusichern. Empirische Befunde zeigen aber, dass - gemessen an den politischen Vorstellungen -  individuell nur unzureichend vorgesorgt wird. Eine ähnliche Diskrepanz lässt sich bei Ernährungs- und Bewegungsgewohnheiten vieler Menschen beobachten. Obwohl der eigenen Gesundheit nicht dienlich, bewegen sich Menschen oft zu wenig, essen zu viel oder ungesund. Daten der Umweltbewusstseinsstudie für Deutschland 2016 zufolge steht auch das individuelle Umweltverhalten im Widerspruch zur wahrgenommenen Notwendigkeit, das eigene Handeln zu ändern. Beschränkte kognitive Fähigkeiten (etwa mangelnde Selbstkontrolle), so die Verhaltensforschung, führe regelmäßig zu solchen verzerrten Entscheidungen und damit zu suboptimalen ökonomischen Ergebnissen und zur Verfehlung von Politikzielen. 

Wenn aber das Erreichen politischer Ziele in starkem Maße vom Verhalten des Einzelnen abhängt, dessen Entscheidungen möglicherweise verzerrt sind und (hohe) gesellschaftliche Folgekosten nach sich ziehen, wirft dies die Frage auf, durch welche Politikkonzepte sich individuelles „Fehlverhalten“ begrenzen oder zumindest reduzieren lässt. Zwar steht der staatlichen Politik ein breites Spektrum an Instrumenten zur Verfügung. Individuelle Lebensstile und –entscheidungen scheinen sich über finanzielle Anreize oder Beratungsangebote aber nur bedingt oder nur zu hohen Kosten beeinflussen zu lassen und harte Ver- und Gebote sind umstritten und riskant. Daher erscheinen solche Instrumente attraktiver, die nicht zu nachhaltigem oder gesundem Verhalten zwingen, sondern subtiler lenken.

Nudging ist ein Politikkonzept, das individuelles Verhalten durch leichte „Stupser“ beeinflussen und damit (subtil) lenken möchte Das Konzept gilt als vielversprechender Ansatz, um den individuellen und gesellschaftlichen Wohlstand positiv zu beeinflussen ohne die individuelle Entscheidungsfreiheit einzuschränken. Bekannte Nudges sind Vereinfachung, verbesserte Transparenz sowie Warnhinweise oder Erinnerungen. Auch das Setzen einer Opt-out-Option anstelle eines Opt-in gilt als ein typischer Nudge.

Im Fokus des geplanten Vierteljahrshefts steht die Aufarbeitung der kontroversen Diskussion um das Politikkonzept des Nudgings. Willkommen sind theoretische wie auch empirisch fundierte Beiträge. Politische Implikationen der Analysen sollen vorgestellt und diskutiert werden. Auch Positionspapiere aus Verbänden, Politik und Wirtschaft können eingereicht werden. Von Interesse sind konkrete Beispiele für Nudging aus Politikbereichen in Deutschland sowie international vergleichende Beiträge. Beiträge können insbesondere, aber nicht ausschließlich zu folgenden Themen eingereicht werden:

  • Begriff Nudging und dessen Abgrenzung:Was sind Nudges, was nicht? Welche Annahmen zum Menschenbild und zum Verhalten von Verbraucherinnen und Verbraucher  liegen dem Konzept des Nudging zugrunde?
  • Nudging als Politikkonzept, Legitimation und politische Ökonomie von Nudges:Welcher Nudge wird warum implementiert? Welche Ziele werden adressiert? Welche Hemmnisse und Hürden haben Nudges?
  • Analyse von Anwendungsmöglichkeiten und Voraussetzungen für eine Umsetzung in eine politische Strategie: In welchem Ausmaß und wo gibt es bereits verhaltenswissenschaftlich informierte Steuerung durch die Politik?  Funktionieren Nudges und wie schneiden sie im Vergleich zu anderen Regulierungsansätzen ab?
  • Ethische Aspekte von Nudging (Wohlergehen und Freiheit, Zielkonflikte und Balance zwischen dem Individuum und der Gesellschaft).
  • Vorstellung und Bewertung konkreter Anwendungsfelder des Nudgings aus Verbraucher-, Ernährungs-, Umwelt-, Energie-, Sozial-  oder Finanzpolitik.
  • Nudging im Kontext von Information und Marktreaktion, Abgrenzung und mögliche „Nebenwirkungen“ oder Langzeiteffekte von Nudges.
  • Evaluation und Messung der Wirksamkeit von Instrumenten des Nudgings.

Für das Vierteljahrsheft zeichnet ein Herausgeberinnenteam verantwortlich. Autorinnen und Autoren, die einen Beitrag einreichen möchten, schicken bitte bis zum 6. Juni 2017 einen Abstrakt über den geplanten Beitrag (maximal 1 Seite) an Kornelia Hagen. Zum 15. Juni 2017 erhalten die Autorinnen und Autoren eine Rückmeldung ob der Beitrag angenommen wird. Die fertigen Beiträge, die eine Länge von ca. 30.000 Zeichen nicht überschreiten sollen, müssen bis zum 22. September 2017 eingereicht werden. Es schließt sich ein mehrstufiger Lektorats- und Überarbeitungsprozess an. Geplant ist auch, im Herbst einen Workshop zum Austausch zwischen den Autorinnen und Autoren des Vierteljahrshefts zu organisieren.  Das VierteljahrsheftStubsen und Schubsen (Nudging): ein neues verhaltensbasiertes Regulierungskonzept?soll voraussichtlich im Dezember 2017/Januar 2018 erscheinen.

Herausgeberinnen: Jana Friedrichsen, Kornelia Hagen und Johanna Mollerstrom
(Mitwirkung: Kevin Högy)

Call for Papers zum DIW Vierteljahrsheft 4/2017 zum Download | PDF, 129.3 KB

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