Neu berechnet: Niedrigere Preise in Ostdeutschland verkleinern die Einkommenslücke zwischen Ost und West

Pressemitteilung vom 18. Dezember 2009

Das Einkommensgefälle zwischen Ost- und Westdeutschland ist zwar deutlich geringer als bisher berechnet werden konnte, aber immer noch beachtlich groß. Der Grund für die Neuberechnung sind erstmals seit dem Jahr 1999 wieder vorliegende statistische Zahlen über die Preise, die in Ost- und Westdeutschland gezahlt werden müssen. Im Schnitt können ostdeutsche Haushalte mit dem gleichen Geld zum Teil deutlich mehr kaufen, als das in Hochpreisregionen in Westdeutschland der Fall ist. Dies ist das zentrale Ergebnis einer vom DIW Berlin veröffentlichten Studie. Sie beruht auf Daten des vom DIW Berlin in Zusammenarbeit mit Infratest Sozialforschung erhobenen Sozio-oekonomischen Panel (SOEP) und des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung.

Die jetzt vom DIW Berlin veröffentlichten Zahlen erlauben einen neuen Blick auf die unterschiedlichen Lebensverhältnisse in Ost und West. Der zentrale Befund: Die deutlichen Einkommensunterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland bleiben zwar bestehen. Aber sie relativieren sich zumindest ein Stück weit, wenn man berechnet, wie viel man vom gleichen Einkommen in einzelnen Regionen kaufen kann. „2.000 Euro Einkommen im günstigsten Landkreis Tirschenreuth erlauben einen anderen Lebensstandard als in München,“ erläutert Jan Goebel.

In Zahlen ausgedrückt: Die jährlichen Haushaltseinkommen in Ostdeutschland waren 2008 um 3.500 Euro oder 16 Prozent niedriger als im Westen. Bisher war man davon ausgegangen, dass diese Einkommenslücke bei rund 4500 Euro liegt. Der Abstand zwischen Ost und West ist damit also um rund ein Viertel geringer als nach bisherigen Berechnungen. Das durchschnittliche bedarfsgewichtete Einkommen des Vorjahres lag 2008 in Westdeutschland ohne die Berücksichtigung regionaler Preisdifferenzen bei rund 21 500 Euro, der entsprechende Wert für Ostdeutschland betrug knapp 17 000 Euro. Nach Berücksichtigung der regionalen Unterschiede im Preisniveau sinkt das Durchschnittseinkommen für den Westen leicht auf 21 250 Euro. Für ostdeutsche Haushalte steigt das Einkommen dagegen im Schnitt rein rechnerisch um 800 Euro pro Jahr.

Die neuen Zahlen zeigen auch, dass beim Risiko in (relative) Einkommensarmut zu fallen die West-Ost-Kluft noch stärker schrumpft: In Westdeutschland steigt das Armutsrisiko um einen Prozentpunkt, während es im Osten um 2 Prozentpunkte sinkt. Trotz einer Verringerung des Abstandes um etwa ein Drittel, bleibt eine deutliche Differenz aber auch hier bestehen:  Anhand der neuen Informationen über die regionalen Kaufkraftunterschiede ergibt sich für Ostdeutschland für das Jahr 2008 eine Armutsrisikoquote von 17,5 Prozent, für den Westen sind es 13,4 Prozent.

Hintergrund: Ein teurer Warenkorb senkt den Wert des Einkommens

Wie viel kostet ein typischer Warenkorb? Neue Berechnungen des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR)  erlauben einen differenzierten Blick auf die 393 deutschen Landkreise (siehe Link/Ranking-Tabelle: „Alle 393 Regionen auf einen Blick“). Man sieht: Das Preisniveau schwankt erheblich. Nimmt man das im deutschen Durchschnitt liegende Preisniveau Bonn als Ausgangspunkt und setzt einen Wert von 100 als Maßstab, dann markieren München und der bayerische Landkreis Tirschenreuth die Extremwerte bei den Lebenshaltungskosten. So würde der 100-Euro-Warenkorb in Tirschenreuth nur 83,40 Euro kosten, in München dagegen müsste man 114,40 Euro dafür bezahlen. Übertragen aufs Einkommen bedeutet das: Wer von Tirschenreuth nach Bayern zieht, müsste sein Einkommen theoretisch um 37 Prozent steigern, um seinen bisherigen Lebensstandard auch nur zu halten.

So viel kann man von 100 Euro kaufen: Alle 393 Städte und Kreise im Vergleich: Drei der fünf preiswertesten Regionen liegen im Westen

Das regionale Preisniveau in Deutschland schwankt erheblich von Stadt zu Stadt und von Kreis zu Kreis. Da das Statistische Bundesamt seit 2000 keine Unterschiede in regionalen Preissteigerungsraten mehr ausweist, hat das Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung (BBR) jetzt eine neuartige Berechnung für die Preisniveaus in Landkreisen und kreisfreien Städten vorgelegt. Die fünf teuersten Regionen liegen ausnahmslos im Westen: München, München Land, Frankfurt am Main, Starnberg der Hochtaunuskreis, Stuttgart, Fürstenfeldbruck, Heidelberg, der Main-Taunus-Kreis sowie der Kreis Ebersberg. Die zehn preiswertesten Regionen sind Stendal, Höxter und der Mittlere Erzgebirgskreis, die Prignitz und das Vogtland, Görlitz und Greiz in Sachsen, Regen, Lüchow-Dannenberg in Niedersachsen sowie Tirschenreuth in Bayern. Bemerkenswert: Immerhin vier dieser Kreise liegen im Westen. „Angesichts dessen helfen undifferenzierte Ost-West-Vergleiche bei den Einkommen nicht wirklich weiter“, sagte Jan Goebel, einer der an der DIW-Studie beteiligten Experten.

Hintergrund: Bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen

Um Einkommen sinnvoll miteinander vergleichen zu können, berechnen Ökonomen und Sozialwissenschaftler das so genannte „bedarfsgewichtete Haushaltsnettoeinkommen“. Sie berücksichtigen dabei beispielsweise die Tatsache, dass Singles anders als Familien mit Kindern ihr Einkommen zwar mit niemandem teilen müssen – dafür aber ihre Kosten für Wohnung, Heizung oder Versicherungen auch nicht auf mehrere Köpfe verteilen können. Die Bedarfsgewichtung berücksichtigt außerdem die Tatsache, dass Kinder in der Regel mit weniger Einkommen auskommen als Erwachsene. Eine Alleinerziehende mit 1500 Euro Einkommen hat damit bedarfsgewichtet ein höheres Einkommen als ein Rentnerehepaar mit dem gleichen Betrag.

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