Pressemitteilung vom 28. Mai 2026
Wartezeiten, Entfernungen und Kosten erschweren medizinische Versorgung – Vielen Geflüchteten fällt es schwer, sich im Gesundheitssystem zu orientieren – Abbau von Zugangshürden entscheidend
Geflüchtete stoßen in Deutschland insbesondere in den ersten Jahren nach ihrer Ankunft auf erhebliche Hürden beim Zugang zur Gesundheitsversorgung. Lange Wartezeiten, große Entfernungen und finanzielle Belastungen erschweren eine zeitnahe Behandlung. Gleichzeitig fällt es vielen schwer, sich im Gesundheitssystem zu orientieren und passende medizinische Hilfe zu finden. Das zeigt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) auf Basis der IAB‑BAMF‑SOEP‑Befragung von Geflüchteten. „Gerade in den ersten Jahren nach der Ankunft brauchen Geflüchtete häufig medizinische Versorgung. Wird diese verzögert, verschlechtert das ihre Gesundheit und führt langfristig zu höheren Kosten im Gesundheitssystem“, sagt Studienautorin Louise Biddle, Wissenschaftlerin im Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) am DIW Berlin.
© DIW Berlin
Mehr als ein Viertel der Geflüchteten berichtet von Verzögerungen bei Behandlungen aufgrund langer Wartezeiten. Bei Geflüchteten aus der Ukraine liegt dieser Anteil mit rund 40 Prozent sogar noch deutlich höher. Auch Kosten stellen eine relevante Hürde dar: Rund 20 Prozent der kürzlich angekommenen Geflüchteten verzichten aus finanziellen Gründen auf medizinische Leistungen. Weite Wege erschweren den Zugang zusätzlich; etwa ein Zehntel der Geflüchteten gibt an, dadurch betroffen zu sein. Insgesamt zeigt sich: Die Hürden sind direkt nach der Ankunft besonders hoch und nehmen erst mit der Zeit ab.
Neben strukturellen Barrieren bestehen erhebliche Probleme bei der Orientierung im Gesundheitssystem. Rund ein Drittel der Geflüchteten gibt an, Schwierigkeiten zu haben, passende medizinische Hilfe zu finden. Auch zentrale Informationen sind oft schwer verständlich, etwa zu medizinischen Notfällen oder Behandlungen.
„Gerade in den ersten Jahren nach der Ankunft brauchen Geflüchtete häufig medizinische Versorgung. Wird diese verzögert, verschlechtert das ihre Gesundheit und führt langfristig zu höheren Kosten im Gesundheitssystem.“ Louise Biddle
Im Bereich Prävention berichten 37 Prozent, dass sie Informationen zu Vorsorgeuntersuchungen nur schwer verstehen. Im Umgang mit psychischen Problemen haben rund 39 Prozent Schwierigkeiten. Deutlich geringer sind die Probleme im Bereich Gesundheitsförderung, etwa bei Informationen zu gesunder Lebensweise oder im Umgang mit Gesundheitsratschlägen im persönlichen Umfeld.
„Für Geflüchtete ist es schwer, sich im komplexen deutschen Gesundheitssystem zurechtzufinden“, sagt Biddle. „Damit Geflüchtete die benötigte Versorgung rechtzeitig erhalten, müssen die Hürden beim Zugang gezielt abgebaut werden.“ Zwei Ansatzpunkte sind dabei zentral: Zum einen sollte die Gesundheitskommunikation verbessert werden, etwa durch professionelle Sprachmittlung und Informationsangebote in einfacher Sprache. Zum anderen müssen strukturelle Hürden im Gesundheitssystem reduziert werden, etwa bei Terminvergabe und Zugang zu Leistungen.
Entscheidend ist der Abbau bestehender Zugangsbeschränkungen im Asylbewerberleistungsgesetz. Der aktuell diskutierte Rechtskreiswechsel für Geflüchtete aus der Ukraine könnte die Situation hingegen verschärfen. Eine Beschränkung des Zugangs würde den Leistungsanspruch für Ukrainer*innen begrenzen und bestehende Versorgungslücken vergrößern.
Themen: Gesundheit , Migration