Pressemitteilung/Press Release

Pressemitteilung vom 24.06.2015

Deutsche Wirtschaft setzt Aufschwung fort – kräftige Binnenkonjunktur stützt Wachstum

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Bruttoinlandsprodukt dürfte in diesem Jahr um 1,8 Prozent und im kommenden Jahr um 1,9 Prozent steigen – Weltwirtschaft kommt langsam wieder in Schwung, Euroraum entwickelt sich recht robust – Risiken wie ein Euro-Austritt Griechenlands belasten

Die deutsche Wirtschaft setzt ihren Aufschwung fort, wird aufgrund der unerwartet schwachen Produktionsentwicklung zu Jahresbeginn aber in diesem Jahr nicht ganz so stark wachsen wie zunächst erwartet: Die Konjunkturforscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) prognostizieren für das laufende Jahr einen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,8 Prozent; im März hatten sie noch ein Wachstum von 2,2 Prozent erwartet. Für das kommende Jahr rechnen sie mit einem ähnlichen Plus in Höhe von 1,9 Prozent. Maßgeblich zum Wachstum beitragen dürfte weiterhin der private Verbrauch, auch weil die Beschäftigung nach wie vor steigt. Allerdings weiten die Unternehmen ihre Ausrüstungsinvestitionen nur zögerlich aus, denn viele Risiken sind nicht von der Hand zu weisen: So könnten ein Scheitern der Verhandlungen mit Griechenland und ein sich anschließender Austritt des Landes aus dem Euroraum zu Verwerfungen auf den Finanzmärkten führen. Auch ein Wiederaufflammen des Konflikts um Russland und die Ukraine würde die weltweite Konjunktur und damit auch die Investitionstätigkeit belasten.

Industrieländer tragen Erholung der Weltwirtschaft

Derzeit nimmt die Weltwirtschaft nach einem unerwartet schwachen Auftaktquartal 2015 Fahrt auf. In Schwellenländern wie China verliert das Wachstum zwar mehr und mehr an Schwung; dies hat vor allem strukturelle Gründe, hinzu kam zuletzt noch eine konjunkturelle Abkühlung. Die Wirtschaft in den Industrieländern entwickelt sich aber – getragen von der Erholung der Konsumentwicklung – insgesamt recht kräftig: Im Zuge der sich vielerorts nach und nach verbessernden Situation auf dem Arbeitsmarkt steigen die Einkommen der privaten Haushalte. Dies dürfte im weiteren Verlauf die Investitionen anregen, wobei die Zuwächse allerdings wohl moderat ausfallen werden. Weil die Konjunktur in den USA wieder anzieht und die Zuwächse im Euroraum sowie in Japan kräftig bleiben, dürfte sich das Expansionstempo der Weltwirtschaft insgesamt leicht beschleunigen. Die Konjunkturexperten des DIW Berlin erwarten 3,5 Prozent globales Wachstum für dieses und vier Prozent für das nächste Jahr.

Auch die Konjunktur im Euroraum dürfte sich insgesamt recht robust entwickeln: Allmähliche Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt, eine weniger restriktiv ausgerichtete Finanzpolitik und die allgemeine Zuversicht der Konsumenten schieben den privaten Verbrauch an. Zudem stützt der niedrige Wechselkurs des Euro die Exporte. Das DIW Berlin rechnet für den Euroraum daher mit 1,3 Prozent Wachstum für das laufende und mit 1,5 Prozent für das kommende Jahr.

Deutsche Konjunktur im Aufschwung

Die deutsche Wirtschaft wird derzeit maßgeblich von der kräftigen Binnenkonjunktur getragen. Die Beschäftigung steigt weiter – wenn auch mit etwas nachlassendem Tempo – und die Arbeitslosenquote sinkt der DIW-Prognose zufolge auf 6,4 Prozent im laufenden und auf 6,2 Prozent im kommenden Jahr. Die Lohneinkommen dürften in diesem Umfeld in beiden Jahren kräftig zulegen, wobei in diesem Jahr auch der Mindestlohn zu Buche schlägt. Für sich genommen etwas die Kaufkraft dämpfen dürfte hingegen, dass die Ölpreise nicht weiter rückläufig sind und daher die sehr niedrige Inflation wieder etwas steigt; für dieses Jahr erwartet das DIW Berlin eine Inflationsrate von 0,6 Prozent und für nächstes Jahr von 1,2 Prozent. Insgesamt dürften sich die Realeinkommen aber kräftig entwickeln und der private Konsum daher eine wichtige Stütze des Wachstums sein.

Trotz der günstigen wirtschaftlichen Entwicklung im Inland steigen die Investitionen nur verhalten und werden in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt weiter unter ihrem Vorkrisenniveau bleiben. Dämpfend wirkt die anhaltend hohe Unsicherheit hinsichtlich des Zusammenhalts im Euroraum – angesichts der schleppenden Verhandlungen mit Griechenland – und der Spannungen um Russland und die Ukraine. Etwas Fahrt aufnehmen dürften die Exporte, die zu Jahresbeginn aufgrund der weltwirtschaftlichen Entwicklung schwach waren; die dynamische Binnenkonjunktur dürfte auch die Importe ansteigen lassen. Der Leistungsbilanzsaldo dürfte in diesem und im kommenden Jahr weiterhin sehr hoch, bei knapp achteinhalb Prozent liegen.

Öffentliche Haushalte weiterhin mit Überschüssen

Die öffentlichen Haushalte in Deutschland entwickeln sich der Schätzung des DIW Berlin zufolge nach wie vor günstig und werden sowohl in diesem als auch im nächsten Jahr mit einem Überschuss von 0,5 Prozent in Relation zum nominalen Bruttoinlandsprodukt abschließen. Vor allem wegen höherer Ausgaben – nicht zuletzt für die Ausweitungen der Rentenleistungen wie die Rente mit 63, die erstmals für ein ganzes Jahr wirksam werden – dürften die Überschüsse gemessen an der Wirtschaftsleistung aber geringer ausfallen als im vergangenen Jahr.

KURZ GESAGT

Marcel Fratzscher (Präsident des DIW Berlin): „Die deutsche Wirtschaft erscheint derzeit stärker, als sie tatsächlich ist. Ein Plus beim Bruttoinlandsprodukt von 1,8 Prozent klingt auf den ersten Blick gut, doch dahinter stehen zahlreiche Sonderfaktoren wie der niedrige Ölpreis oder der für die deutschen Exporteure günstige Euro-Wechselkurs. Die Risiken sind hingegen enorm: Ein Scheitern der Verhandlungen mit Griechenland und ein Austritt des Landes aus dem Euro hätte fatale Folgen für Europa und würde somit auch der deutschen Wirtschaft schaden. Das Risiko von Ansteckungseffekten der Griechenlandkrise dürfen wir nicht unterschätzen. Auch wegen dieser Unsicherheiten investieren die Unternehmen noch immer viel zu wenig und haben bisher nicht einmal das Vorkrisenniveau erreicht.“

Ferdinand Fichtner (Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik): „Die Weltwirtschaft nimmt nach einem unerwartet schwachen Auftaktquartal wieder Fahrt auf. Dabei sind es vor allem die Industrieländer, die den Konjunkturmotor ankurbeln, weil die Verbraucher dort wegen geringer Inflationsraten und einer verbesserten Situation auf dem Arbeitsmarkt mehr Geld in der Tasche haben und dieses größtenteils auch ausgeben. Wichtige Schwellenländer wie China wachsen hingegen strukturell und konjunkturell bedingt immer langsamer – das könnte auch die deutschen Exporte belasten. Positiv ist aber, dass sich die Konjunktur im Euroraum zunehmend aufhellt. Dabei darf man aber die Risiken rund um Griechenland keinesfalls außer Acht lassen.“

Simon Junker (stellvertretender Leiter der Abteilung Konjunkturpolitik und Experte für die deutsche Konjunktur): „Die deutsche Wirtschaft setzt ihren Aufschwung fort, auch wenn wir unsere Prognose gegenüber dem Frühjahr um 0,4 Prozentpunkte auf 1,8 Prozent nach unten revidieren müssen. Dies liegt aber nur an der unerwartet schwachen Produktionsentwicklung im ersten Quartal. Für den weiteren Verlauf ergibt sich weiterhin ein optimistischeres Bild: Die Exporte dürften dank der Erholung der Weltwirtschaft und des Euroraums wieder etwas Fahrt aufnehmen. Wachstumstreiber ist nach wie vor die kräftige Binnenkonjunktur, denn die Beschäftigung steigt weiter, die Arbeitslosigkeit sinkt, die Löhne legen zu und die Inflation bleibt vergleichsweise niedrig.

Kristina van Deuverden (Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Abteilung Konjunkturpolitik und Finanzexpertin): „Die Lage der öffentlichen Haushalte in Deutschland ist und bleibt gut. Die Überschüsse sind zu einem großen Teil struktureller Natur, bleiben also auch bestehen, wenn man Konjunktureinflüsse herausrechnet. Somit gibt es Spielräume, die die Finanzpolitik dringend für eine wachstumsorientierte Wirtschaftspolitik nutzen sollte. Dazu gehört neben einer Ausweitung der Investitionen auch, die Arbeitsanreize zu verbessern und dafür die Sozialversicherungsbeiträge zu senken. Im internationalen Vergleich sind es nicht die Steuereinnahmen, die überdurchschnittlich belasten, sondern die Sozialbeiträge; sie machen Arbeit teuer und belasten somit das Wachstum. Der richtige Einnahmemix aus Steuern und Sozialabgaben sollte jetzt Priorität haben.“

Links

DIW Wochenbericht 26/2015 | PDF, 0.84 MB

DIW Wochenbericht 26/2015 als E-Book | EPUB, 2.88 MB

Interview mit Ferdinand Fichtner (Print | PDF, 139.01 KB und Audio) | MP3, 5.33 MB

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Prognose des DIW Berlin: Reales Bruttoinlandsprodukt in Deutschland (Abbildungen) | PDF, 1.05 MB

Eckdaten zur Wirtschaftsentwicklung in Deutschland (Tabelle) | PDF, 153.47 KB

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