Deutsche Wirtschaft steht von mehreren Seiten unter Druck: Interview

DIW Wochenbericht 24 / 2026, S. 394

Geraldine Dany-Knedlik, Erich Wittenberg

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Frau Dany-Knedlik, Kriege, steigende Energiekosten und eine erratische US-Handelspolitik sorgen für Unsicherheit. Wie schlägt sich die deutsche Wirtschaft unter diesen Bedingungen? Die deutsche Wirtschaft kommt nicht in Schwung, obwohl sich zum Jahreswechsel eine zarte Belebung abgezeichnet hatte. Diese war vor allen Dingen getragen durch die Binnenwirtschaft und einen zuletzt robusten privaten Konsum. Der Energiepreisschock infolge des Iran-Kriegs hat die beginnende Erholung jedoch ausgebremst, bevor sie sich überhaupt verfestigen konnte. Gestiegene Öl- und Gaspreise treiben die Verbraucherpreise. Das wiederum schmälert die Kaufkraft der privaten Haushalte, erhöht die Kosten der Unternehmen und verstärkt die ohnehin schon verbreitete Unsicherheit. Insgesamt rechnen wir damit, dass es in diesem Jahr noch ein Wachstum von 0,5 Prozent und im kommenden Jahr von 0,8 Prozent geben sollte. Das ist gegenüber unserer Frühjahrsprognose eine deutliche Senkung um jeweils rund einen halben Prozentpunkt.

Besteht die Gefahr, dass Deutschland in eine Rezession rutscht? Diese Gefahr hat sich zumindest nicht vermindert. Wir erwarten für das zweite und dritte Quartal jeweils ein Schrumpfen der Wirtschaftsleistung, bevor sie sich dann zum Jahresende wieder stabilisiert. Das ist eine Schwächephase, aber kein tiefer Einbruch, wie wir ihn während der Energiepreiskrise 2022/23 gesehen haben. Zum einen handelt es sich aktuell primär um einen Preis- und nicht um einen Mengenschock. Das heißt, die inländische Versorgungssicherheit ist zumindest zurzeit noch nicht gefährdet. Zum anderen ist die konjunkturelle Ausgangslage anders, weil sich die deutsche Wirtschaft jetzt in einer Phase der Unterauslastung befindet.

Inwieweit kann der private Konsum die Konjunktur noch stützen? Da liegt zurzeit das Kernproblem. Der private Konsum, der die Erholung eigentlich tragen sollte, stagniert und dürfte im laufenden Quartal sogar schrumpfen. Zwar sehen wir, dass insgesamt die Einkommen in diesem und im kommenden Jahr etwas steigen, weil die Nettolöhne und die Sozialleistungen robust zulegen. Aber die entscheidenden Belastungsfaktoren sind die Erwartung, die steigenden Preise und die sich beschleunigende Inflation.

Wie schätzen Sie die Inflationsentwicklung ein? Wir heben unsere Inflationsprognose deutlich auf 2,9 Prozent für dieses und 3,0 Prozent für das kommende Jahr an. Das liegt klar über dem Stabilitätsziel der Europäischen Zentralbank von zwei Prozent. Maßgeblich dafür sind die Energiepreise. In Deutschland schlägt sich vor allen Dingen der hohe Ölpreis nieder, spürbar bei Kraftstoffen und Heizöl. Beim Gas sind wir, anders als 2022, dank diversifizierter Importe deutlich weniger betroffen. Insgesamt bleiben die Energiepreise, insbesondere für Öl, auf einem erhöhten Niveau. Das wird sich vor allen Dingen in den Transportkosten niederschlagen. In der Folge werden zum Jahreswechsel hin auch die Dienstleistungs- und Warenpreise dynamischer ansteigen.

Vor welchen Herausforderungen steht die deutsche Industrie? Die exportorientierte Industrie steht durch strukturelle Belastungen, hohe Produktionskosten und nachlassende Wettbewerbsfähigkeit sowie durch die anhaltende außenwirtschaftliche Unsicherheit unter mehrfachem Druck. Wir gehen davon aus, dass sie sich nur langsam erholt, denn der Stimmungsumschwung ist relativ deutlich. Die Ausrüstungsinvestitionen dürften im laufenden Quartal erneut zurückgehen. Die wirtschaftspolitische Unsicherheit, auch getrieben durch den Iran-Krieg, dämpft die Investitionsbereitschaft nochmal zusätzlich.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Geraldine Dany-Knedlik
Deutsche Wirtschaft steht von mehreren Seiten unter Druck - Interview mit Geraldine Dany-Knedlik

Geraldine Dany-Knedlik

Stellvertretende Abteilungsleiterin Abteilung Makroökonomie

Themen: Konjunktur


DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-24-3


Die Publikation ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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