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Politik im Fokus

Kulturelle Bildung: Bildungsinvestition, sozialpolitische Chance oder Instrumentalisierung der Kultur?

28.1.2014, Adrian Hille,

Die Rolle von kultureller Bildung in unserer Gesellschaft wird zunehmend kontrovers diskutiert. Verliert sie an Bedeutung, da Kultur den Sparzwängen der Politik zum Opfer fällt und Jugendliche durch G8 und Schulstress keine Zeit mehr für Musikschule haben? Bietet die Förderung kultureller Teilhabe neue Chancen für die Sozialpolitik? Oder wird Kultur gar zu Bildungszwecken instrumentalisiert? Dieser Beitrag diskutiert die Argumente dieser Debatten aus bildungsökonomischer Sicht. Zumindest der bisherige Stand der Forschung gibt Entwarnung: Weder beobachten wir eine Instrumentalisierung der Kultur, noch taugt kulturelle Bildung als Allheilmittel für bildungspolitische Ambitionen.


Trotz G8: Immer mehr Jugendliche machen Musik

Durch die Verkürzung der Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre, so die weit verbreitete Meinung, haben Jugendliche heute keine Freizeit mehr und erst Recht keine Zeit für Hobbies wie Musik oder Sport. Ein Wochenbericht vom DIW Berlin findet jedoch empirisch auf Basis der am DIW Berlin angesiedelten Langzeitstudie Sozio-oekonomisches Panel (SOEP) Belege für genau das Gegenteil: Immer mehr Jugendliche gehen bildungsorientierten Freizeitaktivitäten nach. So ist beispielsweise der Anteil der 16-Jährigen, die außerhalb der Schule ein Musikinstrument erlernen und mindestens wöchentlich darauf spielen in den letzten zehn Jahren von 10 auf 18 Prozent gestiegen.



Entwicklung des Anteils der 16-Jährigen, die an Musik, Ehrenamt, Sport und Tanz/Theater teilnehmen (2001-2012, Angaben in Prozent); Quelle: Hille, Arnold und Schupp (2013): Freizeitverhalten von Jugendlichen. DIW Wochenbericht 40/2013, 17


Auch die Verkürzung der Schulzeit am Gymnasium scheint keinen Unterschied in der Teilnahme an künstlerischen Freizeitaktivitäten zu spielen. Die Studie „Medien, Kultur und Sport" zeigt, dass 44 Prozent der Schülerinnen- und Schüler des achtjährigen Gymnasiums in non-formalen, außerschulischen Kontexten musizieren, während nur 40 Prozent der Schüler an neunjährigen Gymnasien dies tun (Grgic & Züchner 2013, 229).


Musik wird zunehmend als Bildungsinvestition gesehen

Als Grund für die steigende Teilnahme an bildungsorientierten Freizeitaktivitäten wird vielfach vermutet, dass diese zunehmend als Investition in die Bildung gesehen wird. Der Verband deutscher Musikschulen stellt fest, dass die Zahl der Schüler in den Grundfächern wie der musikalischen Früherziehung steigen, in Angeboten also, welche vordergründig auf Initiative der Eltern begonnen werden.

Bei den Jugendlichen selbst ist der Fokus auf Bildung ebenfalls präsent. „Etwas lernen" ist nach Spaß das wichtigste Motiv zur Musikausübung, welches von mehr als 50% der Jugendlichen genannt wird.

Auch in der Politik erfährt der Begriff der „kulturellen Bildung" seit einigen Jahren ein verstärktes Augenmerk. Zunächst genannt in den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zur kulturellen Kinder- und Jugendbildung 2007, wurde Kulturelle Bildung als Kernthema in den Bildungsbericht 2012 aufgenommen und eine umfassende Bestandsaufnahme vorgelegt.

Die zunehmende Bedeutung von kulturellen Freizeitaktivitäten als Investition in die Bildung wird gleichwohl kontrovers diskutiert, wie die folgenden Argumente zeigen.


Musik lehrt Fähigkeiten, die wichtig für den Erfolg in Schule und Beruf sind

In der bildungsökonomischen Forschung ist inzwischen weitgehend unumstritten: Neben der schulischen Leistung sind sogenannte nicht-kognitive Fähigkeiten von größter Bedeutung für den Erfolg in Schule und Arbeitsmarkt. Dazu gehören Persönlichkeitseigenschaften wie Gewissenhaftigkeit, Ambition oder die Überzeugung, das eigene Schicksal beeinflussen zu können. Deren Entwicklung kann besonders in der Kindheit durch familiale und außerfamiliale Einflüsse begünstigt werden.

Die zunehmende Teilnahme an non-formalen Bildungsangeboten wie Musik ist unter anderem der Erwartung geschuldet, dass dort solche kognitiven und nicht-kognitiven Fähigkeiten erlernt werden. So heißt es, Musik mache intelligent und fördere darüber hinaus Gewissenhaftigkeit, Ambition und Selbstvertrauen. Auch entwickele sich durch den musikspezifischen Umgang mit Lehrern und Schülern kulturelles sowie soziales Kapital. Schließlich wird die Signalwirkung genannt, welche durch Teilnahme an außerschulischem Musikunterricht ausgelöst wird. Ein Schüler wird vom Lehrer unabhängig von der tatsächlichen Leistung als überlegen eingeschätzt, weil sie oder er nachmittags die Musikschule besucht.

Wie steht es mit der wissenschaftlichen Evidenz in Bezug auf diese Hypothesen? Eine aktuelle Studie der OECD untersucht den Stand der Forschung zu den Bildungswirkungen künstlerischer Aktivitäten. Allein die positive Wirkung von Musik auf Intelligenz konnte bisher empirisch nachgewiesen werden. Dazu bekam in einer kanadischen Experimentalstudie eine zufällig ausgewählte Gruppe von Kindern ein Jahr Klavier- oder Gesangsunterricht, während die anderen Studienteilnehmer Theater spielten oder keine besondere Behandlung erhielten.

Von diesem Befund abgesehen konnte bisher nicht abschließend festgestellt werden, ob kulturelle Bildungsaktivitäten andere der oben genannten Wirkungen entfalten können. Dies liegt in erster Linie daran, dass musizierende Kinder meist aus sozial besser gestellten Familien kommen. Die Wirkung des Familienhintergrundes kann deshalb nur schwer von der Wirkung der Musik unterschieden werden. Selbst wenn man Dinge wie das Einkommen oder die Bildung der Eltern mit statistischen Methoden berücksichtigt, ist nicht auszuschließen, dass ambitioniertere Eltern ihre Kinder in der Musikschule anmelden und gleichzeitig die schulische Leistung sowie die Persönlichkeitsentwicklung beeinflussen. Eine Studie des DIW Berlin hält es jedoch für unwahrscheinlich, dass der Familienhintergrund allein für die großen Unterschiede zwischen den Fähigkeiten musizierender und nicht musizierender Jugendlicher verantwortlich ist.

Selbst wenn die Wirkung von non-formaler musikalischer Bildung zweifelsfrei festgestellt würde, bliebe die Frage, ob ähnliche Effekte auch durch andere Aktivitäten wie Sport oder Ehrenamt erreicht werden könnten.


Kulturelle Bildung als sozialpolitische Chance

Unter der Annahme positiver Bildungswirkungen wird außerdem auf die sozialpolitischen Chancen kultureller Bildungsprojekte verwiesen. Die Teilnahme an bildungsorientierten Freizeitangeboten wie Musik hängt nach wie vor stark vom Bildungshintergrund der Eltern ab. Diese soziale Ungleichheit hat sich in den letzten zehn Jahren nicht reduziert.



Entwicklung des Anteils der 16-Jährigen, die an Musik, Ehrenamt, Sport und Tanz/Theater teilnehmen (nach Bildung der Eltern, 2001-2012, Angaben in Prozent); Quelle: eigene Berechnungen auf Basis der SOEP-Erhebung v29.


Auch der Deutsche Bundestag beschäftigte sich bereits mit der fehlenden Bildungsgerechtigkeit im Bereich der kulturellen Bildung. Verschiedene Maßnahmen sollen hier Abhilfe verschaffen. Der Ausbau der Ganztagsschule hat unter anderem zum Ziel, die Freizeit in den Bereich der Schule zu verlagern und so von der finanziellen Situation der Familie zu entkoppeln. Auch das Bildungs- und Teilhabepaket im Bereich der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik fördert die Mitgliedschaft in Vereinen. Darüber hinaus unterstützen in mehren Bundesländern mit öffentlichen Mitteln finanzierte Projekte wie „Jedem Kind ein Instrument" oder „Kultur macht stark" die Teilnahme an kultureller Bildung für alle.

Bisher kann der Erfolg der genannten Maßnahmen noch nicht abschließend eingeschätzt werden. Zumindest in der Ganztagsschule scheint der Zugang zu kulturellen Freizeitaktivitäten weniger von der sozialen Herkunft abzuhängen, auch wenn nicht alle Studien zu diesem Schluss kommen (Grgic & Züchner 2013, 225). Das Bildungs- und Teilhabepaket konnte zumindest bis 2012 in Bezug auf die Mitgliedschaft in Vereinen noch nicht als Erfolg gewertet werden: Nur drei Prozent der berechtigten Jugendlichen traten im ersten Jahr der Förderung aufgrund des Bildungs- und Teilhabepaketes in einen Verein ein. Im Programm „Jedem Kind ein Instrument" hingegen scheint die Teilnahme über das verpflichtende erste Jahr hinaus nicht von sozialer Herkunft bestimmt zu sein. Über die Auswirkungen dieses Projektes auf bildungsbezogene Ergebnisse liegen bisher noch keine aussagekräftigen Befunde vor.


Gegen die Instrumentalisierung der Kultur

Die Fokussierung auf die Bildungswirkung kultureller Freizeitaktivitäten wird allerdings nicht nur positiv gesehen. Gegner dieser Entwicklung befürchten eine Instrumentalisierung der Kultur. Kultur sei Teil der Bildung, argumentieren sie, nicht zur Wirkung auf Bildung bestimmt. Auch könne kulturelle Bildung nicht zur Korrektur „bildungspolitische[r] Fehlentwicklungen und Mängel" herangezogen werden.

Diesen Argumenten kann man einige Befunde zur Entwarnung entgegenstellen. Laut einer Umfrage der Bertelsmann-Stiftung ist das Erlernen eines Musikinstrumentes die wirksamste Art, Kindern das Hören von klassischer Musik nahezubringen. Darüber hinaus wird die kulturelle Teilhabe noch vor den erwarteten Bildungswirkungen als Ziel von Projekten wie „Jedem Kind ein Instrument" genannt. Selbst die OECD betont, dass das Aneignen künstlerischer Fähigkeiten bei der kulturellen Bildung im Vordergrund stehen sollte.


Freizeit ist zur Erholung, nicht zur Bildung bestimmt

Schließlich wird die intensive Nutzung der Freizeit zur non-formalen Bildung von jenen kritisiert, die die heutige Jugend durch übertriebene Förderung in Gefahr sehen. Freizeit sei nicht zur Bildung, sondern zur Regeneration und Entspannung bestimmt. Anstatt Kinder in die Selbstständigkeit zu führen, sorgten sogenannte „Helikoptereltern" dafür, dass junge Menschen unselbständiger und unzufriedener würden.

Auch hier geben empirische Befunde Anlass zur Entwarnung. Die Studie „Medien, Kultur und Sport" zeigt, dass nahezu alle Kinder und Jugendlichen Spaß als wichtigstes Motiv zur Ausübung musikalischer Aktivitäten nennen. Zudem stellt der zuvor zitierte Wochenbericht des DIW Berlin fest, dass Jugendliche, die einen Teil ihrer Freizeit bildungsorientiert verbringen, insgesamt deutlich zufriedener mit ihrem Leben sind als andere Jugendliche. Und dies unabhängig von Bildung und Einkommen der Eltern.


Quellen

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Apel, H., Engels, D. (2012): Bildung und Teilhabe von Kindern und Jugendlichen im unteren Einkommensbereich. Untersuchung der Implementationsphase des „Bildungs- und Teilhabepakets" im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales.

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (2012): „Kulturelle/musisch-ästhetische Bildung im Lebenslauf". In: Bildung in Deutschland 2012. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zur kulturellen Bildung im Lebenslauf. Bertelsmann.

Becker, H. (2013): Kulturelle Bildung nach Plan oder: Die dunkle Seite des Hypes. Kulturpolitische Mitteilungen III/2013.

Bertelsmann-Stiftung (2010): Repräsentative Umfrage zum Thema „Klassische Musik".

BMBF (2009): Pauken mit Trompeten. Lassen sich Lernstrategien, Lernmotivation und soziale Kompetenzen durch Musikunterricht fördern? Bildungsforschung Band 32.

BMBF (2012): Ganztägig bilden. Eine Forschungsbilanz.

Busch, T., Kranefeld, U. (2013): Wer nimmt an JeKi teil und warum? Programmteilnahme und musikalische Selbstkonzepte. In: Koordinierungsstelle, ed. Broschüre: JeKi-Forschungsschwerpunkt. Bielefeld, 46-49.

Deutsches Jugendinstitut (2012): Ausgewählte Ergebnisse der Studie „Medien, Kultur und Sport bei jungen Menschen (MediKuS)".

Hille, A., Schupp, J. (2013): How learning a musical instrument affects the development of skills. | PDF, 283.88 KB SOEPpaper 591, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung.

Hille, A., Arnold, A., Schupp, J. (2013): Freizeitverhalten Jugendlicher: Bildungsorientierte Aktivitäten spielen eine immer größere Rolle. | PDF, 189.65 KB DIW Wochenbericht 40/2013, 15-25.

Grgic, M., Züchner, I. (2013): Medien, Kultur und Sport bei jungen Menschen. Beltz Juventa.

Jedem Kind ein Instrument. Internetauftritt des Programms.

Kraus, Josef (2013): Helikoptereltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung. Rowohlt. Rezension von Johan Schloemann in Süddeutsche Zeitung vom 28.8.2013.

Kultusministerkonferenz (2007): Empfehlungen der Kultusministerkonferenz zur kulturellen Kinder- und Jugendbildung.

Steinfeld, T. (2013): „Die Kunst der Selbstoptimierung". In: Süddeutsche Zeitung vom 16.4.2013.

Verband deutscher Musikschulen (2013): Schülerzahlen in verschiedenen Fächern.

Winner, E., Goldstein, T., Vincent-Lancrin, S. (2013): Kunst um der Kunst willen? Ein Überblick, OECD Publishing. 

„Auf die Familie kommt es an". Interview mit James Heckman in DIE ZEIT 26/2013.