Staatskonsum stabilisiert die Wirtschaft kurzfristig, Steuersenkungen wirken stärker, aber verzögert

DIW Wochenbericht 29 / 2026, S. 451-456

Geraldine Dany-Knedlik, Alexander Kriwoluzky, Jo-Ya Kung, Ruben Staffa

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  • Finanzpolitischer Kurswechsel umfasst neben Sondervermögen und gelockerter Schuldenbremse auch steuerliche Entlastungen – Wirkung der Instrumente ist entscheidend
  • Ein zusätzlicher Euro Staatskonsum erhöht Bruttoinlandsprodukt (BIP) kurzfristig um rund einen Euro, die maximale Wirkung wird bereits innerhalb eines Jahres erreicht
  • Steuersenkungen wirken langsamer, entfalten mittelfristig jedoch stärkere Effekte: Je Euro Entlastung steigt BIP nach rund zwei Jahren um etwa 1,80 Euro
  • Staatskonsum eignet sich vor allem zur kurzfristigen Stabilisierung der Konjunktur, steuerliche Entlastungen für stärkere Impulse über einen längeren Zeitraum
  • Öffentliche Investitionen, Staatskonsum und Steuerentlastungen erfüllen unterschiedliche wirtschaftspolitische Ziele und sollten gezielt kombiniert werden

„Der finanzpolitische Kurswechsel umfasst Ausgaben und steuerliche Entlastungen. Unsere Analyse macht deutlich, dass unterschiedliche Instrumente unterschiedliche Ziele erfüllen: Staatskonsum stabilisiert die Konjunktur kurzfristig, steuerliche Entlastungen entfalten mittelfristig stärkere gesamtwirtschaftliche Impulse.“ Ruben Staffa

Die Reform der Schuldenbremse und das Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität haben die fiskalischen Handlungsspielräume Deutschlands deutlich erweitert. Der damit verbundene finanzpolitische Kurswechsel eröffnet nicht nur Möglichkeiten für zusätzliche öffentliche Investitionen: Die neuen Mittel können auch für mehr Staatskonsum genutzt werden. Zugleich hat die Bundesregierung mit steuerlichen Entlastungen für Unternehmen und private Haushalte auch einnahmenseitige Impulse gesetzt. Da die unterschiedlichen Instrumente um denselben begrenzten fiskalischen Spielraum konkurrieren, stellt sich die Frage, mit welchem Ansatz ein zusätzlicher Euro die größte Wirkung auf die Gesamtwirtschaft erzielt. Die vorliegende Studie kommt zu dem Ergebnis, dass ein zusätzlicher Euro Staatskonsum die Wirtschaftsleistung kurzfristig um etwa einen Euro erhöht. Die Wirkung entfaltet sich rasch und erreicht ihr Maximum von 1,10 Euro innerhalb eines Jahres. Steueränderungen haben dagegen stärkere, aber zeitlich verzögerte Effekte: Eine Steuersenkung um einen Euro lässt die Wirtschaftsleistung mittelfristig um rund 1,80 Euro steigen, wobei die maximale Wirkung erst nach etwa zwei Jahren erzielt wird. Die Analyse legt nahe, dass Staatskonsum die Konjunktur kurzfristig stabilisieren kann, während Steuerentlastungen längerfristig größere gesamtwirtschaftliche Impulse entfalten können. Für die Nutzung der neuen fiskalischen Spielräume ist daher nicht nur das Volumen entscheidend, sondern auch, wie die Maßnahmen ausgestaltet werden.

Mit dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität sowie der Reform der Schuldenbremse hat Deutschland im Jahr 2025 seine fiskalischen Handlungsspielräume erheblich ausgeweitet. Während das Sondervermögen vor allem zusätzliche öffentliche Investitionen ermöglichen soll, eröffnet die Lockerung der Schuldenbremse zusätzliche Verschuldungsspielräume insbesondere für Verteidigungsausgaben sowie für die Länder. Der finanzpolitische Kurswechsel – von einem Konsolidierungspfad hin zu einer deutlich expansiveren Ausrichtung – beschränkt sich dabei nicht auf die Ausgabenseite: Mit steuerlichen Entlastungen für Unternehmen – unter anderem erweiterten Abschreibungsmöglichkeiten und einer schrittweisen Senkung der Körperschaftsteuer – sowie weiteren geplanten Entlastungen und Reformen zur Stärkung von Wachstum und Beschäftigung setzt die Bundesregierung zugleich auf einnahmenseitige Impulse. Damit stellt sich nicht nur die Frage nach dem Volumen der zusätzlichen Mittel, sondern vor allem die nach dem geeigneten Instrumentenmix: Wie stark beeinflussen ausgaben- und einnahmenseitige Maßnahmen jeweils die Wirtschaftsleistung? Die Wirkung dieser Maßnahmen wird häufig mithilfe sogenannter fiskalischer Multiplikatoren beschrieben. Sie zeigen, um wie viele Euro das Bruttoinlandsprodukt (BIP) steigt oder fällt, wenn der Staat einen zusätzlichen Euro für Konsumzwecke ausgibt oder den privaten Haushalten und Unternehmen durch Steueränderungen mehr beziehungsweise weniger Einkommen zur Verfügung stellt. Die Höhe dieser Multiplikatoren bestimmt, wie wirksam staatliche Impulse die Konjunktur stabilisieren oder die wirtschaftliche Entwicklung fördern können.

Die empirische Literatur zeigt, dass die Höhe fiskalischer Multiplikatoren erheblich davon abhängen kann, welche Annahmen über die kurzfristigen Wechselwirkungen zwischen Staatskonsum, Steuereinnahmen und Wirtschaftsleistung getroffen werden.infoVgl. Karel Mertens und Morten O. Ravn (2014): A Reconciliation of SVAR and Narrative Estimates of Tax Multipliers. Journal of Monetary Economics 68(Supplement), S1–S19 (online verfügbar, abgerufen am 6. Juli 2026. Das gilt für alle Online-Quellen dieses Berichts, sofern nicht anders vermerkt.). Dieser Bericht schätzt Fiskalmultiplikatoren für Deutschland mit einem Ansatz, der theoretische Erkenntnisse und institutionelle Besonderheiten des deutschen Fiskalsystems systematisch nutzt, um diesen kurzfristigen Wechselwirkungen explizit Rechnung zu tragen. Auf dieser Grundlage wird untersucht, wie stark Änderungen des StaatskonsumsinfoDer Staatskonsum umfasst die laufenden Konsumausgaben des Staates gemäß den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen, insbesondere Arbeitnehmerentgelte (beispielsweise für Lehrkräfte, Polizei oder Verwaltung) sowie Vorleistungskäufe und Sachleistungen (etwa IT-Dienstleistungen oder Beschaffungen für den laufenden Betrieb). Nicht enthalten sind öffentliche Investitionen und monetäre Transfers wie Renten. und der SteuerninfoDie hier betrachtete Einnahmengröße umfasst neben den Steuern auch die Nettosozialbeiträge. Der Lesbarkeit halber ist im Folgenden verkürzt von Steuern die Rede. das BIP in Deutschland beeinflussen (Kasten).

Zur Schätzung fiskalischer Multiplikatoren wird ein Modell verwendet, das die gemeinsame Entwicklung von Staatskonsum (gt), Wirtschaftsleistung (yt) und Steuereinnahmen zusammen mit Nettosozialbeiträgen (tt) beschreibt:

gt = αgyyt + αgttt + b1'xt−1 + utg
yt = αyggt + αyttt + b2'xt−1 + uty
tt = αtggt + αtyyt + b3'xt−1 + utt

Die Koeffizienten (α) beschreiben die kurzfristigen Wechselwirkungen zwischen Fiskalpolitik und Wirtschaftsleistung. Beispielsweise gibt (αty) an, wie stark die Steuereinnahmen unmittelbar auf Veränderungen der Wirtschaftsleistung reagieren. Die Vektoren (xt−1) enthalten verzögerte Werte der betrachteten Variablen, während die Terme (ut) unerwartete Änderungen des Staatskonsums, der Wirtschaftsleistung und der Steuereinnahmen erfassen.

Die wirtschaftswissenschaftliche Literatur zeigt, dass Annahmen über diese kurzfristigen Zusammenhänge entscheidend für die Höhe der geschätzten Fiskalmultiplikatoren sind.infoVgl. Mertens und Ravn (2014), a.a.O. Anstatt einzelne Koeffizienten fest vorzugeben, nutzt dieser Bericht theoretische Erkenntnisse sowie institutionelles Wissen über das deutsche Steuer- und Ausgabensystem, um plausible Wertebereiche für diese Zusammenhänge abzuleiten.infoDer Ansatz folgt Christiane Baumeister und James D. Hamilton (2015): Sign Restrictions, Structural Vector Autoregressions, and Useful Prior Information. Econometrica 83(5), 1963–1999. Die Studie nutzt theoretische und institutionelle Informationen als A-priori-Wissen zur Identifikation struktureller VAR-Modelle. So wird beispielsweise berücksichtigt, dass die Steuereinnahmen kurzfristig positiv auf eine höhere Wirtschaftsleistung reagieren, während Änderungen des Staatskonsums innerhalb eines Quartals nur begrenzt durch die aktuelle Konjunktur beeinflusst werden können. Zusätzlich werden die außergewöhnlichen Beobachtungen des Corona-Jahres 2020 bei der Schätzung gesondert behandelt, damit die pandemiebedingten Ausschläge die geschätzten Zusammenhänge nicht dominieren.infoHierfür werden sogenannte pandemische Priors verwendet; vgl. Danilo Cascaldi-Garcia (2022): Pandemic Priors. International Finance Discussion Papers 1352, Board of Governors of the Federal Reserve System (online verfügbar).

Die Schätzungen basieren auf vierteljährlichen Daten für Deutschland von 1991 bis 2025. Der Staatskonsum umfasst die Konsumausgaben des Staates gemäß den Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen. Die staatlichen Einnahmen setzen sich aus Steuereinnahmen und Nettosozialbeiträgen zusammen. Für die Schätzung werden alle Variablen als preisbereinigte, logarithmierte Pro-Kopf-Größen betrachtet. Die ausgewiesenen Multiplikatoren sind entsprechend in realen Größen zu interpretieren (preisbereinigte Euro je preisbereinigtem Euro). Mithilfe eines an große Schocks angepassten Beveridge-Nelson-Filters werden langfristige Trends von kurzfristigen konjunkturellen Schwankungen getrennt; die Anpassung trägt insbesondere den außergewöhnlichen Ausschlägen der Pandemiejahre Rechnung.infoVgl. Güneş Kamber, James Morley und Benjamin Wong (2025): Trend-cycle decomposition in the presence of large shocks. Journal of Economic Dynamics and Control 173, 105066 (online verfügbar). Die Analyse konzentriert sich somit auf die zyklischen Komponenten von Staatskonsum, Wirtschaftsleistung und staatlichen Einnahmen.

Aus den geschätzten Reaktionen werden kumulierte Multiplikatoren berechnet, indem die aufsummierte Reaktion der Wirtschaftsleistung ins Verhältnis zur aufsummierten Reaktion der jeweiligen Fiskalgröße gesetzt und mit deren durchschnittlichem Anteil am BIP in Euro je Euro umgerechnet wird:

μfH=h=0Hβy/fhh=0Hβf/fh×F¯Y¯,f{t,g}.

Dabei ist μfH der kumulierte Multiplikator der Fiskalgröße f (Einnahmen beziehungsweise Staatskonsum) über einen Horizont von Quartalen. βhy/f bezeichnet die Reaktion der Wirtschaftsleistung h Quartale nach einem unerwarteten Impuls der Fiskalgröße f, βhf/f die Reaktion der Fiskalgröße auf ihren eigenen Impuls. Der Faktor F̄/Ȳ entspricht dem durchschnittlichen Anteil der jeweiligen Fiskalgröße am BIP über den Schätzzeitraum (rund 20 Prozent beim Staatskonsum, rund 23 Prozent bei den Einnahmen) und überführt das Verhältnis in Euro je Euro.

Deutschlands Fiskalpolitik wird deutlich expansiver

Die Erwartungen zum künftigen finanzpolitischen Kurs Deutschlands haben sich innerhalb kurzer Zeit verändert (Abbildung 1). Während das DIW Berlin in seiner Winterprognose 2024infoVgl. Geraldine Dany-Knedlik et al. (2024): Deutsche Wirtschaft dümpelt vor sich hin – Handelskonflikte bedrohen Weltwirtschaft. DIW Wochenbericht Nr. 50, 797–832 (online verfügbar). noch von einer schrittweisen Konsolidierung der öffentlichen Haushalte ausging, rechnet es inzwischen mit deutlich höheren Defiziten. Das strukturelle Primärdefizit – also der um Konjunktureinflüsse bereinigte negative Finanzierungssaldo des Staates ohne Zinsausgaben – wurde nach Bekanntwerden des Sondervermögens und der Reform der Schuldenbremse in der DIW-Prognose für das Jahr 2026 um rund 1,4 Prozentpunkte des Produktionspotenzials nach oben korrigiert.infoVgl. Geraldine Dany-Knedlik et al. (2025): Zollchaos überschattet Weltwirtschaft – Finanzpaket stützt deutsche Konjunktur. DIW Wochenbericht Nr. 24, 349–385 (online verfügbar). Die erwartete Ausrichtung der deutschen Fiskalpolitik hat sich damit von einer Konsolidierung hin zu einem deutlich expansiveren Kurs verschoben.

Wie sich die zusätzlichen fiskalischen Spielräume auf die wirtschaftliche Entwicklung auswirken, hängt maßgeblich davon ab, über welche Instrumente sie genutzt werden. Zusätzliche Mittel können in Form höherer öffentlicher Investitionen, eines höheren Staatskonsums oder steuerlicher Entlastungen eingesetzt werden. Da auch die erweiterten Spielräume nicht zuletzt durch die europäischen Fiskalregeln begrenzt sind, konkurrieren diese Instrumente um dieselben Mittel: Jeder Euro, der für zusätzlichen Staatskonsum verwendet wird, steht nicht für Investitionen oder steuerliche Entlastungen zur Verfügung. Während frühere Studien des DIW Berlin die gesamtwirtschaftlichen Wirkungen öffentlicher Investitionen untersucht haben,infoVgl. Geraldine Dany-Knedlik, Alexander Kriwoluzky und Malte Rieth (2025): Sondervermögen für Infrastruktur: 500-Milliarden-Euro-Investitionspaket würde deutsche Wirtschaft aus der Krise holen. DIW Aktuell 111 (online verfügbar). konzentriert sich dieser Bericht auf zwei weitere wichtige fiskalpolitische Instrumente: Änderungen des Staatskonsums und der Steuern. Um ihre gesamtwirtschaftlichen Wirkungen bestimmen zu können, müssen die konjunkturellen und politisch bedingten Veränderungen jedoch voneinander getrennt werden.

Bestimmung fiskalischer Multiplikatoren

Die Steuereinnahmen sowie der Staatskonsum in Relation zum Bruttoinlandsprodukt haben seit der Wiedervereinigung teils erhebliche Schwankungen erfahren (Abbildung 2). Besonders deutlich wird dies bei der Steuerquote, also dem Anteil der staatlichen Steuereinnahmen am BIP. In wirtschaftlichen Abschwüngen geht sie regelmäßig zurück, während sie in Phasen kräftigen Wachstums zunimmt. Dieser Zusammenhang ergibt sich zum großen Teil automatisch: Steigen Beschäftigung, Löhne und Unternehmensgewinne, erhöht sich das Steueraufkommen auch ohne Änderung der Steuersätze. Aufgrund der Progression insbesondere der Einkommensteuer steigt das Steueraufkommen dabei häufig stärker als die Wirtschaftsleistung, sodass auch die Steuerquote zunimmt. Umgekehrt geht sie in Rezessionen zurück, selbst wenn keine steuerpolitischen Maßnahmen beschlossen werden. Ein erheblicher Teil der beobachteten Schwankungen der Steuerquote spiegelt daher die konjunkturelle Entwicklung wider.

Gerade deshalb sollen bei der Bestimmung fiskalischer Multiplikatoren diese automatischen konjunkturellen Bewegungen herausgerechnet werden. Ziel ist es, die wirtschaftlichen Effekte diskretionärer Maßnahmen zu bestimmen – also Änderungen des Staatskonsums oder der Steuern, die politisch beschlossen werden und nicht automatisch aus dem Konjunkturverlauf folgen. Nur solche politisch veranlassten Veränderungen erlauben Rückschlüsse darauf, wie Änderungen des Staatskonsums oder der Steuern die wirtschaftliche Aktivität beeinflussen. Dies wird dadurch erschwert, dass Staatskonsum, Steuereinnahmen und BIP gleichzeitig aufeinander reagieren. Höhere Einkommen erhöhen beispielsweise das Steueraufkommen, während steuerliche Entlastungen oder zusätzliche staatliche Nachfrage die Wirtschaftsleistung beeinflussen können.

Die diesem Bericht zugrunde liegende Schätzmethode nutzt theoretische Erkenntnisse und institutionelles Wissen über diese kurzfristigen Wechselwirkungen, um die eigenständigen Effekte fiskalpolitischer Maßnahmen von den allgemeinen konjunkturellen Entwicklungen zu trennen (Kasten). Auf dieser Grundlage lassen sich die gesamtwirtschaftlichen Wirkungen von Änderungen des Staatskonsums und der Steuern für Deutschland bestimmen.

Staatskonsum stabilisiert rasch, Steuersenkungen wirken nachhaltiger

Die geschätzten kumulierten Multiplikatoren für Staatskonsum und Steuern geben über den Zeitverlauf an, um wie viele Euro sich die Wirtschaftsleistung verändert, wenn der Staat einen zusätzlichen Euro für Staatskonsum ausgibt beziehungsweise die Steuerlast um einen Euro senkt (Abbildung 3).infoIm zugrunde liegenden Modell gelten die entsprechenden Zusammenhänge spiegelbildlich auch für Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen. Die geschätzten Multiplikatoren unterscheiden sich sowohl hinsichtlich ihrer Stärke als auch ihres zeitlichen Verlaufs.

Unmittelbar nach einer Erhöhung des Staatskonsums liegt der Staatskonsummultiplikator bei rund eins. Ein zusätzlicher Euro Staatskonsum erhöht das BIP bereits im Quartal der Maßnahme um etwa einen Euro. In den folgenden Quartalen nimmt die Wirkung zunächst leicht zu und erreicht nach etwa einem Jahr ihren Höchstwert von rund 1,10 Euro. Anschließend geht der Multiplikator wieder leicht zurück und stabilisiert sich in der Nähe von eins. Die Ergebnisse deuten damit auf eine schnelle Wirkung des Staatskonsums hin, liefern jedoch keine Hinweise auf wesentliche Verstärkungseffekte über den ursprünglichen Nachfrageimpuls hinaus.

Die Wirkungen von Steueränderungen entfalten sich dagegen langsamer. Im Quartal einer SteuersenkunginfoDie Schätzung bezieht sich auf aggregierte Änderungen der staatlichen Steuereinnahmen einschließlich der Nettosozialbeiträge. Unterschiede zwischen einzelnen Steuerarten, beispielsweise der Einkommen-, Unternehmen- oder Mehrwertsteuer, werden in diesem Bericht nicht untersucht. erhöht sich die Wirtschaftsleistung zunächst um rund 0,70 Euro je Euro geringerer Steuerbelastung. In den folgenden Quartalen steigt der Multiplikator jedoch kontinuierlich an und erreicht nach rund zwei Jahren Werte von rund 1,8. Steuerliche Maßnahmen entfalten damit mittelfristig stärkere gesamtwirtschaftliche Wirkungen als Änderungen des Staatskonsums.

Die unterschiedlichen zeitlichen Verläufe lassen sich durch die verschiedenen Wirkungsmechanismen der beiden Instrumente erklären. Zusätzlicher Staatskonsum erhöht die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen unmittelbar im Quartal der Maßnahme und zeigt daher schnell Wirkung. Die zusätzliche Nachfrage kann Einkommen, privaten Konsum und Investitionen stimulieren. Gleichzeitig können Haushalte und Unternehmen ihre Entscheidungen anpassen, etwa indem sie einen Teil der zusätzlichen Einkommen sparen oder Investitionen zurückstellen, wenn sie künftig höhere Steuern erwarten. Wie stark sich der ursprüngliche Nachfrageimpuls verstärkt oder abschwächt, hängt letztlich davon ab, welcher dieser Effekte überwiegt.

Steueränderungen wirken dagegen vor allem über die Entscheidungen und Erwartungen privater Haushalte und Unternehmen. Niedrigere Steuern erhöhen zunächst deren finanzielle Spielräume und können Konsum, Arbeitsangebot und Investitionen anregen. Zugleich verbessern sie die Anreize für zusätzliche Arbeit, Produktion und Investitionen. Entscheidend ist jedoch, wie dauerhaft die Entlastungen eingeschätzt werden. Erwarten Haushalte und Unternehmen, dass heutige Steuersenkungen künftig durch höhere Steuern oder geringere Staatsausgaben ausgeglichen werden, können sie einen Teil der zusätzlichen Mittel zunächst sparen oder Investitionen aufschieben. Erst wenn sich Konsum-, Arbeits- und Investitionsentscheidungen schrittweise anpassen, entfalten Steueränderungen ihre volle gesamtwirtschaftliche Wirkung.

Die Ergebnisse dieses Berichts bestätigen zwei zentrale Befunde der neueren Literatur. Zum einen entfaltet zusätzlicher Staatskonsum seine Wirkung rasch und erhöht die Wirtschaftsleistung bereits kurzfristig deutlich. Der geschätzte Staatskonsummultiplikator liegt mit rund eins im Bereich früherer Schätzungen für Deutschland.infoVgl. Christian Breuer und Thiess Büttner (2010): Fiscal Policy in a Structural VAR Model for Germany. Beiträge zur Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik 2010: Ökonomie der Familie (online verfügbar); Tim Oliver Berg (2015): Time Varying Fiscal Multipliers in Germany (online verfügbar). Zum anderen erreichen steuerliche Entlastungen ihre größte Wirkung erst mit zeitlicher Verzögerung, können dann aber stärkere gesamtwirtschaftliche Impulse auslösen. Der geschätzte Steuermultiplikator liegt nahe bei neueren Arbeiten für Deutschland, die Antizipationseffekte berücksichtigen, sowie bei internationalen Studien auf Basis narrativer Identifikationsansätze.infoVgl. Désirée I. Christofzik, Angela Fuest und Robin Jessen (2022): Macroeconomic Effects of the Anticipation and Implementation of Tax Changes in Germany: Evidence from a Narrative Account. Economica89 (353), 62–81 (online verfügbar); Christina D. Romer und David H. Romer (2010): The Macroeconomic Effects of Tax Changes: Estimates Based on a New Measure of Fiscal Shocks. American Economic Review 100(3), 763–801; Karel Mertens und Morten O. Ravn (2014), a.a.O. Die Unsicherheit der Schätzungen nimmt mit dem Zeithorizont zu. Die Ergebnisse sprechen jedoch robust dafür, dass Steueränderungen über mehrere Jahre hinweg stärker wirken als Änderungen des Staatskonsums.

Fazit: Gezielter Einsatz finanzpolitischer Mittel ist entscheidend

Die Ergebnisse dieses Berichts verdeutlichen, dass Maßnahmen, die private Haushalte und Unternehmen über Anreize beeinflussen, ihre Wirkung typischerweise langsamer entfalten als zusätzlicher Staatskonsum, langfristig jedoch größere gesamtwirtschaftliche Impulse auslösen können. Die aktuelle wirtschaftspolitische Debatte geht aber über die beiden in diesem Bericht untersuchten Instrumente hinaus: Mit dem Sondervermögen für Infrastruktur und Klimaneutralität stehen verstärkt öffentliche Investitionen im Mittelpunkt, die nach früheren Studien neben kurzfristigen Nachfrageeffekten das Produktionspotenzial und die langfristigen Wachstumsperspektiven stärken können.infoFür eine Schätzung und Zerlegung des Investitionsmultiplikators vgl. Malte Rieth, Marius Clemens und Claus Michelsen (2025): An Estimation and Decomposition of the Government Investment Multiplier. DIW Discussion Paper Nr. 2106 (online verfügbar) sowie für einen Überblick über die produktionssteigernde Wirkung öffentlichen Kapitals Pedro R. D. Bom und Jenny E. Ligthart (2014): What Have We Learned from Three Decades of Research on the Productivity of Public Capital? Journal of Economic Surveys 28(5), 889–916.

Das jüngst vereinbarte Reformpaket der Bundesregierung zeigt, wie wichtig die Wahl der finanzpolitischen Instrumente ist. Neben steuerlichen Entlastungen umfasst das Paket Maßnahmen zur Stärkung von Arbeitsanreizen, Reformen des Arbeitsmarkts sowie weitere Schritte zur Förderung von Wachstum und Beschäftigung. Die Ergebnisse dieses Berichts sprechen dafür, dass die Nutzung der erweiterten fiskalischen Spielräume nicht allein auf kurzfristige Nachfrageeffekte ausgerichtet werden sollte. Entscheidend wird vielmehr sein, öffentliche Investitionen, steuerliche Entlastungen und weitere wachstumsfördernde Reformen so zu kombinieren, dass sowohl die kurzfristige wirtschaftliche Stabilisierung als auch die langfristige Stärkung des Produktionspotenzials unterstützt werden.

Jo-Ya Kung

Doktorandin Abteilung Makroökonomie

Ruben Staffa

Wissenschaftler Abteilung Makroökonomie

Alexander Kriwoluzky

Abteilungsleiter Abteilung Makroökonomie

Geraldine Dany-Knedlik

Stellvertretende Abteilungsleiterin Abteilung Makroökonomie



JEL-Classification: E62;E32;H20;H50;C32
Keywords: Fiscal multipliers, Government consumption, Tax policy, Structural vector autoregression, fiscal policy
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-29-1


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