Die Rente mit 70 wäre ein Wachstumsprogramm: Kommentar

DIW Wochenbericht 27 / 2026, S. 436

Marcel Fratzscher

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Die Rente mit 70 ist eine soziale Frage, die alle Generationen betrifft. Und gleichzeitig eine der wichtigsten wirtschaftlichen Fragen für Deutschland in den kommenden 20 Jahren. Eine faire Rente mit 70 wäre die sozialste Rentenreform, weil sie die junge Generation entlastet und Spielräume schafft, Altersarmut, Erwerbsminderung und Krankheit im Alter besser abzusichern. Sie wäre zudem ein enormes Wachstumsprogramm für Deutschland. Daher sind die Vorschläge der Rentenkommission, die Altersgrenze durch die Koppelung an die Lebenserwartung erst in Jahrzehnten auf 70 anzuheben, eine verpasste Chance.

Eine längere Lebensarbeitszeit ist nicht per se unsozial: Die Alternative zu einer längeren Lebensarbeitszeit wären höhere Beiträge der Beschäftigten, höhere Steuern, ein niedrigeres Rentenniveau oder weniger Schutz für Menschen mit geringen Renten. All dies würde vor allem junge und einkommensschwache Menschen belasten.

Was in der Debatte bisher jedoch zu kurz kommt: Eine faire Rente mit 70 hätte auch einen enormen wirtschaftlichen Nutzen. Deutschland steht vor einer dramatischen demografischen Zeitenwende. Für viele kleine und mittlere Unternehmen wird die Frage, ob sie ältere Beschäftigte länger halten können, zur Existenzfrage. Ohne eine stärkere Mobilisierung von Menschen im Alter von 60 bis 70 Jahren wird Deutschland viele offene Stellen nicht besetzen, viele Aufträge nicht erfüllen und viele Investitionen nicht realisieren können.

Die wirtschaftlichen Effekte, wenn ältere Beschäftigte länger im Arbeitsmarkt bleiben, wären groß. Eine Erhöhung des Renteneintrittsalters um nur ein Jahr könnte nach plausiblen Schätzungen mehrere hunderttausend zusätzliche Erwerbstätige mobilisieren. Noch größer wäre der Effekt, wenn eine Rente mit 70 mit der Abschaffung pauschaler Frühverrentungen verbunden würde, vor allem der Rente nach 45 Beitragsjahren, so wie jetzt auch von der Rentenkommission vorgeschlagen. Frühverrentungen mögen für den Einzelnen attraktiv sein. Der Gesellschaft kommen sie teuer zu stehen. Sie reduzieren Arbeitsleistung, verschärfen den Fachkräftemangel und belasten die Rentenkassen.

Eine Rente mit 70 ohne eine Reform der Frühverrentung wäre deshalb nur eine halbe Reform. Eine Rente mit 70 plus eine klare Begrenzung pauschaler Frühverrentungen wäre dagegen ein echter Strukturwandel. Am stärksten wäre der Effekt jedoch, wenn eine dritte Reform hinzukäme: mehr Freiheit und Autonomie für ältere Beschäftigte. Menschen sollten selbst stärker entscheiden können, ob und wie lange sie über das Renteneintrittsalter hinaus beim Arbeitgeber beschäftigt bleiben wollen. Wer mit 67 weiterarbeiten möchte, sollte nicht auf die Gnade des Arbeitgebers angewiesen sein.

Ziel einer Rente mit 70 sollte es nicht sein, Menschen einfach drei Jahre länger dasselbe tun zu lassen. Ziel muss es sein, den Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand besser zu gestalten: mit Teilzeit, Mentoring, Weiterbildung, altersgerechten Arbeitsplätzen und einem klugen Zusammenspiel von älteren und jüngeren Beschäftigten. Natürlich darf eine Rente mit 70 nicht blind und pauschal sein. Nicht alle Menschen können länger arbeiten. Wer körperlich schwer gearbeitet hat, krank oder erwerbsgemindert ist, wer ein geringes Einkommen und eine geringere Lebenserwartung hat, braucht besseren Schutz.

Eine faire Rente mit 70 wäre ein Standortprogramm. Sie würde Unternehmen helfen, Fachkräftelücken zu schließen, Arbeitskosten zu stabilisieren und Investitionen planbarer zu machen. Sie würde den Sozialstaat entlasten und gleichzeitig höhere Beiträge und Steuern vermeiden helfen. Sie würde älteren Menschen mehr Freiheit geben und jüngeren Menschen mehr Fairness. Sie würde Deutschland zeigen: Wir nehmen die Alterung der Gesellschaft ernst und reagieren nicht mit Symbolpolitik, sondern mit einer echten Strukturreform.

Dieser Beitrag ist in einer längeren Fassung am 24. Juni 2026 in der Frankfurter Rundschau erschienen.


DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-27-3


Die Publikation ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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