Frauen müssen für die KI-Nutzung begeistert werden: Interview

DIW Wochenbericht 14/15 / 2026, S. 242

Virginia Sondergeld, Erich Wittenberg

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Frau Sondergeld, in welchen Berufen ist das Transformationspotenzial durch generative Künstliche Intelligenz besonders hoch? Die Transformation der Arbeitswelt durch generative KI trifft den Bereich der Wissensarbeit besonders stark. Dazu gehören Vertrieb oder Marketing, das Personalwesen, die öffentliche Verwaltung sowie Jobs im Technologiesektor. Das höchste Transformationspotenzial hat hierbei die Softwareentwicklung, wo mehr als 83 Prozent der Kompetenzen voll oder hybrid von KI transformiert werden können. Darauf folgen Berufsgruppen wie die Buchhaltung oder IT-Anwendungen mit jeweils mehr als 70 Prozent. Allerdings bedeutet Transformation nicht gleich Substitution und bestimmt nicht allein den Bedarf an Menschen, die diese Berufe in Zukunft ausüben. Dieser hängt auch von Kosten, institutionellen Rahmenbedingungen oder Unternehmenskultur ab.

Sind eher die frauen- oder eher die männerdominierten Berufe von der KI betroffen? Es gibt Berufe mit geringem KI-Transformationspotenzial wie Pflege oder Kinderbetreuung, in denen die Notwendigkeit physischer Präsenz und soziale Kompetenzen den Einsatz von KI begrenzen. Das wären jetzt zwei stereotypisch weiblich konnotierte Berufe mit einem hohen Frauenanteil von über 80 Prozent. Gleichzeitig gibt es aber auch männerdominierte Berufe, die ein relativ geringes Transformationspotenzial aufweisen, wie das Bauwesen. Es gibt also keinen eindeutigen linearen Zusammenhang zwischen Frauenanteil und KI-Transformationspotenzial. Wohlgemerkt kann KI aber auch in Berufen mit relativ geringem Transformationspotenzial unterstützen, zum Beispiel bei administrativen Aufgaben und der Dokumentation.

Welches sind die Berufsgruppen mit dem höchsten Transformationspotenzial und wie ist dort das Geschlechterverhältnis? Eine Ausnahme mit dem höchsten Transformationspotenzial bildet die Berufsgruppe Softwareentwicklung. Hier ist der Frauenanteil mit 15 Prozent besonders niedrig. In den darauffolgenden Berufsgruppen sieht es gemischter aus, wie in der Buchhaltung, wo 64 Prozent Frauen arbeiten, oder im Bank- und Finanzwesen. Aber auch innerhalb einer Berufsgruppe gilt: je komplexer die Tätigkeit, desto geringer das Transformationspotenzial. So sind im Bankwesen Jobs von Kundenberater*innen mit einfachen Tätigkeiten eher von KI zu transformieren als Finanzleitungen, die komplexe Entscheidungen über die Verwendung von finanziellen Mitteln treffen.

Wird der Einsatz von KI geschlechtsspezifische Ungleichheiten am Arbeitsmarkt verändern? Wichtiger als die genaue Verteilung von Frauen und Männern über die Berufe ist die Vorbereitung auf den Umgang mit KI. Studien zeigen, dass Frauen KI beruflich seltener nutzen als Männer. Da die KI-Transformation ein hohes Maß an Weiterbildung erfordert, birgt dies die Gefahr, dass Frauen nicht von der KI abgehängt werden, sondern von Menschen – in dem Fall Männern – die die KI beherrschen und aus ihr Produktivitätsgewinne erzielen können.

Wie kann verhindert werden, dass geschlechtsspezifische Ungleichheiten am Arbeitsmarkt durch generative KI zunehmen? Frauen müssen für die KI-Nutzung begeistert werden. Dann wären wir auch in der Lage, KI in von Frauen dominierten Berufen zu verwenden. Wenn Pflegekräften oder Erzieher*innen gezeigt wird, wie sie KI zur Dokumentation oder für administrative Tätigkeiten einsetzen können, dann schafft ihnen das Entlastung. Dadurch wird der Fachkräftebedarf in diesen Feldern gedämpft und im besten Fall die Arbeitszufriedenheit erhöht. So würde KI die Arbeitswelt nicht nur verändern, sondern für viele Beschäftigte auch verbessern.

O-Ton
Frauen müssen für die KI-Nutzung begeistert werden - Interview mit Virginia Sondergeld


DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-14-2


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