Migrantenkinder, Frauen, frühkindliche Betreuung: In Deutschland schlummern noch viele ungenutzte Potentiale

Pressemitteilung vom 12. Oktober 2011

In Deutschland bleiben viele Potentiale ungenutzt. Wenn es um die Bildungschancen von Migrantenkindern, um Fehlanreize durch das Ehegattensplitting oder um die Kinderbetreuung geht, werden bislang, zeigt der neue Wochenbericht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), viele Chancen verschenkt. Dabei könnten teilweise bereits kleinere Veränderungen große Wirkung entfalten.

Bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund etwa, so fand ein Forscherteam heraus, ist es oft „nur“ ein wenig Aufmerksamkeit oder das Engagement eines Lehrers, Nachbarn oder anderen Erwachsenen, was zu einer neuen Bildungsperspektive verhilft. „Manchmal hilft auch ein Wechsel in ein anderes soziales Milieu, um andere Umgangsformen oder Horizonte kennenzulernen. Dadurch gewinnen die Jugendlichen einen komplett neuen Blick auf das Leben“, berichtet DIW-Migrationsexpertin Ingrid Tucci. Gemeinsam mit drei anderen Forschern hat sie die Bildungs- und Erwerbsbiographien junger Migrantennachkommen in Frankreich und Deutschland untersucht und qualitative Interviews mit rund 175 jungen Erwachsenen geführt, die in sogenannten Brennpunktvierteln leben. „Oft sind es Lehrer oder Bekannte oder Besuche anderer, stärker durchmischter sozialer Milieus, die den Jugendlichen eine Neuorientierung ermöglichen.“ Neben möglichen Mentoren und sozialer Neuorientierung ist es den Forschern zufolge vor allem die Aussicht auf eine „zweite Chance“, die die Jugendlichen motiviert und ihre Karrierechancen steigert. „Hier ist die Lage in Deutschland viel besser als in Frankreich“, fasst Tucci das Ergebnis der Studie zusammen. „Der deutsch-französische Vergleich zeigt, dass hierzulande zwar viel mehr Migrantenkinder zunächst einen wenig prestigeträchtigen Bildungsweg einschlagen, aber über eine zweite Chance später einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten.“  So erreichen in Frankreich immerhin rund 20 Prozent der Kinder mit maghrebinischen oder subsaharischen Wurzeln über die allgemeine Hochschulreife auf dem direkten Wege die Universitäten.  In Deutschland hingegen landet jeder zweite Jugendliche mit türkischen Wurzeln auf der Hauptschule und kämpft anschließend mit Übergangsproblemen. „Anders als in Frankreich, wo die Migrantennachkommen häufig auch nach einem längeren Bildungsverlauf in anhaltend prekären Beschäftigungsverhältnissen landen, gelingt jedoch immerhin 15 Prozent der in Deutschland lebenden Jugendlichen türkischer Herkunft der Aufstieg in das höhere Arbeitsmarktsegment.“

Ungenutzte Beschäftigungspotentiale schlummern auch bei den Frauen. Dass im internationalen Vergleich nur wenige verheiratete Frauen in Deutschland arbeiten, liegt einem zweiten Forscherteam zufolge nicht zuletzt am Ehegattensplitting. Durch die gemeinsame steuerliche Veranlagung des Ehepaares können sich für den weniger verdienenden Partner – das sind meist die Frauen – hohe Grenzsteuersätze ergeben, die das Arbeitsangebot dämpfen. „Wenn es wirklich das wirtschaftspolitische Ziel ist, verheiratete Frauen stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren und damit auch längerfristig der demographischen Entwicklung beim Erwerbspersonenpotential Rechnung zu tragen, sollten dem entgegenstehende Anreize im Steuer- und Transfersystem beseitigt werden“, erklärt  DIW-Expertin  Katharina Wrohlich, eine Autorin der Studie. Der von der SPD eingebrachte Vorschlag, eine Individualbesteuerung einzuführen, aber einen Unterhaltsabzug beizubehalten, würde dem Forscherteam zufolge dabei nur wenig zusätzliche Erwerbsanreize bieten. „Ein erheblich höheres Arbeitsangebot wäre hingegen bei der Einführung einer reinen Individualbesteuerung zu erwarten“, erklärt Wrohlich. „Außerdem würde sie zu Steuermehreinnahmen von rund 27 Milliarden Euro führen, das wären etwa 1,1 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.“

Mehr Flexibilität fordert ein drittes Autorenteam, das den Zusammenhang zwischen der Wahl der Kinderbetreuung und der Persönlichkeit der Mutter untersucht hat. „Ob Eltern Betreuung allein durch Kindertageseinrichtungen nutzen oder mit der Betreuung durch die Großeltern oder andere Personen kombinieren, hängt von vielen Faktoren ab, unseren Studien zufolge auch von der Persönlichkeit der Mutter“, sagt DIW-Bildungsexpertin C. Katharina Spieß. „So wählen Mütter, die sehr offen für Neues sind, in Westdeutschland eher eine Kombination aus Kinderbetreuungsstätte und informeller Betreuung ihrer Kinder, etwa durch Verwandte oder eine privat bezahlte Kinderfrau.“ Schätzen sich die Mütter hingegen als sehr gewissenhaft ein, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sie neben der Kindertageseinrichtung noch eine zusätzliche Betreuungsform nutzen. „Eine Politik, die auf Wahlfreiheit setzt und durch einen Ausbau der Betreuungsinfrastruktur die Voraussetzungen dafür schafft, kann diesen Unterschieden gerecht werden“, lautet das Fazit der Wissenschaftlerinnen.

Links

  • DIW Wochenbericht 41/2011 (PDF, 0.87 MB)
  • O-Ton von Ingrid Tucci
    In Deutschland gibt es zumindest eine zweite Chance - Sechs Fragen an Ingrid Tucci