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3. Mai 2017

SOEP Brown Bag Seminar Dauerhaft ungleich – berufsspezifische Lebenserwerbseinkommen von Frauen und Männern in Deutschland

Die Forschung zur Lohnungleichheit der Geschlechter fokussiert bisher überwiegend auf der mittleren Lohnlücke in den Stundenlöhnen (gender pay gap), die derzeit in Deutschland 21 % beträgt (Statistisches Bundesamt 2017). Dieses Maß kann jedoch Umfang und Entstehung der Lücke über den Erwerbsverlauf nur vollständig messen. Wir präsentieren in dieser Studie neue Ungleichheitsindikatoren, die hierzu einen Beitrag leisten möchten.
Basierend auf Informationen von 93.511 Personen der Jahrgänge 1950-64 der Stichprobe der Integrierten Arbeitsmarktbiografien für den Zeitraum 1975-2010 (SIAB 7510) misst der Indikator ‘gender lifetime earnings gap’ (GLEG) die Geschlechterlücke in den akkumulierten Einkommen zwischen Erwerbseinstieg und dem letzten Beobachtungsjahr einer Person nach mindestens 30 Jahren individuell beobachteter Erwerbsspanne. Zerlegungsanalysen nach der herkömmlichen Blinder/Oaxaca (1973)-Methode splitten die unbereinigte Lücke in ihre Einzelkomponenten auf. Die Ergebnisse dieser querschnittsdatenbasierten Rechnungen zeigen, dass Frauen bis zum Ende ihrer Erwerbskarriere im Durchschnitt 49,8 % weniger Einkommen angesammelt haben als Männer. Damit ist die Lücke in den Lebenserwerbseinkommen mehr als zweimal so hoch wie der ‚gender pay gap‘. Der GLEG ist am höchsten (niedrigsten) am unteren (oberen) Ende der Einkommensverteilung. Er steigt am stärksten zwischen 25 und 35 Jahren an. Die unterschiedliche Arbeitsmarktpartizipation der Geschlechter, insbesondere bezüglich Erwerbserfahrung(sjahren) und Teilzeit, erklären drei Viertel der unbereinigten Lücke. Für jüngere Kohorten scheinen Erwerbsunterbrechungen etwas an Bedeutung zu verlieren, Teilzeit jedoch nicht.
In einem zweiten Teil der Untersuchung nutzen wir die Panelstruktur der Daten und ermitteln Geschlechter-, Berufs- und Unterbrechungseffekte, indem wir Lohnaltersprofile getrennt nach Geschlechtern, 21 Berufssegmenten und 3 stilisierten Erwerbsverläufen zwischen Erwerbseintritt und Alter 45 simulieren. Bei durchgängiger Vollzeitbeschäftigung zeigt sich, dass Männer- und Fraueneinkommen in den Berufen unterschiedlich weit auseinanderliegen; in einigen Segmenten verdienen Frauen sogar mehr als Männer. Vollzeitbeschäftigte Frauen mittlerer Bildung verdienen in Büro- und Verwaltungsberufen und in sozialpflegerischen Berufen deutlich mehr als in allen männerdominierten Produktionsberufen. Durch Erwerbsunterbrechungen und Teilzeit verlieren Frauen weit mehr Einkommen als in Vollzeiterwerbsverläufen gegenüber Männern. Die Unterbrechungskosten sind in frauendominierten Dienstleistungsberufen jedoch i.d.R. nicht niedriger als in männerdominierten gewerblichen Berufen.
Die Studie zeigt, dass Frauen über die Erwerbsspanne hinweg um ein Vielfaches höhere Einkommenseinbußen hinnehmen müssen als es die Momentaufnahme des ‚gender pay gap‘ nahelegt. Der Faktor Biografie spielt dabei eine wesentliche Rolle. Jedoch bestehen auch zwischen durchgängig vollzeitbeschäftigten Frauen und Männern nennenswerte Einkommensunterschiede.

Referent/-in
  • Christina Boll (Hamburgischen WeltWirtschaftsInstitut - HWWI)

  • Zeit
    12:30 - 13:30
    Ort
    DIW Berlin (Eleanor-Dulles-Raum) DIW Berlin im Quartier 110 Raum 5.2.010 Mohrenstraße 58 10117 Berlin
    Ansprechpartner/-in
    im DIW Berlin
    Tel.: +49 30 89789 336
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