Gesundheitssystem bleibt für Geflüchtete in den ersten Jahren nach Ankunft schwer zugänglich

DIW Wochenbericht 22 / 2026, S. 331-337

Louise Biddle, Andrea Marchitto, Elena Sommer

get_appDownload (PDF  380 KB)

get_appGesamtausgabe/ Whole Issue (PDF  2.34 MB - barrierefrei / universal access)

  • Nach ihrer Ankunft in Deutschland weisen viele Geflüchtete einen erhöhten medizinischen Versorgungsbedarf auf
  • Hürden zur bedarfsgerechten Gesundheitsversorgung sind wahrgenommene lange Wartezeiten, große Entfernungen und hohe Kosten
  • Weitere Herausforderungen sind die Suche nach passender Hilfe und das Verständnis medizinischer Abläufe
  • Schwierigkeiten betreffen sowohl Geflüchtete aus der Ukraine als auch anderen Herkunftsländern, variieren aber je nach Aufenthaltsdauer
  • Entscheidend ist der Abbau rechtlicher und organisatorischer Zugangshürden

„Eine verzögerte Behandlung kann dazu führen, dass medizinische Probleme ­verschleppt und unter Umständen erst im Notfall behandelt werden. Das hat auch ­ökonomische Folgen, da die Behandlung dann meist kostspieliger ist.“ Louise Biddle

Geflüchtete haben nach ihrer Ankunft in Deutschland oft einen erhöhten medizinischen Versorgungsbedarf. Beim Zugang zur Gesundheitsversorgung sind sie jedoch mit verschiedenen Hürden konfrontiert. Auswertungen der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten für die Jahre 2023 und 2024 zeigen, dass wahrgenommene Wartezeiten, große Entfernungen und finanzielle Hürden die bedarfsgerechte Versorgung in den ersten Jahren nach Ankunft einschränken. Zudem bereitet die Orientierung im komplexen deutschen Gesundheitssystem vielen Geflüchteten Schwierigkeiten, etwa beim Finden professioneller Hilfe, beim Verständnis medizinischer Abläufe oder bei Vorsorgeuntersuchungen. Diese Herausforderungen betreffen sowohl Geflüchtete aus der Ukraine als auch aus anderen Herkunftsländern, unterscheiden sich jedoch nach der Aufenthaltsdauer. Die Ergebnisse unterstreichen die Bedeutung niedrigschwelliger Unterstützungsangebote, etwa durch Gesundheitslots*innen. Der Abbau rechtlicher und organisatorischer Zugangshürden ist dabei nicht nur aus gesundheitlicher, sondern auch aus ökonomischer Perspektive sinnvoll: Verzögerte oder ausbleibende Behandlungen erhöhen das Risiko vermeidbarer Folgekosten. Einschränkungen im rechtlichen Anspruch auf Gesundheitsversorgung bergen hingegen das Risiko weiterer Versorgungslücken.

Geflüchtete Menschen benötigen direkt nach ihrer Ankunft in Deutschland oft verstärkt medizinische Versorgung. Belastende Erlebnisse vor und während der Flucht sowie die schwierigen Lebensbedingungen in der ersten Zeit nach der Ankunft wirken sich häufig negativ auf die körperliche und psychische Gesundheit aus.infoIbrahim Abubakar et al. (2018): The UCL–Lancet Commission on Migration and Health: the ­health of a world on the move. The Lancet, 392, 2606–2654 (online verfügbar, abgerufen am 7. Mai 2026. Dies gilt auch für alle anderen Onlinequellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt). Daher ist eine zeitnahe Gesundheitsversorgung essenziell – nicht nur für die individuelle Gesundheit, sondern auch aus ökonomischer Sicht. Je länger Krankheiten unbehandelt bleiben, desto kostspieliger wird in der Regel deren Behandlung.infoKayvan Bozorgmehr und Oliver Razum (2015): Effect of Restricting Access to Health Care on Health Expenditures among Asylum-Seekers and Refugees: A Quasi-Experimental Study in ­Germany, 1994–2013. PLoS ONE, 10: e0131483.

Doch Geflüchtete stoßen in Deutschland auf zahlreiche Hürden, wenn sie medizinische Hilfe suchen. Für Asylsuchende gilt zunächst das Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG), das Leistungen auf akute Erkrankungen, Schmerzzustände, medizinisch gebotene Vorsorgeuntersuchungen, Schwangerschaftsbehandlungen und Impfungen beschränkt.infoDas AsylbLG regelt die staatlichen Leistungen für Asylsuchende in Deutschland für bis zu 36 Monate nach Antragstellung oder bis zur Anerkennung. Es gilt, solange der Aufenthaltsstatus noch nicht endgültig geklärt ist oder kein Zugang zum regulären Sozialleistungssystem besteht. Weitergehende Behandlungen hängen vom Ermessen der Ärzt*innen und Sozialämter ab.

Geflüchtete aus der Ukraine unterliegen derzeit nicht dem Asylbewerberleistungsgesetz. Durch die Aktivierung der EU-Richtlinie zum vorübergehenden Schutz erhalten sie seit Juni 2022 einen temporären Aufenthaltsstatus nach § 24 Aufenthaltsgesetz. Damit verbunden sind Sozialleistungen und ein Anspruch auf Gesundheitsversorgung, welche den von Personen mit regulärem Aufenthalt entsprechen. Ihre Behandlung erfolgt regulär über die Krankenkassen.

Neben den rechtlichen Einschränkungen bestehen sowohl für Geflüchtete aus der Ukraine als auch aus anderen Herkunftsländern weitere Hürden, die den Zugang zur medizinischen Versorgung erschweren. Studien nennen vor allem Sprachbarrieren und fehlende Orientierung im Gesundheitssystem.infoKarina Davitian et al. (2024): Barriers of Ukrainian refugees and migrants in accessing German healthcare. BMC Health Services Research, 24(1), 1112 (online verfügbar). Medizinische Übersetzungsdienste werden meist nicht finanziert. Die Sprachmittlung durch Familien und Freund*innen kann die notwendige Privatsphäre gefährden. Die Komplexität des deutschen Gesundheitssystems führt zudem häufig zu Problemen in der Orientierung, der Kommunikation und der Weiterleitung zu Fachärzten*innen.infoKarina Davitian et al. (2024), a.a.O. Auch bürokratische Hindernisse, zum Beispiel in der Ausstellung von elektronischen Gesundheitskarten oder Versicherungsscheinen, sind bekannt.infoAnke Spura et al. (2017): Wie erleben Asylsuchende den Zugang zu medizinischer Versorgung? Bundesgesundheitsblatt, 60, 462–470 (online verfügbar).

Bisherige Erkenntnisse zu Hürden stammen vor allem aus qualitativen Studien und kleinen, räumlich begrenzten Stichproben. Im Rahmen der IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten wurden 2023 und 2024 erstmalig national repräsentative Daten zur medizinischen Versorgung von Geflüchteten erhoben (Kasten). Dieser Wochenbericht vergleicht drei Gruppen: Geflüchtete aus der Ukraine mit Ankunft seit 2022, Geflüchtete aus anderen Herkunftsländern mit Ankunft seit 2021 sowie Geflüchtete aus anderen Herkunftsländern, die bereits zwischen 2013 und 2020 eingereist sind. So lassen sich Unterschiede im Zugang zur Gesundheitsversorgung auch nach Aufenthaltsdauer und rechtlichem Status analysieren.

Als Datengrundlage dieses Berichts dient die IAB-BAMF-SOEP-Befragung von Geflüchteten (Stichproben M3 bis M6, M9, Datenversion v.41). Hierbei handelt es sich um ein Kooperationsprojekt des SOEP mit dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) und dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF), das repräsentative Daten zu Haushalten von Geflüchteten erhebt, die zwischen Januar 2013 und August 2022 aus unterschiedlichen Herkunftsländern nach Deutschland gekommen sind.infoHerbert Brücker et al. (2026): Exploring integration and migration dynamics: the research ­potentials of a large-scale longitudinal household study of refugees in Germany. European Sociological Review, 42(1), 146–163. In diesem Bericht werden die Daten aus den Erhebungsjahren 2023 (n=6197) und 2024 verwendet (n=4992).infoRainer Siegers, Hans Walter Steinhauer und Felix Süttmann (2026): SOEP-Core v41 – Sample Sizes and Panel Attrition in the German Socio-Economic Panel (SOEP) (Years 1984 to 2024). SOEP Survey Papers 1644 (online verfügbar).

Es werden Daten aus zwei Themenbereichen ausgewertet: Erstens werden berichtete Verzögerungen beziehungsweise Nichtinanspruchnahmen medizinischer Untersuchungen aufgrund von Wartezeiten, großen Entfernungen und finanziellen Hürden analysiert. Diese Auswertung basiert auf Daten aus dem Jahr 2023, die aus drei separaten Fragen stammen:

  1. Hat sich bei Ihnen in den letzten zwölf Monaten eine Untersuchung oder Behandlung verzögert, weil Sie zu lange auf einen Termin warten mussten?
  2. Hat sich bei Ihnen in den letzten zwölf Monaten eine Untersuchung oder Behandlung verzögert, weil die Entfernung zu weit war oder es Probleme gab, dorthin zu kommen?
  3. Kam es in den letzten zwölf Monaten vor, dass Sie eine ärztliche Untersuchung benötigt hätten, sich diese aber nicht leisten konnten?

Die Antwortmöglichkeiten lauteten „ja“, „nein“ oder „kein Bedarf an Untersuchung oder Behandlung“. Für die Auswertung dieser drei Fragen wurden Personen, welche keinen Bedarf an einer Untersuchung angaben, aus der Analyse ausgeschlossen.

Zweitens wurden Schwierigkeiten im Umgang mit Gesundheitsinformationen untersucht. Diese Auswertung basiert auf Daten aus dem Jahr 2024. Dabei handelt es sich um die Analyse des Messinstruments „Allgemeine Gesundheitskompetenz“, das mit dem Fragebogen HLS19-Q12 erhoben wurde.infoHLS19-Q12 steht für Health Literacy Survey 2019 – Questionnaire, 12-item version. Dieser wurde im Rahmen des European Health Literacy Population Survey 2019–2021 (HLS19) durch das M-POHL Netzwerk (WHO Action Network on Measuring Population and Organizational Health Literacy) entwickelt.infoThe HLS19 Consortium of the WHO Action Network M-POHL (2023): The HLS19-Q12 Instrument for measuring General Health Literacy. Factsheet. Austrian National Public Health Institute (­online verfügbar). Der Fragebogen besteht aus zwölf Fragen, jeweils eingeleitet mit „Wie einfach oder schwierig ist es Ihrer Meinung nach …?“, mit den Antwortoptionen „sehr einfach“, „einfach“, „schwierig“ und „sehr schwierig“ (Abbildungen 2 bis 4 in diesem Bericht). Für die Auswertung wurden Personen zusammengefasst, die auf die jeweilige Frage mit „schwierig“ oder „sehr schwierig“ geantwortet haben.

Die Methode der Datenanalyse ist ein Mittelwertvergleich zwischen drei Vergleichsgruppen: Erstens Personen, die seit Anfang 2022 aus der Ukraine nach Deutschland eingereist und in der Ukraine geboren sind; zweitens Personen, die seit Anfang 2021 mit einem direkten Fluchthintergrund aus anderen Herkunftsländern als die Ukraine nach Deutschland eingereist sind; drittens Personen, die zwischen 2013 bis 2020 mit einem direkten Fluchthintergrund aus anderen Herkunftsländern als die Ukraine nach Deutschland eingereist sind. Diese Gruppenvergleiche ermöglichen eine differenzierte Betrachtung von Hürden in der Inanspruchnahme sowohl in Bezug auf Erfahrungen mit dem Asylbewerberleistungsgesetz (Ukrainer*innen im Vergleich zu Geflüchteten aus anderen Herkunftsländern) als auch in Bezug auf Zeit seit der Ankunft (Ankunft vor beziehungsweise nach 2021). Die vorgestellten Ergebnisse sind für Stichprobendesign und Rücklauf gewichtet.

Wahrgenommene Wartezeiten, lange Wege und Kosten erschweren die medizinische Versorgung von Geflüchteten

In der Befragung 2023 wurden Personen mit Versorgungsbedarf zu Problemen durch wahrgenommene Wartezeiten, große Entfernungen und finanzielle Hürden befragt. Lange Wartezeiten spielten bei allen Vergleichsgruppen eine große Rolle: Mehr als ein Viertel sahen dies als Grund für verzögerte Behandlungen an (Abbildung 1). Bei Geflüchteten aus der Ukraine sind Verzögerungen aufgrund von Wartezeiten mit 40 Prozent besonders hoch. Bei Menschen aus anderen Herkunftsländern, die vor 2021 nach Deutschland kamen und schon länger hier leben, waren Wartezeiten seltener ein Problem, führten aber bei 19 Prozent zu Verzögerungen.

Die berichteten Probleme mit Wartezeiten stehen im Widerspruch zu Deutschlands gutem Abschneiden im internationalen Vergleich.infoVerena Finkenstädt (2017): Zugangshürden in der Gesundheitsversorgung im Überblick. ­Wissenschaftliches Institut der PKV (online verfügbar). Jedoch geraten ärztliche Praxen zunehmend an ihre Kapazitätsgrenzen;infoJulian Wangler, Stefan Claus und Michael Jansky (2025): Approaches towards averting a ­potential structural shortage of general practitioners: results of a quantitative survey on attitudes, experiences, and ideas from general practitioners in the Federal Republic of Germany. BMC Primary Care, 26(124). viele nehmen keine neuen Patient*innen mehr auf. Vor allem für neu in Deutschland ankommende Menschen ohne bestehenden Kontakt zu einer Praxis kann es daher schwierig sein, einen Termin zu bekommen. Gleichzeitig können auch Unterschiede zwischen dem deutschen Gesundheitssystem und dem der Herkunftsländer die Wahrnehmung beeinflussen. So empfinden viele Ukrainer*innen die Wartezeiten in Deutschland als länger, da das weitgehend privatisierte Gesundheitssystem ihrer Heimat schnellere Facharzttermine ermöglicht.infoKristin Rolke et al. (2024): Identifying gaps in healthcare: a qualitative study of Ukrainian refugee experiences in the German system, uncovering differences, information and support needs. BMC Health Service Research, 24(585).

Weite Wege sind vor allem relevant für nicht-ukrainische Geflüchtete, die nach 2021 eingereist sind: 14 Prozent gaben an, dass Entfernungen ihre Versorgung verzögerten. Studien zeigen, dass dies vor allem Geflüchtete in ländlich gelegenen Gemeinschaftsunterkünften betrifft, die schlecht an den öffentlichen Nahverkehr angebunden sind.infoLouise Biddle et al. (2021): Monitoring der Gesundheit und Gesundheitsversorgung geflüchteter Menschen in Sammelunterkünften: Ergebnisse des bevölkerungsbezogenen Surveys RESPOND. Journal of Health Monitoring, 6(1), 7–29.

Für etwa 20 Prozent der kürzlich angekommenen Geflüchteten aus allen Herkunftsländern waren Kosten ein Grund dafür, dass eine ärztliche Untersuchung oder Behandlung nicht wahrgenommen wurde. Bei länger in Deutschland lebenden Geflüchteten lag dieser Anteil bei zehn Prozent. Auch diese Werte sind bemerkenswert hoch, da verpflichtende Zuzahlungen und individuelle Gesundheitsleistungen in Deutschland eher gering sind.infoOECD (2025): OECD Health at a Glance 2025: OECD Indicators, OECD Publishing, Paris (online verfügbar). Auch geringe Zuzahlungen können jedoch für Personen mit sehr niedrigem Einkommen abschreckend wirken. Eine fehlende Orientierung im System der gesetzlichen Krankenversorgung könnte zudem dazu führen, dass vermehrt private Leistungen als Behandlungsoption in Betracht gezogen werden.

Orientierung im Gesundheitssystem fällt Geflüchteten häufig schwer

Wer Abläufe und Strukturen der Versorgung nicht kennt oder Probleme hat, gesundheitsrelevante Informationen zu verstehen, verzögert oft die Behandlung.infoDon Nutbeam und Jane E. Lloyd (2021): Understanding and Responding to Health Literacy as a Social Determinant of Health. Annu Rev Public Health, 42, 159–173. Besonders Menschen, die neu nach Deutschland kommen, stehen vor einem komplexen System und haben wenige Personen in ihrem sozialen Umfeld, welche sich mit dem System auskennen und Anlaufstellen vermitteln können.

Im Jahr 2024 wurden Geflüchtete in der IAB-BAMF-SOEP-Studie, ungeachtet ihres aktuellen medizinischen Bedarfs, nach der Orientierung im Gesundheitssystem befragt. Sie sollten einschätzen, wie schwer oder leicht ihnen der Umgang mit Informationen zu Krankheitsbewältigung, Prävention und Gesundheitsförderung fällt. Sowohl bei der Krankheitsbewältigung als auch bei der Prävention zeigen sich über alle Vergleichsgruppen hinweg Schwierigkeiten: Die Geflüchteten berichteten von Schwierigkeiten beim Auffinden professioneller Hilfe (33 Prozent) und dem Verständnis über den Ablauf eines medizinischen Notfalls (35 Prozent, Abbildung 2), sowie dem Umgang mit psychischen Problemen (39 Prozent) und dem Verständnis über empfohlene Vorsorgeuntersuchungen (37 Prozent, Abbildung 3). Noch ausgeprägter sind die Probleme beim Verständnis über Vor- und Nachteile von Behandlungsmöglichkeiten: Hier berichteten 43 Prozent von Schwierigkeiten (Abbildung 2).

Im Bereich der Gesundheitsförderung fallen die Probleme hingegen geringer aus (Abbildung 4): Nur ein vergleichsweise geringer Anteil der Befragten findet es schwierig, Informationen zu gesunder Lebensweise zu finden (13 Prozent), Gesundheitsratschläge im privaten Kreis zu verstehen (zwölf Prozent) oder die Auswirkungen der Wohngegend auf die Gesundheit zu beurteilen (16 Prozent).

Zwischen den Vergleichsgruppen zeigen sich nur vereinzelt Unterschiede. So haben Geflüchtete aus der Ukraine größere Schwierigkeiten, den Ablauf eines medizinischen Notfalls zu verstehen und die Vor- und Nachteile von Behandlungsmöglichkeiten zu beurteilen. Gleichzeitig nehmen sie geringere Schwierigkeiten wahr, ärztlichen Empfehlungen zu folgen, Informationen über Vorsorgeuntersuchungen zu verstehen, zu beurteilen, ob Informationen über ungesunde Lebensgewohnheiten vertrauenswürdig sind, und auf Basis von Medieninformationen zu entscheiden, wie sie sich vor Krankheiten schützen können. Neu angekommene Geflüchtete aus anderen Herkunftsländern weisen hingegen größere Schwierigkeiten auf, empfohlene Vorsorgeuntersuchungen zu verstehen (Abbildung 3).

Die Orientierung im deutschen Gesundheitssystem bildet somit eine erhebliche Hürde, die sich auch mit längerer Aufenthaltsdauer nur langsam abbaut. Dies spiegelt die Komplexität des deutschen Gesundheitssystems wider, das nicht nur für neu angekommene Geflüchtete schwer zu überblicken ist.infoSachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2018): ­Bedarfsgerechte Steuerung der Gesundheitsversorgung: Gutachten 2018 (online verfügbar).

Fazit: Hohe wahrgenommene Versorgungshürden in den ersten Jahren, Asylbewerberleistungsgesetz verschärft die Lage

Die Ergebnisse dieses Berichts sind ernüchternd: Trotz dringendem Bedarf an Versorgung in den ersten Monaten und Jahren nach Ankunft in Deutschland sehen sich gerade neu ankommende Geflüchtete mit erheblichen Hürden konfrontiert. Wahrgenommene Wartezeiten und finanzielle Hürden erschweren den Zugang. Vor allem aber fehlt vielen die Orientierung im komplexen deutschen Gesundheitssystem. Zwei konkrete Maßnahmen können Abhilfe schaffen: Erstens braucht es angesichts der zunehmenden Diversität in Deutschland Initiativen, die die Gesundheitskommunikation zwischen Fachkräften und Patient*innen verbessern, etwa durch den Ausbau professioneller Sprachmittlung und Informationsangebote in leichter Sprache.infoAmand Führer et al. (2023): Das Lehrnetzwerk Migration und Gesundheit: Aus- und Weiter­bildung konsolidieren und weiterentwickeln. Bundesgesundheitsblatt; 66, 1130–1134. Zweitens müssen systemische Barrieren abgebaut werden, etwa komplexe Kommunikationswege zwischen Versorger*innen oder Hürden beim Zugang zu Terminen und Leistungen. Da strukturelle Veränderungen oft lange brauchen, haben sich in der Praxis Gesundheitslots*innen-Konzepte bewährt. Diese können den Weg in die Versorgung ermöglichen und die Kommunikation zwischen verschiedenen Versorgungsinstanzen erleichtern.infoSachverständigenrat zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen (2018), a.a.O. Beide Maßnahmen kommen nicht nur Geflüchteten, sondern allen Personen zugute.

Die Politik der Bundesregierung in den vergangenen Jahren führte hingegen in die entgegengesetzte Richtung: Durch die Verlängerung der Zugangsbeschränkungen des Asylbewerberleistungsgesetzes im Jahr 2024 entstanden zusätzliche rechtliche Hürden. Kritisch ist dabei vor allem die Beschränkung auf akute Erkrankungen und Schmerzzustände. Sie erschwert niedrigschwellige Interventionen im frühen Krankheitsstadium. Derzeit verhandeln Kabinett und Bundesrat zudem den sogenannten Rechtskreiswechsel von Geflüchteten aus der Ukraine. Er sieht für Ukrainer*innen Leistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz vor. Einen entsprechenden Gesetzesentwurf hat das Kabinett bereits vorgelegt. Der Bundesrat wies ihn aber zunächst zurück. Nach Plänen der Regierung hätten somit auch Ukrainer*innen nur einen eingeschränkten Anspruch auf Gesundheitsversorgung. Aus gesundheitswissenschaftlicher Perspektive ist dies kontraproduktiv. Werden Hürden in der Gesundheitsversorgung für neu ankommende Geflüchtete hingegen früh abgebaut, sichert das langfristig die Gesundheit. Es schafft die Grundlage für gute Integrationschancen und vermeidet explodierende Gesundheitsausgaben.



JEL-Classification: I14;J15
Keywords: refugees, healthcare barriers, access to healthcare, migrant health
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-22-1


Die Publikation ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

keyboard_arrow_up