Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 12.10.2009

DIW-Konjunkturprognose 2009: Grundlinien der wirtschaftlichen Entwicklung

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1,3 Prozent Plus – aber noch kein stabiles Wachstum
Nach einem beispiellosen Absturz der Produktion kehrt die Wirtschaft in Deutschland wieder auf einen Wachstumspfad zurück. Allerdings ist die konjunkturelle Belebung noch nicht stabil, und die Zuwachsraten werden insgesamt nur bescheiden ausfallen – das ist die zentrale Aussage der Herbstprognose des DIW Berlin.
Das DIW Berlin erwartet für 2010 eine Wachstumsrate des realen Bruttoinlandsprodukts von 1,3 Prozent. Dies liegt zwar über dem Wachstum im Euroraum (0,8 Prozent). Euphorie ist allerdings nicht angesagt: So wird der Einbruch im Prognosezeitraum auch nicht annähernd überwunden: Ende 2010 wird gerade einmal wieder die Wirtschaftsleistung von Anfang 2006 erreicht sein.

Weltwirtschaft zieht Deutschland mit, aber verspätet
Das Wachstum der Weltwirtschaft findet im Prognosezeitraum vorwiegend in asiatischen Schwellenländern statt, die bisher nicht zu den Hauptabsatzgebieten deutscher Exporte zählen. Die Nachfrage nach Investitionsgütern aus dem Ausland - eine der Domänen deutscher Exporte - dürfte sich wegen der Unterauslastungen der Kapazitäten zunächst nur schwach entwickeln. Daneben wird die Erholung durch einmalige Faktoren begünstigt. Dazu zählen insbesondere die expansiven wirtschaftspolitischen Maßnahmen,. Die Konjunkturprogramme haben die öffentliche Verschuldung in vielen Ländern massiv erhöht, so dass mittelfristig ein enormer Konsolidierungsbedarf besteht. Der Konsolidierungsdruck wird noch verstärkt, weil das Produktionspotenzial in den nächsten Jahren schwächer zulegen wird. Das Finanzsystem ist trotz der staatlichen Rettungsmaßnahmen nach wie vor angeschlagen und stellt einen weiteren Risikofaktor für die Entwicklung dar.

Arbeitslosigkeit wächst, aber der Anstieg hält sich in Grenzen
Für 2010 wird ein Anstieg der Arbeitslosigkeit auf etwas mehr als vier Millionen Erwerbslose prognostiziert. Damit sind zwar Einbußen am Arbeitsmarkt zu erwarten. Sie werden jedoch weniger stark ausfallen als zunächst befürchtet. Die Unternehmen haben auf den abrupten Nachfrageausfall vor allem mit Arbeitszeitverkürzungen reagiert, auch um Humankapital in den Betrieben zu halten. Da die wirtschaftliche Erholung jedoch eher schwach ausfällt und einen langen Zeitraum braucht, wird sich der Druck auf dem Arbeitsmarkt erhöhen. In den kommenden Monaten ist deshalb damit zu rechnen, dass die Kurzarbeit zurückgefahren wird und der Personalabbau sich verstärkt. Dabei bleibt die Krise weiterhin im Wesentlichen auf die exportorientierte Industrie beschränkt. Die Binnennachfrage wird durch die niedrige Inflation gestützt. Die Masseneinkommen werden trotz vermehrter Arbeitslosigkeit wachsen.

Konjunkturprogramme wirken lassen
Zusätzliche konjunkturstützende Maßnahmen kommen aus Sicht des DIW Berlin aktuell nicht in Betracht. Verschiedene Maßnahmen haben bereits jetzt zur Stützung des privaten Konsums beigetragen - auch wenn dieser Effekt bei weitem bescheidener ausfällt als die stimulierende Wirkung, die sich infolge der niedrigeren Energiepreise ergibt. Ein großer Teil der Investitionsimpulse läuft jetzt gerade erst an. Es sind allerdings Zweifel daran angebracht, ob alle Projekte mit den erklärten Zielen der Politik vereinbar sind, nachhaltig die Wachstumskräfte zu stärken oder zur Reduzierung des Energieverbrauchs beizutragen. Zudem sind die Produktionseffekte der Konjunkturprogramme eher gering, weil beachtliche Sickerverluste in Rechnung zu stellen sind.

Keine „Kreditklemme“ sichtbar
Gab es im letzten Aufschwung ein deutliches Überangebot an Krediten, das geringere Kreditstandards nach sich zog, liegen derzeit Kreditnachfrage und Kreditangebot eng beieinander. Dies zeigen ökonometrische Untersuchungen des DIW Berlin. Eine Kreditklemme ist demnach für für Deutschland allerdings nach wie vor generell nicht gegeben.
Gleichwohl ist das Risiko nicht auszuschließen, dass es zu einer weiteren Verknappung des Kreditangebots kommen könnte. Denn immerhin ist die Eigenkapitalbasis im Finanzsektor deutlich geschrumpft. Das DIW Berlin empfiehlt daher erneut, die Inanspruchnahme staatlicher Rekapitalisierungsmittel gesetzlich vorzuschreiben, sobald das Eigenkapital einer Bank ein kritisches Niveau erreicht. Dieser Schwellenwert sollte oberhalb der Mindeseigenkapitalanforderung von Basel II liegen. Mit einer gesetzlichen Pflicht würde die von den Banken gefürchtete Stigmatisierung vermieden.

Öffentliche Haushalte: Defizite in ungekannter Höhe
Trotz der sich abzeichnenden Erholung sind die staatlichen Haushalte in diesem und nächsten Jahr  mit Defiziten in bisher ungekannter Höhe konfrontiert. Nachdem noch 2008 ein fast ausgeglichener Haushalt vorgelegt werden konnte, wird das Defizit 2009 75 Milliarden Euro und im nächsten Jahr rund 120 Milliarden Euro betragen. Die Defizitquoten erreichen damit 3,2 bzw. 5,2 Prozent des nominalen Bruttoinlandsproduktes. Die Maastricht-Kriterien einer maximalen Nettoneuverschuldung von 3 Prozent und einer Schuldenquote von höchstens 60 Prozent rücken damit in weite Ferne.

Links

Herbstgrundlinien 2009: Leichte Erholung im nächsten Jahr
Wochenbericht 42/2009 | PDF, 0.55 MB

Eckdaten zur Konjunkturprognose: Grafiken und Tabellen | PDF, 395.57 KB

"Die Weltwirtschaft holt wieder auf"
Interview mit Dr. Stefan Kooths | MP3, 3.13 MB

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