Die Wahl des Instruments ist zentral für Wirkung der Fiskalpolitik: Interview

DIW Wochenbericht 29 / 2026, S. 457

Ruben Staffa, Erich Wittenberg

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Herr Staffa, die Wirkung fiskalpolitischer Maßnahmen auf die Wirtschaftsleistung wird häufig mithilfe sogenannter fiskalischer Multiplikatoren beschrieben. Was kann man darunter verstehen? Fiskalmultiplikatoren zeigen an, wie stark sich das Bruttoinlandsprodukt verändert, wenn der Staat einen zusätzlichen Euro ausgibt oder Haushalte und Unternehmen um einen Euro steuerlich entlastet werden. Ein Multiplikator über eins zeigt an, dass die Wirtschaftsleistung mehr steigt als um den Betrag, den der Staat ursprünglich dafür eingesetzt hat. Liegt er unter eins, steigt die Wirtschaftsleistung um weniger als den eingesetzten Betrag. In unserem Bericht sind diese Multiplikatoren das zentrale Maß, mit dem wir die finanzpolitischen Instrumente, nämlich Staatskonsum und Steuern, miteinander vergleichen.

Wie würde es sich auf die Wirtschaftsleistung auswirken, wenn Deutschland seine aktuellen fiskalischen Spielräume für zusätzlichen Staatskonsum nutzt? In diesem Fall würde die Wirkung sehr schnell erfolgen. Ein zusätzlicher Euro Staatskonsum würde das Bruttoinlandsprodukt bereits im selben Quartal um etwa einen Euro steigern. Nach etwa einem Jahr würde die Wirkung ihren Höchstwert von 1,10 Euro erreichen. Danach sinkt der Multiplikator wieder und pendelt sich über den betrachteten Zeitraum von drei Jahren knapp unter eins ein.

Wie ist diese Wirkung zu erklären? Bei zusätzlichem Konsum fragt der Staat letztlich Güter und Dienstleistungen direkt nach. Die dadurch entstehenden Einkommen können dann privaten Konsum oder Investitionen zusätzlich anregen. Aber Haushalte und Unternehmen könnten auch erwarten, dass diese zusätzlichen Ausgaben durch höhere Steuern refinanziert werden müssen und sich deswegen beim Konsum oder bei Investitionen zurückhalten. Diese entgegengesetzten Effekte gleichen sich in unseren Schätzungen ungefähr aus. So kommt es zu einem Multiplikator von etwa eins.

Wie würde sich eine Senkung der Steuern auf die Wirtschaftsleistung auswirken? Steuersenkungen wirken zunächst verzögert, sie entfalten aber mittelfristig eine stärkere Wirkung. Das heißt, im Quartal der Entlastung steigt die Wirtschaftsleistung um circa 70 Cent je Euro geringerer Steuerbelastung. Der Multiplikator nimmt dann aber kontinuierlich zu und erreicht nach rund zwei Jahren etwa 1,80 Euro je Euro Steuerentlastung.

Warum entfaltet sich die Wirkung von Steueränderungen langsamer? Steuersenkungen schaffen keine direkte Nachfrage, sondern wirken über die Entscheidung von Haushalten und Unternehmen. Das heißt, sie verbessern Anreize, zu arbeiten, zu produzieren und zu investieren. Dieser Anpassungsprozess benötigt aber Zeit. Zudem hängt die Wirkung auch davon ab, wie dauerhaft die Steuerentlastung letztlich eingeschätzt wird. Die volle gesamtwirtschaftliche Wirkung entfaltet sich erst, wenn sich Konsum-, Arbeits- und Investitionsentscheidungen schrittweise angepasst haben.

Welche Bedeutung haben Ihre Ergebnisse für die Wirtschaftspolitik? Entscheidend ist nicht nur die Höhe der Staatsausgaben, sondern auch das gewählte Instrument. Auch die zusätzlichen fiskalischen Spielräume Deutschlands sind letztlich begrenzt. Daher ist eine gezielte Mittelverwendung wichtig. Unsere Ergebnisse sprechen dafür, die verschiedenen Instrumente zu kombinieren. Der Staatskonsum ist geeignet für eine kurzfristige konjunkturelle Stabilisierung, steuerliche Entlastungen für stärkere Impulse über die mittlere Frist. Frühere DIW-Studien zeigen zudem, dass öffentliche Investitionen zur Stärkung des Produktionspotenzials und der langfristigen Wachstumsperspektiven beitragen.

Das Gespräch führte Erich Wittenberg.

O-Ton von Ruben Staffa
Die Wahl des Instruments ist zentral für Wirkung der Fiskalpolitik - Interview mit Ruben Staffa

Ruben Staffa

Wissenschaftler Abteilung Makroökonomie


DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-29-2


Die Publikation ist gemäß der Creative-Commons-Lizenz CC-BY-4.0 nachnutzbar: https://creativecommons.org/licenses/by/4.0/

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