Medienbeitrag , Nachricht vom 11.07.2017

Altersarmut – das Risiko nimmt zu, es gilt gezielt gegenzusteuern!

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Copyright: Mortimer M. Müller

Dieser Beitrag von Johannes Geyer ist am 11. Juli 2017 bei Huffington Post Deutschland erschienen.

Über Altersarmut wird in Deutschland seit Jahren kontrovers diskutiert. In unregelmäßigen Abständen wurden in den letzten Jahren Abschätzungen zur Entwicklung der Altersarmut veröffentlicht. Dabei ist klar, dass Altersarmut eine besondere sozialpolitische Herausforderung darstellt: Arme ältere Menschen sind einem hohen Risiko ausgesetzt, dauerhaft arm zu bleiben.

In der Debatte wird insbesondere radikal negativen Prognosen viel Aufmerksamkeit zuteil. Dass Meldungen wie „Jedem zweiten Neurentner droht 2030 die Altersarmut" (z. B. vom WDR 2016 verbreitet und jüngst wiederholt durch ver.di) in der Öffentlichkeit überhaupt ernst genommen werden, zeigt, wie groß die Verunsicherung hinsichtlich der Einkommenssicherung im Alter ist; der gut begründeten Kritik an den Methoden der Berechnungen wurde jedenfalls weniger Aufmerksamkeit geschenkt.

Wenn man die üblichen Methoden zur Messung der Altersarmut verwendet, also Inanspruchnahme der Grundsicherung oder die sogenannte Armutsrisikoquote, dann gibt es zwar begründete Erwartungen, dass die Armut unter älteren Menschen zunehmen wird, aber eben nicht in dem skizzierten extremen Ausmaß.

Der Fehlschluss der genannten apokalyptischen Studien liegt darin, dass von der heutigen Verteilung der individuellen Bruttoeinkommen auf die Rente geschlossen wird.

Gegen dieses Vorgehen sprechen zwei Dinge: Erstens verändert sich die Einkommensposition im Lebensverlauf und zweitens muss das Armutsrisiko im Haushaltszusammenhang betrachtet werden. Es ist beispielsweise schon heute so, dass viele Altersrenten unterhalb des Grundsicherungsniveaus liegen. Gleichzeitig gelten die meisten dieser Menschen nicht als arm, da sie über andere eigene Einkommen oder Einkommen von ihrem Partner verfügen.

Erhöhtes Armutsrisiko

Im Juni 2017 wurden zwei weitere Studien zum Thema Altersarmut veröffentlicht, die versucht haben, die Altersarmut im Haushaltskontext abzuschätzen (durch die Bertelsmann Stiftung – hier war auch der Autor dieses Textes beteiligt – und durch das Deutsche Institut für Altersvorsorge).

Bei allen Unterschieden im Detail kommen die beiden Studien in der Tendenz zu durchaus vergleichbaren Ergebnissen. Beide Studien prognostizieren einen Anstieg der durchschnittlichen Armutsrisikoquote bis in die 2030er Jahre um gut 10 bis 20% auf etwa 20 Prozentpunkte.

Allerdings zeigt sich in beiden Studien, dass es ganz konkrete Gruppen gibt, die in der Zukunft einem stark erhöhten Armutsrisiko ausgesetzt sind: Ostdeutsche, die von der schlechten Arbeitsmarktsituation nach der Wende betroffen waren, geringqualifizierte Personen, Langzeitarbeitslose, alleinstehende Frauen, Menschen mit Migrationshintergrund und Menschen mit einer Erwerbsminderung, die also aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr arbeiten können. Als weitere gefährdete Gruppe werden versicherungsfreie Solo-Selbständige mit geringen Einkünften genannt.

Dass sich das Altersarmutsrisiko in diesen Gruppen stark erhöht, ist nicht überraschend. Die Einkommens- und Vermögensposition im Alter ist Ergebnis des vorherigen Erwerbslebens und wird maßgeblich durch die Ansprüche an die gesetzlichen Alterssicherungssysteme bestimmt.

Daneben sind auch die betriebliche und die private Alterssicherung relevant. Für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung spielt auch das Einkommen der sonstigen Haushaltsmitglieder eine wesentliche Rolle bei der Einkommenssicherung. Was sind also die zentralen Ursachen für die erwartete Zunahme der Altersarmut?

Ursachen für die Zunahme von Altersarmut

Ein wichtiger Faktor sind die Änderungen der Erwerbsbiografien jüngerer Geburtsjahrgänge. Wir beobachten eine Zunahme unsteter Erwerbsbiografien, ein Anwachsen des Niedriglohnsektors und eine Zunahme der versicherungsfreien Beschäftigung mit geringem Entgelt.

Wichtig ist auch die hohe und lang anhaltende Arbeitslosigkeit in der ehemaligen DDR, die erst in den letzten Jahren abgebaut werden konnte. Ob solche Phasen am Ende des Erwerbslebens zu niedrigen Alterseinkommen führen, hängt davon, ob es den Menschen gelingt, diese Brüche auszugleichen.

Gerade für gering qualifizierte Menschen ist dies in den letzten Jahrzehnten immer schwieriger geworden. Ein weiterer Aspekt sind die veränderten Haushaltsstrukturen: Die Zunahme von alleinlebenden Menschen erhöht tendenziell das Armutsrisiko.

Der zweite Faktor, der für eine Zunahme der Altersarmut spricht, sind die Rentenreformen der letzten zwanzig Jahre. Mit wenigen Ausnahmen – z. B. bei den Leistungen für Kindererziehungszeiten – zielten sie auf eine Reduktion des Sicherungsniveaus der gesetzlichen Rente, um den Beitragssatz zu stabilisieren. Prominent wird zurzeit die Senkung des Rentenniveaus durch den Nachhaltigkeitsfaktor diskutiert.

Aber es gab auch andere Reformen im Leistungsrecht, die das Sicherungsniveau gesenkt haben. Zum Ausgleich wurde die freiwillige private und betriebliche Altersvorsorge ausgebaut und staatlich gefördert. Hier gab es zwar gewisse Mobilisierungseffekte, aber der Verbreitungsgrad in den unteren Einkommensgruppen ist unterdurchschnittlich; dazu kommt, dass viele Riester-Verträge überhaupt nicht mehr bespart werden.

Altersarmut vorbeugen

In Kombination mit den Änderungen am Arbeitsmarkt vermehren sich für bestimmte Gruppen die Einkommensrisiken im Alter. Das zeigt sich exemplarisch am Beispiel des Mindestlohnes im Kontext der Absenkung des Rentenniveaus. Seit Januar 2017 liegt er bei 8,84 Euro. Eine Vollzeit arbeitende, alleinlebende Person kann mit dem Mindestlohn mit großer Wahrscheinlichkeit Bedürftigkeit, also Hartz IV, vermeiden.

Der Lohn müsste aber schon heute deutlich höher liegen, um auch im Alter nach 45 Jahren Erwerbstätigkeit mit den Ansprüchen an die Rentenversicherung die Grundsicherungsschwelle zu überwinden – eher bei ca. 11 Euro. Bei einem sinkenden Rentenniveau in der Zukunft würde ein entsprechend höherer Stundenlohn nötig sein.

Würde die Person zusätzlich riestern, könnte sie vermutlich auch beim gegenwärtigen Niveau des Mindestlohns etwa das Niveau der Grundsicherung im Alter erreichen – allerdings ist es zweifelhaft, ob es gerade diesen Geringverdienern gelingt, regelmäßig in erforderlicher Höhe zu sparen.

Wenn man das Risiko der Altersarmut reduzieren will, dann gibt es drei Felder, in denen man ansetzen könnte: Erstens gilt es, während des Erwerbslebens dem Risiko der Altersarmut vorzubeugen. Also beispielsweise verbesserte Chancen am Arbeitsmarkt für Langzeitarbeitslose und gering qualifizierte Personen.

Zweitens gilt es, im Rentenrecht zu überlegen, wie mit versicherungsfreier Beschäftigung insbesondere bei Selbständigen umgegangen wird. Ob dies in Form der Pflichtversicherung oder in einer Pflicht zum Nachweis einer Versicherung umgesetzt wird, müsste geprüft werden.

Drittens gibt es bei Menschen, die schon älter sind und ein hohes Armutsrisiko aufweisen, nur noch die Möglichkeit, durch umverteilende Maßnahmen deren Einkommenssituation zu verbessern. So könnte die Grundsicherung oder auch der Freibetrag für andere Einkommen und Vermögen angehoben werden.