DIW Wochenbericht 36 / 2026, S. 562
Geraldine Dany-Knedlik, Erich Wittenberg
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Frau Dany-Knedlik, an den krisenhaften Rahmenbedingungen, unter denen die Weltwirtschaft leidet, hat sich im letzten halben Jahr nur wenig geändert. Es hat jedoch den Anschein, dass es der deutschen Wirtschaft besser geht als erwartet. Können Sie das bestätigen? Ja, das kann ich bestätigen. Wir erwarten für dieses Jahr ein Wachstum von 1,2 Prozent, für das Jahr 2027 ungefähr ein Prozent und für 2028 noch starke 0,7 Prozent. Das heißt, wir haben unsere Konjunkturprognose für die deutsche Wirtschaft deutlich angehoben. Der Hauptgrund dafür ist, dass die erste Jahreshälfte sehr viel besser lief, als wir das noch im Sommer erwartet hatten. Der Energiepreisschock ist deutlich milder ausgefallen als zunächst gedacht und wir haben in der ersten Jahreshälfte sehr starke Exporte gesehen, was allerdings größtenteils auf Sondereffekte zurückzuführen sein dürfte. Das ist noch kein Grund zum Jubeln, aber trotzdem sieht es nun viel besser aus. Getragen wird die Konjunktur insgesamt allerdings weiterhin maßgeblich vom Staat und nicht von der Privatwirtschaft, also dem privaten Konsum und privaten Investitionen.
Welche Auswirkungen haben die Dürre und das Niedrigwasser in diesem Jahr? Das Niedrigwasser belastet vor allen Dingen die Chemieindustrie und Metallerzeugnisse, weil viele Produkte und Vorprodukte über die Binnenschifffahrt transportiert werden. Wir haben in unserer Prognose schon einige Abschläge aufgrund des Niedrigwassers eingepreist und denken, dass das Verarbeitende Gewerbe im laufenden Quartal durch die zeitweise sehr niedrigen Pegelstände in der Binnenschifffahrt gebremst werden wird.
Wie sieht es bei den Investitionen aus? Die privaten Investitionen haben sich weiterhin schleppend entwickelt. Getragen hat über die erste Jahreshälfte in erster Linie der Außenhandel, aber die privaten Investitionen, die normalerweise mit starken Exporten einhergehen, sind ausgeblieben. Das ist auch ein Grund, warum wir die starken Exporte, die wir gesehen haben, auf Sondereffekte zurückführen. Ein Beispiel dafür sind vorgezogene chemische Exporte aufgrund erwarteter Preissteigerungen beim Rohöl, die dann nicht eingetreten sind.
Konnte sich der private Konsum erholen? Der private Konsum konnte sich etwas erholen, entwickelt sich aber weiter schleppend. Auf der einen Seite haben wir unerwartet starke Lohnzuwächse von zuletzt über vier Prozent. Gleichzeitig ist die Lage auf dem Arbeitsmarkt weiterhin angespannt. Die Sparquote bleibt auf ihrem Niveau von ungefähr zehn Prozent. Die Stimmung bei den Konsument*innen ist nicht besonders berauschend, auch wenn sich die Einkommenserwartungen zuletzt verbessert haben. Die privaten Haushalte warten ab und trauen der Erholung noch nicht, was sich auch darin widerspiegelt, dass sich viele Menschen Sorgen um ihren Arbeitsplatz machen.
Wie entwickelt sich die Inflation? Die Inflation wird zum Jahreswechsel noch etwas weiter ansteigen, vor allem weil wir steigende Gaspreise erwarten. Das liegt daran, dass wir über den Sommer unsere Gasspeicher nur bedingt aufgefüllt haben; aktuell liegt der Füllstand bei nur 52 Prozent. In Summe, mit ein paar weiteren Sondereffekten wie der Erhöhung der Tabaksteuer, wird das dazu führen, dass die Inflation im laufenden Jahr bei 2,7 Prozent und im kommenden Jahr noch bei 2,6 Prozent liegen wird und dann erst 2028 auf rund zwei Prozent zurückgeht.
Das Gespräch führte Erich Wittenberg.
Themen: Konjunktur
DOI:
https://doi.org/10.18723/diw_wb:2026-36-3
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