DIW Wochenbericht 22 / 2026, S. 340
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Terroranschläge treffen zuerst die Opfer, Augenzeugen und Angehörigen. Ihr Leid steht im Zentrum, und keine ökonomische Rechnung kann es erfassen. Doch Anschläge haben auch Folgen, die weit über den Tatort hinausreichen. Die Wirtschaft spürt den Schock oft stärker, als es die unmittelbaren Auswirkungen erwarten ließen. In den USA gingen nach Anschlägen Beschäftigung und Einkommen zurück; im Baskenland kostete eine jahrelange Terrorwelle rund zehn Prozent der Wirtschaftsleistung pro Kopf. Wie kann Gewalt solche ökonomischen Spuren hinterlassen?
Eine Studie am DIW Berlin liefert eine neue Erklärung: Terror macht Menschen vorsichtiger. Wer in der Nähe eines Anschlagsorts lebt, ist danach weniger bereit, Risiken einzugehen. So wagen etwa nach schwereren Anschlägen weniger Menschen den Schritt in die Selbständigkeit. Fast jede ökonomische Entscheidung enthält Unsicherheit: investieren oder sparen, gründen oder abwarten. Wenn Terror viele solcher Entscheidungen vorsichtiger macht, erklärt das, warum die wirtschaftlichen Folgen von Terror so weit über die unmittelbaren Folgen hinausreichen.
Um diesen Mechanismus sichtbar zu machen, verknüpft die DIW-Studie Daten zu Terroranschlägen mit Wohnorten und Befragungsdaten aus dem Sozio-oekonomischen Panel, einer jährlichen, repräsentativen Befragung von circa 20000 Haushalten. So lässt sich untersuchen, ob Menschen in räumlicher Nähe zu einem Anschlagsort anschließend anders mit Risiken umgehen als vergleichbare Menschen in größerer Entfernung.
Der Vergleich zeigt einen messbaren Unterschied. Die Risikobereitschaft sinkt im Jahr des Anschlags, bleibt im Folgejahr verhalten und kehrt erst nach mehreren Jahren auf das ursprüngliche Niveau zurück. Besonders deutlich zeigt sich der Effekt nach schwereren Anschlägen und dort, wo sich die Gewalt gegen Privatpersonen oder privates Eigentum richtet. Auffällig ist, wie räumlich begrenzt der Effekt bleibt. Am stärksten ist er im Umkreis von etwa 25 Kilometern; mit größerer Entfernung schwächt er sich ab und ist ab rund 60 Kilometern kaum noch nachweisbar. Das spricht dafür, dass nicht irgendeine allgemeine Stimmung im Land gemessen wird, sondern ein lokaler Schock: Nähe macht den Anschlag persönlicher. Eine Spur führt zu den Emotionen: Nach einem nahen Anschlag berichten Befragte von weniger Glücksempfinden – und wer weniger glücklich ist, geht im Mittel auch weniger Risiken ein.
Terror ist Gewalt mit Publikum. Ein Anschlag trifft die unmittelbaren Opfer – und soll zugleich diejenigen erreichen, die davon hören. In Deutschland gehören Halle, Hanau, München, Würzburg und Ansbach zu den besonders sichtbaren Fällen: verschieden in Tatmotiv und Opferzahl, aber ähnlich in ihrer öffentlichen Wirkung. Die Auswertung von mehr als 60000 Nachrichtenartikeln zeigt, wie wichtig diese Öffentlichkeit ist. Der Rückgang der Risikobereitschaft ist vor allem dort zu beobachten, wo Anschläge viel mediale Aufmerksamkeit erhalten oder besonders negativ gerahmt werden. Bei Menschen, die kaum Nachrichten verfolgen, ist der Effekt dagegen nicht messbar. Die Studie untersucht klassische Nachrichtenmedien; die heutige Öffentlichkeit reicht jedoch weiter. In sozialen Netzwerken verbreiten sich Bilder, Gerüchte und Deutungen oft schneller als gesicherte Informationen. Das kann die emotionale Wirkung eines Anschlags verstärken. Medien sind damit nicht Ursache des Terrors, aber ein wichtiger Übertragungsweg.
Die Debatte über innere Sicherheit wird oft als Abwägung zwischen Freiheit und Schutz geführt. Die ökonomische Perspektive verschiebt diesen Gegensatz. Sicherheit begrenzt Freiheit nicht nur; sie ermöglicht sie auch. Wer sich von Terror bedroht fühlt, gründet seltener, investiert vorsichtiger und verschiebt Entscheidungen. In der Summe können daraus spürbare wirtschaftliche Kosten entstehen. Terrorprävention schützt daher zuallererst Leib und Leben. Doch sie schützt auch die Zuversicht, ohne die Marktwirtschaft nicht gut funktioniert.
Dieser Kommentar ist am 22. Mai 2026 zuerst in der Frankfurter Rundschau erschienen.
Themen: Migration, Gesundheit
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-22-3
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