DIW Wochenbericht 35 / 2026, S. 521-527
Blanka Imre, Markus M. Grabka, Oskar Breer, Neil Murray
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„In der Corona-Pandemie haben berufstätige Mütter bei Schulbeschränkungen ihre Beschäftigung stärker reduziert als Väter.“ Imre Blanka
Die Corona-Pandemie bietet einen einzigartigen Rahmen, um zu verstehen, wie Eltern zwischen Arbeitsangebot und Kinderbetreuung abwägen, wenn Schulen schließen. Obwohl die Schulbeschränkungen in den Jahren 2020/2021 in Deutschland die meisten Arbeitnehmer unberührt ließen, verteilten Haushalte mit Kindern im Grundschulalter die Arbeitskraft neu: Die Vollzeitbeschäftigung der Mütter, die nur Kinder im Grundschulalter hatten, sank während der Phasen eingeschränkten Schulbetriebs um vier bis fünf Prozentpunkte, während die Beschäftigung der Väter zunahm. Bei verheirateten Müttern in Vollzeit war der Rückgang mit fast acht Prozentpunkten ausgeprägter. Alle Benachteiligungen, denen Mütter auf dem Arbeitsmarkt ausgesetzt sind, sollten abgebaut werden. Arbeitgeber können dies aktiv angehen, indem sie die Vereinbarkeit von Vollzeitbeschäftigung und Kinderbetreuung erleichtern, beispielsweise durch flexible Arbeitszeiten, Schichtarbeit und Homeoffice.
Sechs Jahre nach dem Ausbruch des Coronavirus haben Politik und Gesellschaft immer noch mit den Folgen der damals ergriffenen Eindämmungsmaßnahmen zu kämpfen; dazu gehörten Kontakt- und Versammlungsbeschränkungen im privaten und öffentlichen Raum, Reisebeschränkungen, Maskenpflicht, Beschränkungen am Arbeitsplatz, Ausgangssperren und Abstandsregeln. Auch das Bildungssystem war stark betroffen: In der Kinderbetreuung und im Schulwesen kam es zu weitreichenden Einschränkungen. Ziel dieser Maßnahmen war es, die Kontakte zwischen Menschen zu verringern, um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen oder zumindest zu verlangsamen. Zwar gab es Ausnahmen für Eltern in sogenannten systemrelevanten Berufen, und der Unterricht wurde online oder im Wechsel zwischen Präsenz- und Onlineunterricht angeboten. Die überwiegende Mehrheit der Eltern stand vor der Herausforderung, ihren Beruf mit der Kinderbetreuung zu Hause zu vereinbaren. Die Betreuung und das Unterrichten von Grundschulkindern stellten für berufstätige Eltern eine erhebliche zeitliche Belastung dar, die generell zu geringerer Beschäftigung und kürzeren Arbeitszeiten führen kann. In Familien mit zwei Elternteilen könnten Paare darauf reagieren, indem sie Hausarbeit und Erwerbstätigkeit neu untereinander aufteilen.
Bislang gibt es nur wenige Studien, die untersuchen, wie Schulschließungen auf die Erwerbstätigkeit der Eltern in Deutschland kausal wirken. Internationale Studien zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf den Arbeitsmarkt zeigen signifikante Unterschiede zwischen den Ländern. Besonders deutlich wird dies bei den Arbeitsplatzverlusten: Bis Anfang April 2020 hatten in den Vereinigten Staaten 20 Prozent der Arbeitnehmer*innen ihren Arbeitsplatz verloren. In Großbritannien waren es mit 17 Prozent nur geringfügig weniger. In Deutschland gingen dagegen nur etwa fünf Prozent der Arbeitsplätze verloren.Abi Adams-Prassl et al. (2020): Inequality in the impact of the coronavirus shock: Evidence from real time surveys. Journal of Public Economics, 189, 104245 (online verfügbar; abgerufen am 14. Juli 2026. Dies gilt für alle Online-Quellen in diesem Bericht, sofern nicht anders angegeben).
Wird ausschließlich das gesamte Arbeitsvolumen in Deutschland betrachtet, so führten Schul- und Kita-Schließungen zu einem Rückgang der Arbeitsstunden um bis zu 1,1 Prozent. Eine Erklärung dafür ist, dass die Flexibilität der Arbeitgeber*innen bei den Arbeitszeiten dazu beigetragen haben könnte, die Auswirkungen der Schulschließungen auf das Arbeitsangebot der Eltern zu begrenzen.Vgl. Sebastian Dullien und Bettina Kohlrausch (2021): Eine Analyse des COVID-19-Angebotsschocks: Welche Rolle spielten Schulschließungen? IMK-Arbeitspapier Nr. 207 (online verfügbar). Der Ausbau der Kurzarbeiterregelungen trug wahrscheinlich ebenfalls dazu bei, die Effekte der Schulschließungen auf den deutschen Arbeitsmarkt abzumildern.
Die kausalen Auswirkungen der durch die Corona-Pandemie bedingten Schulschließungen auf das Arbeitsangebot von Eltern in Deutschland werden anhand von Daten des sozio-oekonomischen Panels (SOEP)Das SOEP ist eine repräsentative jährliche Wiederholungsbefragung privater Haushalte, die seit 1984 in Westdeutschland und seit 1990 auch in Ostdeutschland durchgeführt wird, vgl. Jan Goebel et al. (2019): The German Socio-Economic Panel (SOEP). Journal of Economics and Statistics, 239(29), 345–360 (online verfügbar). Für diese Veröffentlichung wurden folgende Datenversionen verwendet: SOEP-Core v41, EU-Edition 2026 (online verfügbar), die IAB-SOEP-Migrationsstichprobe (online verfügbar) sowie die IAB-BAMF-SOEP-Befragung Geflüchteter (online verfügbar). sowie detaillierter Daten zu Schulbeschränkungen untersucht, die vom infas-Institut für Angewandte Sozialwissenschaften veröffentlicht wurden.Dieser Bericht basiert auf einem vom Journal of Labor Economics angenommenen Beitrag, der in der Sonderausgabe der Zeitschrift im Oktober 2026 erscheinen wird. Die Autoren danken für die finanzielle Unterstützung durch den NIH-Zuschuss Nr. R01AG071649 und den DFG-Zuschuss Nr. 458299140 (GaPRisk). In Deutschland liegt die Zuständigkeit für das Bildungssystem bei den einzelnen Bundesländern, was zu erheblichen regionalen Unterschieden in der Bildungspolitik führt. Während der Corona-Pandemie wurde die Befugnis zur Einführung von Einschränkungen für Kindertagesstätten und Schulen weiter auf Kreisebene und in seltenen Fällen auf Schulebene dezentralisiert. Diese Unterschiede – zwischen den KreisenDie detaillierteste zur Verfügung stehende Datenebene war die des Landkreises. wie auch im Zeitverlauf – werden genutzt, um zu untersuchen, wie sich jahrgangsspezifische Einschränkungen des Präsenzunterrichts auf das Arbeitsangebot der Eltern auswirkten.
Um das Ausmaß der Schulschließungen zu messen, wird der Anteil der Schultage pro Monat und Landkreis herangezogen, an denen der Präsenzunterricht eingeschränkt war. Dabei wird zwischen vollständigen Schulschließungen und der Möglichkeit eines hybriden Unterrichts (Präsenz- und Online-Unterricht) unterschieden. Die Analyse umfasst Personen im erwerbsfähigen Alter, insbesondere Eltern minderjähriger Kinder. Zur Messung des Arbeitsangebots wurden die Personen befragt, ob sie in Vollzeit oder in Teilzeit beschäftigt waren.
Zur Identifikation kausaler Effekte wird ein Differenz-von-Differenzen-Ansatz verwendet, bei dem die Arbeitsmarktbeteiligung von Eltern in Landkreisen mit strengeren Schulbeschränkungen mit denen in weniger betroffenen verglichen wird – und zwar vor und nach Eintreten der Beschränkungen (Kasten). Es kommen dabei zwei Schätzverfahren zum Einsatz: ein Standardverfahren und ein spezielles Verfahren, das sich besser für Situationen eignet, in denen die Schulbeschränkungen nicht überall gleichzeitig einsetzten und sich über die Zeit wiederholten. Die Schätzung wird getrennt für Männer und Frauen durchgeführt.
Die Analyse stützt sich auf monatliche Beschäftigungsbiografien des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) für den Zeitraum von Januar 2019 bis Dezember 2021. Das SOEP befragt alle erwachsenen Haushaltsmitglieder einzeln; bei Paaren wird also jeder Partner separat erfasst. Untersucht werden Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigung, Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit.
Im Mittelpunkt der Analyse stehen Eltern von Grundschulkindern, da jüngere Kinder bei Schulschließungen vermutlich den größten Betreuungsaufwand verursachen. Zum Vergleich werden auch Eltern von Kindern im Sekundarschulalter sowie kinderlose Erwachsene untersucht. Daten zu kinderlosen Erwachsenen werden für Placebo-Tests herangezogen, da sie von Schulschließungen weitgehend unberührt bleiben dürften. Eltern mit Kindern unter sechs Jahren werden ausgeschlossen, um den Effekt von Schul- und Kindergartenschließungen nicht zu verfälschen.
Die zentrale erklärende (Behandlungs-)Variable ist der Anteil der Schultage pro Monat und Landkreis, an denen der Schulbetrieb pandemiebedingt eingeschränkt war – sei es durch vollständige oder durch teilweise Schließungen. Diese Daten stammen vom infas-Institut für Angewandte Sozialwissenschaften und variieren auf der Ebene der Landkreise und Monate.
Die Effekte werden mithilfe von Differenz-in-Differenzen-Modellen mit festen Effekten für Landkreis und Zeit geschätzt. Bei dieser Methode werden die Arbeitsmarktergebnisse von Eltern in Landkreisen mit stärkeren Schulschließungen mit denen in weniger betroffenen Landkreisen verglichen. Um den Effekt der Schulschließungen von anderen Pandemiemaßnahmen zu isolieren, werden in den Modellen zusätzlich COVID-19-Fallzahlen (bereitgestellt durch das Robert-Koch-Institut) sowie eine Reihe von nicht bildungsbezogenen Einschränkungen wie Kontaktbeschränkungen, Reisebeschränkungen und Ausgangssperren berücksichtigt. Neben dem Standardverfahren (Two-Way-Fixed-Effects) wird der von Chaisemartin und d’Houltfoeuille vorgeschlagene Schätzer (dCDH) verwendet.Clément De Chaisemartin und Xavier d’Haultfoeuille (2026): Difference-in-differences estimators of intertemporal treatment effects. The Review of Economics and Statistics, 1–18 (online verfügbar).
Als Kontrollvariablen werden Alter, Geschlecht, das Zusammenleben mit einem Partner, Familienstand, Bildungsniveau, Migrationshintergrund, die Anzahl der Haushaltsmitglieder sowie das Alter des jüngsten Haushaltsmitglieds herangezogen.
Im März 2020 führte die Bundesregierung verschiedene Maßnahmen ein, um Unternehmen finanziell zu unterstützen und Arbeitsplätze zu sichern.Vgl. auf der Website des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie die Informationen zu Corona-Hilfen des Bundes (online verfügbar). Dazu gehörten die sogenannten Corona-Liquiditätsengpässe – bestehend aus einmaligen, nicht rückzahlbaren Zuschüssen von bis zu 15000 Euro für Kleinunternehmen und Einzelunternehmer*innen zurÜberbrückung akuter Liquiditätsengpässe – sowie die sogenannten Überbrückungshilfen I und II, die Betriebskostenzuschüsse für kleine und mittlere Unternehmen bereitstellten, die von pandemiebedingten Schließungen oder Einschränkungen betroffen waren.
Zudem wurden die Anspruchsvoraussetzungen für das Kurzarbeitergeld deutlich gelockert und dessen Geltungsbereich stark ausgeweitet.Die Bundesregierung (2020): Leichterer Zugang zum Kurzarbeitergeld. Meldung vom 23. März 2020 (online verfügbar). Die Verordnung trat rückwirkend zum 1. März in Kraft. Das Kurzarbeitergeld gleicht die Differenz zwischen den tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden und der vertraglichen Arbeitszeit aus, was bereits während der Finanzkrise zur Sicherung von Arbeitsplätzen beitrug.Pierre Cahuc, Francis Kramarz und Sandra Nevoux (2021): The heterogeneous impact of short-time work: From saved jobs to windfall effects. CEPR Discussion Paper, Nr. 16168 (online verfügbar); Giulia Giupponi und Camille Landais (2022): Subsidizing labour hoarding in recessions: The employment and welfare effects of short-time work. The Review of Economic Studies, 90(4), 1963–2005 (online verfügbar); Daniel Kopp und Michael Siegenthaler (2021): Short-time work and unemployment in and after the Great Recession. Journal of the European Economic Association, 19(4), 2283–2321 (online verfügbar). Mit dem Ziel, massive Arbeitsplatzverluste zu vermeiden, wurde die deutsche Kurzarbeitergeldregelung Anfang 2020 in mehrfacher Hinsicht geändert. Die Anspruchsvoraussetzungen für Kurzarbeit wurden gelockert: Statt 33 Prozent mussten nun nur noch zehn Prozent der Belegschaft von einem erheblichen Verdienstausfall betroffen sein. Darüber hinaus wurde der Kreis der anspruchsberechtigten Beschäftigten auf Leiharbeitnehmer*innen ausgeweitet. Zudem erhöhte die Regierung nicht nur den erstatteten Anteil der Lohnlücke von 60 Prozent auf 100 Prozent, sondern verlängerte auch die maximale Bezugsdauer der Kurzarbeitsunterstützung von 12 auf 28 Monate.
Diese Maßnahmen trugen wahrscheinlich dazu bei, die negativen Auswirkungen der pandemiebedingten Schulschließungen auf die Beschäftigungssituation von Eltern mit Kindern im schulpflichtigen Alter abzumildern.
Intuitiv ist zu erwarten, dass Eltern kleiner Kinder am stärksten von Schulschließungen betroffen waren, da Kinder im Grundschulalter noch beaufsichtigt und beim Lernen angeleitet werden müssen. Wenn Eltern neben Kindern im Grundschulalter auch ältere Kinder haben, können diese die Betreuungsaufgaben für ihre jüngeren Geschwister teilweise übernehmen, sodass kaum oder gar keine Auswirkungen auf die Erwerbsbeteiligung der Eltern zu erwarten wären. Im Gegensatz dazu dürften Eltern, deren Kinder ausschließlich im Grundschulalter waren, stärker von Schulschließungen betroffen gewesen sein, da die Wahrscheinlichkeit geringer war, dass ältere Haushaltsmitglieder einspringen und die Betreuung übernehmen konnten. Die vorliegende Studie bestätigt diese Annahmen. Die untersuchte Population besteht aus Müttern und Vätern von Kindern im schulpflichtigen Alter (6–16 Jahre) und Müttern und Vätern von Kindern im Grundschulalter (in den meisten Bundesländern 6–9 Jahre; in Berlin und Brandenburg 6–11 Jahre).
Schätzungen der Auswirkungen von Grundschulschließungen auf das Arbeitsangebot der Eltern werden getrennt für Mütter und Väter durchgeführt (Tabelle 1). Die erste und dritte Spalte umfassen nur Eltern, die ausschließlich in Vollzeit arbeiten, während in den Spalten 2 und 4 auch Eltern berücksichtigt werden, die in Teilzeit beschäftigt sind.
Änderung der Beschäftigungswahrscheinlichkeit in Prozentpunkten
| Frauen | Männer | |||
|---|---|---|---|---|
| Vollzeitbeschäftigte | Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte | Vollzeitbeschäftigte | Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte | |
| Panel I: Eltern von Kindern, auch im Grundschulalter | ||||
| Einschränkungen in der Grundschule | −1,97 | 1,78 | 0,58 | 2,49 |
| Mittelwert des Ergebnisses | 22,0 | 71,6 | 75,1 | 81,7 |
| Panel II: Eltern von Kindern nur im Grundschulalter | ||||
| Einschränkungen in der Grundschule | −4,84** | 2,11 | 2,41 | 5,21** |
| Mittelwert des Ergebnisses | 27,9 | 75,4 | 77,2 | 84,3 |
Anmerkungen: Die Sternchen bezeichnen das Signifikanzniveau, das die statistische Genauigkeit der Schätzung angibt. Je mehr Sternchen, desto genauer: ***, ** und * geben die Signifikanz auf dem Ein-, Fünf- und Zehn-Prozent-Niveau an. Two Way Fixed Effects-Schätzungen auf Basis monatlicher Informationen von Januar 2019 bis Dezember 2021. Standardfehler auf Kreisebene gruppiert. Panel I: N=1211 Frauen (21330 Beobachtungen) und N=1031 Männer (18243 Beobachtungen), Panel II: N=533 Frauen (8834 Beobachtungen) und N=419 Männer (6907 Beobachtungen).
Lesebeispiel: Für Mütter, deren Kinder ausschließlich im Grundschulalter sind, sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Vollzeitbeschäftigung durch Schulbeschränkungen um 4,8 Prozentpunkte.
Quellen: SOEP v41; Infas 360 Datenkatalog/Corona-Daten; eigene Berechnungen.
Werden alle Eltern von Kindern betrachtet, lässt sich kein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen Schulbeschränkungen und Vollzeitbeschäftigung feststellen.
Deutlich klarer wird das Bild jedoch, wenn nur Eltern betrachtet werden, deren Kinder ausschließlich im Grundschulalter sind (Panel II) – also Haushalte ohne ältere Geschwister, die als informelle Betreuungspersonen einspringen könnten. Hier gehen Schulschließungen mit einem statistisch signifikanten Rückgang der Vollzeitbeschäftigung von Müttern um 4,8 Prozentpunkte einher, was etwa einem Sechstel der zuvor vollzeitbeschäftigten Mütter entspricht (Mittelwert: 27,9 Prozent). Auf die Beschäftigung insgesamt – Teilzeit und Vollzeit zusammengenommen – zeigt sich dagegen kein Effekt. Die Mütter haben ihre Arbeitszeit also reduziert, statt ganz aus dem Erwerbsleben auszuscheiden. Bei den Vätern hingegen steigt die Wahrscheinlichkeit, in Vollzeit oder Teilzeit beschäftigt zu sein, um 5,2 Prozentpunkte, was statistisch signifikant ist.
Insgesamt deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Haushalte, in denen ausschließlich Grundschulkinder leben, die Arbeitszeit geschlechtsspezifisch aufteilten: Während die Schulen geschlossen waren, übernahmen die Mütter zusätzliche Kinderbetreuungszeiten, während die Väter ihre Erwerbsbeteiligung erhöhten – vermutlich, um Einkommensverluste des Haushalts auszugleichen.Die Analyse wurde mit dem Bruttoarbeitseinkommen als Ergebnisvariable alternativ berechnet. Hier finden sich nur geringe und statistisch nicht signifikante Ergebnisse. Da das Einkommen jedoch jährlich und nicht monatlich erfasst wird, fehlt den Daten die Granularität und statistische Aussagekraft, um aussagekräftige Vergleiche mit den Hauptergebnissen anzustellen. Placebo-Tests mit kinderlosen Erwachsenen und Haushalten, in denen auch ältere Kinder leben, bestätigen, dass die Ergebnisse nicht durch andere Faktoren bedingt sind.
Um regionale Unterschiede bei den Schulschließungen und deren wiederholtes Auftreten besser zu berücksichtigen, wird der spezielle Schätzer verwendet. Damit lässt sich auch untersuchen, inwieweit die Arbeitsmarktbeteiligung der Eltern in verschiedenen Regionen bereits vor den Schulschließungen voneinander abwich.
Das Muster ähnelt den vorherigen Ergebnissen. Verschärfen sich die Schulbeschränkungen, geht die Vollzeitbeschäftigung der Mütter in den ersten beiden Monaten deutlich zurück. Bei den Vätern verläuft die Entwicklung gegenläufig: In beiden Monaten nach vollständiger oder teilweiser Schulschließung ist der Effekt positiv, allerdings weniger eindeutig als bei den Müttern (Abbildung). Das stützt die Interpretation der geschlechtsspezifischen Effekte auf das Arbeitsangebot.
Als Nächstes wird untersucht, ob sich diese Effekte je nach Familienstand unterscheiden, wobei der Fokus erneut auf Eltern mit Kindern im Grundschulalter liegt (Tabelle 2). Der Familienstand kann als Indikator dafür herangezogen werden, inwieweit ein Paar eher traditionellen Geschlechterrollen folgt. Die Ergebnisse zeigen einen signifikanten negativen Effekt von 7,9 Prozentpunkten,Dies entspricht einem relativen Effekt von 25 Prozent bei einer durchschnittlichen Vollzeitbeschäftigungsquote von 32 Prozent in der Stichprobe verheirateter Mütter, deren Kinder noch im Grundschulalter sind (N=265). Aufgrund der geringen Stichprobengröße kann keine hohe externe Validität angenommen werden. der ausschließlich bei verheirateten, vollzeitbeschäftigten Müttern zu beobachten ist (Panel I, Spalte 1). Bei unverheirateten Frauen ist kein signifikanter Effekt festzustellen (Panel II, Spalte 1). Auch bei den Vätern lassen sich keine signifikanten Unterschiede zwischen den beiden Untergruppen beobachten (Panel I und II, Spalten 3 und 4).
Änderung der Beschäftigungswahrscheinlichkeit in Prozentpunkten
| Frauen | Männer | |||
|---|---|---|---|---|
| Vollzeitbeschäftigte | Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte | Vollzeitbeschäftigte | Vollzeit- und Teilzeitbeschäftigte | |
| Panel I: Verheiratete Eltern mit Kindern nur im Grundschulalter | ||||
| Einschränkungen in der Grundschule | −7,93** | 0,86 | 0,25 | 4,11 |
| Mittelwert des Ergebnisses | 32,0 | 83,1 | 84,4 | 88,5 |
| Panel II: Unverheiratete Eltern von Kindern nur im Grundschulalter | ||||
| Einschränkungen in der Grundschule | 1,12 | 5,57 | 2,59 | 3,89 |
| Mittelwert des Ergebnisses | 23,7 | 67,0 | 69,2 | 79,7 |
Anmerkungen: Die Sternchen bezeichnen das Signifikanzniveau, das die statistische Genauigkeit der Schätzung angibt. Je mehr Sternchen, desto genauer: ***, ** und * geben die Signifikanz auf dem Ein-, Fünf- und Zehn-Pro-zent-Niveau an. Panel I: N=265 Frauen (4444 Beobachtungen) und N= 218 Männer (3668 Beobachtungen), Panel II: N=273 Frauen (4448 Beobachtungen) und N= 203 Männer (3251 Beobachtungen).
Lesebeispiel: Für verheiratete Frauen sinkt die Wahrscheinlichkeit einer Vollzeitbeschäftigung um 7,9 Prozentpunkte. Für verheiratete Männer und Nichtverheiratete gibt es keine signifikanten Änderungen.
Quellen: SOEP v41; Infas 360 Datenkatalog/Corona-Daten; eigene Berechnungen.
Verheiratete Mütter schränkten ihre Vollzeitbeschäftigung ein und wandten mehr Zeit für die Betreuung der Kinder auf. Das deutet darauf hin, dass traditionelle Geschlechterrollen in diesen Haushalten weiterhin wirksam sind. Zugleich spricht es dafür, dass sich verheiratete Mütter stärker auf die Absicherung durch den Ehepartner verlassen können: Ihre Ehemänner könnten mögliche Einkommensverluste ausgleichen, indem sie selbst mehr arbeiten, sodass der Haushalt finanzielle Rückschläge besser abfedern kann.
Die vorliegende Studie liefert neue kausale Evidenz, wie sich die durch die Corona-Pandemie bedingten Schulschließungen auf das Arbeitsangebot der Eltern auswirkten. Der Übergang vom uneingeschränkten Präsenzunterricht zu einem eingeschränkten Schulbetrieb führte bei Müttern, deren Kinder ausschließlich noch im Grundschulalter waren, zu einem Rückgang der Vollzeitbeschäftigung um fast fünf Prozentpunkte und bei Vätern zu einem Anstieg der Beschäftigung in etwa derselben Größenordnung.
Fehlten alternative Kinderbetreuungsmöglichkeiten innerhalb des Haushalts (wie die Betreuung durch ältere Geschwister, Verwandte oder andere Personen im Haushalt), kam es bei Eltern kleiner Schulkinder zu einer eher traditionellen Rollenverteilung: Verheiratete Mütter reduzierten ihr Arbeitsangebot – vermutlich, um mehr Zeit für die Kinderbetreuung aufzuwenden –, während Väter ihr Arbeitsangebot erhöhten, wahrscheinlich um den Einkommensverlust des Haushalts auszugleichen.
Im Allgemeinen sind für Mütter die Chancen am Arbeitsmarkt schlechter und das Lohngefälle ist für sie höher als für Frauen ohne Kinder (Child PenaltyHenrik Kleven et al. (2019): Child Penalties across Countries: Evidence and Explanations. AEA Papers and Proceedings, 109, 122–26 (online verfügbar).). Ziehen Mütter sich zusätzlich aus dem Arbeitsmarkt zurück, dürfte das ihre Karrierechancen beeinträchtigen und sich langfristig negativ auf ihre Altersvorsorge auswirken.
Daher ist es ratsam, die allgemeinen Benachteiligungen von Müttern auf dem Arbeitsmarkt zu verringern. Hierzu sollten arbeitsmarkt- und bildungspolitische Maßnahmen, die insbesondere die Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung fördern, weiter ausgebaut und finanziell unterstützt werden.
Erstens ist mehr Unterstützung durch Arbeitgeber und den Staat erforderlich, um Vollzeitbeschäftigung und Kinderbetreuung der Eltern in Einklang zu bringen, einschließlich flexibler Arbeitszeiten und Arbeitsorte. Homeoffice und hybrides Arbeiten, bei dem Beschäftigte mindestens zwei Tage von zu Hause aus und die restlichen Tage vor Ort arbeiten, steigern nachweislich die Produktivität, die MitarbeiterbindungNicholas Bloom et al. (2015): Does Working from Home Work? Evidence from a Chinese Experiment. Quarterly Journal of Economics, 130 (1), 165–218 (online verfügbar); Nicholas Bloom, Ruobing Han und James Liang (2024): Hybrid working from home improves retention without damaging performance. Nature, 630, 920–925 (online verfügbar). sowie die Möglichkeiten für außerschulische Aktivitäten ihrer Kinder.Die daraus resultierende längere Nachmittagspause könnte sich ebenfalls positiv auf die Produktivität auswirken: vgl. Pedro Bessone et al. (2021): The Economic Consequences of Increasing Sleep Among the Urban. Quarterly Journal of Economics, 136(3), 1887–1941 (online verfügbar).
Zweitens könnten Maßnahmen, die die Betreuung gleichmäßiger auf Mütter und Väter schulpflichtiger Kinder verteilen, den beschriebenen Geschlechterunterschied verringern. Für Paare, bei denen beide Elternteile gerne Vollzeit arbeiten möchten und die ihre Berufe nicht im Homeoffice oder in einer hybriden Arbeitsform ausüben können, könnte die öffentlich finanzierte Ganztagsschule eine Lösung sein − zumindest in Zeiten ohne Schulschließungen. In dieser Hinsicht ist der groß angelegte Ausbau der Ganztagsschulen und die entsprechende Finanzierung durch die Bundesregierung zu begrüßen.Mit der Verwaltungsvereinbarung zum Investitionsprogramm „Ganztagsausbau“ vom 17. Mai 2023 wurde ab 2026 ein gesetzlicher Anspruch auf Ganztagsbetreuung für Grundschulkinder eingeführt. Die Bundesregierung stellte 3,5 Milliarden Euro für Investitionen in Infrastruktur und Ausstattung bereit, wobei die Bundesländer 30 Prozent der Kosten übernehmen und ab 2030 eine laufende Förderung in Höhe von 1,3 Milliarden Euro pro Jahr gewähren. Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (2023): Verwaltungsvereinbarung Investitionsprogramm Ganztagsausbau veröffentlicht, 23. Juni 2026 (online verfügbar). Bislang gibt es in einigen Bundesländern, vor allem in Westdeutschland, noch Versorgungslücken. In den meisten Ländern müssen Eltern die Nachmittagsbetreuung zudem selbst bezahlen, was für Haushalte mit niedrigem sozioökonomischem Status eine erhebliche Belastung darstellt. Um die Situation berufstätiger Mütter in Deutschland zu verbessern, braucht es daher einen allgemeinen Zugang zu kostenloser Nachmittagsbetreuung für Grundschulkinder.
Themen: Gesundheit, Gender, Familie, Bildung, Arbeit und Beschäftigung
JEL-Classification: I18;I20;J20;J33
Keywords: labor supply, school restrictions, Covid-19
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-35-1
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